Das Fräulein
Buch von Ivo Andric, Edmund Schneeweis, Katharina Wolf-Grießhaber, Michael Martens
Titel: Das Fräulein
Ivo Andric (Autor) , Edmund Schneeweis (Übersetzer) , Katharina Wolf-Grießhaber (Übersetzer) , Michael Martens (Nachwort)
Verlag: Paul Zsolnay Verlag
Format: Gebundene Ausgabe
Seitenzahl: 272
ISBN: 9783552073418
Termin: März 2023
Aktion
-
Kurzmeinung
Maesli Bosnien und Serbien zur Zeit des 1. Weltkrieges und mittendrin das Fräulein, das zeigt, wie Geld funktioniert; großartig
Zusammenfassung
Inhaltsangabe zu Das Fräulein
Ivo Andrić – Nobelpreisträger und „die literarische Stimme Bosniens schlechthin“ (NZZ) – über eine starke Frauenfigur, die in Erinnerung bleibt. Rajkas Vater zählt zu den angesehensten und reihum respektierten Geschäftsmännern Sarajevos, ehe er bankrottgeht und darüber verzweifelt. Noch auf dem Sterbebett schärft er seiner fünfzehnjährigen Tochter ein: „Spare; spare immer, überall, an allem, und kümmere dich um nichts und niemanden.“ Streng hält sie sich an seinen Rat, übernimmt den Haushalt, unterdrückt die sanfte Mutter, schaut hartherzig einzig und allein auf ihren Vorteil und wird darüber zu einem Monstrum an Gier und Habsucht. Als jedoch der junge Ratko in ihr Leben tritt, ändert sich alles, und das „Fräulein“ wirft alle Prinzipien über Bord. Mit diesem 1944 entstandenen Roman schuf Ivo Andrić eine großartige und zeitlos aktuelle Charakterstudie.
Weiterlesen
Bewertungen
Das Fräulein wurde insgesamt 2 mal bewertet. Die durchschnittliche Bewertung liegt bei 4,8 Sternen.
Meinungen
-
Bosnien und Serbien zur Zeit des 1. Weltkrieges und mittendrin das Fräulein, das zeigt, wie Geld funktioniert; großartig
Rezensionen zum Buch
-
Rezension zu Das Fräulein
- Maesli
-
5. Februar 2025 um 10:02
Fräulein Rajka Radakovićs Vater, der Gazda Obren Radakovic, zählt zu den angesehensten und reihum respektierten Geschäftsmännern Sarajevos, ehe er bankrottgeht und darüber verzweifelt. Der Schock über den finanziellen und sozialen Ruin rauben seine Lebenskräfte und auf dem Sterbebett vermittelt er seiner Tochter die Regeln eines finanziellen Erfolges, auf das sie nicht dieselben Fehler begehen mag, wie er.Weiterlesen
Ein für allemal sollst du wissen und niemals vergessen, dass jeder Mensch, der es nicht versteht, das Verhältnis zwischen seinen Einkünften und Ausgaben so zu regeln, wie es das Leben von ihm verlangt, von vornherein zum Untergang verurteilt ist.
Nichtahnend was für ein gefährliches Vermächtnis er damit hinterlässt, will er sie vor dem Bewahren, was ihm widerfahren ist und die Schmach, die nun Frau und Tochter erleiden müssen, verhindert wissen.
Denn die Sparsamkeit muss unbarmherzig sein wie das Leben selbst.
Die Sparsamkeit entwickelt sich bei Rajka zu Geiz, eine von den Leidenschaften, die mit der Zeit auch den physischen Schmutz nach sich ziehen. Sie vernachlässigt ihre Mutter, das Haus und jede Art von persönlichen sozialen Kontakten. Nur auf das Geschäft und auf alles, was damit zusammenhängt, konzentriert sie ihr Dasein. Ihre unverwüstliche Liebe zum Geld und ihre Verachtung den Menschen gegenüber fordern ihren Zoll. Für das Geld ist sie bereit, auf alles und allem zu verzichten. Dabei überschreitet sie jedes Maß an menschlicher Erträglichkeit. Des Vaters Worte wandeln sich in einen Fluch.
Keiner konnte sich erinnern, dass, seit Sarajevo bestand, je ein weibliches Geschöpf mit Geld und Wertpapieren gehandelt hätte und noch dazu so ein Halsabschneider und Wucherer gewesen wäre.
Mit dem ersten Weltkrieg ändert sich nicht nur für Rajka das Leben. Die ersten Kriegsjahre sind noch von finanziellem Erfolg gekrönt, doch die unerwartete Länge und die Härte der Kriegsjahre gehen nicht spurlos am Fräulein vorbei.
Sehen Sie, Fräulein, ein hungriges Volk, das ist das Schlimmste; es kann nicht Krieg führen und nicht ruhig belieben. Da gibt es keine Arbeit und kein Leben. Das ist der Untergang!
Es kommt zwar nicht der Untergang, doch das Fräulein und ihre Mutter verlassen Sarajevo und ziehen nach Belgrad, die Stadt, in der der Bruder ihrer Mutter wohnt. Hier erblühen ihre Geschäfte wieder, auch wenn die Bekanntschaft mit Ratko Ratković ihren angeborenen, immer wachen Widerwillen gegen jedes Risiko und jede Geldausgabe für einige Zeit außer Gefecht setzt.
Meine persönlichen Leseeindrücke
Ivo Andrić – Nobelpreisträger und „die literarische Stimme Bosniens schlechthin“ (NZZ) – schreibt in seinem Roman „Das Fräulein“ über eine starke Frauenfigur, die in Erinnerung bleibt.
Ihr Leben beginnt etwa mit ihrem fünfzehnten Geburtstag. Es beginnt mit einem dunklen Punkt, mit einem bitteren Augenblick.
Noch auf dem Sterbebett schärft der Vater seiner fünfzehnjährigen Tochter ein: „Spare, spare immer, überall, an allem, und kümmere dich um nichts und niemanden.“ Streng hält sie sich an seinen Rat, übernimmt den Haushalt, schaut hartherzig einzig und allein auf ihren Vorteil und wird darüber zu einem Monstrum an Gier und Habsucht. Das Verhältnis zur Mutter ist stets trocken, gezwungen, ohne Wärme und Innigkeit, so als erscheint es ihr eine Freude, die sanfte Frau zu unterdrücken.
Ivo Andrić erzählt in seinem Roman nicht nur von einer jungen Frau, die durch den Tod des Vater beginnt, hart und rücksichtlos zu arbeiten und zu verdienen, jedem ihr untergeordneten Wesen ihren abnormen Sparzwang auferlegend ohne Erbarmen gegen sich und andere, sondern auch von einem Sarajevo vor und während des ersten Weltkrieges. Ich war noch nie dort, und würde, nachdem ich den Roman gelesen habe, die Stadt gerne einmal kennenlernen.
In einer feinen gehobenen Sprache, wie ich sie bei Joseph Roth in „Radetzkymarsch“ kennen und lieben gelernt habe, schafft Ivo Andrić eine großartige und zeitlos aktuelle Charakterstudie und einen Finanzratgeber par excellence schlechthin! Durch fein gezeichnete Verhaltensmuster, tiefe charakterliche Abgründe, zwanghafte Gier und schrankenlose Willkürherrschaft, dies um den Tod des Vaters zu rächen, zeigt er dem Leser das Leben des Fräuleins. Ungeliebt und von vielen verachtet, verkommt sie zu einer abgemagerten, kranken alten Jungfer, bis der Tod sie holt.
Einzig wenn es um Geldfragen ging, konnte sich ein nahestehendes und verlässliches Verhältnis zu Menschen aufbauen. In Sarajevo hatte sie Konforti, Direktor Pajer oder Veso, aber in Belgrad war sie alleine.
Fazit
Mit dem 1944 entstandenen Roman „Das Fräulein“ erzählt Ivo Andrić von Bosnien und Serbien zur Zeit vor und nach dem 1. Weltkrieges und mittendrin vom dem Fräulein, das zeigt, wie Geld funktioniert. Großartige Charakterstudie! -
Rezension zu Das Fräulein
- drawe
-
14. April 2023 um 16:43
Klappentext:Weiterlesen
Ivo Andrić – Nobelpreisträger und „die literarische Stimme Bosniens schlechthin“ (NZZ) – über eine starke Frauenfigur, die in Erinnerung bleibt.
Rajkas Vater zählt zu den angesehensten und reihum respektierten Geschäftsmännern Sarajevos, ehe er bankrottgeht und darüber verzweifelt. Noch auf dem Sterbebett schärft er seiner fünfzehnjährigen Tochter ein: „Spare, spare immer, überall, an allem, und kümmere dich um nichts und niemanden.“
Streng hält sie sich an seinen Rat, übernimmt den Haushalt, unterdrückt die sanfte Mutter, schaut hartherzig einzig und allein auf ihren Vorteil und wird darüber zu einem Monstrum an Gier und Habsucht. Als jedoch der junge Ratko in ihr Leben tritt, ändert sich alles, und das „Fräulein“ wirft alle Prinzipien über Bord.
Mit diesem 1944 entstandenen Roman schuf Ivo Andrić eine großartige und zeitlos aktuelle Charakterstudie.
Mein Lese-Eindruck:
Der Roman beginnt mit dem Tod der Protagonistin im Jahre 1935. Sie stirbt einen einsamen Tod, niemand vermisst sie, und ihre Leiche wird eher zufällig entdeckt. Da kein Mord oder ein sonstiges Verbrechen vorliegt, verliert auch die Öffentlichkeit sofort das Interesse an ihrem Fall. Der Autor ist es nun, der ihre Geschichte der Vergessenheit entreißt.
Rajka Radakovic, immer nur „das Fräulein“ genannt, entstammt einer wohlhabenden und angesehenen serbisch-bosnischen Kaufmannsfamilie in Sarajevo. Als junges Mädchen muss sie jedoch den Bankrott ihres Vaters miterleben. Schuld daran sei, so der Vater, die Tatsache, dass er sich immer großzügig und mildtätig verhalten habe. Um sie vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren, gibt er ihr den Rat, alle Gefühle als schädliche Schwäche zu betrachten, sich „herzlos und selbstsüchtig“ zu verhalten und ihr Leben mit äußerster Sparsamkeit zu führen.
Diesen Rat übernimmt Rajka mit dem Ziel, die Ehre des Vaters wiederherzustellen. Im Lauf der Jahre aber wird das Sparen zum Geiz und zum Selbstzweck, dem sie ihr gesamtes Leben unterordnet. Sie ist skrupellos, sie kennt keine Moral und kein Mitleid, sie hat kein Gewissen. Sie nutzt die unruhigen Verhältnisse der Vorkriegsjahre für ihre Spekulationen aus, und da sie auch während der Kriegsjahre als Kriegsgewinnlerin agiert, häuft sie ein beachtliches Vermögen an.
Hier nutzt der Autor die Gelegenheit und entführt seine Leser in die Geschichte der Zeit. Die unruhigen krisenhaften Jahre vor Ausbruch des I. Weltkrieges werden aus der Sicht des Fräuleins beschrieben, wobei sie aber im Unterschied zu ihren Zeitgenossen keinerlei Patriotismus kennt und daher auch keiner Parteiung angehört; ihr Interesse gilt einzig ihrem Geld. Noch ausführlicher wird dem Leser die ungeheure Aufbruchstimmung nach dem I. Weltkrieg beschrieben und das brodelnde Leben in der Hauptstadt Belgrad nach der Loslösung aus dem Habsburgerreich. Alle diese äußeren Ereignisse perlen aber an dem Fräulein ab, sie interessieren sie lediglich als Möglichkeit zur Spekulation.
Der Erzähler – ein altmodisch auktorialer Erzähler – begleitet das Fräulein ihr Leben lang. Wie mit einer Lupe leuchtet er in ihr Innenleben und legt es bloß: ihre Verbindung zum geliebten Vater, ihre Gefühllosigkeit der Mutter gegenüber, ihr hartes Regiment im Elternhaus, ihre Kälte und Herzlosigkeit gegenüber Bittstellern und auch ihr völliges Unverständnis, als sie wegen ihres Kriegsgewinnlertums öffentlich angegriffen wird und Sarajevo verlassen muss.
Noch genauer schaut der Erzähler in die Seele des Fräuleins, als sie sich ein einziges Mal von Gefühlen leiten lässt und eine große Enttäuschung verkraften muss. Hier gelingen ihm sehr eindrückliche Bilder, v. a. bleibt das Bild der liebenden und mitleidenden Mutter in Erinnerung.
Die Sprache des Romans passt zur altmodischen Erzählhaltung. Der Erzähler nimmt seinen Leser sehr fest an die Hand. Er führt ihn chronologisch durch die Geschichte des Fräuleins und stellt die wenigen handelnden Personen ausführlich vor. Gelegentlich hätte ich mir hier aber ein bisschen mehr Freiheit gewünscht, um die Eigenheiten der Personen selber entdecken zu können.
Das Cover finde ich ästhetisch sehr ansprechend, aber es lässt den Bezug zum Roman vermissen.
Ausgaben von Das Fräulein
Das Fräulein in anderen Sprachen
Besitzer des Buches 5
Update: 5. Februar 2025 um 10:02




