John Lanchester - Die Mauer / The Wall

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Die Mauer

3.1|8)

Verlag: Klett-Cotta

Bindung: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 348

ISBN: 9783608963915

Termin: Januar 2019

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  • Alle reden über den Klimawandel, manche leugnen, dass es ihn gibt, doch in diesem Buch sind die Folgen da. Wir sind in nicht all zu ferner Zukunft in Großbritannien, das sich gegen die Gefahren von außen mit einer endlos langen, hohen Mauer umgeben hat. Jeder junge Bewohner hat seinen Dienst auf der Mauer zu leisten. Nun stehen Joseph Kavanagh zwei lange Jahre Mauerdienst bevor. Es wird ihm viel abverlangt, doch die Strafe für ein Versagen ist hart, denn für jeden Eindringling wird ein Verteidiger dem Meer überlassen, was den sicheren Tod bedeutet.

    Joseph fügt sich in diese Verantwortung. Seine Einheit wird zur Familie und zu Hifa fühlt er sich hingezogen. Wachdienst, Kampfübungen und Ruhephasen gibt es in stetem Wechsel, immer vorbereitet auf den Ernstfall. Dann wird es ernst.

    Es ist John Lanchester hervorragend gelungen, mit dieser dystopischen Geschichte aufmerksam zu machen auf die aktuelle politische Lage und was es bedeutet, wenn auf der einen Seite Menschen infolge des Klimawandels in ihrer Heimat nicht mehr leben können und auf der anderen Seite sich einige Länder immer mehr abschotten.

    Der Schreibstil ist recht sachlich und es gibt keinen erhobenen Zeigefinger. Die Geschichte ist spannend, obwohl lange nicht viel passiert, und sie regt zum Nachdenken an.

    Mich hat dieses stoische Hinnehmen der Umstände etwas gestört. Es wird einfach akzeptiert und nie hinterfragt, ob das alles gut und richtig ist.

    Es ist schwierig, dieses Buch zu beurteilen. Ich kann nicht sagen, dass es mir gefallen hat und doch hat es mich beeindruckt. Auf jeden Fall klingt die Geschichte nach und man fragt sich, wie man selbst sich in dieser Lage verhalten würde.

  • K.-G. Beck-Ewe

    Hat den Titel des Themas von „John Lanchester - Die Mauer“ zu „John Lanchester - Die Mauer / The Wall“ geändert.
  • Für mich war "Die Mauer" ein außergewöhnlicher Roman, der mich eine ganze Weile beschäftigt hat. Dystopische Szenarien sind mir geläufig, die Thematik schreckt und fasziniert mich gleichermaßen, so dass ich gern darüber lese. Doch diese Geschichte ist mir besonders unter die Haut gegangen. Zum einen weil vieles so plausibel wirkt und bereits jetzt in unserer Gesellschaft zu spüren ist, wie z.B. die Abschottung gegen „ Andere“ , sowie die Skrupellosigkeit und Gier, mit der knapper werdende Resourcen beansprucht werden ohne Rücksicht auf Verluste. Es ist zu befürchten, dass der Kampf ums Überleben in unserer sich zunehmend verändernden Welt ähnlich brutal geführt werden könnte wie hier. Zum größten Teil aber wegen der ungewöhnlichen Erzählweise, die mich, obwohl insgesamt eher nüchtern, begeistern konnte mit ihren philosophischen Momenten und den atmosphärisch ungeheuer eindringlichen Beschreibungen. Verblüffende Wendungen, dramatische Ereignisse und tatsächlich auch eine vorsichtig zarte Liebesgeschichte halten den Spannungsbogen oben, unterbrechen die gelegentlich aufblitzende, sicher so beabsichtigte Monotonie, kurz bevor es monoton wird *g*.


    Zum Inhalt möchte ich nichts weiter sagen, weil ich es gerade spannend fand, eben nicht zu wissen, wo es hingehen wird. Die Kurzbeschreibung hält sich hier schon sehr bedeckt, mit Recht, wie ich finde.


    „Kälte“ dominiert die ersten Seiten auf eine sprachlich geniale Weise, fühlt sich aber auch ein wenig befremdlich an und ist ein zwar interessanter, aber nicht unbedingt mitreißender Einstieg „Kälte ist Kälte ist Kälte“…


    Joseph Kavanaugh, der junge Mann, aus dessen Perspektive erzählt wird, beginnt seinen Dienst auf der Mauer, eine Art zweijähriger Wehrpflicht, denn: „In Großbritannien gilt das Gesetz des Stärkeren. Das Land ist von einer hohen Mauer umgeben, die von den Bewohnern um jeden Preis gegen Eindringlinge verteidigt wird.“

    Kavanaughs Weg mitzugehen, seinen Blick auf diese Welt, seine Frustration und seine Hoffnungen zu teilen und die Entwicklung seiner Persönlichkeit mitzuerleben, hat mich nach anfänglicher Distanz zunehmend fasziniert an dieses Buch gefesselt.


    John Lanchester kenne ich aus seinem Roman Kapital als großartigen Erzähler, und die Art und Weise, wie er dieses beklemmende Thema anpackt und darstellt, bestätigt diesen Eindruck. Eine erschreckend realistische Dystopie, ich bin gespannt auf sein nächstes Werk.

  • Verstörend

    Das ist eine Zukunftsperspektive, die den Leser nicht in zeitliche und geographische Fernen führt. Vor unserer Haustür entfaltet sich eine neue Daseinsform, vielleicht nur wenige Jahre nach unserer heutigen Gegenwart angesiedelt. Gewiss, die Prothese unserer heutigen Kommunikation, das Handy ist immer noch existent, im Roman Kommunikator genannt. Aber alle andere Infrastruktur ist auf ein unvorstellbar niedriges Niveau zurückgefallen. Die Gesellschaft Großbritanniens agiert am Limit, die Bedrohung prägt das gesamte politisch, wirtschaftliche, soziale Leben. Bis in den allerpersönlichsten Bereich sind die Konsequenzen des ‚Wandels‘ präsent. Entlarvend, dass Kavanagh, der Ich-Erzähler, beiläufig erfährt, dass dieses Stadium globaler Entwicklung auf Suaheli ganz anders benannt wird: das Ende. Kavanagh berichtet von seinem Weg durch die Welt in wuchtigen, archetypischen Bildern. So karg und schmucklos die Sprache ist, gebannt begleitet der Leser seine Hauptfigur, die Welt ist verstörend wiedererkennbar, wenn auch vollkommen verändert. Lapidar wird es wiederholt konstatiert: die Generation der Eltern trägt die Verantwortung für den Zustand der Welt, in der Kavanagh und seine Altersgenossen leben, die sie verteidigen müssen. Eine Lektüre, die plastisch vor Augen führt, wohin die Reise führen ... kann? Oder zwangsläufig führen wird?

    Mein Urteil: 5 Sterne

  • Es ist kalt auf der Mauer


    Die Mauer, Dystopie von John Lanchester, 320 Seiten, erschienen bei Klett – Cotta.


    Ein sehr aktueller Zukunftsroman von John Lanchester über Klimawandel, Migration, Zukunftsangst.
    Dieser Roman schildert was passieren könnte, wenn wir unser Umweltbewusstsein nicht ändern. Und wie unsere Kinder und Enkel einst die Folgen dafür zu tragen haben.


    Nach dem „Wandel“ ist der Meeresspiegel soweit angestiegen, dass Großbritannien, bzw. was davon noch zu sehen ist, mit einer riesigen Mauer umgeben werden muss. Zum Schutz vor dem Wasser aber hauptsächlich vor den „Anderen“. In dieser Zeit scheint Britannien der einzige Ort zu sein, an dem es sich noch einigermaßen gut leben lässt. John Kavanagh beginnt, wie alle jungen Briten seinen Dienst an der Mauer. D. H. sein Land gegen eindringende Flüchtlinge zu verteidigen. Für jeden Anderen, der es über die Mauer schafft, muss ein Verteidiger hinaus aufs Meer. Was John auf der Mauer erlebt und was er dort findet und verliert, ist in dieser Dystopie formidabel beschrieben.
    Die 320 Seiten des Romans sind in drei Teile gegliedert, Die Mauer, Die Anderen und Das Meer. Diese teilen sich in 25 Kapitel auf. Die einzelnen Kapitel sind mit einer Kapitelzahl versehen und in einer leserfreundlichen angenehmen Länge. Oft endet ein einzelnes Kapitel , besonders die im 2. Und 3. Teil so spannend, dass ich das Buch nur schwer zur Seite legen konnte. Das sorgt für ein hohes Lesetempo. Die 2.Hälfte habe ich in einem Rutsch ausgelesen, weil ich wissen wollte wie die Geschichte zu Ende geht. Der Autor erzählt in einer ausdrucksstarken, bildmalerischen Sprache aus der Sicht des Protagonisten John Kavanagh. Jederzeit ist der Leser somit ganz nahe am Geschehen. Schon zu Beginn war ich gefangen genommen, z.B. von der Beschreibung, wie der Protagonist an der Mauer ankommt und sie betritt, jede einzelne Stufe bin ich mit ihm emporgestiegen. Immer wieder schaffte es Lanchester mich mit den Augen des Hauptcharakters „sehen und fühlen“ zu lassen, das ist ihm wirklich hervorragend gelungen. Der Protagonist hat in diesem Roman eine beachtliche Wandlung gemacht. Seine anfängliche Einstellung den Eltern gegenüber finde ich schäbig, nicht sie allein und nicht ihre Generation allein ist für den Wandel verantwortlich. Doch im Verlauf der Geschichte wurde er immer sympathischer, da durch den Dienst, die Kameradschaft und spätere Notlage sein Charakter sich positiv veränderte. Die Beschreibung seiner Gefühle in Extremsituationen war einfach nur genial. Den Wind und die Kälte auf der Mauer habe ich beim Lesen gespürt, den ersten Energieriegel, den John auf der Mauer aß, habe ich selbst geschmeckt, unglaublich stark erzählt. Einige Sätze haben mich zum Nachdenken gebracht, z.B. auf S.46 „Wir haben die Welt zerstört und haben kein Recht mehr sie noch weiterhin zu bevölkern“. Oder auf S. 257 „Wenn ich ein Anderer war und sie Andere waren, dann war vielleicht keiner von uns mehr ein Anderer, sondern wir waren stattdessen einfach nur ein neues Wir“. In der ersten Hälfte des Buches geschieht nichts Aufregendes, aber das Unaufgeregte ist so genial beschrieben, dass es überhaupt nicht langweilig wird. Als später im Buch eine effektvoll inszenierte Wende eintritt, stieg die Spannung enorm. Die Charaktere sind gut gelungen, die Handlung ist nachvollziehbar.

    Diese Geschichte hat mich berührt, mich nachdenklich gemacht und wird wohl noch einige Zeit nachwirken. Das Buch beginnt mit demselben Satz, mit dem es auch endet: Es ist kalt auf der Mauer. Von mir einen absolute Leseempfehlung und wohlverdiente 5 Sterne – volle Punktzahl.:bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    :study::musik::montag:


    Und wenn mir alle Königskronen für meine Bücher und meine Freude am Lesen angeboten wären: Ich würde sie ausschlagen.
    François Fénelon

  • "Es ist kalt auf der Mauer." Das ist das erste, was der junge Kavanagh lernt, als er seinen Dienst auf dem gefürchteten Bauwerk antreten muss. Und es wird genau dieses Zitat sein, welches dem Roman einen Rahmen gibt. Nach der so genannten "Wende" hat Großbritannien sich mit einer riesigen Mauer rund um die Küste abgeschottet. Feindbild und Angstfaktor sind hauptsächlich "die Anderen", diejenigen auf der falschen Seite der Mauer, die sich nicht einfach dem staatlichen Willen unterordnen wollen.

    Protagonist des Romanes ist Kavanagh, der sich im Laufe der Handlung den Spitznamen "Yeti" einhandelt. Wie alle jungen Menschen muss er einen zweijährigen Dienst auf der Mauer hinter sich bringen, sie mit seinem Leben verteidigen, gegen einen Feind, den er selbst nie zu Gesicht bekommen hat. Nur die "Fortpflanzler", die ihr Leben allein auf den Fortbestand der Gesellschaft ausrichten, haben die Chance, der Verteidigung dieser gnadenlosen Betongrenze zu entfliehen.

    Es ist zunächst eine ereignislose Zeit, die Yeti auf der Mauer verbringt und genau dieser ewig gleiche Tagesablauf, das konzentrierte Warten auf einen Angriff, das stundenlange Stillstehen am selben Fleck - das ist die eigentliche Herausforderung auf der Mauer. John Lanchester gelingt es, diese besondere Situation auch sprachlich einzufangen, indem er seinen Protagonisten alles im Detail beschreiben lässt. Den Ausblick auf der Mauer, die Kälte, die in verschiedenen Typen auftritt, die Angst vor einem feindlichen Überfall und die unfassbare Stille und Einsamkeit während der Schicht.

    Gemeinsam mit den Kameraden seiner Kompanie gelingt es Kavanagh, sich durch jeden einzelnen Tag des Dienstes auf der Mauer zu kämpfen. Mit Shoona, die sich mit ihm eine Schicht teilt. Mit Hifa, die seine erste Liebe werden soll. Und mit Hughes, seiner Wachablösung, dem er eigentlich immer nur an zwei kurzen Momenten des Tages begegnet. Doch dann, eines Tages, tritt der gefürchtete Ernstfall ein: ein Angriff der Anderen. Nun muss Kavanagh beweisen, aus welchem Holz er geschnitzt ist und auf welcher Seite er in diesem Kampf eigentlich steht.

    Es ist ein beklemmend aktueller Roman, obwohl er genretechnisch zu den Dystopien zählt. Vergleiche zu Präsidenten, die Mauern bauen oder Gesellschaften, die sich verzweifelt gegen alles "Andere" abschotten wollen, drängen sich geradezu auf. Es ist John Lanchesters Verdienst und seine Kunst, die Feinde in seinem Roman so undeutlich und austauschbar zu zeichnen, das jede beliebige Nation, Religion etc. eingesetzt werden kann. Was macht jemanden "anders"? Und sind wir aus einen anderen Blickwinkel nicht selbst "die Anderen"? Das sind Fragen, denen der Autor in seinem Roman nachgeht. Die Mauer wird dabei zur Metapher für allzu vieles, das sich gerade in der Welt abspielt.


    Fazit: ein wichtiges, aber auch erschreckend reales Buch :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb:

  • buchregal Ich hab in deinen Beitrag einen Spoiler gesetzt, da dieser Teil doch sehr viel vom Ende verrät :wink:


    Ich habe das Buch jetzt auch gelesen und kann Euch in vielem zustimmen. Ganz besonders der erste Teil des Buches hat mich gefangen genommen wegen der dichten, atmosphärischen Schreibweise von Lanchester. Besonders den ersten Absatz empfinde ich als einen genialen Einstieg in das Setting und die Geschichte:

    Zitat von Lanchester

    Es ist kalt auf der Mauer. Das ist das Erste, was einem jeder erzählt, und auch das Erste, was einem auffällt, wenn man dorthin versetzt wird. Das ist es, woran man die ganze Zeit denken muss, wenn man sich auf ihr befindet, und daran erinnert man sich, wenn man nicht mehr dort ist. Es ist kalt auf der Mauer.

    Ich hab begonnen zu lesen und dachte "wow" :applause:

    wegen der ungewöhnlichen Erzählweise, die mich, obwohl insgesamt eher nüchtern, begeistern konnte mit ihren philosophischen Momenten und den atmosphärisch ungeheuer eindringlichen Beschreibungen

    Schon zu Beginn war ich gefangen genommen, z.B. von der Beschreibung, wie der Protagonist an der Mauer ankommt und sie betritt, jede einzelne Stufe bin ich mit ihm emporgestiegen. Immer wieder schaffte es Lanchester mich mit den Augen des Hauptcharakters „sehen und fühlen“ zu lassen, das ist ihm wirklich hervorragend gelungen.


    Genau wie Smoke denke ich, dass gerade im ersten Teil diese Erzählweise in ihrer Dichtheit das große Plus der Geschichte ist. Lanchester versteht es, die Monotonie und deren Herausforderung so perfekt zu transportieren, dass man mit Kavanaugh auf der Mauer steht beim Lesen.

    Es ist zunächst eine ereignislose Zeit, die Yeti auf der Mauer verbringt und genau dieser ewig gleiche Tagesablauf, das konzentrierte Warten auf einen Angriff, das stundenlange Stillstehen am selben Fleck - das ist die eigentliche Herausforderung auf der Mauer.

    In unserer hektischen Zeit vermittelt Lanchester einen perfekten Kontrapunkt mit dieser Ereignislosigkeit, die wir uns normalerweise gar nicht mehr vorstellen können. Aber in diesem Teil des Buches lernt man sie kennen und empfindet sie nach in all ihrem Grauen - Stehen, Frieren, Warten, Frieren, Stehen, Frieren ....


    Aber alle andere Infrastruktur ist auf ein unvorstellbar niedriges Niveau zurückgefallen. Die Gesellschaft Großbritanniens agiert am Limit, die Bedrohung prägt das gesamte politisch, wirtschaftliche, soziale Leben. Bis in den allerpersönlichsten Bereich sind die Konsequenzen des ‚Wandels‘ präsent.

    Hier sehe ich allerdings auch den ersten Kritikpunkt: ich erfahre zu wenig über das, was im Land an Veränderung da ist. Eigentlich erfährt man nur, dass es eine Elite gibt und die normalen Bürger, aber über das normale Leben erfährt man nichts außer dass jeder Dienst tun muss und man mit den inländischen Ressourcen klar kommen muss. Aber das ist sehr wenig an Information. Ich glaube zwar, dass Lanchester das mit Absicht tut und den Schwerpunkt auf ...

    weil vieles so plausibel wirkt und bereits jetzt in unsererGesellschaft zu spüren ist, wie z.B. die Abschottung gegen „ Andere“ , sowiedie Skrupellosigkeit und Gier, mit der knapper werdende Resourcen beanspruchtwerden ohne Rücksicht auf Verluste.


    ... die von Smoke aufgeführten Dinge legt, aber ich hätte mir hier ein etwas detaillierteres Bild gewünscht - nicht zu viel, aber eben auch nicht so wenig.

    Mich hat dieses stoische Hinnehmen der Umstände etwas gestört. Es wird einfach akzeptiert und nie hinterfragt, ob das alles gut und richtig ist.

    Das fand ich sogar noch nachvollziehbar, dass unter den gegebenen Umständen nicht viel hinterfragt wird. Zumal der Protagonist noch sehr jung ist und die meisten Menschen erst später in ihrem Leben hinterfragen, was sich in ihrer Gesellschaft eigentlich abspielt oder vorher abgespielt hat, warum die Welt so ist wie sie ist. Aber mir geht es auch wie ele:


    Seine anfängliche Einstellung den Eltern gegenüber finde ich schäbig, nicht sie allein und nicht ihre Generation allein ist für den Wandel verantwortlich.

    Mir war das auch zu wenig - er verachtet seine Eltern, aber er setzt sich nie mit ihnen auseinander. Ja, Jugendliche haben häufig diese Tendenz, v.a. wenn sie mit dem Leben der Eltern nicht einverstanden sind, aber hier wird diese Verachtung für die Eltern einfach nur platt in den Raum gestellt und nichts hinterfragt. Kavanaugh nimmt es als selbstverständlich an, dass seine Eltern alles für ihn tun, aber gleichzeitig verweigert er jede Kommunikation und Auseinandersetzung mit ihnen als Mensch. Das passt nicht zur Geschichte und nicht zum Protagonisten, jedenfalls für mein Empfinden.


    Tja, und dann verschenkt der Autor meines Erachtens im letzten Drittel der Geschichte viel Potenzial. Der 3. Teil verliert für mich schon an Glaubwürdigkeit in dem Moment, in dem die Handelnden dieses Teils zu Tage treten. Ab dem Moment wird die Geschichte für mich immer banaler, die "Zufälle" unglaubwürdiger und konstruierter und das Ende hätte er sich in dieser Art schenken können. Das finde ich schade, denn bis dahin hat mich der Roman fasziniert. Ich kann nicht sagen, welches Ende ich an Lanchesters Stelle schreiben würde, aber so passt es für mich gar nicht.


    Vergleiche zu Präsidenten, die Mauern bauen oder Gesellschaften, die sich verzweifelt gegen alles "Andere" abschotten wollen, drängen sich geradezu auf. Es ist John Lanchesters Verdienst und seine Kunst, die Feinde in seinem Roman so undeutlich und austauschbar zu zeichnen, das jede beliebige Nation, Religion etc. eingesetzt werden kann.

    Hier kann ich mich Naraya im Gesamtfazit anschließen: Lanchester hat es geschafft, eine Geschichte zu schreiben, die wirklich für alle ein Mahnmal bilden kann, ganz gleich wo auf unserer derzeitigen Welt - jedenfalls bis zum letzten Drittel.

    Was macht jemanden "anders"? Und sind wir aus einen anderen Blickwinkel nicht selbst "die Anderen"? Das sind Fragen, denen der Autor in seinem Roman nachgeht.

    Und auch hier schließe ich mich ihr an wobei ich gut finde, dass der Autor uns keine Antworten gibt, die müssen wir uns schon ehrlicherweise selbst geben.


    Trotzdem kann ich mich nur zu :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb: durchringen weil ich der Meinung bin, dass der Autor im letzten Drittel leider mehr den Effekten Raum gibt als einer passenden Weiterführung des Plots. Das ist sehr schade. Aber Schreiben, Schreiben kann er stilistisch gut!

    viele Grüße vom Squirrel

    :study: Laura Spinney - 1918. Die Welt im Fieber

  • Zu deinem Spoiler Squirrel , am besten auch in Spoiler :)


    Aber ich bin insofern deiner Meinung, als das Ende sich anders anfühlt als der Beginn, deutlich weniger originell und eindringlich.

    Ich kann nicht sagen, welches Ende ich an Lanchesters Stelle schreiben würde, aber so passt es für mich gar nicht.

    Vielleicht wusste Lanchester es auch nicht (besser zu Ende zu bringen) :geek:.

    Aber ich bin immer noch der Ansicht, dass gerade diese isolierte Betrachtung durch die Augen der Hauptfigug zusammen mit den wenigen Informationen zur Gesamtsituation die besondere Intensität dieses Romans ausmachen. Auch wenn ich selbst neugierig gewesen bin - manchmal ist weniger eben doch mehr :).

  • deutlich weniger originell und eindringlich.

    und gerade das finde ich sehr schade, denn die ersten beiden Teile der Geschichte sind extrem eindringlich geschrieben und gehen unter die Haut. Das finde ich richtig gelungen.


    Vielleicht wusste Lanchester es auch nicht (besser zu Ende zu bringen) :geek: .

    Vielleicht hätte er es dann einfach mit Teil 2 enden lassen sollen? Ich denke, das hätte durchaus auch funktioniert. :-k

    viele Grüße vom Squirrel

    :study: Laura Spinney - 1918. Die Welt im Fieber

  • Oh ja, das wären "Enden" gewesen, die deutlich mehr unter die Haut gegangen wären.


  • Danke für's Zitieren unserer Rezensionen, liebe Squirrel - ich finde es immer schön, wenn sich so Diskussionen ergeben.


    Zum Dienst auf der Mauer:
    Das fand ich auch so ein starkes Bild, diesen Dienst auf der Mauer. In unserer Zeit, wo wir doch eigentlich immer irgendwie beschäftigt sind, sei es mit Arbeit oder mit Freizeit, ist es doch (mit) eine der größten Ängste, mit sich völlig allein zu sein und nichts zu haben, was man tun kann, niemand, mit dem man sprechen kann. Deswegen gehen doch auch Menschen gezielt zur Besinnung in Klöster, weil wir diese Erfahrung im normalen Alltag gar nicht mehr machen können (und wollen).


    Zu dem Eltern-Kind-Konflikt:

    Ich sehe Kavanagh jetzt nicht unbedingt als den großen Redner oder als jemanden, der sich in Gesprächen oder sogar im Streit mit jemandem auseinandersetzt. Deswegen hat mich nicht gewundert, dass seine Haltung zu seinen Eltern so ist, wie sie ist. Auf der anderen Seite würde ich das auch auf dieses "vor der Mauer" und "nach der Mauer" schieben. Er sagt ja irgendwo, meine ich, dass ihm seine Eltern eigentlich nichts mehr zu sagen haben, weil die nie diese Erfahrung der Mauer machen mussten, er aber schon. Das heißt natürlich nicht, dass sein Verhalten richtig ist, aber dieses Vorher-Nachher hat quasi so eine Lücke zwischen ihm und seinen Eltern geschaffen, dass sie nicht überwunden werden kann. Die Mauer trennt quasi ganze Generationen und wenn es sich teilweise nur in den Köpfen und Herzen abspielt.


    Zum Schluss:

    Generell ist mir nur mal wieder aufgefallen, dass in zeitgenössischen Romanen oft so episodenhaft erzählt wird. Zuletzt ging mir das mit "Die Geschichte der schweigenden Frauen" so, aber ich könnte auch jede Menge andere Romane aufzählen. Irgendwie treffe ich es nur noch selten an, dass eine Handlung einen Anfang und ein Ende hat und nach diesem Ende nicht noch 1000 Fragen offen bleiben. Geht euch das auch so? Woran liegt das? Neigen viele Schriftsteller zu epischen Themen, räumen ihnen dann aber nicht genug Platz ein?


    Bei "Die Mauer" kann ich nämlich von mir sagen, dass ich dieses Ausschnitthafte einfach hingenommen habe, weil es Gang und Gäbe zu sein scheint. Klar hätte ich gerne noch mehr über die Hintergründe des Wandels, über das Leben der Anderen und das "Danach" erhalten, aber eigentlich war mir von Vornherein klar, dass es das alles vermutlich in der Ausführlichkeit nicht geben wird.

  • ich finde es immer schön, wenn sich so Diskussionen ergeben.

    Ich auch und gerade bei diesem Buch gibt es viel Raum für Diskussionen :)


    Aber ich bin immer noch der Ansicht, dass gerade diese isolierte Betrachtung durch die Augen der Hauptfigug zusammen mit den wenigen Informationen zur Gesamtsituation die besondere Intensität dieses Romans ausmachen. Auch wenn ich selbst neugierig gewesen bin - manchmal ist weniger eben doch mehr :)

    Prinzipiell geb ich Dir recht und ich wünsche mir auch ganz sicher kein episches Auswalzen der derzeitigen Lebensumstände, denn das würde für mich auch gar nicht zur Geschichte und zum Setting passen. Aber es war mir dennoch ein bisschen zu wenig, grade bei der Gegenüberstellung der Elite zur normalen Bevölkerung. Denn auf der einen Seite stellt er diese ja mit der einen Figur in den Raum/in den Plot, aber gleichzeitig lässt er genau diesen Konflikt der zwei Schichten völlig offen, er gibt nur den Typus vor (und den auch noch sehr negativ für die Elite).

    Auf der anderen Seite würde ich das auch auf dieses "vor der Mauer" und "nach der Mauer" schieben. Er sagt ja irgendwo, meine ich, dass ihm seine Eltern eigentlich nichts mehr zu sagen haben, weil die nie diese Erfahrung der Mauer machen mussten, er aber schon.

    Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, ist dieser Eltern-Sohn-Konflikt aber schon vor dem Dienst vorhanden. Kavanaugh beschreibt sehr detailliert, dass seine Eltern schon immer von Schuldgefühlen ihm gegenüber geprägt seien und er ihnen aber nicht verzeihen könne. Das ist schon ziemlich manifest im Charakter. Von daher hätte ich mir etwas mehr Differenziertheit erhofft, aber die Eltern bleiben schablonenhaft und nebulös und mit ihnen das komplette "Davor". Mit Hifa und ihrem Verhältnis der Mutter gegenüber ist es ja ähnlich, wenn auch der Grundkonflikt ein anderer ist. Ist also die Eltern-Kind-Problematik ein generelles gesellschaftliches Problem nach "dem Wandel" oder ist es nur figurenbezogen?

    Das heißt natürlich nicht, dass sein Verhalten richtig ist

    Das wollte ich prinzipiell auch gar nicht werten, richtig oder falsch ist manchmal schwer zuzuordnen. Aber es fehlt jegliche Ausdifferenzierung seines Verhaltens, es wird einfach komplett auf ein "Ihr-seid-schuld-an-meiner-Misere" heruntergebrochen. Genauso wird auch das Verhalten der Eltern nicht hinterfragt, die ihrem Sohn - überspitzt ausgedrückt - Puderzucker in den Allerwertesten pusten vor lauter Schuldgefühlen.

    Ob das wirklich für die Geschichte per se wichtig ist, sei dahingestellt (für die eigentliche Handlung ist es total unwichtig) - aber mir hat es gefehlt, zumal es der Charakterisierung von Kavanaugh gut getan hätte nach meinem Empfinden.


    Zu deinem und Smoke s Spoiler:

    Dabei habe ich immer das Gefühl, dass es der Autor besser hätte lösen können, das er da vielleicht einfach marketing-technischen Argumenten gefolgt ist.

    Generell ist mir nur mal wieder aufgefallen, dass in zeitgenössischen Romanen oft so episodenhaft erzählt wird.

    Eventuell mag das grade ein Trend, eine Art Modeerscheinung sein. Ich hab ja auch heute "Kleine Helden" rezensiert, und das ist noch viel episodischer erzählt, was mich auch massiv gestört hat.


    Bei "Die Mauer" kann ich nämlich von mir sagen, dass ich dieses Ausschnitthafte einfach hingenommen habe, weil es Gang und Gäbe zu sein scheint. Klar hätte ich gerne noch mehr über die Hintergründe des Wandels, über das Leben der Anderen und das "Danach" erhalten, aber eigentlich war mir von Vornherein klar, dass es das alles vermutlich in der Ausführlichkeit nicht geben wird.

    Interessanterweise stört mich das Episodenhafte per se hier überhaupt nicht, sondern ich finde es einen geschickten Aufbau für diese Geschichte. Aber auch in Episoden kann man etwas mehr Hintergrund aufbauen als Lanchester es hier getan hat. Das fehlt mir eben auch bei dieser Geschichte. Es muss ja gar nicht viel mehr sein, nichts breitgewalztes, aber eben ein bisschen mehr als das, was er geliefert hat. :wink:


    Neigen viele Schriftsteller zu epischen Themen, räumen ihnen dann aber nicht genug Platz ein?

    Das Gefühl habe ich allerdings auch. Ich denke spontan an "Deutsches Haus", das meiner Meinung nach ein richtig gutes Buch hätte sein können, wenn sich die Autorin auf ihr Hauptthema beschränkt hätte. So hat sie aber so viele weitere schwerwiegende Thematiken mit reingepresst, dass es einfach zu viel für eine einzige Geschichte wurde und nichts wirklich zur Zufriedenheit beendet wurde. Sehr schade.

    viele Grüße vom Squirrel

    :study: Laura Spinney - 1918. Die Welt im Fieber

  • Und wie bitte schön kommen mehrere Petroleumlampen ausgerechnet an Bord einer Ölplattform, auf der offenes Feuer auf jeden Fall verboten war? Das ist einfach nicht durchdacht und stört mich schlicht bei einer Geschichte, die so intensiv und einprägsam beginnt.

    Du bist ein aufmerksamer Leser :thumleft:. Das hab ich mir garnicht bewusst gemacht.

    Und die eventuelle Einflussnahme des Verlages/Lektorats auf die Gestaltung des Romanabschlusses klingt plausibel.


    Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, ist dieser Eltern-Sohn-Konflikt aber schon vor dem Dienst vorhanden

    Das habe ich auch so in Erinnerung. Eine bittere Sache für alle Beteiligten.

    Beim Lesen habe ich mich mit unguten Gefühlen dieser Eltern- oder Großelterngeneration irgendwie zugehörig gefühlt. Wir sehen wie sich die Dinge zuspitzen und stehen dem mehr oder weniger hilflos gegenüber. Ich kann die jungen Leute mit ihren "Friday for Future" Protesten nur zu gut verstehen und hoffe inständig, dass sie etwas bewegen können bei der unbeweglichen Politik.

  • Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, ist dieser Eltern-Sohn-Konflikt aber schon vor dem Dienst vorhanden.

    Das habe ich gerade nicht mehr so präsent. Mir ist nur die Aussage von ihm hängenblieben, dieses "Was wisst ihr schon, ihr ward ja nie auf der Mauer".

    Ist also die Eltern-Kind-Problematik ein generelles gesellschaftliches Problem nach "dem Wandel" oder ist es nur figurenbezogen?

    Ich denke schon, dass da ein generelles Problem nach dem Wandel besteht. Die jüngere Generation gibt der älteren die Schuld an deren Misere. Im Prinzip nicht so unähnlich dem, was momentan so Thema bei den Fridays For Future ist. Da werfen ja die Jungen den Alten auch vor: Was stellt ihr eigentlich mit unserer Welt an? So ähnlich stelle ich es mir auch bei Lanchester vor, eine durchs Land gehende Verbitterung bei Jung und eine Unvermögen adequat zu reagieren bei Alt. Und ehrlich gesagt, wie soll man so etwas diskutieren? Wenn ich mir vorstelle, ein Krieg oder was auch immer, den meine Eltern geführt haben bzw. deren Generation, würde dazu führen, dass ich 2 Jahre Dienst auf so einer Mauer tun muss, ich wäre auch verbittert. Aber dennoch ist das ja nicht unbedingt etwas, was man einer Einzelperson zum Vorwurf machen kann. Was hätten konkret Kavanaghs Eltern tun sollen? Daher schwelgt er eher in dieser allgemeinen Stimmung seiner Generation.

    Interessanterweise stört mich das Episodenhafte per se hier überhaupt nicht, sondern ich finde es einen geschickten Aufbau für diese Geschichte. Aber auch in Episoden kann man etwas mehr Hintergrund aufbauen als Lanchester es hier getan hat.

    Eigentlich stört mich so was total, ich habe es mir inzwischen nur abgewöhnt, weil ich sonst noch ganz unglücklich werde.^^ Ich möchte am liebsten immer ganz konkret wissen, wie eine Geschichte endet, was mit den Figuren passiert etc. Ich bin definitiv ein Mensch für die "25 Jahre später"-Kapitel. :loool:


    Zum Ende:

  • Vielleicht sollten wir stärker berücksichtigen, dass der Icherzähler Wehrdienstleistender ist, der seine Zeit abreisst und persönlich überleben will. Seine Gedankenwelt gibt leider nicht mehr her. Es gibt eben "sone und solche". Mein größtes Problem mit dem Buch war der Widerspruch, dass K die Rolle eines Durchschnittsmenschen zu spielen hat, sich aber ganz anders ausdrückt und ich ihm das nicht abgenommen habe.

    :study: - Diamond - Krise

    :musik: - Historische Reisen um den Globus


    Reihen neu/ergänzen

    01. Buchtitel dt. (Jahr)--ISBN

    02. Buchtitel dt. (Jahr), Buchtitel engl.--ISBN

    1-3 (Jahr) (Sammelband)--ISBN

  • Inhalt

    Nach einer Klimakatastrophe ist der Meeresspiegel gestiegen und auf der nördlichen Halbkugel hat es einen Kälteeinbruch gegeben. Unter der Kälte leiden besonders die Wachposten auf der 10 000 km langen Mauer, die England komplett umgibt. Es gibt keine Küstenlinie und keinen Strand mehr, nur die Mauer. „Nationale Künstenverteidigungsbefestigung“ nennt sich das Projekt. Diktaturen tun sich ja häufig als Sprachverhunzer hervor. Joseph Kavanagh, ein „Hiesiger“, leistet hier mit seiner Kompanie Wachdienst, um das Land vor „den Anderen“ zu schützen, die angeblich ins Land eindringen werden. Sollte es einem Fremden gelingen, die Mauer zu überwinden, werden die Verantwortlichen in kleinen Rettungsbooten ausgesetzt und müssen sich fortan allein durchschlagen. Eine simple Rechnung Mann gegen Mann. Die Enterer der Mauer dürfen sich dagegen in die Altbevölkerung der Insel integrieren. Den Dienst auf der Mauer kann man sich in der knackigen Kälte wie jeden Wachdienst als ungeheuer öde vorstellen. Die Gedanken der Wächter kreisen zwanghaft um Wärme, Essen und um die Angst davor, im entscheidenden Moment zu versagen. Entkommen können die Wächter nur, wenn sie sich als „Fortpflanzer“ melden und damit für die Reproduktion der Wachmannschaft sorgen. Da die Welt von der vorhergehenden Generation zerstört wurde, wundert die mangelnde Motivation zur Fortpflanzung nicht.


    Der Icherzähler Joseph, Spitzname Yeti, sieht sich selbst als jemand, dessen Erwachsenenleben nach dem Ende des Wächterdiensts liegen wird. Glaubwürdig, als kritischer Geist und in der Sprache eines reifen Mannes in der Lebensmitte berichtet er aus seinem Leben. Seinen Gedanken bin ich anfangs gern gefolgt, fand es jedoch zunehmend unglaubwürdig, dass Joseph wie frisch aus dem Ei geschlüpft wirkte und sich zugleich wie ein gebildeter mittelalter Mann ausdrückte. Alles, was ihn zu der erzählenden Person gemacht hat, scheint ausradiert zu sein. Den Kontakt zu seinen Eltern, den Mit-Schuldigen an der Klimakatastrophe, hat er abgebrochen. Im letzten von drei Teilen wird Joseph tatsächlich verbannt und muss seine bisher gepflegte Insulaner-Sicht der Dinge abrupt revidieren.


    Fazit

    Mit dystopischen und postapokalyptischen Szenarien bin ich eigentlich leicht zu erfreuen, wenn sie mir eine Veränderung meiner Sichtweise ermöglichen und wenn mich die Entwicklung der Figuren interessiert. Auch die vielfältige Mauer-Symbolik (einschließlich der Mauer im Kopf und der unvermeidlichen Projektion auf anonyme Feinde von außen) finde ich höchst faszinierend. Der erhobene pädagogische Zeigefinger passend zum Brexit ist hier deutlich zu spüren. „Die Mauer“ konnte mich jedoch nicht völlig überzeugen, weil ich die Figur des Icherzählers nicht glaubwürdig charakterisiert finde.


    Eine Punktebewertung finde ich schwierig, weil sich der Roman zwar gut lesen lässt, man ihn aber m. A. nicht gelesen haben muss.


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    :study: - Diamond - Krise

    :musik: - Historische Reisen um den Globus


    Reihen neu/ergänzen

    01. Buchtitel dt. (Jahr)--ISBN

    02. Buchtitel dt. (Jahr), Buchtitel engl.--ISBN

    1-3 (Jahr) (Sammelband)--ISBN

  • Beim Lesen habe ich mich mit unguten Gefühlen dieser Eltern- oder Großelterngeneration irgendwie zugehörig gefühlt. Wir sehen wie sich die Dinge zuspitzen und stehen dem mehr oder weniger hilflos gegenüber.

    Prinzipiell sind wir das ja auch - wir oder zumindest altersmäßig ich, sind die jetzige Elterngeneration, die viel Mitverantwortung an der jetzigen Situation hat. Das bedeutet für mich jetzt nicht, dass ich alleine den Pol zum Abschmelzen bringe, aber das wir uns noch immer teils sehr gedankenlos durch unser Leben bewegen. 8-[ Aber es wird besser, die Zahl der Menschen, die sich Gedanken um die "kleinen" Dinge machen, die sie tun können, steigt GsD an.

    So ähnlich stelle ich es mir auch bei Lanchester vor, eine durchs Land gehende Verbitterung bei Jung und eine Unvermögen adequat zu reagieren bei Alt.

    Da stimme ich Dir zu, das Bild habe ich durchaus auch im Kopf, gestützt u.a. durch das Bild der "Verteidiger", wenn sie sich in den Zügen benehmen können wie sie wollen und niemand ihrem Verhalten entgegentritt.

    Ich denke schon, dass da ein generelles Problem nach dem Wandel besteht. Die jüngere Generation gibt der älteren die Schuld an deren Misere.

    ...

    Und ehrlich gesagt, wie soll man so etwas diskutieren?

    ...

    Daher schwelgt er eher in dieser allgemeinen Stimmung seiner Generation.

    Passt, die Interpretation kann ich für mich annehmen.:wink: Nach dem letzten Weltkrieg war es ja prinzipiell genauso: die Jungen haben die Alten auch nicht gefragt und die Alten haben nicht geredet - man versuchte, eine Art Normalität aufzubauen und die Vergangenheit schweigend zu verdrängen.


    Ich bin definitiv ein Mensch für die "25 Jahre später"-Kapitel.:loool:

    Und wenn sie nicht gestorben sind.... :loool:


    Vielleicht sollten wir stärker berücksichtigen, dass der Icherzähler Wehrdienstleistender ist, der seine Zeit abreisst und persönlich überleben will. Seine Gedankenwelt gibt leider nicht mehr her.

    Inwiefern meinst Du das? Im Hinblick auf Kavanaughs Einstellung zu seinen Eltern? Oder im Hinblick auf den Plot und die Lücken, die mich persönlich darin stören?

    Glaubwürdig, als kritischer Geist und in der Sprache eines reifen Mannes in der Lebensmitte berichtet er aus seinem Leben.

    Hmm, als kritischen Geist hab ich den Protagonisten nicht wirklich empfunden. Erst im 3. Teil regen sich manche Gedanken über das Verhältnis "Wir und die Anderen", aber vorher nimmt er doch auch nur hin. Und auch die Sprache hab ich nicht so empfunden wie Du. :-k

    viele Grüße vom Squirrel

    :study: Laura Spinney - 1918. Die Welt im Fieber

  • Auf mich hat Kavanaugh gebildet und belesen gewirkt. Ohne eine Vorgeschichte, wer oder was ihn geprägt haben könnte, fand ich das widersprüchlich.

    :study: - Diamond - Krise

    :musik: - Historische Reisen um den Globus


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  • Eigentlich stört mich so was total, ich habe es mir inzwischen nur abgewöhnt, weil ich sonst noch ganz unglücklich werde.^^ Ich möchte am liebsten immer ganz konkret wissen, wie eine Geschichte endet, was mit den Figuren passiert etc. Ich bin definitiv ein Mensch für die "25 Jahre später"-Kapitel

    Prinzipiell mag ich eine episodenhafte Erzählweise auch nicht so gern, aber manchmal passt es so gut zu dem Erzählten und/oder ist so gut gemacht, dass es mir trotzdem gefällt.

    Manchmal passen die offenen Enden, die Raum für eigene Gedanken lassen, und manchmal genieße ich den "25-Jahre später" Epilog, in dem die letzten Fäden zusammengeführt werden 8).

  • Und wenn sie nicht gestorben sind....

    Ja, genau. :mrgreen:

    Nach dem letzten Weltkrieg war es ja prinzipiell genauso: die Jungen haben die Alten auch nicht gefragt und die Alten haben nicht geredet - man versuchte, eine Art Normalität aufzubauen und die Vergangenheit schweigend zu verdrängen.

    Der Vergleich hat sich mir auch aufgedrängt.

    Auf mich hat Kavanaugh gebildet und belesen gewirkt. Ohne eine Vorgeschichte, wer oder was ihn geprägt haben könnte, fand ich das widersprüchlich.

    Aber gerade, weil wir so wenig über ihn wissen, sagt das doch nichts über seine Bildung aus. Er ist ja kein Berufssoldat, sondern einer von ganz vielen jungen Männern aus den unterschiedlichsten Schichten. Ich meine, er erwähnt ja auch, dass er einfach noch nicht genau weiß, was er mit seinem Leben nach der Mauer anfangen will. Und wenn ich so eine große Aufgabe vor mir hätte, würde ich vielleicht auch noch nicht planen wollen. Später zieht er ja aber ganz klar in Betracht, noch zu studieren.

    Manchmal passen die offenen Enden, die Raum für eigene Gedanken lassen, und manchmal genieße ich den "25-Jahre später" Epilog, in dem die letzten Fäden zusammengeführt werden

    Wenn es quasi zur "Kunstform" gehört, also irgendwie in den Text als Ganzes passt, finde ich das auch gut. Nur manchmal hat man das Gefühl, da wusste jemand selbst nicht, wie die Geschichte aufgelöst werden soll.

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