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Jean-Philippe Blondel - Ein Winter in Paris / Un hiver à Paris

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Ein Winter in Paris

4.3|4)

Verlag: Deuticke Verlag

Bindung: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 192

ISBN: 9783552063778

Termin: September 2018

  • Victor ist in seinem zweiten Jahr am renommierten Lycee D. Er hat seine Eltern und sein Städtchen in der Provinz verlassen, um nach Paris zu gehen und Lehrer zu werden. Doch unter seinen Klassenkameraden ist er stets der Außenseiter geblieben; der, der nicht so recht zu den anderen passen will. Mathieu aus dem ersten Jahr scheint es ähnlich zu gehen, auch er hat seinen Platz noch nicht gefunden. Die beiden treffen sich fast täglich beim Rauchen - mal wechseln sie ein paar Worte über den Konkurrenzdruck, über ihre Ängste oder über ihr altes Leben, mal schweigen sie einfach nur gemeinsam. Victor fasst sogar den Gedanken, Mathieu einzuladen, seinen Geburtstag in ein paar Tagen mit ihm zu feiern. Doch dann passiert das nicht einmal Unerwartete, aber dennoch Undenkbare: Mathieu stürzt sich vor den Augen seiner Kommilitonen in den Tod und Victor bleibt, wieder einmal, allein zurück.

    Mathieus Suizid bringt das Leben am Lycee völlig durcheinander. Lehrer Clauzet, bekannt dafür, seine Studenten mit höhnischen Kommentaren zu quälen, gerät ins Kreuzfeuer, der Rektor in Zugzwang. Schnell werden alle für einige Zeit vom Unterricht befreit, um trauern zu können, aber Victor ist hin- und hergerissen. Eigentlich kannte er Mathieu zu wenig, um wirklich traurig zu sein; dennoch macht der Tod des Jungen ihn noch einsamer, als er sowieso schon ist. Dann beginnen auf einmal Victors Klassenkameraden Interesse an ihm zu finden, dem "Freund" von Mathieu. Und er, der er vorher beinahe unsichtbar war, wird nun zu Parties eingeladen und mehrere Personen buhlen um seine Freundschaft und mehr. Als noch Mathieus Vater auftaucht, auf der Suche nach Antworten, beginnt Victor sich mit diesem zu treffen. Immer mehr Zeit verbringen die beiden miteinander. Mathieus Vater schwelgt in jeder noch so kleinen Erinnerung an den verlorenen Sohn, während Victor sich vorstellt, wie es wäre, wenn er einen Vater wie diesen hätte. Einen, der versteht, was ihm Literatur und Wissen bedeuten. Dabei geraten beide immer tiefer in einen Strudel, der droht, sie in die Tiefe zu reißen.

    Es ist ein leiser Roman, den Blondel uns hier präsentiert. Abgesehen von dem großen Ereignis zu Beginn sind es eher viele kleine Vorkommnisse und Gespräche, die die Handlung vorantreiben. Sprachlich gekonnt, voller Bilder und Vergleiche wird hier erzählt, was Suizid mit denen macht, die zurückgelassen werden. Es geht um Einsamkeit, Wut, Selbstzweifel, aber auch um den Versuch, Lücken zu schließen. Sei es die Lücke, die ein geliebter Sohn hinterlässt oder, wie im Fall von Victor, diejenige von Eltern, die sich immer weiter von ihrem Sohn entfernen.

    Der Autor wagt es aber auch, ein Tabu zu brechen, nämlich im Zusammenhang von Suizid auch von Vorteilen, gar von Profit zu sprechen. Denn genau das ist es, was Victor tut, er profitiert. Mathieus Tod bringt ihm neue Freundschaften, Erfolg bei den Frauen und für eine gewisse Zeit lang auch einen Ersatzvater. Doch all dies treibt den jungen Mann nur noch mehr in die Einsamkeit. Es ist, als ob alle nur eine Vorstellung von ihm haben, die sie sich nach Belieben anpassen: der bemitleidenswerte, zurückgelassene Freund; der Sohn, den man gerne gehabt hätte - bei all dem bleibt eines auf der Strecke: Victor selbst, seine Wünsche, seine Zukunft. Nur er selbst kann sich aus diesen Verstrickungen befreien. Wird ihm das gelingen? Oder ist es schon lange zu spät?

    Fazit: ein Roman voller Wahrheit, Einsamkeit und Hoffnung zugleich :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

  • Sensibel, melancholisch, wunderschön


    Einfühlsam zeichnet Jean-Philippe Blondel in seinem neuen Roman den Verlauf nach, den das Leben des 19-jährigen Victors während und nach einem schicksalhaften Winter in Paris nimmt.

    Eine zentrale Rolle spielt dabei die Vorbereitungklasse des renommierten Lycée D., an deren Ende der sogenannte Concours steht. Wer diesen besteht, studiert an einer der Grandes Ecoles. So findet Victor, der Junge aus der Provinz, sich zwischen der französischen Elite wieder. Anders als die anderen ist er nicht zwischen Kunst, Literatur und Theater aufgewachsen. Und die ungeschrieben Gesetzte, nach denen sie sich kleiden, sprechen, sich verhalten sind ihm fremd. So ist er ist einsam, außen vor, unsichtbar.

    Wider aller Erwartung gelingt es ihm, das erste Jahr zu überstehen und in das zweite Jahr zu wechseln. So trifft er auf Mathieu, ein Jahr jünger als er, ebenfalls aus der Provinz. Sie sprechen nicht viel, aber sie rauchen in den Pausen gemeinsam. Vielleicht kann daraus eine Freundschaft entstehen, hofft Victor. Das ändert sich abrupt, als Mathieu in der Schule über ein Geländer springt und sich so selber das Leben nimmt. Plötzlich steht Victor im Mittelpunkt, halten ihn doch alle für einen Freund des Opfers, für ein Opfer des Opfers. Er ist nicht mehr unsichtbar, seine Mitschüler interessieren sich für ihn.

    Der Selbstmord wird von Seiten der Schule nicht aufgearbeitet, vielmehr geht es dort weiter wie zuvor. Anschaulich wird die harte, kompetitive Atmosphäre und der Konkurrenzdruck beschrieben. Die Lehrer wirken beinah unmenschlich, allen voran ein M. Clauzet, in dessen Französischstunde Mathieu sprang. Auf unnachahmliche Art beleidigt und demütigt er seine Schüler.

    Auch Mathieus Vater, der nach Hinweisen sucht, findet keine Antwort auf die Frage, weshalb sein Sohn sprang. Aber diese steht auch nicht im Focus. Vielmehr erzählt Victor sehr wortgewandt, wie es mit seinem eigenen Leben weitergeht. Er schließt immer mehr Bekanntschaften, entfremdet sich zunehmend von seinen Eltern, auch seine Noten rutschen ab. Und er trifft auf Mathieus Vater, hört ihm zu, immer wieder, wenn dieser von seinem Sohn erzählt.

    Es ist eine sensible, melancholische Geschichte. Feinfühlig und sehr anschaulich erzählt, sodass man teilweise das Gefühl hat, selber neben Victor durch Paris zu laufen. Insgesamt ein wunderschöner Roman.

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