Anne Weber - Ahnen: Ein Zeitreisetagebuch

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  • Original : Deutsch, 2015 ; in der von ihr selber übersetzten französischen Fassung heißt es « Vaterland » (Titel auf Deutsch!)


    INHALT :
    Anne Weber begibt sich auf eine Entdeckungsreise, die in die befremdende und faszinierende Welt ihres Urgroßvaters und damit in die Abgründe und Höhenflüge einer ganzen Epoche führt. Florens Christian Rang – im Buch Sanderling genannt – war Jurist, Pfarrer in zwei Dörfern bei Posen, Schriftsteller und Philosoph. Er korrespondierte mit Hugo von Hofmannsthal, war befreundet mit Martin Buber und Walter Benjamin. Doch auf der Reise zu diesem Urgroßvater stellt sich immer wieder ein gewaltiges Hindernis in den Weg: die deutsche und familiäre Vergangenheit, wie sie nach Sanderlings Tod weiterging. ›Ahnen‹ ist eine ebenso poetische wie reflektierte Zeitreise, die zugleich von den Sehnsüchten und dem Schmerz der Gegenwart erzählt.
    (Quelle : S.Fischer Verlag)


    BEMERKUNGEN :
    Bei diesem Buch handelt es sich also nicht um einen Roman, sondern – wie es bei einem Gespräch im Deutschlandfunk ausgedrückt wurde – um einen «autobiografischen Lang-Essay », eine Entdeckungsreise der besonderen Art. Dabei geht die Autorin nicht so sehr streng chronologisch dem reichhaltigen Leben ihres Urgroßvaters Florens Christian Rang (1864-1924) nach (siehe auch für einen eventuellen Überblick : https://de.wikipedia.org/wiki/Florens_Christian_Rang ), sondern streut immer wieder überaus interessante Reflexionen über das ein, was man weitesthin « deutsches Wesen» und Deutschsein nennen kann/könnte. Dabei ist vielleicht noch besonders ihre Generation (ich fühle mich als ein Jahr älterer Zeitgenosse absolut mitangesprochen von all diesen ihren Überlegungen) unmittelbar betroffen. Fragen könnte man sich, ob die schwere geschichtliche Last in diesen letzten Jahren dabei ist, von den Schultern der Heranwachsenden zu gleiten ? Dabei geht es um die unausweichliche Besonderheit, heute diesem Volk anzugehören. Es stellt sich – auch im Buch – öfter die Frage nach Verantwortung, Schuld, Identität etc. Selbst in der Ablehnung bleiben diese Fragen höchst wichtig und interessant. Mehr noch: treffend, erschütternd. Man merkt es der Autorin an, dass es sich hier um ein existenzielles Suchen und Fragen handelt. Und wir können uns mit ihr diesen Fragen stellen.


    Und dieses Suchen und Fragen geschieht eben in unüberwindlichem Abstand zum Ahnen durch das in jenen verheerenden 30iger und 40iger Jahren Geschehene, das sich unausweichlich jedem Deutschen anhaftet : Zeit, Raum, Erfahrungswelten schieben sich zwischen mir und dem Beobachteten. Wie dabei denken, dass wir den anderen wirklich dort abholen und verstehen, wo er gestanden hat ?


    Man merkt ihr derart manchmal ein Zögern an, angesichts ihres Urgroßvaters, der beizeiten auch seltsame Dinge von sich gegeben hat, und angesichts des naziergebenen Großvaters, des Sohnes von Sanderling... Sie bleibt weniger in wirklich ausführlichen Berichten über das Leben ihres Ahnen stecken, sondern legt vielmehr den Schwerpunkt in die Aufarbeitung. Dabei ist sie selber « aktiv » : als Reisende, Dokumentenerforscherin etc. Dies ergibt einen sehr lebendigen Bericht ! Anne Weber zeigt sich dabei unglaublich aufgeweckt, breitgefächert. Sie « assoziiert » viel, scheint manchmal gar zu springen von einem Thema zu einem anderen, doch bei genauem Betrachten, sind diese verbunden. Intelligenz und Empathie, Gefühl kommen hier zusammen in einer sehr ansprechenden, nie langweiligen Schreibe. Ich entdeckte diese Autorin hier zum ersten Mal. So ist die angeschlagene Sprache sehr lebendig, beizeiten auch durchwebt von einem feinen Humor, dann wieder eher von großer Ernsthaftigkeit.


    Ich las – ich lebe ja in Frankreich ! - die französische Fassung. Es ist nicht nur, wenn ich recht verstehe, eine 1:1 Übersetzung, die sie selber leistet, sondern auch eine « Fassung ». Es wäre für mich nun interessant, die deutsche Version zu lesen ?!


    Zumindest für eine gewisse Generation von Lesern ein überaus interessantes und nachdenklich stimmendes Buch mit einer Menge an « Stoff » !


    AUTORIN :
    Anne Weber (* 13. November 1964 in Offenbach am Main) lebt als deutsche Autorin und literarische Übersetzerin in Paris. Sie besuchte das Wolfgang-Ernst-Gymnasium in Büdingen und bestand dort 1983 ihr Abitur. Sie lebt seit 1983 in Paris. Dort studierte sie französische Literatur und Komparatistik an der Sorbonne. Von 1989 bis 1996 arbeitete sie in verschiedenen französischen Verlagen. Daneben übersetzte sie Texte deutscher Gegenwartsautoren und Sachbücher ins Französische. Ihre eigenen, seit 1998 veröffentlichten Werke, verfasste sie anfangs in französischer Sprache und übersetzte sie später ins Deutsche. Inzwischen schreibt Anne Weber ihre Texte wieder zuerst in deutscher Sprache, um sie danach auch ins Französische zu übertragen.


    Ihr Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Heimito-von-Doderer-Preis, dem 3sat-Preis, dem Kranichsteiner Literaturpreis. Ihre Bücher schreibt Anne Weber auf Deutsch und Französisch.


    Gebundene Ausgabe: 272 Seiten
    Verlag: S. FISCHER; Auflage: 3 (12. Februar 2015)
    Sprache: Deutsch
    ISBN-10: 3100022475
    ISBN-13: 978-3100022479

  • NICHT das Original, aber die von ihr selber übersetzte Fassung auf Französisch erschien unter dem Titel (auf Deutsch!) "Vaterland". Interessant, dass sie somit schon allein durch die Titel den Akzent leicht woanders setzt. Es gibt durchaus eine genaue Entsprechung zu "Ahnen" auf Französisch.

  • Lieben Dank für deine interessante Rezi @tom leo ! Jetzt würde mich noch interessieren wie deine Bewertung für das Buch war :) Ich brauch wohl nicht extra zu erwähnen, dass das Buch auf meine Wunschliste gekommen ist.

  • Lieben Dank für deine interessante Rezi @tom leo ! Jetzt würde mich noch interessieren wie deine Bewertung für das Buch war :) Ich brauch wohl nicht extra zu erwähnen, dass das Buch auf meine Wunschliste gekommen ist.

    Ja, das Buch könnte Dir gefallen! Ich habe es mit 4 Sternen bewertet. Hätte aber auch noch h¨her ausfallen können? Zwei, drei Bemerkungen im Buch konnte ich nicht ganz einordnen, deswegen ein leichtes Zögern.

  • Danke für die Rezi!
    Ich habe das Buch ebenfalls auf meine Wunschliste gesetzt; in deutscher Sprache, da ich wahrscheinlich mit meinem Schulfranzösisch bald die Lust am lesen und ständig nachschlagen verlieren würde.
    Finde es allerdings sehr interessant und auch äußerst positiv, dass die Autorin selbst beide Fassungen geschrieben hat. So kann man sich zumindest sicher sein, dass sie in beiden Sprachen das ausdrückt, was sie sagen will und keine Entwertung durch eine Übersetzung entsteht.
    Interessant wäre allerdings auch noch, wenn jemand beide Fassungen gelesen hat, und berichten könnte, ob es Unterschiede gibt, und wenn ja in welcher Form.

    :study: Laura Spinney: 1918 - Die Welt im Fieber

    :study: Bartholomäus Grill: Wir Herrenmenschen - Unser rassistisches Erbe: Eine Reise in die deutsche Kolonialgeschichte

    :montag: (Vorlesebuch) Mehdi Maturi: In den Iran. Zu Fuß. Ohne Pass.

    :musik: J.K. Rowling: Harry Potter und der Gefangene von Askaban



    „An allem Unrecht, das geschieht, ist nicht nur der Schuld, der es begeht, sondern auch der, der es nicht verhindert.“

    Erich Kästner

    "Das fliegende Klassenzimmer"


    Warnhinweis:
    Lesen gefährdet die Dummheit

    :study:

  • Finde es allerdings sehr interessant und auch äußerst positiv, dass die Autorin selbst beide Fassungen geschrieben hat. So kann man sich zumindest sicher sein, dass sie in beiden Sprachen das ausdrückt, was sie sagen will und keine Entwertung durch eine Übersetzung entsteht.Interessant wäre allerdings auch noch, wenn jemand beide Fassungen gelesen hat, und berichten könnte, ob es Unterschiede gibt, und wenn ja in welcher Form.

    Ja! Ich las in dem Zusammenhang mehrmals eben das Wort "Fassung", und nicht 1:1 Übersetzung. Da das Thema für mich absolut faszinierend ist und sie dazu vieles zu sagen hat, kann ich mir vorstellen, es später auch noch auf Deutsch zu lesen. Ich habe es ja auf Französisch gelesen. Allein die unterschiedliche Titelgebung könnte schon Diskussionen auslösen. Das "Vaterland" sprang für mich beim französischen Buch direkt ins Auge, natürlich. Es provoziert fast mehr als der deutsche Titel?!

  • wäre interessant, wenn du die Eindrücke danach mitteilen könntest - bin gespannt!

    :study: Laura Spinney: 1918 - Die Welt im Fieber

    :study: Bartholomäus Grill: Wir Herrenmenschen - Unser rassistisches Erbe: Eine Reise in die deutsche Kolonialgeschichte

    :montag: (Vorlesebuch) Mehdi Maturi: In den Iran. Zu Fuß. Ohne Pass.

    :musik: J.K. Rowling: Harry Potter und der Gefangene von Askaban



    „An allem Unrecht, das geschieht, ist nicht nur der Schuld, der es begeht, sondern auch der, der es nicht verhindert.“

    Erich Kästner

    "Das fliegende Klassenzimmer"


    Warnhinweis:
    Lesen gefährdet die Dummheit

    :study:

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