Daniela Krien - Irgendwann werden wir uns alles erzählen

Irgendwann werden wir uns alles erzählen

3.8 von 5 Sternen bei 18 Bewertungen

Verlag: List Taschenbuch

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 240

ISBN: 9783548611310

Termin: Oktober 2012

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  • Über die Autorin (Klappentext)

    Daniela Krien, geboren 1975 in Mecklenburg-Vorpommern, aufgewachsen in einem Dorf im Vogtland (Sachsen), lebt mit Mann und zwei Töchtern in Leipzig. Sie studierte Kulturwissenschaften, Kommunikations- und Medienwissenschaften und arbeitete unter anderem als Drehbuchautorin und Cutterin für amadelio film. Mehr unter: www.daniela-krien.de. Irgendwann werden wir uns alles erzählen ist ihr erster Roman.


    Zum Inhalt:
    Die Handlung spielt im Jahr 1990, also einige Monate nach der Wende. Ein kleines Dorf in der bald ehemaligen DDR, in der Nähe der innerdeutschen Grenze. Die 16jährige Maria zieht zu ihrem Freund Johannes auf den Hof seiner Familie. Dort leben 3 Generationen unter einem Dach, von der Großmutter Frieda über die Eltern Siegfried und Marianne bis zu den Söhnen Johannes und Lukas. Die Familie Brendel nimmt Maria auf, als wäre es nichts Besonderes und das junge Pärchen bekommt den Dachboden für sich.
    Während Johannes den Umbruch und die neuen Möglichkeiten begierig aufnimmt, ist Maria seltsam unentschlossen. Sie geht nicht mehr regelmäßig zur Schule und vergräbt sich lieber auf dem Hof und in der Lektüre der „Brüder Karamasow“ von Dostojewski.
    Der auf dem Nachbarhof lebende Eigenbrödler Henner ist schon 40 und eigentlich kein Umgang für das junge Mädchen. Doch durch irgendeinen Zufall begegnen sie sich näher und es entwickelt sich eine merkwürdige Beziehung zwischen den beiden. Schon bald lebt Maria ein Doppelleben.

    Meine Meinung:
    Der Klappentext verspricht eine „Liebesgeschichte von archaischer Wucht“. Da das Buch gerade mal 230 Seiten umfasst, war ich in meinen Erwartungen eher skeptisch. Das Buch macht es dem Leser auch nicht leicht, die Sprache ist irgendwie sperrig und lässt sich nicht so ganz leicht lesen. Aus Sicht des Mädchens Maria geschrieben, erfahren wir vor allem etwas über ihre Gefühle und Gedanken, die der anderen bleiben größtenteils verborgen. Der Liebesgeschichte konnte ich über weite Strecken nichts abgewinnen, zu viel Brutalität für meinen Geschmack. Dass es kitschig wird, kann man dieser Geschichte wirklich nicht nachsagen.
    Sehr interessant fand ich, wie das Leben der Familie beschrieben wurde. Auf die Vergangenheit in der DDR wird nur wenig eingegangen, aber es reicht, um sich ein Bild zu machen. Gleichzeitig werden vor allem gegen Ende des Buches die Pläne beschrieben, die die Familienmitglieder für ihr neues Leben machen, das war sehr schön dargestellt und man drückte ihnen regelrecht die Daumen beim Lesen, dass sich das auch alles so umsetzen lässt.
    Ich glaube, Leser aus Ostdeutschland werden vieles aus den Schilderungen wiedererkennen und sich noch deutlich besser in das Buch hineinversetzen können, als es mir gelungen ist. Trotzdem insgesamt eine interessante Lektüre, auch und gerade für mich als „Westkind“.

  • Ich hatte auch das Glück, ein Rezensionsexemplar zu erhalten, daher hier auch mein Eindruck:


    Maria ist 16 und gerade bei ihrem Freund Johannes eingezogen. Hier auf dem Hof seiner Eltern in der DDR hilft sie nach und nach mit, sofern sie sich nicht in ihre Bücher verliert und die Sonne genießt. Besonders angetan hat es ihr hier Dostojewskijs "Die Brüder Karamasow". Nur einer vernachlässigt sie permanent: während Johannes sein Abitur macht, schwänzt sie die Schule und plant keine wirkliche Zukunft. In der dörflichen Gemeinschaft gelingt es ihr nach und nach, sich einen eigenen Platz zu erarbeiten, doch nach und nach entfremdet sie sich innerlich immer mehr von ihrer neuen Familie.
    Der 24 Jahre ältere Henner, der innerhalb der Dorfgemeinschaft eine klare Außenseiterposition inne hat, scheint ein gewisses Interesse an der jungen Frau zu haben. Unmerklich baut sich eine gewisse sexuelle Spannung zwischen beiden auf, die Maria häufiger Angst macht, weil sie sich nicht wirklich einzuordnen weiß. Nachdem Henner sie eines Abends auf der Straße findet und sie nach Hause bringen will, entläd sich die Spannung zwischen beiden in einer Mischung aus Sex und Gewalt. Maria versucht ihre Male vor Johannes zu verbergen. Doch auch wenn dies auf den ersten Blick sehr nach Vergewaltigung aussieht, ist dies der Beginn einer innigen Beziehung eines absolut ungleichen Paares. Mehr und mehr entfernt Maria sich von Johannes und seiner Familie und sucht immer neue Ausreden, um sich zu Henner zu stehlen. Doch eines Tages muss eine Entscheidung getroffen werden, denn Maria plagt das schlechte Gewissen...
    Mein Fazit:
    Eingebettet in die Zeit der Wiedervereinigung gelingt es Daniela Krien eine wunderbare und wirklich außergewöhnliche Liebesgeschichte zu erzählen, die einen jedoch nie vergessen lässt, dass sie in den letzten Monaten der DDR direkt nach dem Mauerfall spielt. Marias Wesen wird eindrucksvoll dargelegt, so dass die Zerrissenheit zwischen den Gefühlen zu Johannes Familie und zu Henner wirklich greifbar sind.
    Auch die Familiengeheimnisse und das dörfliche Leben sind keine platten Nebensachen sondern werden liebevoll geschildert.
    Mich persönlich erinnert das die Dorfgemeinschaft an die Heimat der Familie meines Großonkels, die ich in eben dem Jahr in der DDR besucht habe, in der diese Geschichte spielt.
    Insgesamt hätte man einige Punkte vielleicht noch weiter herausarbeiten können. Einige Themen wie beispielsweise Jugendweihe werden zwar angerissen, aber nicht weiter vertieft.
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  • "Es gibt Dinge, die können gleich erzählt werden, andere haben ihre eigene Zeit, und manche sind unsagbar."


    Mit diesen Worten beginnt der Klappentext auf der Rückseite und sie fallen auch einmal mehr im Verlauf des Romans. Was Daniela Krien hier auf so wenigen Seiten niedergeschrieben hat, ist eine Geschichte von Liebe und Selbstfindung, die mich bedingungslos mitgerissen hat:


    Maria ist ein Mädchen von fast siebzehn Jahren und weiß noch nicht, was sie vom Leben erwartet. Zu stark befindet sich die Welt, wie sie sie bisher kannte, im Umbruch, zu groß sind die Veränderungen und die Gefühle, die sie einnehmen. Sie glaubt, sich in den Bauernsohn Johannes verliebt zu haben und erzählt davon in Worten, die mich wirklich berührten:


    "Später dann steigen wir die Treppen hinauf in unsere Spinnenzimmer und lieben uns. Johannes löscht das Licht, er ist zärtlich und sanft unter der Bettdecke; noch niemals hat er mir wehgetan. Er ist mein erster Mann. Ich glaube, ich liebe ihn."


    Schon in diesen Worten zeichnen sich die deutlichsten Wesenszüge Marias ab. Sie ist ein sehr zartes und verträumtes, vor allem aber auch ein Mädchen von großer Naivität. Oft wusste ich nicht, ob das für mich die Stärke oder Schwäche der Protagonistin darstellte, denn Daniela Krien kleidete diese Naivität in eine solche Selbstverständlichkeit, dass etwas anderes gar nicht zur Geschichte gepasst hätte. Ohne diesen markanten Wesenszug wäre Maria dem vierzigjährigen Henner, der den Nachbarhof bestellte, wohl niemals verfallen. Er sammelt sie eines Nachts nach einem Autounfall von den Wiesen auf und sie folgt ihm widerstandslos nach Hause. Was dann beginnt, ist eine Liebesgeschichte von arachaischer Wucht, so verspricht es zumindest der Klappentext. Und er täuscht einen nicht:


    Die Begegnungen zwischen Maria und Henner balancieren ständig an einer sehr schmalen Grenze zwischen Leidenschaft und Brutalität und sie zerreißen Marias Gewissen im Laufe der Geschichte mehr und mehr. Henner ist oft grob und noch öfter betrunken, im nächsten Moment hält er das soviel jüngere Mädchen aber dann doch liebevoll im Arm. Man kann sich eigentlich kein Urteil über die Liebe dieser beiden bilden, denn man kann nur erahnen, wieviel davon körperliche und seelische Abhängigkeit ist und wieviel aus wahren Gefühlen hervorgeht. Für mich war es eher so, dass ich Maria in ihrer Einfachheit und Selbstverständlichkeit bewunderte:
    Sie goss ihrem Henner Wodka nach, wenn sie wusste, dass der Tag und das Leben selbst ihn mal wieder geschafft hatten. Sie schmiedete Zukunftspläne und verlor sich in ihnen einmal mehr, da sie innerlich wusste, wie weit entfernt sie von der Realität waren. Sie erlernte das Kochen und füllte Marmelade in Gläsern ab, sie war Kind, Geliebte, Freundin und Frau zugleich. Dass sie all dies nie in den Gründzügen anzweifelte, ist so bewundernswert wie traurig.


    Kurz, bevor die Geschichte endet, formuliert Maria folgenden Gedanken:


    "Alles passiert irgendwann einmal zum letzten Mal.
    Oft weiß man nicht, dass es das letzte Mal sein wird."


    Ich verliebte mich in diese Worte, aber vielleicht war ich auch nur in der richtigen Verfassung, das Buch zu lesen. Fasziniert hat es mich auf jeden Fall in einem hohen Maße - der interessante historische Kontext, der poetische Ton, die authentischen und vielschichtigen Charaktere. Sie waren einem so nahe, wie auch die Geschichte einem nahe kam. Auf eine fast abstrakte Weise, so selbstverständlich.


    :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:

    merveille.


    It was that kind of a crazy afternoon, terrifically cold, and no sun out or anything,
    and you felt like you were disappearing every time you crossed a road.


    Catcher in the Rye. ♥


  • Es ist Sommer im Jahr 1990. Ein halbes Jahr ist es her, dass die Mauer gefallen ist, und in dem kleinen Dorf im Osten beginnen die Menschen erst langsam, die Wucht der Veränderung zu ahnen, die da noch auf sie zukommen wird.
    Erzählt wird die ganze dramatische Geschichte, deren tragisches Ende man von Anfang an in jeder Zeile zu spüren glaubt, von der Hauptperson selbst. Die fast siebzehnjährige Maria wohnt mit ihrem Freund Johannes auf dem Dachboden des Bauernhofs seiner Eltern im sogenannten „Spinnenzimmer“. Bei ihrer eigenen Mutter wollte sie nicht mehr bleiben; deren Traurigkeit hat sie aus dem Haus getrieben. Johannes ist ein zielstrebiger Junge, steht kurz vor dem Abitur und hat große Pläne, wie er die neue Freiheit für sich und seine beruflichen Ambitionen als Fotograf nutzen will.

    Obwohl die ganze große Familie, die durchaus ihre eigene verwickelte Geschichte hat, Maria mit offenen Armen freundlich aufnimmt, hat sie es schwer, sich in dieser neuen Welt einzuleben. Verträumt und von zarter Natur, verkriecht sie sich lieber mit den „Brüdern Karamasow“ und schwänzt dafür immer mehr die Schule. Auf der anderen Seite möchte sie aber auch ankommen in ihrer neuen Familie, und gibt sich Mühe, den Frauen etwas abzuschauen bei ihrer Haus- und Feldarbeit. Denn der Brendel-Hof ist ein gut instand gehaltener, für DDR- Verhältnisse verhältnismäßig moderner Hof, ganz anders als der des Nachbarn, der Henner-Hof. Dort lebt der vierzigjährige Henner allein. Bis auf seine Pferde, von denen er mehr schlecht als recht lebt, hat er alles heruntergewirtschaftet. Die anderen Dorfbewohner halten sich von ihm fern, ihn umgibt eine seltsame Tragik, die mit seiner Vergangenheit zu tun hat.

    Als Maria ihn eines Tages zufällig sieht, und als Henner sie an einem anderen Tag wie zufällig berührt, da ist es um das junge Mädchen geschehen. Henner löst in ihr eine fremde, ihr übermächtig erscheinende Sehnsucht aus und sie folgt ihm in sein Haus. Eine heftige, völlig unberechenbare Liebesgeschichte beginnt, urwüchsig und zunächst ohne jede Zärtlichkeit. Über allem liegt der Schleier des Schweigens, denn die Treffen müssen heimlich stattfinden, keiner darf es wissen.

    Es ist eine wilde, triebhafte und schmerzhafte Liebe: „…sein Wollen hatte etwas Tierisches, Unberechenbares, etwas, das mich an Dinge erinnerte, die lang vor meiner Zeit geschehen sind, die noch nicht wissen kann und dennoch zu kennen glaube, als wäre mein Gedächtnis nur Teil eines größeren.“

    Lange Zeit hin- und hergerissen zwischen der Loyalität zu Johannes, der nur noch für seine Kunst lebt und dessen Familie, die sehr sensibel mit Maria umgeht und ihrer Sehnsucht nach Henner, entscheidet sich Maria nach wochenlangem Versteckspiel und immer neue Lügen, alles offen zu legen und zu Henner zu ziehen.



    Ein kraftvolles Debüt mit einer ganz außergewöhnlichen Liebesgeschichte.

  • Zum Inhalt möchte ich nun nichts mehr sagen, schließlich sollen es ja noch einige lesen.
    Mir hat es gut gefallen. Es ist leicht zu lesen und hat einen guten Spannungsbogen. Marias Liebe zu Henner ist greifbar und ihre Schuldgefühle gegenüber Johannes Familie verständlich. Was bleibt ist die Frage nach dem Warum, Unfall oder Absicht? Das muß wohl jeder Leser für sich entscheiden.
    Schönes Buch! Ich hoffe Daniela Krien ist keine Eintagsfliege und beglückt uns mit mehr solcher Bücher. :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:


    Liebe Grüsse
    Wirbelwind


    :study: Michael Ondaatje, Katzentisch

    :study: Naomi J. Williams, Die letzten Entdecker









    Bücher sind die Hüllen der Weisheit, bestickt mit den Perlen des Wortes.

  • Dieses Buch wurde unlängst in einer Zeitung besprochen und ist mir sofort aufgefallen. Ich fand die Beschreibung sehr interessant und die Meinung der Kritikerin klang auch sehr vielversprechend. Wird wohl eines meiner nächsten E-books werden.

  • "Irgendwann werden wir uns alles erzählen" beginnt mit einer recht detaillierten Beschreibung des Brendel-Hofes, dessen Bewohnern und der näheren Umgebung. Schon dieser Blick, den uns die Autorin gewährt, ist sehr anschaulich, sodass man die Gegend vor seinem geistigen Auge entstehen lassen kann. Auch das Haus inklusive der Bauernküche und des "Spinnenreiches", das die Ich-Erzählerin Maria mit ihrem Freund Johannes bewohnt. Die beiden leben seit kurzer Zeit zusammen und führen eine harmonische aber unspektakuläre Beziehung. Es gibt keine Reibereien aber auch keine besondere Zweisamkeit, die die beiden verbindet.


    Marias Mutter lebt im Nachbardorf - alleine. Ihr Mann, Marias Vater, hat sie verlassen um in Russland Gasleitungen zu bauen; außerdem hat er vor, wieder zu heiraten - ein 19jähriges Mädchen. Die Mutter ist noch keine vierzig Jahre alt, wirkt durch die Beschreibung und vor allem durch die Sichtweise Marias jedoch wie eine alte Frau. Depressiv, unglücklich, einsam. Die Erleichterung der Tochter, jedes Mal, wenn sie nach den seltenen Besuchen wieder aufbricht, überträgt sich auf den Leser.


    Durch die Begegnung mit dem geheimnisvollen Thorsten Henner, den alle nur "der Henner" nennen, ändert sich Marias Leben grundlegend. Sie stürzt sich in eine Beziehung mit ihm, der ein sehr schwieriger Mensch und mehr als doppelt so alt ist wie sie. Daniela Krien beschreibt Marias Skrupel, ihr schlechtes Gewissen, den Brendels gegenüber, die sie so liebevoll und selbstverständlich aufgenommen haben, die Liebe zu Henner, das Ende ihrer Kindheit in wundervoll einfachen und doch beeindruckenden Sätzen. Eine Stelle, die mir besonders gut gefallen hat und die den Charakter dieser Geschichte wunderbar widergibt, ist "es gibt Dinge, die können gleich erzählt werden, andere haben ihre eigene Zeit, und manche sind unsagbar."


    Dass diese Geschehnisse in die Zeit der Wiedervereinigung Deutschlands fallen, wird eigentlich nur nebenbei erwähnt, doch durch Erinnerungen an die DDR-Zeit , Ausflüge in den Westen, den verloren geglaubten und zurück bekommenen Sohn etc. kommt auch das politische Ereignis nicht zu kurz.


    Mich hat dieses Buch unglaublich berührt und lässt mich auch nach dem vierten Mal lesen mit einem eigentümlich melancholischen Gefühl zurück.

  • Maria ist erst siebzehn, aber schon in diesem zarten Altern lernt sie die wahre, die einzige, die ganz große Liebe kennen. In Henners Bett. Mehr braucht sie nicht, um das hehre wunderbare Gefühl zu erleben. Älter als ihre Mutter ist er auf alle Fälle, der Henner, aber er hats drauf: Brutal, schonungslos, mit allen Finessen vertraut … gut, dass Maria kein Sensibelchen ist, das Henners Sexattacken mit Vergewaltigung verwechseln könnte. Und fürs Sanfte, Zärtliche hat sie den Freund Johannes zuhause, aber nachdem sie weiß, wie Sex wirklich geht, darf Johannes nicht mehr ran.
    Dass Henner säuft, seinen Hof vernachlässigt, in einem Dreckloch wohnt? Mit der richtigen Frau an der Seite, für die Maria sich hält, ändert sich auch der härteste Kerl.



    Andererseits: Man sollte nicht zu streng sein. Jeder von uns hat schon einmal für große Liebe gehalten, was in der Rückschau emotionales Geplänkel, Spaß am Sex oder Entzücken an der Bewunderung durch das Objekt der Begierde war.



    „Zeitgeschehen“ zu thematisieren verspricht das Buch. Man findet Zeitgeschehen aus der Wendezeit, aber als grundlegenden Hintergrund, den ich erwartete, offenbart es sich nicht.
    Zu jeder Zeit könnte überall, auf dem flachen niedersächsischen Land ebenso wie im hügligen Württemberg passieren, dass eine 17-jährige von einem älteren Herrn angemacht und … wird.



    Schreiben kann die Autorin, ihre Sprache liest sich leicht, aber nicht oberflächlich. Ihre Worte lassen einen heißen Sommer erstehen, den Geruch von Heu, von Obst und Gemüse und dem, was in der Küche daraus entsteht. In den erotischen Szenen – von denen es eine ganze Reihe in verschiedenen Variationen gibt – bewahrt sie Distanz, und Andeutungen ersetzen das allzu Deutliche.



    Nur: Eine Liebesgeschichte?
    Vielleicht dann, wenn man Liebe mit Obsession gleichsetzt.

    Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)


    Bücher sind auch Lebensmittel. (Martin Walser)



  • Also du hast dir ja schon gedacht, dass ich das Buch ein bisschen anders empfunden habe als du... :wink:


    Ganz sicher war Henner nicht die einzige, die ganz große Liebe in Marias Leben. Aber in dem Moment glaubt sies. Und auch wenn er brutal ist, wenn seine Sexattacken an der Vergewaltigung grade mal so vorbeischrammen (was man als Leser durchaus so empfindet), sieht sie ihn durch die rosarote Brille und bei einem anderen Ende des Buches wären ihr wohl ganz bald die Augen geöffnet worden.


    Vermutlich wird sie auch mit Johannes nicht alt werden (sie ist grade mal 17!), aber ich denke, sie wird die Geschichte mit Henner einfach ein Kapitel in ihrem Leben sein lassen und unahängig davon ein paar Jahre mit ihm (Johannes) verbringen. Wo auch immer... Ich halte sie übrigens durchaus für ein Sensibelchen und die Beziehung, in die sie sich stürzt, vielleicht grade deshalb so bemerkenswert.


    Allerdings muss ich auch sagen, ich habe beim Lesen nicht hinterfragt, wie realistisch die Geschichte ist (das tu ich fast nie); ich habe einfach die Stimmung, die Atmosphäre und die sehr angenehme Sprache der Autorin auf mich wirken lassen und ich glaube, das war der Grund dafür, dass mich dieses Buch so sehr angesprochen hat.

  • Schreiben kann die Autorin, ihre Sprache liest sich leicht, aber nicht oberflächlich. Ihre Worte lassen einen heißen Sommer erstehen, den Geruch von Heu, von Obst und Gemüse

    Ja, absolut, ich hab selten so intensiv eine Atmosphäre vermittelt bekommen wie in diesem Buch. :thumleft:
    Das Buch hatte wirklich eine ganz besondere Stimmung. Gut beschrieben auch viele Dinge aus der DDR (von alten Liedern wo ich schmunzeln musste denn der Text war mir noch sehr geläufig bis hin zur Beschreibung von Alltagssituationen) . Auch diese Stimmung nach der Wende war gut eingefangen.
    Die Liebesgeschichte fand ich allerdings ein wenig seltsam. realistisch eher nicht. Mir war dieser Henner auch nicht wirklich sympathisch und Maria fand ich recht naiv, Aber sie war 16 als sie mit ihm zusammenkam, da ist man das wohl noch.
    Was mich auch ein wenig gestört hat dass dieses kleine Dorf in Sachsen wirklich beschrieben wurde als wenn der Krieg gerade zu Ende ist. Sorry aber ganz so bekloppt und hinterwäldlerisch waren wir nun doch nicht.
    Das Ende hab ich fast vorausgesehen, es passte zur Geschichte.


    Insgesamt aber ein sehr athmosphärisches Buch was ich gern gelesen und auch weiterempfehlen würde.
    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    "Die Menschen sind nicht immer wie sie scheinen. Doch selten etwas Besseres." (Gotthold Ephraim Lessing)

  • Nachdem Susannah1986 es im 365-Tage-Thread erwähnt hat, habe ich mir hier jede Rezension durchgelesen und muss es nun auch lesen und bin sehr gespannt.

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