Mithu M. Sanyal - Identitti

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  • Schon immer weiß Nivedita nicht so richtig, wo sie hingehört. Als Tochter einer Polin und eines Inders lebt sie in Düsseldorf und studiert Postcolonial Studies bei der berühmten (und berüchtigten) Professorin Saraswati. In ihr hat Nivedita ein Vorbild gefunden, an dem sie sich orientieren kann und das ihr eine Identität gibt. Doch dann der Skandal: Saraswati hat mit Indien gar nichts zu tun. Sie ist auch keine PoC (=Person of Colour), sondern weiß. Nivedita ist am Boden zerstört. Warum hat Saraswati sie angelogen? Und was bedeutet das nun für Saraswatis Lehren und Niveditas eigene Identität? Wütend macht sie sich zu Saraswatis Wohnung auf, um sie zur Rede zu stellen.


    „Identitti“ ist ein außergewöhnliches Buch – das zeigt eigentlich schon ein Blick auf das Cover. Das stellt übrigens die Göttin Kali dar und schlägt damit einen Bogen zum Inhalt. Immer, wenn Nivedita nicht weiter weiß, begibt sie sich in einen Dialog mit ihr. Auch auf ihrem Blog, den sie als „Identitti“ betreibt, finden diese Gespräche ihren Platz. Der Sprachstil des Romans ist dabei durchaus anspruchsvoll; die Autorin geizt nicht mit Fremdwörtern und Fachbegriffen aus dem Bereich der Rassimus- und Identitätsforschung. Trotz allem kommt dabei aber auch der Humor nicht zu kurz.


    Zentrales Thema des Buches ist sicherlich die Frage nach der eigenen Identität. Die Person, die diese Diskussion auslöst, ist dabei nicht einfach zu greifen. Saraswati ist selbstgefällig und arrogant, unerträglich klug und wortgewandt. In ihren Wortgefechten mit Nivedita fragt man sich unweigerlich: „Aber hat sie nicht vielleicht recht?“ Es werden die unterschiedlichsten Fragen aufgeworfen, so zum Beispiel, wann man sich eigentlich einer gewissen Identität zugehörig fühlen darf. Nur als Geburtsrecht? Ändert die Staatsangehörigkeit etwas? Und wieso ist es in Ordnung, sich einen anderen biologischen Geschlecht zugehörig zu fühlen, nicht aber einer anderen Kultur?


    Auf all diese Fragen gibt der Roman keine Antworten, sondern lässt durch seine Charaktere und eine fiktive Diskussion in den (sozialen) Medien ein Nebeneinander von Meinungen entstehen. Dabei arbeitete die Autorin übrigens mit realen Influencer*innen und Journalist*innen zusammen und bat sie, zu diesem fiktiven Diskurs einen Tweet oder Artikel zu verfassen, was der Handlung noch einmal Nachdruck verleiht. Die Antworten auf all die Fragen muss man als Leser*in schließlich selbst finden oder vielleicht gibt es hier auch gar kein „richtig“ oder „falsch“? Unbedingt lesen! :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :love:

    1. (Ø)

      Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG


  • Unbedingt lesen!

    Dein Wunsch ist mir Befehl. Ich habe es gerade in meiner Bücherei vorbestellt. Deine Rezension klingt, als würde mir das Buch gefallen. :)

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


    Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen. (Cicero)



  • Deine Rezension klingt, als würde mir das Buch gefallen. :)

    Das würde mich sehr freuen! Ich bin gespannt, was Du berichtest.

  • Ich konnte das Buch vorgestern wieder ausleihen und werde es wahrscheinlich nach dem Osterwochenende weiterlesen. Bin schon gespannt, wie es weitergeht mit Nivedita und Saraswati - und vor allem, welche intellektuellen Twists die letztere noch so einlegt. :lol:

    Das "Vorbild" des Romans, der Fall Rachel Dolezal, hatte mich damals jedenfalls ganz schön geschockt.

    Lg Sarange :cat:


    :study: Fang Fang - Weiches Begräbnis

    :montag: Miki Sakamoto - Zen und das Glück, im Garten zu arbeiten

    :study: Batya Gur - Denn am Sabbat sollst du ruhen (Reread)

    :musik: Nadia Murad - Ich bin eure Stimme



  • Gestern habe ich das Buch beendet und muss gestehen, dass ich mich ab der Hälfte so damit herumgequält habe, dass ich kurz vor einem Abbruch stand. :(


    Mich haben diese anfangs noch spannenden und ungewöhnlichen, aber dann ewig kreisenden Reflexionen mit denselben Figuren um die immergleichen Grundgedanken, nur geringfügig variiert oder durch einen winzigen neuen Handlungsschnipsel erweitert, auf die Dauer ziemlich gelangweilt. Ich verstehe schon, dass die Autorin da viel ins Buch hineinpacken wollte, aber aus meiner Sicht wäre weniger in diesem Fall mehr gewesen.


    Erst gegen Ende hat das Buch wieder Fahrt aufgenommen. Die in Kritiken gepriesene Leichtfüßigkeit, den Humor, die gute Laune musste ich über weite Strecken mit der Lupe suchen. (Selbst die Dialoge mit Kali nutzten sich irgendwann ab.) Stattdessen habe ich mich wie im Proseminar für Postkolonialismus-Studien gefühlt. Da diese Themen mich sehr interessieren, habe ich durchgehalten, würde mich aber beim nächsten Mal lieber gleich bei der umfangreichen Literaturliste im Anhang des Romans bedienen. :lol:


    Trotzdem bedaure ich nicht, dass ich den Roman gelesen habe.


    :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:

    Lg Sarange :cat:


    :study: Fang Fang - Weiches Begräbnis

    :montag: Miki Sakamoto - Zen und das Glück, im Garten zu arbeiten

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