Eric-Emmanuel Schmitt - Die Liebenden vom Place d'Arezzo / Les perroquets de la place d'Arezzo

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  • Der Place d’Arezzo in Brüssel ist ein besonderer Ort – rund um den Platz in einem gutsituierten Stadtviertel nisten in den Bäumen exotische Vögel, deren Herkunft sich niemand mehr erklären kann, weil es sie dort schon so lange gibt. Die Menschen dort haben sich längst daran an das Gezwitscher und Gekreische gewöhnt (und auch daran, dass man damit rechnen muss, auf den Parkbänken den einen oder anderen Vogelschiss abzubekommen).


    Die titelgebenden Liebenden an diesem Platz sind nicht ein einziges Liebespaar, sondern im Mittelpunkt steht ein ganzes Geflecht von (Liebes)Beziehungen, die sich ganz oder teilweise im Dunstkreis des Place d’Arezzo abspielen. Da ist die hübsche Nur-Hausfrau mit gutverdienendem Ehemann und vier wohlgeratenen Kindern, die sich in ihrer Ehe gefangen fühlt und sich wünscht, endlich einmal als Person wahrgenommen zu werden; die übergewichtige verwitwete Mutter, die sich wegen ihrer Figur kaum mehr aus dem Haus traut; ihre Tochter, die zum ersten Mal richtig verliebt ist; der Gärtner, der von ferne eine Anwohnerin anschmachtet; der einflussreiche Wirtschaftsexperte, der einen unseligen Hang zu außerehelichen Abenteuern hat; die ewig missmutige Blumenverkäuferin und ihr permanent gutgelaunter Mann; ein junger Mann, der sich fragt, ob er überhaupt zu erotischen Regungen imstande ist und noch einige andere mehr.


    Sie alle finden eines Tages das gleiche Briefchen mit einer Liebeserklärung vor, und jeder glaubt zunächst, der Urheber käme aus seinem oder ihrem unmittelbaren Umfeld, was einige völlig unvorhergesehene Entwicklungen zur Folge hat.


    Wer hat sich nicht schon einmal bei einem Streifzug durch Wohngebiete gefragt, was sich wohl so hinter den Fassaden abspielt, welche Menschen dort wohnen, was ihre Sehnsüchte und Ängste sind, wie sie leben, wovon sie träumen? Eric-Emmanuel Schmitt lässt uns am Place d’Arezzo in zahlreiche Häuser und Wohnungen blicken und stellt uns eine Fülle von Figuren vor, wie sie leben und lieben bzw. von der Liebe träumen oder auch an ihr verzweifeln.


    Ob hetero- oder homosexuelle Liebe, erste zarte Verliebtheit oder purer One-Night-Stand, schal gewordene Ehe oder Ménage à trois, Schmitt widmet sich in diesem Buch mit Phantasie und Einfühlungsvermögen der Liebe und dem Sex in allen möglichen Formen und aus vielen verschiedenen Blickwinkeln und enthält sich dabei jeglicher Wertung. Bei der Thematik verwundert es nicht, dass es öfter mal zur Sache geht, doch nie überflüssig voyeuristisch oder vulgär.


    Durch das Geheimnis um die anonymen Liebesbotschaften (das schließlich eine zufriedenstellende Auflösung findet) kommt ein zusätzliches Spannungsmoment ins Spiel, doch die Entwicklungen in all den unterschiedlichen Beziehungen sind an sich schon spannend und teilweise auch dramatisch genug.


    Reizvoll sind auch die zahlreichen unterschiedlichen Perspektiven, die die Protagonisten je nach Erzählstimme in ganz unterschiedlichem Licht erscheinen lassen, wie im richtigen Leben eben.


    Ein gelungenes Buch über Liebe und Beziehungen!

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