Mithu M. Sanyal - Identitti

  • Buchdetails

    Titel: Identitti


    Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG

    Bindung: Gebundene Ausgabe

    Seitenzahl: 432

    ISBN: 9783446269217

    Termin: Neuerscheinung Februar 2021

  • Bewertung

    3.7 von 5 Sternen bei 13 Bewertungen

    73,8% Zufriedenheit
  • Inhaltsangabe zu "Identitti"

    „Was für eine gnadenlos witzige Identitätssuche, die nichts und niemanden schont. Man ist nach der Lektüre nicht bloß schlauer – sondern auch garantiert besser gelaunt.“ (Alina Bronsky) Was für ein Skandal: Prof. Dr. Saraswati ist WEISS! Schlimmer geht es nicht. Denn die Professorin für Postcolonial Studies in Düsseldorf war eben noch die Übergöttin aller Debatten über Identität – und beschrieb sich als Person of Colour. Als würden Sally Rooney, Beyoncé und Frantz Fanon zusammen Sex Education gucken, beginnt damit eine Jagd nach „echter“ Zugehörigkeit. Während das Netz Saraswati hetzt und Demos ihre Entlassung fordern, stellt ihre Studentin Nivedita ihr intimste Fragen. Mithu Sanyal schreibt mit beglückender Selbstironie und befreiendem Wissen. Den Schleudergang dieses Romans verlässt niemand, wie er*sie ihn betrat.
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  • Schon immer weiß Nivedita nicht so richtig, wo sie hingehört. Als Tochter einer Polin und eines Inders lebt sie in Düsseldorf und studiert Postcolonial Studies bei der berühmten (und berüchtigten) Professorin Saraswati. In ihr hat Nivedita ein Vorbild gefunden, an dem sie sich orientieren kann und das ihr eine Identität gibt. Doch dann der Skandal: Saraswati hat mit Indien gar nichts zu tun. Sie ist auch keine PoC (=Person of Colour), sondern weiß. Nivedita ist am Boden zerstört. Warum hat Saraswati sie angelogen? Und was bedeutet das nun für Saraswatis Lehren und Niveditas eigene Identität? Wütend macht sie sich zu Saraswatis Wohnung auf, um sie zur Rede zu stellen.


    „Identitti“ ist ein außergewöhnliches Buch – das zeigt eigentlich schon ein Blick auf das Cover. Das stellt übrigens die Göttin Kali dar und schlägt damit einen Bogen zum Inhalt. Immer, wenn Nivedita nicht weiter weiß, begibt sie sich in einen Dialog mit ihr. Auch auf ihrem Blog, den sie als „Identitti“ betreibt, finden diese Gespräche ihren Platz. Der Sprachstil des Romans ist dabei durchaus anspruchsvoll; die Autorin geizt nicht mit Fremdwörtern und Fachbegriffen aus dem Bereich der Rassimus- und Identitätsforschung. Trotz allem kommt dabei aber auch der Humor nicht zu kurz.


    Zentrales Thema des Buches ist sicherlich die Frage nach der eigenen Identität. Die Person, die diese Diskussion auslöst, ist dabei nicht einfach zu greifen. Saraswati ist selbstgefällig und arrogant, unerträglich klug und wortgewandt. In ihren Wortgefechten mit Nivedita fragt man sich unweigerlich: „Aber hat sie nicht vielleicht recht?“ Es werden die unterschiedlichsten Fragen aufgeworfen, so zum Beispiel, wann man sich eigentlich einer gewissen Identität zugehörig fühlen darf. Nur als Geburtsrecht? Ändert die Staatsangehörigkeit etwas? Und wieso ist es in Ordnung, sich einen anderen biologischen Geschlecht zugehörig zu fühlen, nicht aber einer anderen Kultur?


    Auf all diese Fragen gibt der Roman keine Antworten, sondern lässt durch seine Charaktere und eine fiktive Diskussion in den (sozialen) Medien ein Nebeneinander von Meinungen entstehen. Dabei arbeitete die Autorin übrigens mit realen Influencer*innen und Journalist*innen zusammen und bat sie, zu diesem fiktiven Diskurs einen Tweet oder Artikel zu verfassen, was der Handlung noch einmal Nachdruck verleiht. Die Antworten auf all die Fragen muss man als Leser*in schließlich selbst finden oder vielleicht gibt es hier auch gar kein „richtig“ oder „falsch“? Unbedingt lesen! :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :love:

    1. (Ø)

      Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG


  • Unbedingt lesen!

    Dein Wunsch ist mir Befehl. Ich habe es gerade in meiner Bücherei vorbestellt. Deine Rezension klingt, als würde mir das Buch gefallen. :)

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


    Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen. (Cicero)



  • Ich konnte das Buch vorgestern wieder ausleihen und werde es wahrscheinlich nach dem Osterwochenende weiterlesen. Bin schon gespannt, wie es weitergeht mit Nivedita und Saraswati - und vor allem, welche intellektuellen Twists die letztere noch so einlegt. :lol:

    Das "Vorbild" des Romans, der Fall Rachel Dolezal, hatte mich damals jedenfalls ganz schön geschockt.

    Lg Sarange :cat:


    :study: Elif Shafak - Das Flüstern der Feigenbäume

    :montag: John Lewis-Stempel - Ein Stück Land: Mein Leben mit Pflanzen und Tieren

  • Gestern habe ich das Buch beendet und muss gestehen, dass ich mich ab der Hälfte so damit herumgequält habe, dass ich kurz vor einem Abbruch stand. :(


    Mich haben diese anfangs noch spannenden und ungewöhnlichen, aber dann ewig kreisenden Reflexionen mit denselben Figuren um die immergleichen Grundgedanken, nur geringfügig variiert oder durch einen winzigen neuen Handlungsschnipsel erweitert, auf die Dauer ziemlich gelangweilt. Ich verstehe schon, dass die Autorin da viel ins Buch hineinpacken wollte, aber aus meiner Sicht wäre weniger in diesem Fall mehr gewesen.


    Erst gegen Ende hat das Buch wieder Fahrt aufgenommen. Die in Kritiken gepriesene Leichtfüßigkeit, den Humor, die gute Laune musste ich über weite Strecken mit der Lupe suchen. (Selbst die Dialoge mit Kali nutzten sich irgendwann ab.) Stattdessen habe ich mich wie im Proseminar für Postkolonialismus-Studien gefühlt. Da diese Themen mich sehr interessieren, habe ich durchgehalten, würde mich aber beim nächsten Mal lieber gleich bei der umfangreichen Literaturliste im Anhang des Romans bedienen. :lol:


    Trotzdem bedaure ich nicht, dass ich den Roman gelesen habe.


    :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:

    Lg Sarange :cat:


    :study: Elif Shafak - Das Flüstern der Feigenbäume

    :montag: John Lewis-Stempel - Ein Stück Land: Mein Leben mit Pflanzen und Tieren

  • ### Inhalt ###

    Nevidita ist engagierte Studentin von post-colonial Studies und betreibt auch einen eigenen Blog, in dem sie viel über ihre Studienthemen schreibt. Sie und einige ihrer engsten Freundinnen, mit denen sie zum Teil in einer WG wohnt besuchen Seminare bei der indisch stämmigen Professorin Saraswati. Aufgrund der Leidenschaft für ihr Thema und der unkonventionellen Methoden, die Saraswati bei ihren Seminaren anwendet und in denen sie sich für die Belange der PoC (person of color) einsetzt, sind Nevidita und ihre Freundinnen fasziniert von ihr, ja beten sie sogar fast an.

    Dann kommt der große Knall: Aufgrund eines Fotobeweises, den der Bruder Raji von Saraswati an die Öffentlichkeit gebracht hat, kommt ans Licht, dass Saraswati gar keine Inderin ist, sondern eine Weiße, die sich hat umwandeln lassen. Nevidita ist am Boden zerstört, ihr großes Vorbild scheint eine Fata Morgana zu sein. Auch in den sozialen Medien entbrennt ein Shitstorm , der sich im Kern darum dreht wie mal wieder ein Mensch weißer Abstammung versucht, der Welt zu erklären wie das Leben einer PoC ist und dann auch noch auf der Grundlage einer großen Lüge.



    ### Meinung ###

    Das Thema des Buches hat mich sofort interessiert. Neben Transgender kommt nun ein neuer Kandidat ins Spiel, der die Gemüter der Welt erhitzt: Transrace.


    Die Umsetzung des Themas ist für mich jedoch wenig zufriedenstellend. In dem Roman wird eine Situation konstruiert, in der die Protagonistin Nevidita nach dem Outing von Saraswati zu ihr zieht und bei der Professorin wohnt. Dort wird dann tagelang diskutiert wie Saraswati das hat bringen können und was für eine große Lüge das wäre und wie enttäuscht nun alle sind - bei Wein, Geschrei und Tränen. Es werden viele Argumente ausgetauscht, das Für und Wider einer race transformation. Das Wider dreht sich im Kern um amoralische Appropriation, bei der Saraswati sich die Belange und den Schmerz eine Poc zu sein für ihre Zwecke angeeignet habe. Saraswati argumentiert auf Pro-Seite, dass ihre Transformation doch gerade die höchste Form der Anerkennung sei, die man gegenüber PoCs haben könne. Daneben geht es im Buch häufig um die Beziehung Neviditas zu den beiden wichtigsten Männern in ihrem Leben Simon und einem Inder. Dabei handelt es sich um On-Off-Beziehungen, eher Off. Und dazu dann natürlich das ganze Leid und der Schmerz, irrelevant und wenig zum Thema beitragend wie ich finde. Es gibt noch so einige Details, die mich irritieren. Die Beziehung Neviditas zu ihrer Professorin, man wohnt zusammen, man trinkt Wein und findet sich sexy... Überhaupt ist der Roman IMO nicht ganz einfach zu lesen, weil Szenenwechsel oft abrupt erfolgen, eben ist man noch in Saraswatis Wohnung, im nächsten Satz ist Nevidita auf der Straße irgendwo mit Simon. Ja, und dann ist da noch das Alter Ego, die indische "männer-fressende" Göttin Kali, mit der Nevidita immer Zwiegespräche führt, aus meiner Sicht noch einer der originellsten Teile des Buches. Mich hat gewundert, dass Kali am Ende wohl real wird, da jeder sie sehen kann (?). Daneben wird das Thema zu einem großen Teil durch Social-Media-Beträge von oft realen Persönlichkeiten vorangetrieben, kann man machen, fand ich aber oft eher störend.


    Insgesamt hätte ich mir in dem Buch mehr gewünscht, dass sich das Thema mehr in natürlichen menschlichen Situationen und Interaktionen zeigt, im Rahmen einer realen Geschichte. Identitti ist sehr abstrakt und akademisch gehalten - es werden viele Quellen zitiert und am Ende des Buches gibt es sogar noch drei vier Seiten in sehr kleiner Schrift, auf denen Zusatzhinweise für viele Sätze im Buch angemerkt sind. Diese gehen jedoch größtenteils an einem vorbei, da innerhalb des Romantextes nicht auf diese Seiten verwiesen wird.



    ### Fazit ###

    :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:


    In dem Buch geht es um Transrace. Dieses interessante Thema wird in einem abstrakten akademischen Setting diskutiert. Ich war froh als ich durch war mit dem Buch.

    1. (Ø)

      Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG


    Der ideale Tag wird nie kommen. Der ideale Tag ist heute, wenn wir ihn dazu machen. -- Horaz

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