Willy Vlautin - Northline

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  • Klappentext:
    Die Nacht bricht herein über Las Vegas, Stadt der Glücksspieler und einsamen Trinker, der Nutten und Hochzeitstouristen in der Wüste Nevadas. Allison Johnson, Anfang zwanzig, ein Mädchen mit schwarzem Haar und blauen Augen, sitzt vor einem Videospiel im Kasino. Sie ist betrunken. Ihr Freund Jimmy schleppt sie aufs Klo, zwingt sie, mit ihm Sex zu haben, prügelt sie blutig, weil sie bewusstlos wird. Allison lebt mit ihrer Mutter im Norden der Stadt. Vor und hinter dem Haus zwei verdorrte Rasenflächen, in der Auffahrt unter einem Plastikdach ein 1987er Chevrolet Lumina. Die Mutter trinkt und raucht ununterbrochen, hat eine Affäre mit irgendeinem Tom und trägt billige chinesische Seidenkleidchen. Abends schauen sie Filme mit Paul Newman, Haie der Großstadt und Butch Cassidy und Sundance Kid. Als Allison erfährt, dass sie im dritten Monat schwanger ist, packt sie ein paar Kleider in einen Koffer und haut ab. In Reno, der Spielerstadt an der kalifornischen Grenze, findet sie einen Job als Kellnerin in einem Diner. Ihr Baby muss sie zur Adoption freigeben. Es bleiben ihr der Alkohol und die Gespräche mit Paul Newman: Immer wenn die Hoffnungslosigkeit am größten ist, denkt sie an den schönen Schauspieler und an seine Rollen, und er kommt zu ihr und tröstet sie.


    Der Autor:
    Willy Vlautin, geboren 1957 in Reno, Nevada, ist Sänger und Songschreiber der Folkrockband Richmond Fontaine. Sein Romandebüt Motel life wurde zu einem internationalen Erfolg. Willy Vlautin lebt in Portland, Oregan, beendet gerade seinen 3. Roman und tourt immer wieder mit Richmond Fontaine um die Welt.
    www.willyvlautin.com
    www.richmondfontaine.com


    Meine Meinung:
    In dem Roman "Northline" geht es primär um das Mädchen Allison, die es eher auf die Schattenseite des Lebens verschlagen hat.
    Allison trinkt zuviel, immer wieder bewußtlos wird und einen Freund - Jimmy - , der ihr nicht so gut tut. Als sie schwanger wird, verlässt sie ihn und zieht nach Reno, wo sie ihr Baby weggibt. Ständig ist ihre Existenz bedroht.
    Sie erleidet Rückschläge, hasst sich selbst und denkt auch an Selbstmord. In den schlimmsten Stunden führt sie Zwiegespräche mit Paul Newman, wonach sie sich dann immer wieder aufrappelt.
    Das Buch ist stellenweise sehr traurig -ich habe immer mal mitgelitten.
    Der Roman endet vielleicht nicht mit einem klassischen Happy end, aber es lässt doch Hoffnung aufkommen, dass Allison weiterkämpfen wird.


    Vlautin beschreibt eine Gesellschaftsschicht, die in Amerika als "white trash" bezeichnet wird - Menschen, die den "Bodensatz der Gesellschaft" bilden, die sozial benachteiligt sind, ungebildet sind und auch rassistisch sein können. Dabei ist Vlautin sehr einfühlsam.
    Mir hat das Buch sehr gefallen.


    Passend zum Buch hat Willy Vlautin zusammen mit Paul Brainard ein Akkustikalbum produziert, welches dem Buch beigefügt ist.


    hier mal der link:
    http://www.youtube.com/watch?v=-6NXx3z2cAY

  • Wäre „Northline“ ein Film, dann wäre die überwiegende Zahl der Dinge, die sich in dem Roman ereignet, das, was in einem Film passiert, bevor die „eigentliche Handlung“ überhaupt anfängt.:wink: Offensichtlich ist Willy Vlautins Ansatz ein anderer: Er wählt sich kein Personal, um damit eine interessante Geschichte zu erzählen. Wer sich zu sehr auf die Geschichte und die Konflikte stürzt, erzählt weniger von den Figuren. Und Vlautin geht es einzig und allein um seine Figuren und die Hauptfigur Allison Johnson – oder „das Mädchen“, wie sie oft auch immer wieder genannt wird. Ausgefuchste Plotpoints sollen nicht im Weg stehen, sich mit Allisons Alltag und ihrem Leben zu beschäftigen. Bis Allison überhaupt ihren Namen verpasst bekommt, vergeht einige Zeit. Aber selbst das passt ja zu Vlautins rein charakter-bezogenem Stil! Nicht: Ich erzähle Euch die Geschichte von Allison Johnson, der zwischen zwei Buchdeckeln einiges Schreckliches und Schönes wiederfuhr, woraus sie etwas für ihr Leben mitnahm, sondern: Hier ist das Mädchen, das sind die Dinge, die ihr widerfahren, das sind die Gedanken, die ihr durch den Kopf gehen. Eine Mutter und Geschwister hat sie auch. Ihr Freund scheint schrecklich zu sein. Ach übrigens: Sie heißt Allison. Und wir sind schon mitten in ihrer Geschichte. :applause:


    Es erinnert mich eher an minimal bewegte Fotografien, Establishing Shots, die eine bestimmte Stimmung erschaffen: Kellnerinnen in Raststätten-Cafés, die Kaffee nachschenken, einsame Abende in der schlecht möblierten Butze, die man sich gerade so leisten kann, abendliches Thekenhocken in der Kneipe, das um den Fernseher herumgruppierte Familienwohnzimmer, jemand läuft über einen tristen, leeren Parkplatz. Wie eine Edward-Hopper-Bilderlandschaft vereinzelter, einsamer Großstadtmenschen. Und dann stellt man fest, dass in diesen „Establishing Shots“ schon so viel Leben vorhanden ist, dass jede weitere Verkomplizierung ein aufgesetzter, romanhafter Schriftsteller-Trick wäre, der genau an der Absicht vorbeizielte: Den Charakter einer im Grunde bedeutungslosen jungen Frau literarisch zu erhellen, die ohne starkes Selbstbewusstsein eine Neigung dazu hat, sich an die falschen Männer zu hängen. Ohne Aufstiegschancen und Ambitionen, ohne viel Geld, Freunde oder Rückhalt, keine Hobbys, kein Schulabschluss, dafür ein nennenswertes Alkoholproblem und Panikattacken, schwanger von ihrem Nazifreund Jimmie, ein Schnacker, der nichts gebacken bekommt und dabei alle anderen mit hinunterzieht. Vor ihm flieht sie aus Las Vegas nach Reno, da es dort eine Schwangerschafts- und Adoptionsberatungsstelle gibt, die ihr empfohlen wurde. Dass sie in Reno ihr Kind austrug und gleich in die liebenden Hände eines sorgfältig ausgewählten, anständigen Ehepaares legt, wird sie im Fortgang des Romans nicht mehr in Ruhe lassen. Wenn auch das Wissen, dass irgendwo auf dieser Welt ihr Kind lebt und sie möglicherweise eines Tages noch brauchen wird, ihr manchen Selbstmordgedanken wieder austreibt. Das Messer drückt schon in ihre Haut ... Außerdem führt sie Selbstgespräche mit ihrem Idol Paul Newman, der für alles Gute steht: Ein pragmatischer Tröster, der die Schattenseiten und das Schöne kennt.


    In Reno schlägt sie sich als Kellnerin durch. Außerdem macht sie einen Job im Telefonmarketing für Staubsauger. Einige Figuren am Rand tauchen auf: Ihre übergewichtige Kollegin Penny beim Telefonmarketing, Dan, ein schüchterner Stammgast in ihrer Diner-Nachtschicht, der alte Barmann im Last Dollar Saloon, der Kneipe neben ihrer Münzwäscherei. Aber all diese Figuren sind keine offensichtlichen literarischen Steigbügelhalter für Allisons Geschichte: Penny hat keine übergeordnete „Funktion“ für Allisons Geschichte, an ihr wird zum Beispiel nicht dick aufgetragen erzählt, wie Allison wieder freundschaftliches Zutrauen zu Menschen gewinnt, daraus wird keine Best-Friends-Forever-Geschichte, die Allisons Charakter fit für die moderne Ellenbogengesellschaft macht. Dber da Penny nun einmal Teil ihres Alltags ist, taucht sie in Allisons Geschichte natürlich auf – und verschwindet auch wieder, da sie quasi „keine Bedeutung“ hat. Mit Dan sieht die Sache etwas anders aus, da mit ihm eine ganz zaghafte Liebesgeschichte erzählt wird, so zaghaft, dass sie im Grunde erst beginnt, wenn der Roman am Ende zugeklappt wird. Dan, der wie sie von Gewalterfahrungen in der Vergangenheit gezeichnet ist, ein hässlicher Märchenprinz mit Angstanfällen, so ein ganz anderer Typ als Allisons bisherige Männerauswahl, aber in diesem Moment vielleicht das Beste, das ihr passieren kann. Doch ein Garant gegen das Pech in ihrem Leben ist das ganz offensichtlich auch nicht. Aber auch Paul Newman hat schlechte Filme gedreht in seinem Leben! Schwermut des Alltags, aber stets mit einem Hoffnungsschimmer in Aussicht.


    Da lese ich den Roman und halte ihn währenddessen für "angenehme" Lektüre, aber auch etwas dünnblütig, fast banal. Bis mir immer stärker klar wird, dass Vlautins einfacher, beiläufiger Schreibstil genau das vermag: Das Leben im Banalen in seiner ganzen Menschlichkeit zu erfassen, die stille Dramatik auf den Gesichtern schüchterner Verlierer, wenn nicht groß rumgebrüllt wird. In einer Sprache, die sich nicht über die Figuren erhebt. Hier soll keine Schaulust bei dem Blick in eine klischeehafte White-Trash-Welt befriedigt werden. Es warten nicht schon die typischen Storyschemata hinter der nächsten Ecke; man ist ja schon so daran gewöhnt, dass immer das Schlimmste passiert. Stattdessen wird Personen, deren Würde verschüttet ist, eine würdevolle literarische Behandlung zuteil. Wer am Ende des Romans die Geschichte noch banal nennt, hat etwas grundlegend nicht verstanden. Und ich will Alltagsgeschichten „ganz normaler Leute“ eigentlich nicht mehr anders erzählt bekommen als wie hier von Willy Vlautin, so wenig überwürzt, so aufrichtig, so feinfühlig. Ich hoffe, er hält in allen seinen weiteren Romanen die Klischees so gut im Zaum wie hier: Der große amerikanische Roman mit der Beiläufigkeit eines melancholischen Country-Rocksongs im Autoradio. Tatsächlich kommt mir inzwischen alles unterhalb der Höchstwertung als sehr unpassend vor!:thumleft:

    Houellebecq "Elementarteilchen" (48/357)

    Mcdonald "Abendflüge" (51/352)

    Schmidt/Käther (Hgg.) "Fantastic Pulp 2" (35/207)


    Jahresbeste: Lorenzen (2021), Jansson (2020), Lieberman (2019), Ferris (2018), Cather (2017), Tomine (2016), Raymond (2015), Agee (2014), Kesey (2013), Nisbet & Ford (2012) :king:

    Gelesen: 9 (2022), 185 (2021), 161 (2020), 127 (2019), 145 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: Anderson "Lullaby Road" (19.1.)

  • Schön, dass dir das Buch ebenso gefiel.

    Hat es wirklich - und so schön nach und nach!:D Erst so mittel, dann sehr angetan und schließlich die blitzartige Erkenntnis: Das ist echt heißer Scheiß! :wink: Nur schade, dass vermutlich viele Leser und Kritiker den Roman schmucklos und eher banal finden werden, dabei wäre jede feinzieselierte Sprachspielerei hier total verfehlt. So als wäre in einem melancholisch-trotzigen Bluesstück auf einmal ein ausgefuchstes Saxofon-Solo. Wenn man ehrlich über so abgehängte Existenzen wie Allison schreiben will, muss man seine Sprache der Geschichte anpassen. Alles sehr aufgeräumt. Und zuerst einmal als Schriftsteller mit offenen Augen und Ohren durchs Leben gehen und den Leuten ihre Sprache ablauschen. Also dieser Willy Vlautin scheint mir wirklich ein sympathischer Knochen zu sein! :D


    Ich habe es übrigens nicht geschafft, währenddessen den beigefügten Soundtrack zu hören, das hole ich gerade nach. Das ist auch wirklich schöne und passende Musik.:thumleft: Hier zum Reinhören mal der Bandcamp-Link.

    Houellebecq "Elementarteilchen" (48/357)

    Mcdonald "Abendflüge" (51/352)

    Schmidt/Käther (Hgg.) "Fantastic Pulp 2" (35/207)


    Jahresbeste: Lorenzen (2021), Jansson (2020), Lieberman (2019), Ferris (2018), Cather (2017), Tomine (2016), Raymond (2015), Agee (2014), Kesey (2013), Nisbet & Ford (2012) :king:

    Gelesen: 9 (2022), 185 (2021), 161 (2020), 127 (2019), 145 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: Anderson "Lullaby Road" (19.1.)

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