Astrid Lindgren: Die Menschheit hat den Verstand verloren – Tagebücher 1939-1945 / Krigsdagböcker 1939-1945

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Die Menschheit hat den Verstand verloren...

4.1|9)

Verlag: Ullstein Taschenbuch

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 592

ISBN: 9783548288697

Termin: November 2016

  • Astrid Lindgren konnte schon schreiben, als sie noch gar nicht so richtig damit begonnen hat. Das hat sie mit ihren Kriegstagebüchern bewiesen.
    Heute hat der Krieg begonnen. Niemand wollte es glauben, schreibt sie in ihrem ersten von siebzehn in Leder eingebundenen Tagebüchern. Astrid Lindgren war 32, verheiratet, Mutter zweier Kinder und hatte erst einige Kurzgeschichten in Zeitschriften veröffentlicht.
    Persönlich bekamen sie nicht viel vom Krieg mit: Ja, es gab Lebensmittelrationierungen, manchmal war der öffentliche Verkehr lahmgelegt, der Ehemann hatte militärischen Bereitschaftsdienst und die Preise stiegen.
    Und doch war jeder Tag geprägt von Angst, Angst, dass der Krieg auch zu ihnen kommen könnte.


    Warum sie diese Tagebücher begann, geht nicht aus ihnen hervor. Später sagte Astrid Lindgren mal in einem Interview, dass sie zu dieser Zeit das erste Mal eine politische Überzeugung hatte. Die ganze Familie diskutierte mit, selbst den Kindern las sie aus den Tagebüchern vor.
    Durch ihre Arbeit in der Abteilung für Postzensur im Stockholmer Zentralpostamt erfuhr sie, welche Auswirkungen der Krieg auf die Menschen hatte. Einige der Briefe, die sie während dieser Tätigkeit lesen musste, schrieb sie ab (obwohl das streng verboten war) und fügte sie den Tagebüchern hinzu.


    Schweden war, wie einige wenige andere Länder auch, neutral. Doch an den Grenzen gab es schon brenzlige Situationen. Besonders auf dem Meer, wo ein schwedisches U-Boot versank. Über diese Neutralität lässt sich wahrscheinlich diskutieren. Schweden verdiente am Krieg, ja auch die Familie Lindgren hat daran verdient.
    Aber Schweden konnte dadurch anderen Ländern mit seinen Ressourcen helfen. Und: Einer muss ja neutral sein, sonst würde es doch keinen Frieden geben – aus Mangel an Friedensvermittlern.


    Immer wieder blitzt auch die Angst vor den Russen durch. Astrid Lindgren verriet, lieber mit den Deutschen zu paktieren, als sich den Sowjets auszuliefern.
    Sie verstand auch die deutschen Menschen nicht: Mit einem Volk, das im Abstand von etwa 20 Jahren so gut wie die ganze übrige Menschheit gegen sich aufbringt, kann etwas nicht stimmen.


    Ich emfand das Lesen dieser Tagebücher als sehr interessant. Bisher habe ich ja meist Bücher gelesen, in denen einzelne Opfer berichten, aber so einen allumfassenden Überblick über diese Jahre – den habe ich nun in diesem Buch erfahren.

  • Ich lese gerade die Tagebücher der Astrid Lindgren. Ich habe das Buch schon 2016 zu Weihnachten bekommen und nun endlich damit begonnen. Bisher bringen sie für mich auch neue Erkenntnisse, denn ich habe noch nie etwas aus Sicht der Schweden zum Zweiten Weltkrieg gelesen. Bisweilen sehr interessant, wie "gut" es Lindgren und ihrer Familie ging.

  • In meiner Familie wurde schon immer viel gelesen. Natürlich durften auch die Bücher Astrid Lindgrens nicht in der Sammlung fehlen und so wurden ihre Bücher meine ersten Ausflüge ins Lesereich. Ich habe Pippi Langstrumpf für ihren Mut bewundert, habe Tomte Tummetott geliebt und bin mit den Kindern aus Bullerbü durch die schwedische Landschaft getobt. Jetzt beschäftige ich mich als Erwachsene mit Astrid Lindgren und einer eher unbekannten Seite der Autorin.


    Astrid Lindgrens Kriegstagebücher befassen sich, wie der Name schon sagt, allein mit der Zeit des 2. Weltkrieges. Ihre Einträge starten am 01. September 1939. Zu dieser Zeit ist Lindgren noch lange keine bekannte Schriftstellerin. Die Einträge zeigen aber das Bedürfnis ihre Gedanken über den Krieg festzuhalten. So sind manche Einträge kurz gehalten und wirken wie zwischen Tür und Angel geschrieben. Viele beschäftigen sich aber sehr ausführlich mit dem Thema und im Verlauf der Tagebücher findet Lindgren immer wieder sehr deutliche Worte den Krieg und die Zustände.
    Es sind sehr faszinierende Einträge, ich zumindest empfinde es so. Es beginnt mit der Ungläubigkeit über den Einmarsch der Deutschen in Polen und den ersten Überlegungen zu den Auswirkungen. Wie wird sich Europa verändern? Welche Auswirkungen wird diese Kriegserklärung auf Schweden haben? Im Verlauf des Krieges befassen sich viele ihrer Einträge mit diesen Gedanken. Ängst und Sorgen werden deutlich, wechseln sich ab mit ruhigen privaten Momenten, in denen man sich über einen geselligen Abend mit Freunden oder den Einzug des Frühlings freut. Dabei ist Lindgren aber immer bewusst, welche Vorteile die Neutralität Schwedens ihr und ihren Landsleuten verschafft. Obwohl auch in Schweden Lebensmittel rationiert werden, schreibt sie immer wieder davon, dass es ihnen vergleichsweise gut gehe und ihre Familie nicht hungern muss. Verglichen mit anderen mit bekannten Beschreibungen dieser Zeit kann die Familie Lindgren Weihnachten noch recht opulent feiern. Dabei möchte ich keinesfalls die Angst absprechen, die auch die Familie Lindgren zweifelsohne gehabt haben muss!
    Es ist aber dieser Wechsel aus Lindgrens Gedanken zum Krieg und ihren privaten Einblicken in das Familienleben, die einen so nachhaltigen Blick auf die Autorin gewähren.


    Zusätzlich zu ihren Einträgen hat Astrid Lindgren viele Zeitungsausschnitte aus der Tagespresse eingeklebt. Diese sind als Faksimiles abgedruckt und anschließend auch übersetzt. Dabei sind die Artikel sehr vielfältig. Fahrverbote für Autos, politische Artikel zur Kriegssituation aber auch ihre erste Buchrezension sind darunter, genauso wie Artikel zu Reden von Churchill und Hitler. Diese Artkel empfand ich teilweise als sehr trocken und umständlich zu lesen, sie sind ein starker Kontrast zu Lindgrens persönlichem Stil.


    Der Aufbau des Buches ist für jedes Jahr gleich: handschriftlicher Tagebucheintrag - Abdruck der Famsimiles - Übersetzung der Faksimiles. Im Nachwort ist vermerkt, dass der Aufbau der schwedischen Ausgabe genauso erfolgt ist. Mich hat es manchmal allerdings gestört, dass die Abdrucke nicht direkt an der erwähnten Stelle nachgeschoben wurden. Zwar sind am Rand die jeweiligen Seitenzahlen vermerkt, das Umblättern um die jeweiligen Stelle wiederzufinden, empfand ich als ein etwas umständlich und es hat mich in meinem Lesefluss gebremst.


    Nichtsdestotrotz: Das Buch ist großartig und eines von sehr vielen Teilen im großen Gesamtbild der Kriegserinnerungen.
    "Die Menschheit hat den Verstand verloren" - so ein aussagekräftiger Satz, kurz und doch so viel sagend; immer wieder aktuell und auf so vielen Gebieten anwendbar.

  • Als der 2. Weltkrieg ausbricht, ist der Name Astrid Lindgren noch ein völlig unbekannter. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Stockholm, arbeitet als Sekretärin und schreibt regelmäßig in ihr Tagebuch. Entsetzt stellt sie nicht lange nach Kriegsbeginn fest: "Die Menschheit hat den Verstand verloren!" Alles gerät aus den Fugen, nie gekannte Ängste und Sorgen plagen auch die Menschen selbst in einem neutralen Land wie Schweden. Die Zukunft ist vollkommen unsicher, und jedes Jahr an Silvester hofft Astrid erneut, dass dieses Jahr nun endlich den Frieden bringen möge.


    Lindgren verfolgt das Kriegsgeschehen an diversen Schauplätzen aufmerksam, sammelt Zeitungsausschnitte, die sie in ihr Tagebuch klebt und kommentiert. Viele davon sind als Faksimiles im Buch abgedruckt und komplett ins Deutsche übersetzt, damit verständlich wird, worauf genau sie an bestimmten Stellen Bezug nimmt. Das ist nicht nur optisch sehr ansprechend, sondern auch eine inhaltlich interessante Ergänzung zu Lindgrens persönlichen Aufzeichnungen, die einige Wissenslücken schließen kann. Über die Rolle Schwedens im 2. Weltkrieg, über die braune Regierung in Norwegen und die langen bitteren Auseinandersetzungen in Finnland, wo immer wieder die russischen Truppen vorstoßen und Land an sich reißen, wusste ich bislang wenig bis gar nichts.


    Anrührende authentische Zeitzeugnisse sind auch die Briefe, die Astrid Lindgren in der Zeit, als sie bei der Briefzensur arbeitete, heimlich abschrieb, um sie für die Nachwelt zu bewahren (was natürlich strengstens verboten war).


    Doch die Tagebücher sind nicht nur Chronik des Krieges, sondern erzählen auch von Astrid Lindgrens eigenem Leben in dieser Zeit. Manchmal schämt sie sich fast, weil es ihr so gut geht, ihr Mann eine gute Stelle hat, die Kinder gedeihen, trotz der immer schwieriger werdenden Versorgungslage immer genug zu essen auf dem Tisch steht, irgendwann dann die ersten Erfolge als Schriftstellerin. Und manchmal sind es die persönlichen Sorgen, die sie noch mehr belasten als die weltpolitische Lage - die häufige Krankheit ihrer Tochter, die miserablen Schulleistungen ihres pubertierenden Sohnes und schließlich das Allerschlimmste, das Fremdgehen ihres Mannes (wobei das nur angedeutet wird, doch man spürt, wie sehr sie leidet).


    Schon in ihren Tagebuchaufzeichnungen, die sie ja ursprünglich nur für sich selbst festgehalten hat, wird deutlich, wie gut Lindgren zu schreiben verstand und was für eine großartige Einstellung sie zu vielen Dingen hatte. Ihre Einträge sind klug, nachdenklich, besonnen, ehrlich, manchmal auch wütend angesichts ihrer Machtlosigkeit gegen all den Irrsinn in der Welt und oft von einer herrlichen Ironie.


    Die Hardcoverausgabe ist ausgesprochen schön aufgemacht mit einem schlicht, aber hübsch gestalteten Einband unterm Schutzumschlag, farbigen, den Originaltagebüchern nachempfundenen Zwischenseiten am Beginn jedes Jahres und den bereits erwähnten Originaldokumenten. Eingeleitet wird das Buch durch ein einfühlsames Vorwort von Antje Rávic Strubel und abgerundet durch ein umfangreiches Personenregister, erwähnenswert ist auch die ausgezeichnete Übersetzung von Angelika Kutsch und Gabriele Haefs.


    Ein eindrucksvolles Zeitdokument aus der Feder einer tollen Frau.

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