Juli Zeh - Über Menschen

  • Kurzmeinung

    Jessy1963
    Abgebrochen. Ist mir zu viel Corona, Klimaaktivisten und Weltenretter.
  • Kurzmeinung

    mapefue
    Wunderbar witzige und entlarvende Dialoge

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  • „Meistens besteht das Leben aus Trial and Error, und der Mensch kann viel weniger begreifen und kontrollieren, als er glaubt. Auf dieses Dilemma kann weder Nichtstun noch Aktionismus die richtige Antwort sein.“ (Zitat Seite 28)



    Inhalt


    Dora, sechsunddreißig Jahre alt, ist eine erfolgreiche Werbetexterin, als ihr im Home-Office des Corona-Lockdown nicht nur die gemeinsame Wohnung in Berlin, sondern auch das Leben mit Robert endgültig zu eng wird. Bereits im Dezember hatte sie heimlich das renovierungsbedürftige, alte Gutsverwalterhaus auf dem verwilderten Grundstück mit den großen Bäumen gekauft, in Bracken, einem kleinen Straßendorf irgendwo in Brandenburg. Jetzt, drei Monate später, ist sie emdgültig hierher übersiedelt. Mit ihrer Hündin Jochen, ohne Möbel, aber mit einem Nachbarn, der sich ihr als Gote, wie Gottfried, ich bin der Dorf-Nazi vorstellt, was zu seiner sauber geschorenen Glatze passt. Doch plötzlich liegt ihre Matratze auf einem eigens für sie angefertigten Bett und auf ihrem Lieblingsplatz auf dem Treppenabsatz vor dem Haus stehen eines Tages Küchenstühle. Hier, in diesem Dorf mit seinen Menschen verändert sich etwas in Dora, vom Nachdenken zum Umdenken.




    Thema und Genre


    In diesem Roman geht es um Menschen, ihre Ängste, Sorgen, aber auch den Zusammenhalt in diesen herausfordernden Tagen einer modernen, aber unsicher und brüchig gewordenen Gegenwart.



    Charaktere


    Dora muss in Bewegung sein, um sich ruhig zu fühlen. Sie hat eine eigene Meinung zu vielen Themen unserer Zeit, doch hier in Bracken erkennt sie rasch, wie sehr sie sich irrte, als sie überzeugt davon war, man könne doch Gut und Böse ganz einfach auseinanderhalten. Denn hier lernt sie alle möglichen Zwischenschattierungen in unterschiedlichster Form kennen.



    Handlung und Schreibstil


    Dieser Roman spielt in der Gegenwart in einem kleinen Dorf in Brandenburg. Dora zieht sich aus ihrem Leben in Berlin zurück, um mit ihrer Hündin Jochen eine völlig andere Art Leben zu probieren, denn Home-Office geht überall. Einkaufen ohne Auto, mit einer Busverbindung mit hohem Seltenheitswert, Gärtnern mit theoretischen Anleitungen über YouTube. Dazwischen freie Zeit, auch das muss sie lernen, mit dieser freien Zeit umzugehen, die Natur in ihrer wunderbaren Vielfalt hilft ihr dabei. Doch jeder Tag bringt neue Herausforderungen und manchmal wünscht sich Dora weit weg von allem, am besten auf die Raumstation ISS, um Abstand zu gewinnen und Ruhe. Die Autorin erzählt einfühlsam, intensiv, bindet die drängenden Themen der Gegenwart mit ein, schafft unterschiedliche Figuren mit völlig unterschiedlichen Sichtweisen, beleuchtet die Standpunkte, lässt sie ruhen, nimmt sie in einem neuen Zusammenhang wieder auf. Sie lässt ihre Figuren nachdenken, umdenken und uns beim Lesen mit.



    Fazit


    Dies ist tatsächlich ein Roman über Menschen, ihre Ängste, Probleme, das tägliche Leben mit skurrilen, witzigen Szenen und nachdenklichen, sehr traurigen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie man miteinander umgeht, wenn die Meinungen stark auseinanderdriften. Es sind Figuren auf der Suche und man schließt jede einzelne der Figuren ins Herz, obwohl oder gerade weil jede so ihre Eigenheiten hat, authentisch, Menschen eben, und oft anders, als die anderen denken.

    1. (Ø)

      Verlag: Luchterhand Literaturverlag


  • Danke für deine Vorstellung, Circlestonesbooks . Ich hatte dieses Buch gestern in der Buchhandlung meines Vertrauens schon in der Hand, hab mich dann aber für ein anderes entschieden (ok, für zwei, aber das ist eine andere Geschichte :uups: ). Aber ich glaube, grade dieses Buch sollte man grade jetzt lesen und das werde ich ganz sicher auch bald machen.


    Deine Rezension macht mich jedenfalls noch neugieriger auf die Geschichte.

  • Ich kann nicht behaupten, das Buch zu "lesen", ich höre es nur derzeit in der morgendlichen Lesung des NDR auf dem Weg zur Arbeit. Nach einer Woche kann ich nur sagen: Ich weiß nicht, ob ich mir nicht lieber einen anderen Sender suchen soll.

    Einerseits finde ich das Thema interessant, andererseits geht mir diese unglaublich naive und überspannte Hauptperson so dermaßen auf die Nerven, das kann ich gar nicht beschreiben. Mag vielleicht auch dem geschuldet sein, dass ich in einem klassischen Speckgürtel lebe und zugezogene Städter mit völlig lebensfremden Ideen vom "romantischen Landleben" jeden Tag erleben darf, aber ganz ehrlich: Das ist für mich ein bisschen zu überspitzt dargestellt als dass ich es wirklich ertragen könnte.

  • Berlin Anfang 2020, Corona schreckt bereits, die Klimadebatte nicht mehr so drängend.


    Dora mit Hündin Jochen und Fahrrad Gustav von Berlin nach Bracken. Das kann lustig werden? Wenn’s nach Zeh geht nicht unbedingt, vielleicht zwischendurch.


    Wer kämpft hier? Stadt gegen Land, Stadt gegen Menschen, Mensch gegen Land, oder überhaupt umgekehrt oder Mensch gegen Mansch, eigentlich.


    Und da ist wieder, das Tier und der Mensch, die kleine Hündin Jochen-der-Rochen und Dora. Robert oder Jochen-der-Rochen. Keine Chance gegen Jochen… und schon gar nicht gegen Dora mit Jochen…

    Dora, arbeitet in einer Werbeagentur ist Pragmatikerin, Robert das Gegenteil von ihr und deshalb bald Geschichte.

    Dafür ist sie in Bracken nun „Unter Leuten“ – wer hätte das gedacht. Zeh versteht das Wortspiel, sie spielt mit Worten.

    Landflucht, das Ereignis eines geheimen Programms zum Bevölkerungsaustausch (Zitat).

    Das berauschende Gefühl von Freiheit, das sich einstellt, wenn man beschlossen hat, auf alles zu scheißen (Zitat).

    Dem Leben beim Stattfinden zu schauen. Um einmal nach dem Rechten zu sehen, kann ja so falsch gar nicht sein (Zitat).

    Eine Erstverschlechterung, nach der es jetzt aufwärts geht. Wer kein Glück verlangt, wird nicht vom Unglück bestraft (Zitat).

    Was ist der Unterschied zwischen einem Realisten und einem Illusionisten? Der Realist sagt, dass ein Vogel mit einem Schnabel nicht lachen kann, der Illusionist sagt, der Vogel lächelt.


    Das Leben von Sadie ist krass und Zehs Einlassungen so krass, dass es dir die Nackenhaare aufstellt.


    Ruhe und Einsamkeit wünschte sich Dora, bekommt jedoch Grote, den Dorfnazi als Nachbarn und Franzi, seine Tochter und spielt Familie bis sie wieder genau das bekommt was sie sich gewünscht hat: Ruhe und Einsamkeit, damit hat sich der Kreis geschlossen.

    Fesselnder wie aufschreckender Schreibstil, nüchtern, nicht ohne Ironie, treffgenau, tut weh und doch nicht romantisch verklärend. Zeh ist und bleibt literarisches Phänomen.


    Jochen auf dem Cover fragt sich: „Wann geht’s wieder zurück nach Berlin?“

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    1. (Ø)

      Verlag: Luchterhand Literaturverlag


  • Ich war sehr zwiegespalten wie ich „Über Menschen“ bewerten soll. Bis zur letzten Seite habe ich mit mir gekämpft, denn das Buch hat sämtliche Reaktionen bei mir hervorgerufen.


    Juli Zeh lese ich so gerne, sie kann einfach schreiben und Gedanken klar fassen. Besonders beeindruckend finde ich bei ihrem neuesten Buch den tagesaktuellen Bezug. So stellt sie die Hysterie und Unsicherheit, die im März/ April 2020 aufgrund Corona herrschten (und immer noch andauern) überzeugend dar und setzt sich auch kritisch damit auseinander.


    Die meiste Zeit über und im Großen und Ganzen fand ich es „grandios“. Ich bezeichne ein Buch nicht so schnell als grandios, hier hatte ich aber immer wieder diesen Gedanken. Vielleicht weil Juli Zeh diese Gedanken zu Papier gebracht hat, die ich im letzten Jahr immer wieder im Kopf hatte.

    Sie beleuchtet alle Seiten der Pandemie und die Kritik ist klar formuliert. Ich werde nie verstehen und nachvollziehen können, wie Menschen kein kritisches Denken praktizieren. Warum nur nachgeplappert und Gegenteiliges diffamiert und abgeschmettert wird. In meinem Studium und Beruf musste ich immer differenzieren, Quellen überprüfen und Alternativen finden. Eine Verhältnismäßigkeitsprüfung gehört zu den Grundlagen. Man ist kein Querdenker oder Coronaleugner, wenn man einen Grundrechtseingriff auf seine Verhältnismäßigkeit prüft. Da ist man eher Jurist etc. Was mich im letzten Jahr zum Verzweifeln brachte, war weniger Corona, sondern die Dummheit und Engstirnigkeit der Menschen (in beide Richtungen: Leugner und hardcore Befürworter). Keiner davon hat auch nur den Hauch einer Ahnung von den Grundlagen, agiert aber als wäre er Staatsrechtler oder gleich beim BVerfG.


    Genau das greift Zeh immer wieder auf und zeigt auch auf witzige Art die Absurdität dieser Extreme.


    Einen Kritikpunkt habe ich allerdings: Gote, der „Dorf-Nazi“. Er wird auf teilweise auf sympathische Art dargestellt (wobei das eher auszugshaft geschieht und das Menschliche klar vor einem Sympathisieren steht), allerdings kann ich keine Sympathie für ihn empfinden, auch keine Empathie.


    Vielleicht ist das zu kurz gedacht, aber ich kann mir nur vorstellen, dass man einen Nazi nur als sympathisch/ menschlich empfinden kann, wenn man keinen Migrationshintergrund und keinerlei Erfahrung mit Fremdenfeindlichkeit hat (nach dem Motto, was mich nicht persönlich betrifft, stört mich nicht).


    Das bereitet mir bei diesem Buch auch Magenschmerzen. Ich bin größtenteils pro Juli Zeh und gehe mit ihren Ansichten konform. Man merkt einfach, dass sie Ahnung hat. Aber hier macht mich diese Darstellung vom netten Nazi etwas betroffen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gote so nett gewesen wäre, hätte seine Nachbarin Dora Migrationshintergrund.


    Dennoch bin ich nicht Dora und wenn sie mit einem Nazi klarkommt, ist das ihr Ding. Ich würde es nicht.
    (Und wenn ich ein schlechterer Mensch bin, weil ich in einem Nazi nicht nur einen Menschen sehe und Toleranz zeige, dann kann ich gut damit leben. Vielleicht habe ich das Buch aber auch nicht/ anders verstanden.)


    Im Ergebnis ist „Über Menschen“ ein kritisches Buch. Es zeigt alle möglichen Auffassungen auf und ist aktueller denn je (denn leider haben viele Politiker nichts aus einem Jahr Pandemie gelernt und ich möchte nicht wissen, wie sie handeln würden, wäre im Herbst nicht Bundestagswahl).


    Es ist ein Buch, dass mich stark gefordert hat, weniger die Thematik, eher die Gedankengänge. Es war für mich eine pure Reflexion.


    Ob Juli Zeh nun für Menschlichkeit und Empathie mit Nazis „wirbt“ oder nicht, ist mir im Ergebnis letztendlich egal. Ich bin ein mündiger, selbstständig denkender Mensch mit einem (ich denke doch) durchschnittlichen IQ und kann selbst meine Schlüsse ziehen bzw diese „Einstellung“ hinterfragen. Nur weil jemand für Toleranz wirbt, heißt das nicht, dass man es 1:1 übernehmen und es ohne eigenes Denken leben muss.


    Zudem muss man auch differenzieren. War jemand Nazi und bereut es, ist das meiner Meinung nach etwas anderes als wenn er es nach wie vor aktiv ist.


    Differenzierung ist wahrscheinlich das Zauberwort bei diesem Buch (und auch im Leben).


    Bei Zeh gibt es kein schwarz oder weiß (leider geht das aktuell immer mehr verloren).


    Ein facettenreiches Buch, dessen Lektüre auf jeden Fall bereichernd ist.



    Puh, das war jetzt mein ausführlichster und längster Beitrag hier im Forum, in Zukunft wird es wieder kürzer. :D  :ergeben: :winken:


    Zitat

    „Es tut so gut, den Kopf anzustrengen.“ (S. 345)


    :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:

  • Bleib ruhig so ausführlich, hasewue , ist gut!

    Ich lese gerade ein anderes Buch der Autorin und nach Deiner Einschätzung ist mir dazu auch einiges sichtbarer geworden. Ja die Frau bezieht klar Stellung und mir fällt erst jetzt auf, wie selten das geworden ist und wie ich das vermisst habe. :winken:

  • Bleib ruhig so ausführlich, hasewue , ist gut!

    Find ich auch. :thumleft:


    Ich bin noch nicht sonderlich weit. Gote bin ich erst einmal begegnet und da war er alles andere als sympathisch.


    Aber obwohl ich noch nicht viel von dem Buch gelesen habe, finde ich es bisher auch grandios. Hoffe, das bleibt so. Denn Sympathie und Verständnis gegenüber Nazis wird mir wahrscheinlich auch sauer aufstoßen.

  • Es ist ein Buch, dass mich stark gefordert hat, weniger die Thematik, eher die Gedankengänge. Es war für mich eine pure Reflexion.

    Das ist in der Tat die Stärke dieses Romans.

    Ich habe die Lesung doch bis zum Ende durchgehalten und mein Empfinden war beim Hören ein anderes, aber eines, das ebenso nachdenklich macht.


    Wie bereits erwähnt, war mir die Hauptperson Dora anfangs massiv unsympathisch, auch wenn es später besser wird. Und sobald die erste Begegnung vorüber ist, ertappte ich mich tatsächlich dabei, dass mit gegen Dora sogar Gote noch vergleichsweise "sympathisch" erschien. Wobei ich mich mit diesem Wort schwer tue. Wer sympathisiert denn schon gerne mit einem Nazi? Also ich nicht und ich wage mal zu behaupten: Es geht den meisten anderen Menschen ebenso. Aber ich vermute inzwischen, dass Juli Zeh eben genau damit spielt und dass Doras "Überspanntheit" genau diesen Zweck hat.


    Es ist für mich aber die Stärke des Romans, dass er eben auf den Menschen hinter dem Radikalen abstellt und Fragen aufwirft, die letztlich nicht zu beantworten sind. Welche Umstände bringen Menschen in diese Kreise und wie tief sitzt eigentlich welche Einstellung? Es ist ja nicht nur Gote, es sind auch die anderen Dorfbewohner, die man mal genauer beleuchten kann. Und wie bekomme ich Menschen aus diesen Strukturen ggf. heraus?


    Schlussendlich steht man bei diesem Buch wieder vor dem Thema: Wie entsteht eine radikale Haltung - völlig egal, ob rechts, links, religiös, oder sonstwie umhüllt. Und was kann ich dagegen tun, wo kann ich ansetzen? Denn, und das merkt auch Dora schnell, mit moralisch erhobenen Zeigefinger zu sagen "das tut man nicht" mag sich zwar richtig anfühlen, bringt aber leider exakt garnichts und setzt ggf. auch an der falschen Stelle an.

    Für mich ist es eine klare Schlüsselstelle des Buches, in der Dora Gote anbrüllt "Natürlich bin ich etwas besseres als du!" und in exakt diesem Moment merkt, dass sich das zwei einerseits gut anfühlt, andererseits auch völlig zu kurz greift. Was des Pudels Kern ist.


    Langer Rede kurzer Sinn: Ein Buch nach dem man mehr Fragen im Kopf hat als vorher (wobei: neu sind die auch nicht gerade :wink: ) und auch wenn es keine Antworten liefert bzw. liefern kann, tut es vielleicht mal ganz gut, wenn man sich mal wieder ein bisschen auf eben jene Fragen konzentriert.


    Ich komme final trotz (oder doch wegen?) Nerv-Dora auf :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:

  • CKStreet


    Deine Gedanken kamen mir beim Lesen auch, eben das der Mensch an sich im Vordergrund steht (vor allem an der Stelle, die ungefähr lautet „da liegt immer noch ein Mensch“).

    Allerdings kann ich - weil ich eben Erfahrung mit Fremdenfeindlichkeit habe - nicht den Menschen Gote sehen bzw. sehe ich ihn, verachte ihn aber trotzdem. Auch weil er seine Gesinnung offen zeigt. Da kann er sich auch nicht hinter Unwissenheit verstecken, das nehme ich ihm nicht ab. Überhaupt kommt es viel zu kurz, dass sein Gedankengut verurteilt wird und meiner Meinung nach geht so etwas (das in die Richtung Toleranz/Akzeptanz/Gleichgültigkeit geht) nur, wenn man tatsächlich nicht betroffen ist.


    EDIT: Ergänzung

    Früher, als ich keine Berührungspunkte zu Menschen mit Migrationshintergrund hatte, wäre es mir wahrscheinlich wie Dora gegangen. Deswegen meine Auffassung/ Erfahrung, dass so ein Verhalten nur möglich ist, wenn man nicht unmittelbar oder mittelbar betroffen ist. Ausnahmen gibt es natürlich immer.

  • :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:


    Ein neuer Roman von Juli ZEH ist sowieso schon ein literarisches Ereignis (auf jeden Fall hinsichtlich der erwartbaren Verkaufszahlen). Hangelt sich ein solches Werk hautnah am Puls der Zeit entlang, bekommt es den Charakter eines politischen Statements. Das ist um so unvermeidbarer, als sich die Autorin auch auf anderen Kanälen in den gesellschaftlichen Diskurs offensiv einbringt.


    Es geht daher im Folgenden um ein Buch und um die darin lancierten Botschaften.

    ZEH beschreibt aus der Ich-Perspektive die Erlebnisse einer jungen - und bis dahin erfolgreichen - Werbetexterin, die sich im Rahmen einer Beziehungskrise aus dem quirligen und überdrehten Berlin in das ländliche brandenburgische Umfeld zurückzieht.

    Sie trifft dort (erwartungsgemäß) auf extrem ungewohnte und irritierende Strukturen, nicht nur räumliche, sondern vor allem soziale bzw. menschliche (daher auch der Titel, der natürlich auch noch ein Wortspiel enthält).


    Was dann erzählt wird, kann am ehesten als eine Art modernes Märchen beschrieben werden: Trotz ungünstigster Ausgangsbedingungen entwickeln sich Bezüge und Beziehungen, weil sich - wer hätte das gedacht - hinter den Zuschreibungen, Selbstinszenierungen und Klischees echte Menschen verbergen.

    Damit diese Grundbotschaft auf jeden Fall verstanden wird, trägt die Autorin ziemlich dick auf: Statt Risse in den Selbst- und Fremdbildern zu beleuchten, wird gleich eine wundersame Gegenrealität aufgespannt.

    Konkret heißt das: Der wahre Kern des vermeintlich Bösen und Abstoßenden ist nicht nur freundlich und hilfsbereit, sondern auch verletzlich und sensibel. Damit das auch ausreichend emotional aufgeladen wird, geht es auch um ein zugleich vernachlässigtes und geliebtes Kind, um unheilbare Krankheiten, einen Über-Vater und eine süße Hündin mit einem Männernamen.

    Alles ein bisschen dolle...


    Während ZEH also die mitgebrachten Vorurteile der Protagonistin Schritt für Schritt zerlegt und damit eine Lanze für die missverstandenen und abgewerteten Provinzler bricht, rechnet sie auf der anderen (urbanen) Seite geradezu unbarmherzig mit der maßlos überdrehten Klima- und Coronawelt ab.

    Hier lugen die persönlichen Einstellungen der Autorin wohl am deutlichsten hervor: Greta Thunberg hat aus dem Partner der geflüchteten Kreativen endgültig einen zwanghaften Klima-Irren gemacht; die Corona-Einschränkungen gilt es in erster Linie als bürokratischen Schwachsinn zu belächeln. Holzhammer, ich hör dich sausen...


    Auch die Figur der Ich-Erzählerin machte mich als Leser ratlos. Sie wirkt - angesichts ihrer beruflichen Karriere - oft irritierend naiv. Gut, solche inneren Widersprüche können ja eine Romanfigur durchaus interessant machen.

    Als absolut überfordernd habe ich aber wahrgenommen, dass die aus grün-links-liberalen Milieu stammende Medienfrau ihre Verbrüderung mit der archaischen Landbevölkerung vorrangig durch gemeinsames Rauchen (gemeint sind wirklich normale Zigaretten), Biertrinken, Herumfahren in Diesel-Pickups und Grillen ganzer Fleischberge zelebriert.

    Juli ZEH badet ganz offensichtlich in ihrem Anti-Mainstream-Bedürfnis. Man könnte auch sagen: Ihr - lobenswertes - Verständnis für den bodenständigen Teil unserer Gesellschaft entwickelt sich mehr und mehr zu einer unkritischen Anbiederung.


    Zum Schluss ein Wort zur Sprache. Auch in diesem Roman schafft ZEH wunderschöne Sprachbilder. Das kann sie. Hier stellt sich spontan Lesevergnügen ein.

    Ein paar Zeilen weiter ist man nicht mehr ganz sicher, ob nicht einige Warnschilder übersehen wurden, auf denen stand "Vorsicht Kitsch".


    ZEH legt einen Roman vor, mit dem sie auf der einen Seite Türen öffnet (und damit aufklärerisch und verbindend wirkt); auf der anderen Seite rechnet sie ab - und kappt dadurch die Fäden, die ja eigentlich die Gesellschaft zusammenhalten sollten.

    Warum tut sie das?

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