Rainer Maria Rilke - Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

  • Buchdetails

    Titel: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Bri...


    Verlag: tredition

    Bindung: Taschenbuch

    Seitenzahl: 184

    ISBN: 9783849528836

    Termin: März 2013

  • Bewertung

    4.1 von 5 Sternen bei 11 Bewertungen

    81,8% Zufriedenheit
  • Inhaltsangabe zu "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Bri..."

    Dieses Werk ist Teil der Buchreihe TREDITION CLASSICS. Der Verlag tredition aus Hamburg veröffentlicht in der Buchreihe TREDITION CLASSICS Werke aus mehr als zwei Jahrtausenden. Diese waren zu einem Großteil vergriffen oder nur noch antiquarisch erhältlich. Mit der Buchreihe TREDITION CLASSICS verfolgt tredition das Ziel, tausende Klassiker der Weltliteratur verschiedener Sprachen wieder als gedruckte Bücher zu verlegen - und das weltweit! Die Buchreihe dient zur Bewahrung der Literatur und Förderung der Kultur. Sie trägt so dazu bei, dass viele tausend Werke nicht in Vergessenheit geraten.
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  • Der junge dänische Adlige Malte Laurids Brigge kommt nach Paris, um Dichter zu werden. Die pulsierende Großstadt und Kulturmetropole ist um 1900 eine überwältigende Erfahrung voller Gegensätze und faszinierender Anreize. Rilke hat mit dieser Erzählung das Paris-Bild von Generationen geprägt. Meisterhaft ist seine Sprache und Modernität, von mitreißender Schönheit, Tiefe und Poesie.


    Eigentlich hatte ich einen Roman über Paris erwartet; aber das ist es gewiss nicht. Es ist ein Roman über die Lebensangst, über die Einsamkeit und über den Verfall des Adels. Und eigentlich ist es nicht einmal ein Roman, sondern eher eine Sammlung lyrischer Prosa - die "Aufzeichnungen" im Titel sagen es ja schon; so könnte ein Tagebuch des Verfalls geführt werden. Paris ist - der "Kulturmetropole" sei dank - Schauplatz dieses Verfalls und begleitet das Zugrundegehen dieser letzten Blüte eines Adelsgeschlechts, mit Bildern der eigenen Fäulnis, mit Bildern des Elends, als lebensraubender Moloch. Stilistisch ist es natürlich grandios:


    Sie saßen stundenlang da und ließen sich gehen, bis es ihnen einfiel, dass sie noch lebten; dann warfen sie sich blindlings irgendwohin und begriffen nicht, was sie dort sollten, und man hörte sie weiterhin niederfallen und drüben und anderswo. Und endlich krochen sie überall und bestarben langsam das ganze Zimmer.


    Bewegt hat mich das Buch jedenfalls - in seiner Darstellung der gefühlsmäßigen Abgründe ist und bleibt es eben zeitlos - die Angst ist es ja auch. Und es sind nach wie vor die gleichen Ängste, die der Mensch leiden muss. Für einen der einsam ist, ist eben liebende Umarmung und geliebt werden zerstört. Immer noch. Deswegen nen sehr empfehlenswertes Werk.

    Warum ich Welt und Menschheit nicht verfluche?
    - Weil ich den Menschen spüre, den ich suche.

    - Erich Mühsam

  • Nach der Lektüre frage ich mich, was ihn bewogen haben könnte, diese Anreihung von Anekdoten und Gedankenfetzen in Romanform zu verpacken.
    Der Anfang war wirklich hervorragend, einem Rausch gleichkommend, doch die Sprachgewalt verliert sich schon nach wenigen Seiten. Die Eigenheiten verschiedenster Figuren werden nun durch einige Begebenheiten definiert, die Sprache hat ihre anfängliche Kraft verloren und dümpelt später träge vor sich hin.


    Ich lese ein Buch ohne irgend etwas zu erwarten, doch in diesem Fall hat ironischerweise Rilke die Erwartungshaltung selber angestachelt, indem er mit einem so starken Anfang sein Buch begann. Die ersten Kapitel haben mich ins Schwärmen gebracht, großartig, was er dort abgeliefert hat. Doch was danach geschieht, ich weiß nicht. Es erweckt den Eindruck, als zerfalle das Buch, die Sprache. Die Poesie verkommt und wendet sich um zum geschwätzigen Ich-Erzähler, der außer Belanglosigkeiten leider nichts zu berichten weiß. Das Buch als Roman zu betrachten habe ich schon lange aufgegeben. Es ist eine Sequenz kleiner Gedankenfetzen, die eigenständig und ein wenig verloren wirken. Hin und wieder blitzt ein gelungener Absatz hervor, wie 50 Seiten vor Schluss von Einsamkeit und Tod (das Ende fand ich grob betrachtet mal gar nicht übel).
    Rilke scheint die Sprache zu vernachlässigen, sieht seine Priorität woanders. Das erkennt man gut, wenn er mitten im Buch schreibt: „Das muss man erlebt haben, wie diese Stille war, wiedergeben lässt sie sich nicht.“ Dabei könnte er sie wiedergeben, wie er schon einmal eindrucksvoll gezeigt hat. Doch worin er seine Priorität gesetzt hat, ist mir immer noch ein Rätsel. Es könnte an der Entstehung dieses Büchleins gelegen haben, als er den Anfang 1904 in einem Durchlauf verfasste während einer Zugreise. Der zweite Teil wurde dann krampfhaft zu Papier gebracht bis es endlich 1910 fertig gestellt wurde.
    Hier hat Rilke eindrucksvoll bewiesen, nicht zu den Romanciers anzugehören.

  • Dem letzten Beitrag hier muss ich teilweise widersprechen. Natürlich wird es träger, dumpf; es muss ja auch so werden - schließlich ist dieses Buch ja einem Tagebuch nachempfunden - es sind eben die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Und es ist das Buch über sein Zugrundegehen. Es wäre absolut verfehlt gewesen, wenn - vielleicht jenseits einiger Blitze - ein Feuerwerk losgelassen werden würde. Zur bewußt gewählten Stimmung passt es einfach nicht. Gerade auch durch die sprachliche Entwicklung wird die geistige Entwicklung Maltes aufgezeigt. Sprache und Handlung lassen sich bei diesem Werk nicht sinnvoll voneinander getrennt betrachten.

    Warum ich Welt und Menschheit nicht verfluche?
    - Weil ich den Menschen spüre, den ich suche.

    - Erich Mühsam

  • Auch ich muss dem letzten Beitrag widersprechen. Ich verurteilte weiter oben nicht die Stimmung des "Romans", sondern die Qualität des Textes, die in ihrer Gesamtheit betrachtet auseinanderfällt. Ich erwarte kein Feuerwerk, aber eine gewisse sprachliche Gewandheit. Der erste Teil besteht doch auch aus zusammenhanglosen Schnipsel, doch waren sie in ihrer Form um einiges tiefer und beeindruckender.


    Wenn die Sprache mit der Stimmung einhergehen muss, darf sie dann also der Vernachlässigung zum Opfer fallen? Die Sprache als Werkzeug, um den Zerfall darzustellen wäre insofern eine überlegenswerte Alternative, denn so käme man zum Ergebnis, es gäbe keine sprachlich misslungenen Romane innerhalb der Epoche einer aufbrechenden Welt zur Jahrhundertwende. Es wäre dann "nur" ein Produkt seiner Zeit, das sich dem Stil seiner Epoche unterwirft.


    Nein, der sprachliche Zerfall ist hier kein Stilmittel, sondern auf die Unvollkommenheit des Schriftstellers zurückzuführen. Die Arbeit eines Autoren ist sicherlich keine leichte Aufgabe, nur sollte der Leser diese Mühe nicht herauslesen. Die Entstehung dieses Buches vermag für mich als Grund seines teilweisen Misslingens herhalten. Der Anfang wird von einer stark autobiographischen Note getragen, doch nach einer Weile wird das Erlebte mit einer hohlen Künstlichkeit überzogen, die Intensität des ersten Teiles weicht den wenig durchdachten, oberflächlichen Einfällen und mühseligen Beschreibungen. Er wäre besser beraten gewesen, aus diesen Gedanken lyrische Verse zu schreiben, denn das beherrscht er tadellos!


    Das Buch enthält einige sehr gelungene Passagen, poetisch und anrührend. Doch als zusammenhängendes Gesamtwerk ist es misslungen.


    Gruß,
    chip

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