Die geographische Geschichte von Amerika oder Die Beziehung zwischen der menschlichen Natur und d...

Buch von Gertrude Stein, Marie-Anne Stiebel, Thornton Wilder

Bewertungen

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Rezensionen zum Buch

  • Rezension zu Die geographische Geschichte von Amerika oder Die Beziehung zwischen der menschlichen Natur und d...

    Die Autorin (siehe Wikipedia und Klappentext): Gertrude Stein (geboren am 3. Februar 1874 in Allegheny, Pennsylvania) war eine US-amerikanische Schriftstellerin, Verlegerin und Kunstsammlerin. Sie ließ sich 1903 in Paris nieder und teilte ihren berühmten, mit zeitgenössischer Kunst ausgestatteten Salon in der Rue de Fleurus 27 zuerst mit ihrem Bruder, dem Kunstsammler und -kritiker Leo Stein, und ab 1913 mit ihrer Lebensgefährtin Alice B. Toklas. Auf Steins Einladungen hin trafen sich dort zu der Zeit unbekannte Persönlichkeiten der künstlerischen Avantgarde wie Pablo Picasso, Henri Matisse, Georges Braque und Juan Gris. Ab den frühen 1920er-Jahren, suchten junge US-amerikanische Schriftsteller der Moderne wie beispielsweise F. Scott Fitzgerald, Sherwood Anderson und Ernest Hemingway den Salon auf, deren literarisches Werk vom experimentellen Schreibstil Steins beeinflusst wurde.
    Gertrude Stein zählt wie Virginia Woolf zu den ersten Frauen der klassischen literarischen Moderne. Sie schrieb experimentelle Romane, Novellen, Essays, Gedichte, literarische Porträts und Bühnenwerke, in denen sie sich über sprachliche und literarische Konventionen hinwegsetzte, sodass viele Kritiker und Leser ihr Werk als zu schwierig empfanden, sich darüber belustigten oder es ignorierten. Erst ihr mehr im konventionellen Stil verfasstes Buch „The Autobiography of Alice B. Toklas“, 1933 in New York veröffentlicht, erreichte einen hohen Bekanntheitsgrad und machte sie zu einer literarischen Berühmtheit. Stein prägte den häufig in Abwandlungen zitierten Satz „Rose is a rose is a rose is a rose“, der aus dem Gedicht „Sacred Emily“ in dem 1922 veröffentlichten Buch „Geography and Plays“ stammt. Gertrude Stein starb am 27. Juli 1946 in Paris an Magenkrebs.
    Die deutschstämmige Jüdin Gertrude Stein ist in den letzten Jahren "wiederentdeckt" worden, avanciert zu einer "Kultfigur" namentlich der Frauenbewegung. Die sprödeste und strengste aller denkbaren Kultfiguren hat sich, über die Jahrzehnte hinweg, als eine der anregendsten erwiesen.
    Inhalt (nach der Webseite des Suhrkamp-Verlages): Gertrude Stein räumt mit entschiedener Hand auf: "Die menschliche Natur ist nicht mehr interessant und so könnte man ebensogut damit aufhören weiter menschliche Natur zu sein." Was sie von der Wirklichkeit des menschlichen Geistes erwartet - im Gegensatz zur geographischen, historischen oder natürlichen Bedingtheit des einzelnen -, das führt sie vor in diesem Buch, das, wie zu erwarten, keine Naturgeschichte Amerikas ist, sondern eine - allerdings überraschend konkrete - 'Ortsbestimmung' des menschlichen Geistes. Und so erweist sich der befremdliche Titel des Buches nach der Lektüre als verblüffend direkte Hinführung zum Thema.
    "Die geographische Geschichte von Amerika oder Die Beziehung zwischen der menschlichen Natur und dem Geist des Menschen" von 1936 ist ein schwieriges Buch, überhaupt nicht eingängig. Seltsamer Schreibstil, weitegehender Verzicht auf Kommasetzung, Gedankensprünge, Verrücktheiten, eingeschobene dramatische Szenen und ständige Wiederholungen, die bestimmte Sachverhalte betonen und variieren. Eine philosophische Meditation über den menschlichen Geist und das Problem der Identität. Auch der Schriftsteller Thornton Wilder, der eine begeisterte Einführung verfasste (die auch schon der Originalausgabe vorstand) bemerkt, dass das Buch seine geistigen Kapazitäten an vielen Stellen überstieg. Also keine Bange und frisch ans Werk! Doch: Leser, die sofort genervt sind, wenn sie etwas nicht verstehen, die intellektuelles Sichtreibenlassen, jede Ansammlung von Fremdwörtern, jedes metaphysisches Geschwurbel gleich als hochgestochene Überheblichkeit von Menschen, die sich für etwas Besseres halten, abkanzeln – auch eine Methode, sich mit Themen nicht beschäftigen zu müssen – sollten die Finger von Gertrude Stein lassen. Dabei ist sie meiner Ansicht nach das wirkliche Gegenteil von überheblich. Ihr Buch und ihr Schreibtstil erwecken geradezu den Eindruck, ihr wäre es wichtiger, die Menschen und ihre Leser machten sich Gedanken über bestimmte Fragen, als dass sie genau ihrer Meinung folgen. Sie gibt die Einladung dazu, sich Gedanken zu machen, sie lenkt die Aufmerksamkeit auf Bereiche, die ihr wichtig sind. Was ihr in diesem Buch wichtig ist, ist Identität, Geschichte, die menschliche Natur und der Geist des Menschen. Es geht darum, was den Menschen ausmacht. So kreist das Buch immer wieder um den Satz „Ich bin ich, weil mein kleiner Hund mich kennt“. Identität quasi erst dank Publikum. Oder doch dank einer genauen Betrachtung der Umstände? In dem Beispiel jedenfalls nicht aus dem Wesen des Menschen heraus. Oder doch?
    Weitere Fragen sind, wie eine bestimmte Geografie das Denken beeinflusst (Flachland vs Gebirge), was den Unterschied zwischen Schreiben und Sprechen ausmacht, und warum so viele Menschen lesen können, aber nur wenige (oft nur einer pro Generation) etwas niederschreiben können, was Generationen überdauert. Anders gesagt: Wo kommen literarische Meisterwerke her? Begriffe, die durch ihren Sprachkosmos geistern, sind Natur, Universum, Raum, Zeit, Identität, Sprache, Fläche, Geist, Propaganda, Politik, aber auch Romantik und Geld. Durch ständige Wiederholungen werden die Begriffe immer wieder anders präsentiert und können so an neuen Reibepunkten neue Ideen lostreten. Dieser Text ist eine große Bedeutungsmischmaschine. Dieser Text ist Rap, Rhythmus, Collage und Cut-up. Jedenfalls: Eine Herausforderung. Eine Zumutung, weil er den Leser ernst nimmt.
    Gertrude Stein will nichts vorsetzen, sondern sich herantasten. Wer als kleingeistiger Leser nur danach sucht, welche Aussage der Autor einem präsentiert, was sich hinter der gewählten Oberfläche für Tiefgründiges verbirgt, wird scheitern. Wer sich über den Text nur lustig macht und ihn für heiße Luft hält, hinter der sich nichts verbirgt, irrt – und hat ein eher altertümliches, beschränktes Autoren- und Textverständnis. Es sind aktive Leser gefordert. Man darf nicht fragen: Was steckt in dem Text? Sondern man muss schauen, was macht der Text mit einem, der man etwas mit dem Text macht. Und das ist in diesem Fall, dass der Text den Leser dazu bringt, ihn laut vorzulesen (nicht leise zu lesen). Das liegt vor allem am Weglassen der Kommata und seiner oft ungewohnten Syntax. So kann der Leser oft erst durch lautes Lesen wieder Zusammengehöriges zusammenbringen, Abschnitte bilden. Der kognitive Unterschied des lauten zum leisen Lesen ist, dass man auf jeden Fall nicht nur still entgegennimmt, was in den Zeilen steht, sondern dass man sich Sachverhalte mit der eigenen Stimme (nicht der Stimme des Autors) durch den Kopf gehen lässt, verinnerlicht. Was ein ganz anderer Vorgang ist, als wenn man einer fertig ausformulierten, abgeschlossenen Argumentation folgt, ein Fazit vorfindet und sich intelligente Sätze brav mit Textmarker anstreicht. Was geschrieben ist, bedeutet etwas, weist auf etwas hin, was gesprochen wird, ist etwas. Das ist Slam Poetry. Ein Klang-Bedeutungs-Kunstwerk, dass sich von der Ansicht der Autorin loslöst – und die Auslegung an seine Hörer/Leser abgibt.
    […]
    (S. 109)
    Und was sehe ich nun („Oh! say can you see?“): Unter anderem, dass die menschliche Natur nicht interessant ist! (Was nicht heißt, sich nicht mit ihr zu beschäftigen!) Dass der Geist des Menschen im Inneren, die Natur des Menschen im Außen liegt. Aber dass keine Beziehung dazwischen ist. Dass es im Inneren (des menschlichen Geistes) keine Identität gibt, weil die Identität von dem abhängt, was man (außen) sieht. Allerdings gibt es an sich kaum Identität, weil heute nicht gestern oder morgen ist. In diesem Sinne: „Was nützt es ein kleiner Junge zu sein, wenn man später doch ein Mann wird.“ (S. 118). Und überhaupt!
    Für dieses Buch kann ich mir jedes Urteil vorstellen – nur kein Mittelmaß. Es ist schleppend, nervend und anregend. Und wenn man sich durchgeboxt hat, und am Ende wenigstens einen "neuen" Gedanken verinnerlicht hat – oder vielleicht eher: einen inneren Gedanken veräußerlicht hat -, dann war es eine gewinnbringende Lektüre.
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Ausgaben von Die geographische Geschichte von Amerika oder Die Beziehung zwischen der menschlichen Natur und d...

Hardcover

Seitenzahl: 167

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