Bücherwichteln im BücherTreff

Louise Erdrich – Die Wunder von Little No Horse / The Last Report on the Miracles at Little No Horse

Die Wunder von Little No Horse

4.5 von 5 Sternen bei 3 Bewertungen

Band 6 der

Verlag: Aufbau-Verlag

Bindung: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 509

ISBN: 9783351037864

Termin: November 2019

Anzeige

  • Verlagstext

    Mehr als ein halbes Jahrhundert hat Vater Damien Modeste sich ganz in den Dienst seines geliebten Stammes der Ojibwe im abgelegenen Reservat Little No Horse gestellt. Nun da sein Leben zu Ende geht, muss er fürchten, dass das große Geheimnis seines Lebens doch noch ans Licht kommen könnte: er ist in Wahrheit eine Frau.

    In ihrem bislang nichts ins Deutsche übertragenen Meisterwerk erkundet Louise Erdrich das Wesen der Zeit und den Geist einer Frau, die sich gezwungen fühlte, sich selbst zu verleugnen, um ihrem Glauben dienen zu können. Ein Buch mit Herz, großartig erzählt.


    Die Autorin

    Louise Erdrich, 1954 in Little Falls, Minnesota als Tochter einer Indianerin und eines Deutschamerikaners geboren, wuchs in North Dakota auf. Sie wurde für ihre Romane und Lyrikbände mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. In Deutschland war sie vor allem mit den Romanen Die Rübenkönigin und Liebeszauber erfolgreich. Sie lebt mit ihren fünf Kindern in Minnesota.

    Biografie bei Fembio


    Der Roman-Zyklus

    Liebeszauber (1984), Die Rübenkönigin (1986), Spuren (1988), Der Bingo-Palast (1994), Geschichten von brennender Liebe (1996), Die Wunder von Little No Horse (2001), Four Souls (2004, noch nicht übersetzt), Der Klang der Trommel (2005).

    "Die Wunder von Little No Horse" ist in der Reihenfolge des Erscheinens der 6. Von 8 Romanen, verschiedene Quellen geben allerdings unterschiedliche Leseempfehlungen für die Reihenfolge. Die Webseite Fembio empfiehlt Spuren (1988), Die Wunder von Little No Horse (dt. 2019), Die Rübenkönigin (1986) Liebeszauber (1984), Der Bingo-Palast (1994) und Geschichten von brennender Liebe (1996).


    Die Handlung spielt in einem fiktiven Ojibwe-Reservat in North Dakota und legt wie die anderen Romane des Zyklus Augenmerk auf „fluide“ Figuren, die zwischen den Kulturen stehen, wie auch genderfluide Figuren (Two-Spirits), die man als drittes Geschlecht ansehen könnte und die unter dem repressiven Einfluss der Weißen inzwischen nahezu verschwunden sind.


    Inhalt

    Father Damien Modeste, als Gottes irdischer Diener auf dem Außenposten eines Ojibwe-Reservats tätig, ist sichtlich vom Alter gebeugt, aber immer noch geistig rege. Im Laufe des Tages ermüdet er jedoch schnell und ist von Schwerhörigkeit und Arthritis geplagt. Der Pater hat über 80 Jahre hinweg immer wieder an jeden einzelnen Papst in Rom geschrieben, ohne je eine Antwort zu erhalten. Father Damiens Geheimnis bleibt Louise Erdrichs Lesern nicht lange verborgen. Wenn er seine Amtstracht ablegt, wickelt er stets auch die Bandagen um die Brüste ab; denn Damien ist in Wirklichkeit die leidenschaftliche Klavierspielerin Agnes Dewitt. Der Pater hat nicht etwa sein Geschlecht angeglichen, sondern als „sie-er“ denkt und fühlt Agnes, wird jedoch im Handeln stets zu Father Damien. Auf zwei Zeitebenen spielen sich die Ereignisse in „Little No Horse“ ab, beginnend mit Damiens Ankunft im Reservat 1912 und in der Gegenwart 1996. Agnes hat vor langer Zeit die Gelegenheit beim Schopf gepackt, Kleidung und Besitztümer eines toten Priesters zu übernehmen und in seine Rolle zu schlüpfen. Als ehemalige Organistin fällt es ihr nicht schwer, eine Messe zu lesen und die Beichte abzunehmen; auch wenn in mancher Situation ihr Nachholbedarf auf geistlichem Terrain deutlich wird. Daran, dass jemand den echten Damien Modeste gekannt haben kann oder dass die Ojibwe sie durchschauen könnten, mag Agnes lieber nicht denken. So wenig Agnes die Notwendigkeit reflektiert, Indianerstämme überhaupt zu missionieren und deren Kultur auszuradieren, so wenig ist ihr ihre Körpersprache als kräftige Bauersfrau bewusst und ihre Wirkung auf die Ojibwe.


    Agnes habe ich als tragische Figur erlebt, die sich nicht bewusst ist, dass die Ojibwe Geschlechtsrollen nicht unverrückbar zuschreiben wie die Weißen, sondern dass jeder Stammesangehörige eine Rolle auszufüllen hat, die dem Überleben der Gemeinschaft dient. Stirbt ein Stamm z. B. nahezu aus durch die Krankheiten, die die Weißen eingeschleppt haben, kann das Überleben weniger Menschen davon abhängen, dass Nahrung erjagt, Holz gehackt und Kranke gepflegt werden. Ob ein Mann die Rolle einnimmt, die vierte Frau eines Stammesoberhaupts oder eine unverheiratete Frau, ist dabei belanglos. Aus diesem Grund war die erfahrene Jägerin Mashkiigikwe für mich eine zentrale Figur des Romans, deren Rolle Agnes hätte stutzig machen müssen.


    Erdrich erzählt von der Grippe-Epidemie 1918, von erbitterten Clan-Fehden, korrupten Nonnen, Missbrauch, ihren Eltern gewaltsam entfremdeten Kindern und raffinierten Weißen, die sich das Land der Ojibwe unter den Nagel reißen. Am Lebensende müsste Father Damien eigentlich Abbitte leisten, dass er seine Gemeinde nicht vor Spekulanten schützen konnte – und der jeweilige Papst offenbar auch nicht.


    Fazit

    Louise Erdrich zeichnet wie in ihren vorhergehenden Romanen mit zarter Ironie glaubwürdige, bodenständige Figuren, denen bizarre Dinge aus der Welt des Animismus zustoßen. Allein durch die Zahl der Personen und Identitäten erfordert „Die Wunder von Little No Horse“ (engl. 2001) höchste Konzentration. Das Thema des dritten Geschlechts/der Two-Spirits könnte nicht aktueller sein als heute. Allerdings fehlt mir außer einer Personenliste gerade zum Geschlechtsrollen-Verständnis von First Nations Bonusmateriel im Buch für Neueinsteiger in Erdrichs Werk und Leser, die die ersten Bände des umfangreichen Romanzyklus bereits vor 30 Jahren gelesen haben.


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb:

  • Wie schön, dass dieser Roman endlich auf Deutsch erschienen ist.


    Er bietet fesselnde Geschichten und bewegende Schicksale rund um das fiktive Reservat Little No Horse mit der brüchigen, aber herzensguten Figur des Father Damien im Mittelpunkt. Wie immer spürt Louise Erdrich kundig und sensibel den Identitäten und Reibungsflächen von bzw. zwischen den nordamerikanische First Nations, den Nachkommen der weißen Siedler sowie den verschiedenen Generationen von Menschen gemischter Herkunft nach, die zwischen den Kulturen herumwandern, sich immer wieder neu verorten, um Zugehörigkeit ringen oder diese verlieren. Die häufige Springerei durch die Generationen, vor und zurück und wieder vor und zurück, macht bei den vielen Figuren im Roman die Familien- sowie die Freundschafts- oder Feindschaftsverhältnisse dann leider recht unübersichtlich. Manchmal war es für mich schwer erkennbar, welcher Generation eine bestimmte Figur jetzt angehört, oder es gab Verwirrung bei den familiären Verflechtungen. Besonders bei den sehr ähnlichen Namen Mary Kashpaw und Marie Lamarre / später Kashpaw (bei der im Stammbaum "Lamarre", in den Buchkapiteln aber i.d.R. "Kashpaw" als Nachname steht) war mir streckenweise nicht klar, ob das jetzt eine Figur ist oder zwei verschiedene Figuren - deren Geschicke sind für mich also zum Teil verschmolzen. (Das alles war jedoch nichts im Vergleich mit dem Figurenchaos in Erdrichs Roman "Solange du lebst"... :lol: )


    Für religiös interessierte Menschen bietet der Roman zahlreiche spannende Themen: merkwürdige Berufungsgeschichten (wobei mir die von Schwester Cecilia als Nonne fehlte); zum Schmunzeln, aber auch zu Trauer anregende verkappte Heiligenlegenden; Gedanken zu den wechselseitigen Beeinflussungen von Katholizismus und indianischem Animismus, wobei das Selbstverständnis und manche theologischen Grundfesten der katholischen Kirche kräftig gegen den Strich gebürstet werden; gute und ungute Auswüchse des kontemplativen wie des aktiven Christseins; die gemeinschaftsstiftende Wirkung von Kommunion und (Friedens-)Pfeife... :lol:
    Erdrichs Spielart des magischen Realismus gefällt mir dabei ausgesprochen gut - Träume, Visionen und Ausflüge in Parallelwelten fügen sich organisch ins Geschehen ein und stehen ihm nicht losgelöst gegenüber.


    Dieser Roman ist nun neben "Ein Lied für die Geister" mein Lieblingsroman von Louise Erdrich. Ich freue mich bereits darauf, bald den Vorgänger "Spuren" zu lesen, und bin auch auf den Nachfolgeroman "Die Rübenkönigin" gespannt.


    Fazit: LeserInnen, sie sich für die indianischen Kulturen Nordamerikas, komplexe Figuren, das Spiel mit Geschlechterrollen sowie das Selbstverständnis und die Arbeitsfelder von Kirche im Spannungsverhältnis der Reibung (oder auch Überlagerung) mit anderen Religionen interessieren, können hier zugreifen.


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb:

    Lg Sarange :cat:


    :study: Hajar Taddigs - Onkel Hassans wundersame Wiederauferstehung in einem alten Mercedes

    :study: Jørn Lier Horst - Winterfest / Vinterstengt

    :study: Astrid Lindgren - Madita


    :musik: Maja Lunde - Die Geschichte der Bienen (letztes oder vorletztes Jahr schonmal gelesen)

Anzeige