Joachim B. Schmidt - Kalmann und der schlafende Berg

  • Kurzmeinung

    Maesli
    Sehr gut geschrieben, sodass ich über die zugegebenermaßen übertriebenen Settings hinwegschaue - aber 1 Punkt abziehe
  • REZENSION – Kalmann, der selbsternannte Sheriff von Raufarhöfn, gehört sicher zu den ungewöhnlichsten Figuren deutscher Belletristik. Vor drei Jahren stellte uns der seit 2007 in Island lebende Schweizer Schriftsteller Joachim B. Schmidt (42) in seinem Roman „Kalmann“ den unter Vormundschaft seiner Mutter stehenden 34-Jährigen mit Down-Syndrom vor. Er lebt als letzter Haifischfänger allein im Häuschen seines Großvaters an Islands Nordküste. Während die meisten Dorfbewohner ihn, der nicht einmal die Hauptschule geschafft hat, herablassend als „Dorftrottel“ behandeln, reagieren Wohlmeinende auf ihn voller Mitgefühl.

    Doch Kalmann, der uns sein aufregendes Leben selbst erzählt, kann auf Spott oder Mitgefühl verzichten: Er steht dank seines geradlinig strukturierten Denkens mit beiden Beinen weitaus sicherer und selbstbewusster im Leben als mancher seiner Mitmenschen. Unerschrocken sorgt er für Ordnung, wo andere Probleme fürchten – so auch wieder im zweiten Band „Kalmann und der schlafende Berg“, der im August im Diogenes Verlag erschien: „Ich rappelte mich auf, nahm den Cowboyhut vom Haken und steckte mir den Sheriffstern an die Brust.“

    Kalmann wohnt inzwischen bei seiner Mutter in Akureyri und arbeitet dort als Hilfe beim Supermarkt. „Jemand muss dafür sorgen, dass auf dem Parkplatz Ordnung herrscht. Und dieser jemand bin ich.“ Auch hier ist Kalmann ein Ordnungshüter. „Korrektomundo! Ein Sheriff eben.“ Doch eines Tages wird er von seinem ihm völlig unbekannten „Samenspender“ Quentin Boatwrite in die amerikanische Provinz eingeladen. Dort in den USA überschlagen sich die Ereignisse: Kalmann gerät unversehens in den Sturm auf das Capitol. „Ich hätte stehenbleiben sollen, ich weiß. Mein Fehler. … Aber ich wurde von den Massen mitgerissen wie Treibholz.“ Nach einem strengen Verhör beim FBI wird Kalmann kurzerhand ins Flugzeug gesetzt und zurück nach Island geschickt, wo er nach Ankunft wegen der Corona-Pandemie in einem Hotel in Quarantäne bleiben muss. So kann er erst später seinen Landsleuten von seinem USA-Erlebnis erzählen - von den „verrückten Leuten, denen ich da begegnet war. … Abgesehen davon, dass ich vom FBI festgenommen wurde, gefiel es mir in den Vereinigten Staaten sehr gut.“

    In Island erfährt Kalmann, dass sein kürzlich verstorbener Großvater vielleicht umgebracht wurde. Er soll im Kalten Krieg für die Sowjets spioniert haben. Doch nicht einmal Polizistin Birna glaubt an Mord. Also muss der „Sheriff von Raufarhöfn“, den Freunde auch „Kalli Kaliber“ nennen, auch diesen zweiten Fall selbst aufklären.

    Während der erste Kalmann-Roman ausschließlich in Island spielte und durch seine atmosphärisch stimmige Handlung und seine ebenso stimmigen Figuren überzeugte, hat Autor Schmidt in diesem zweiten Band mit anteiliger Verlagerung der Handlung in die USA und mit Einbindung der Capitol-Erstürmung diese Stimmigkeit leider gestört. Hinzu kommt das Sammelsurium an Themen ohne Zusammenhang: Umweltverschmutzung, Corona, Trumps Präsidentschaft, Spionage im Kalten Krieg. Mit dieser Themenvielfalt hat der Autor seinem Roman eher geschadet.

    Aber zum Glück gibt es ja Kalmann, der für Ordnung sorgt. Er hält alle Handlungsfäden in der Hand und ist noch derselbe liebenswerte Mensch, den wir aus dem ersten Band kennen. Viele seiner Dorfbewohner belächeln den „Dorftrottel“ in arroganter Selbstüberschätzung und Überheblichkeit. Doch Kalmann weiß: „Niemand möchte der Dümmste sein. Aber jemand muss der Dümmste sein, und wenn man so ist wie ich, ist es das Klügste, es nicht abzustreiten.“ Diese unleugbare Logik, von der sich Kalmann leiten lässt, ist es, die nicht ihn, sondern alles Geschehen um ihn herum wirr und verrückt erscheinen lässt, und wir uns fragen müssen: Wer ist hier eigentlich der Dumme? Der selbsternannte Sheriff von Raufarhöfn wird in seiner schlichten Natürlichkeit in „Kalmann und der schlafende Berg“ wieder so verständnisvoll und mitfühlend beschrieben, dass man diesen Sonderling einfach ins Herz schließen muss und diesmal gern manche inhaltliche Schwäche des Buches verzeiht.


  • Klappentext:

    Kalmann sitzt in der Tinte. Besser gesagt, er sitzt im FBI-Hauptquartier in Washington. Dabei wollte er eigentlich nur seinen amerikanischen Vater besuchen. Doch der lässt ihn hängen, und ehe Kalmann sichs versieht, sitzt er wieder im Flugzeug zurück nach Island. Im hohen Norden hat er aber auch keine Ruhe. Ein Mord ist geschehen, und die Spuren reichen zurück bis nach Amerika und in den Kalten Krieg. Und wer muss diesen explosiven Fall aufklären? Korrektomundo: Kalmann, der berühmte Sheriff von Raufarhöfn.

    Mein Lese-Eindruck:

    Was für eine verzwickte Geschichte! Viele Rückbezüge machen deutlich, dass Vorwissen aus dem 1. Band das Verständnis erleichtert, aber es ist keine Voraussetzung. Als neuer Leser wundert man sich über manche Reaktionen des Protagonisten, bis man erkennt, dass Kalmann, der Sheriff von Raufarhöfn aus eigenen Gnaden, das Down-Syndrom hat – eine „Behinderung“, mit der sich der Autor offensichtlich sehr gut auskennt.


    Kalmann liebt nämlich die Ordnung, und daher sorgt er engagiert dafür, dass auf dem Parkplatz eines großen Supermarkts Ordnung herrscht und die Einkaufswagen wieder da stehen, wo sie hingehören. Eine Einladung seines Vaters in die USA lässt Kalmann am Sturm aufs Kapitol teilnehmen, führt zu einer Verhaftung und zur Entdeckung, dass sein geliebter Großvater Spion gewesen war – eine Räuberpistole tut sich auf, die in einem gewaltigen Showdown endet. Der Autor öffnet mit Themen wie Umweltverschmutzung, Kalter Krieg, Corona, Spionage einige Fässer, auf die er aber nicht immer einen Deckel draufsetzen kann. Dadurch wirkte die Geschichte auf mich recht konstruiert.


    Dennoch entfaltet diese besondere Hauptfigur einen Charme, dem man sich nicht entziehen kann. Kalmann ist in seiner direkten und menschlich so zugewandten Art einfach nur liebenswert. Man muss ihn fast bewundern, wie selbstbewusst und einsichtig er mit seinen kognitiven Einschränkungen umgeht. Mit Kalmann und auch mit dessen Mutter sind dem Autor zwei eindrückliche und authentische Charakterzeichnungen gelungen.


    :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertungHalb:

    :study: Ruth Hoffmann, Das deutsche Alibi.




    "Der echte Bibliophile liebt mehr als Form und Inhalt eines Buches seine Existenz; er muss es erst gar nicht lesen" (Werfel, Die vierzig Tage des Musa Dagh, S. 49).

  • Autor: Joachim B. Schmidt
    Titel: Kalmann und der schlafende Berg
    Seiten: 302
    ISBN: 978-3-257-07266-2

    Verlag: Diogenes

    Autor:

    Joachim B. Schmidt ist ein Schweizer Journalist und Schriftsteller, der zunächst eine Ausbildung zum diplomierten Hochbauzeichner absolvierte. Mit einer Kurzgeschichte gewann er einen Schreibwettbewerb und veröffentlichte erstmals 2013 seinen ersten Roman. Als Journalist und Touristenquide arbeitet er in Reykjavik, Island, wohin er 2007 ausgewandert ist. Sein Roman "Kalmann" erschien 2020 bei Diogenes.

    Inhalt:

    Kalmann sitzt in der Tinte. Besser gesagt, er sitzt im FBI-Hauptquartier in Washington. Dabei wollte er eigentlich nur seinen amerikanischen Vater besuchen. Doch der lässt ihn hängen, und ehe Kalmann sich's versieht, sitzt er wieder im Flugzeug zurück nach Island. Im Hohen Norden hat er aber auch keine Ruhe. Ein Mord ist geschehen, und die Spuren reichen zurück bis nach Amerika und in den Kalten Krieg. Und wer muss diesen explosiven Fall aufklären? Korrektomundo: Kalmann, der berühmte Sheriff von Raufarhöfn. (Klappentext)


    Rezension:

    Nach der Geschichte mit dem Eisbären hat man ihn die Mauser abgenommen, auch rausfahren zum Eishaiangeln darf er nicht und so findet sich der selbsternannte Sheriff von Raufarhöfn auf den Parkplatz eines Einkaufzentrums wieder. Dort soll er für Ordnung sorgen und wer könnte sich da besser eignen als er, Kalmann. Der steht jedoch bald vor ganz anderen Herausforderungen.

    Das Kennenlernen seines Vaters endet in einem Verhörraum des FBI. Selbstredend, dass nach seiner Ankunft auch zu Hause die Dinge aus dem Ruder laufen. Kalman jedoch folgt den Spuren und stößt nicht nur auf einen mysteriösen Fall, sondern auch den dunklen Schatten der Vergangenheit Islands.


    Der neue Band des isländisch-schweizerischen Autoren Joachim B. Schmidt ist eine, im Vergleich zum Vorgänger, durchaus temporeich scheinende Fortsetzung mit einem liebenswerten Protagonisten, der durch Ecken und Kanten, vor allem aber durch seine klare Sicht auf die Dinge um ihn herum besticht.

    Dieser besondere Blick, hervorgerufen durch die Eigenarten der Hauptfigur, die im Erstling durchaus diffus erscheinen, wurden hier konzentriert in die Geschichte eingearbeitet, was dem Werk sehr zu Gute kommt. Der Autor kennt sich aus und gibt seinen Protagonisten Zeit, einzutauchen, um der Handlung so eine sehr besondere Dynamik zu verpassen.


    Zum einen durch den temporären Ortswechsel als auch von der Zeit, in die Joachim B. Schmidt die Handlung angesetzt hat, bringen diese mit sich. Verwoben werden die Ausklänge der Pandemie mit den 6. Januar, als die Welt ungläubig nach Washington schaute und die Isländer auf eine im Rucksack steckende Fahne ihres Landes blickten, die aus dem Rucksack eines der Teilnehmenden des Aufruhrs steckte. Reale Ereignisse sind so hier kunstvoll in den Roman eingebunden, ohne überdreht zu wirken. Auch die Wendung innerhalb der Romanhandlung funktioniert.


    Dreh- und Angelpunkt des Romans ist Kalmanns Sicht auf die Dinge, die, bedingt durch seine Einschränkungen so ganz anders ist als die seiner Mitmenschen, die damit interagieren müssen. Der Antagonist kommt dabei von unerwarteter Seite. Nichts ist wie es scheint zwischen isländischen Bergen. Der Protagonist ist auf seine Art und Weise zugänglich und macht es leicht, Lesende in seine Weltsicht einzufühlen.

    Klare Sprache steht dabei im Kontrast zu wieder einmal wunderbar eingearbeiteten Landschaftsbeschreibungen, die nicht einmal kitschig wirken. Nur das Ende des Romans wirkt etwas over the top, ansonsten ist die Erzählung in sich schlüssig aufgebaut, ohne Logikfehler.


    Joachim B. Schmidt verwandelt dies zusammen mit isländischen Kuriositäten in eine durchaus packende Erzählung, selbst Sprünge, wenn vorhanden, scheinen gewollt.


    Die Geschichte funktioniert und hat in ihrem zweiten Band an Tempo gewonnen, auch die Ortswechsel bringen Spannungsmomente hinein, ob die etwas größere Konkretisierung des "Krankheitsbildes" Kalmanns dienlich ist, muss man selbst für sich entscheiden. Der Hauptprotagonist wirkt in jedem Falle nahbarer. Noch mehr Geschichten vom Sheriff von Raufarhöfn wären wünschenswert.