A.J. Steiger - Jeder von uns ist ein Rätsel / When My Heart Joins the Thousand

  • Inhaltsangabe:


    Andere Menschen zu verstehen ist für Alvie eine Herausforderung. Ihr Lieblingsbuch ist die Kaninchensaga »Unten am Fluss« und richtig wohl fühlt sie sich nur in ihrem Job im Zoo, bei den Tieren. Doch als sie Stanley kennenlernt, ist alles anders: Er interessiert sich nicht nur für Quantenphysik wie sie, sondern ist auch unendlich geduldig. Aber auch Stanley fällt es schwer, sich zu öffnen. Und es ist ein langer, zum Teil sehr komischer, manchmal trauriger und wunderschöner Weg, der sie am Ende zusammenbringt – zu so etwas Ähnlichem wie Glück. (© Netgalley / Carlsen Verlag)



    Meine Meinung:

    Auf "Jeder von uns ist ein Rätsel" bin ich in erster Linie aufgrund des auffälligen Covers aufmerksam geworden. Das Cover stellt ein Labyrinth dar, das im Laufe der Handlung seine Erwähnung findet und einen direkten Zusammenhang mit der Protagonistin Alvie aufweist, die unter dem Asperger Syndrom - also einer Form von Autismus - leidet. Als Leser hat man nicht direkt von Anfang an Kenntnis von dieser Diagnose und man wird zuerst einmal mit den teilweise sonderbaren Verhaltensauffälligkeiten und Eigenheiten von Alvie vertraut gemacht. Wenn man das Buch sehr aufmerksam liest und sich ein Stück weit mit Autismus auskennt, dann wird man vermutlich sehr bald einmal auf die Verdachtsdiagnose Autismus oder Asperger kommen - zumindest erging es mir so. Das erwähne ich deshalb besonders, weil dieser Umstand dafür spricht, dass es der Autorin gelungen ist, die Krankheit sehr authentisch und realistisch darzustellen, ohne das Kind direkt beim Namen zu nennen. Dafür gibt es einen grossen Pluspunkt von mir. Man kann sich selbst als Nicht-Autist/in sehr gut in die Gedanken- und Gefühlswelt von Alvie einfühlen und ein Stück weit erleben, wie herausfordernd für sie ganz alltägliche Situationen mit sozialem Kontakt sein können.

    A. J. Steiger ist es gelungen, mit Alvie eine sehr tiefgründige, vielschichtige und vor allem liebenswerte Protagonistin zu schaffen, ohne ihre psychische Erkrankung beschönigend darzustellen. Jedes Mal wenn Alvie an die Grenzen ihres Aspergers Syndroms gelangt ist, habe ich mit ihr mitgefühlt. Was Alvies Schicksal doppelt so traurig macht, ist ausserdem der Umstand, dass sie sich mit gerade mal 17 Jahren alleine durchs Leben kämpfen muss, da ihre Mutter, die ihre einzige Bezugsperson gewesen war, vor ein paar Jahren verstorben ist. Wie es dazu gekommen ist, erfährt man auch erst nach und nach und ich will nur so viel verraten: Auch dieser Schicksalsschlag hat mich sehr berührt und mitgenommen.

    Neben all den bedrückenden Thematiken, die besonders Alvies Autismus und ihre Vergangenheit betreffen, gibt es aber auch viele amüsante und wunderschöne Szenen im Buch, die einen immer wieder über die traurigen Erinnerungen hinwegtrösten. Grund dafür ist unter anderem Stanley, ein 19-jähriger junger Mann, den Alvie eher durch Zufall in einem Chat kennenlernt, nachdem sie sein Handy aus einem Teich im Park gefischt hat. Sehr bald entsteht zwischen den beiden eine enge Bindung, und das trotz Alvies auffälligem und teilweise sonderbarem Verhalten, das auch Stanley nicht entgangen ist und immer wieder zu ulkigen Situationen führt. Trotz, oder gerade wegen Alvies Eigenheiten scheint Stanley ein besonderes Interesse für sie zu entwickeln und die beiden verlieben sich ineinander, was sie immer wieder vor neue Herausforderungen stellt - denn was Alvie anfangs nicht weiss: Nicht nur sie, sondern auch Stanley hat eine Krankheit, die sein Leben beeinträchtigt. Auch seine Charakterisierung ist der Autorin sehr gelungen, was Alvie und Stanley zu einem aussergewöhnlichen und tollen Pärchen macht.

    Die Geschichte wird eher in einem gemächlichen Tempo erzählt, so dass zwischenzeitlich manchmal für kurze Momenten ein paar Längen entstanden sind, die aber durch meist darauffolgende berührende Szenen wieder wett gemacht werden. Der Schreibstil der Autorin ist sehr angenehm und flüssig zu lesen und passt perfekt zu einer Geschichte aus den Augen einer 17-jährigen.


    Fazit:

    Das Buch hat mich mit seinen Themen wie Erwachsenwerden, erste Liebe, schwierige Familiengeschichten und Schicksale und psychische und körperliche Erkrankungen sehr bewegt. Es war sehr berührend, die 17-jährige Alvie, die unter Asperger leidet, ein Stück weit auf ihrem Lebensweg zu begleiten. Es gelingt der Autorin sehr gut, die täglichen Herausforderung von Betroffenen mit Autismus realistisch darzustellen, so dass man als Leser ein Stück weit nachempfinden kann, wie schwierig selbst alltägliche soziale Situationen für Betroffene sein können. Insgesamt ein wunderschönes Buch, das zwischenzeitlich ein paar Längen aufweist, aber sehr empfehlenswert ist. Von mir gibt es deshalb 4,5 Sterne.

  • Squirrel

    Hat den Titel des Themas von „A.J. Steiger - Jeder von uns ist ein Rätsel“ zu „A.J. Steiger - Jeder von uns ist ein Rätsel / When My Heart Joins the Thousand“ geändert.
  • :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:


    Alvie ist 17 Jahre alt, allein lebend und mit einem Job im Tierpark. Sie würde gern rechtlich für volljährig erklärt werden, damit sie nie wieder Angst haben müsste zu einer Pflegefamilie zurück zu kehren oder gar in ein Heim. Ihr Sozialarbeiter unterstützt sie in diesem Vorhaben, rät ihr aber auch Freunde zu finden, soziale Kontakte zu knüpfen. Doch erstens weiß Alvie gar nicht wozu das gut sein sollte und zweitens hatte sie noch nie Freunde - wie lernt man die überhaupt kennen? Da fällt ihr ein Junge auf, der im selben Park wie sie rumhängt.


    Das Buch erzählt Alvies Geschichte aus der Ich-Perspektive, und der Leser lernt sie ziemlich gut kennen - und in meinem Fall auch lieben. Doch auch über Stanley erfahren wir im Verlauf des Buches immer mehr. Auch sein Leben war bisher kein Zuckerschlecken, auch er lebt allein, auch er hat Narben - in seinem Fall nicht nur im übertragenen Sinne. Jeder von ihnen ist sich selbst und vor allem der Umwelt ein Rätsel, aber zusammen funktionieren sie erstaunlich gut. Meistens jedenfalls.


    In der Kurzbeschreibung steht, dass ihr gemeinsamer Weg 'zum Teil sehr komisch' ist. Finde ich überhaupt nicht, da ist so gar nichts Humorvolles in dem Roman, noch nicht mal unfreiwillig lustig wie es beim "Rosie Projekt" oft war. Aber das machte das Buch in meinen Augen nicht weniger gut (auch wenn ich solche kleinen witzigen Momente durchaus schätze). Ich fand es bewegend, erschreckend, berührend, aber vor allem unheimlich spannend zu lesen, wie Alvie ihr Leben meistert.


    Das Cover finde ich eher unscheinbar, und ich bin wirklich froh dass ich dennoch neugierig genug war um die Kurzbeschreibung zu lesen - und mich daraufhin dann auch für das Buch entschieden habe. Im Nachhinein kann ich die Illustration auf dem Cover auch verstehen, das Original gefällt mir dennoch etwas besser - auch wenn das sicher ein bißchen andere Erwartungen an den Inhalt weckt.