Clamp - Tokyo Babylon

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  • Eine sehr tragische Romanze zwischen zwei Herzen, die das jeweilige Gegenteil des anderen sind. Unglaublich packend und tiefgründig.





    Nun ist es endlich passiert. Den Comic "X" hatte ich bereits vor vielen Jahren gelesen (und vor kurzem erst wieder !). Dieser hatte mich damals so heftig gefesselt, dass er mich nie wieder losgelassen hat - bis heute nicht. Schon sehr früh hatte ich erfahren, dass dieser Comic, den ich Euch jetzt vorstellen will, eine der Vorgeschichten darstellt. Es war immer wieder an zahllosen Gründen gescheitert, dass ich ihn lesen konnte. Bis heute. Nach mehr als 10 Jahren. Vor ein paar Wochen habe ich ihn endlich bekommen und habe alle Bände an einen einzigen Sonntag gelesen. Das war so nicht geplant, doch hatte er mich sofort in seinen Bann gezogen. Das hatte bei mir zuletzt erst wieder Momo von Michael Ende geschafft.



    Hier und heute möchte ich euch die 5bändige Reihe "Tokyo Babylon" (Japan 1990-3; Deutschland 2004) von CLAMP vorstellen, von der ich glaube, dass sie mich (wie auch X damals) noch über einen weiten Lebensabschnitt begleiten wird. Denn diese 5 Bände werden wohl nie wieder aus meiner Büchersammlung verschwinden. Dementsprechend werde ich auch, ähnlich wie bei meinem Kommentar zu "X" hier übr alle Bände und nicht nur über den ersten schreiben.


    Vielleicht habt Ihr schon in meinen Kommentar zu "X" von CLAMP reingeschaut. Dort kämpfen 7 Himmelsdrachen gegen 7 Erddrachen um das Schicksal der Welt gegeneinander. "Tokyo Babylon" ist ein zeitlicher, thematischer und chronologischer Vorgänger von "X". Das bedeutet nicht, dass sie nahtlos ineinander übergehen. Das heißt, dass dieses frühere Werk hier inhaltlich in "X" aufging. Denn hier ist die Geschichte von 3 der circa 17 Protagonisten aus "X" niedergeschrieben.



    Der Titel der Reihe verrät es uns bereits: der Hauptort ist Tokyo. Gleichzeitig ist Tokyo auch eine der Hauptthemen. Unsere Protagonisten sind die 3 jungen Menschen Hokuto und Subaru Sumeragi (16jährige Zwillinge und Oberschüler) und der 25jährige "Tierarzt" Seichiro Sakurazuka. Subaru ist das 13. Familienoberhaupt der Sumeragi, eines Clans von Yin-Yang-Meistern, die sich mit hoher spiritueller Magie um reale, aber auch mystische Probleme in Tokyo kümmern. Subarus Schwester Hokuto hat die magischen Kräfte der Familie nicht geerbt, ist jedoch für den selbständigen Subaru eine feste und liebevolle Stütze in seinem hektischen, verantwortungsvollen und verzwickten Leben. Seichiro hat eine ähnliche Position in Subarus Leben. Von Anfang an lässt er deutlich werden, dass er Subaru liebt, und sorgt dafür, dass Subaru sich nicht ständig selbst für andere in Lebensgefahr bringt, sondern dabei auch auf sich Acht gibt. Wir als Leser erfahren allerdings relativ am Anfang der Geschichte noch, dass die von Hokuto (halb) im Scherz geäußerte Vermutungen stimmen: Seichiro hat eine (liebevolle) Fassade aufgebaut, während er in Wahrheit zur Killertruppe der emotionslosen und quasi inexistenten Sakurazukamori gehört. Wir können nur dabei zusehen, wie Subaru immer weiter in Seichiros Fänge gerät und Hokuto (zwar von Vermutungen getrieben) zu spät die Wahrheit erkennt.



    Doch ist dieser personenbezogene Handlungsstrang nur die eine Ebene des Comics. Ganze 4 der 5 Bände bleibt es bei mehr oder weniger offensichtlichen Andeutungen. Denn die 2. Handlungsebene ist Subarus Tätigkeit als Yin-Yang-Meister, der persönliche, private oder staatliche Aufträge zu erledigen hat und das spirituelle Gleichgewicht Tokyos aufrechterhalten soll. Denn die Großstadt Tokyo birgt zahllose düstere Geheimnisse in sich: familiäre Probleme, menschliche Ausgrenzungen, fehlende Menschenfreundlichkeit, Hilflosigkeit und Verzweiflung. 3 junge Mädchen, die nicht akzeptieren können, dass sie "normal" sind und an der individualistischen Selbstinszenierungsverpflichtung der Gesellschaft verzweifeln, finden sich und halten sich für Auserwählte. So halten sie andere Menschen für Feinde, hantieren mit gefährlicher Magie und verletzen sich und andere. Unter Einsatz des eigenen Lebens neutralisiert Subaru deren schädliche Magie und versucht sie zu retten. Eine andere Episode erzählt die Geschichte einer Begegnung zwischen Subaru und einem alten liebevollen Mann, der von der Familie seiner Tochter häuslich aufgenommen, aber wie "Gepäck" behandelt wird. Schwer hat der alte Mann damit zu kämpfen, doch hat er Verständnis, da seine Tochter emotional ebenfalls sehr schwer an ihrer Armut zu leiden hat. Der alte Mann möchte seiner Tochter noch ein letztes Mal etwas Gutes tun, um dann zu sterben. Tatsächlich stirbt er bei einem Autounfall und durch Subarus Nachricht wird die Tochter geläutert und versinkt zunächst in Depression ob der schlechten Behandlung.
    Eine dritte Erzählung ist die eines jungen Mädchens, das seit langem im Trauma liegt. Subaru dringt vorsichtig in ihren Geist ein, erfährt, was dem Mädchen widerfuhr und holt sie bekräftigt zurück: sie war von mehreren Jungen vergewaltigt worden und wusste nicht mehr weiter. Denn sie wusste genau, dass vergewaltigte Mädchen in der japanischen Gesellschaft nicht als Opfer gelten. Es herrscht eine "selbstschuld"-Mentalität. Zusätzlich seien "solche" Mädchen nun "beschädigt" und nicht mehr heiratsfähig. Deswegen fiel sie traumatisiert ins Koma und wollte (!) nicht mehr aufwachen - bis Subaru mit ihr sprach.



    Doch nicht alle Kapitel (die zT in sich geschlossen sind) drehen sich um Subaru. Je ein Annex dreht sich hauptsächlich um Seichiro oder Hokuto. Das zu Hokuto möchte ich noch gerne ansprechen. Hokuto ist meistens diejenige, die mit hippen und ständig wechselnden Kleidern, mit lustigen Sprüchen, tiefsinnigem Aufbauen und mit Überraschungen für Pepp sorgt, doch hier lernt man sie etwas genauer kennen. Der 3. Band mit dem Annex "Smile" zeigt sie als kurzentschlossen und absolut liebenswürdig. Auf der Straße sieht sie, wie 3 Männer auf eine sich wehrende Frau eindringen. Kein Passant beachtet das Geschehnis. Doch Hokuto -ohne Fragen zu stellen- verprügelt die 3 Männer, packt die Frau an der Hand und flüchtet mit ihr. Erst nachträglich erfährt sie, dass die Frau illegal im Land ist und die 3 Männer (Polizeibeamte !) diese zur Wache bringen wollten. Als die beiden wieder von den Beamten eingeholt werden, entschuldigt sich Hokuto bei ihnen und macht sie dennoch bewegungsunfähig mit einem magischen Spruch. Denn das Einzelschicksal der Frau ist ihr in diesem Fall wichtiger: zusammen fliehen sie wieder und beschließen, Freunde zu werden, da die Kategorien "Japaner"/"Ausländer" für Hokuto für eine Freundschaft und gegenseitiger Achtung irrelevant sind.
    Diese Frau wird im folgenden immer mal wieder (auch wenn sie nicht mehr direkt vorkommt) als Verabredung von Hokuto erwähnt.




    Die Comics sind bei Carlsen Comics erschienen und haben eine deutlich sehbar andere Buchgestaltung als üblich. Sie sind viel kleiner und schmäler. zusätzlich haben sie ein anderes Papier und eine klare Panelform auf jeder Seite, sodass man (fast) immer die Seitenzahlen sieht. Das ist bei den Übersetzungen der anderen Clamp-Comics ganz anders (das heißt jedoch noch lange nicht "schlecht" <:). Die Bände sind außen schwarz, jedoch stets mit einem sehr bunten Bild im frontalen Zentrum. Das trifft die Story gut, dann die bunten Einzelerzählungen sind von einem dunklen Geheimnis eingeschlossen. Die Zeichnungen sind grandios: Bewegungen werden gut ausgedrückt, Mimiken sind überdeutlich. Die Personen sind sauber differenziert und schön gemalt. Hokuto und Subaru sind manchmal nicht so leicht auseinanderzuhalten (weil zwillinge, nehme ich an). Die Personendarstellungen wechseln je nach Notwendigkeit zwischen Ganzkörper- und Kopfdarstellung.



    Auch die Charaktere in ihrer Inhaltlichkeit sind hervorragend. Seichiro der dezente, aber oft auch überdeutliche Erwachsene, der manchmal schwer einzuschätzen ist, doch für jeden Spaß (aber auch jeden Ernst) zu haben ist. Hokuto ist das kunterbunte, quietschlebendige Mädchen, das (ganz von Romantik eingenommen) versucht, Seichiro und ihren Bruder zu verkuppeln. Dennoch ist auf sie trotz ihrer ständigen Spielereien immer Verlass. Subaru ist ein femininer Schönling, der nach außen schüchtern und sehr nett und innerlich fest entschlossen ist, Gutes zu tun, aber dennoch sehr zerbrechlich ist, und mit einem sehr ausgeprägten Einfühlungsvermögen alle schlimmen Ereignisse an sich heran lässt, mit ihnen kämpft, aber dafür auch unbewusst alle Menschen für sich gewinnt (man könnte hier sagen "außer Seichiro", doch "X" zeigt auch hier das Entsprechende).





    "Tokyo Babylon" hat mich von der ersten Seite an gefesselt. Dass im Wikipedia-Artikel drinne steht, "er [sei] speziell für Mädchen geschrieben", ist mir egal: "Tokyo Babylon" ist auch für mich ein Meisterwerk. An diesem Sonntag war es das erste Mal, dass ich ihn las, und es war gewiss nicht das einzige Mal.



    Edit
    Übrigens ist am Ende eines jeden Bandes ein längerer Kommentar von jeweils einer anderen bekannten Person innerhalb der Mangaszene (denke ich !) abgedruckt. Ich denke, das kommt von einer späteren Ausgabe. Diese Kommentare sind wirklich lesenswert. Sie sind natürlich alle positiv (sonst wären sie wohl kaum mitabgedruckt), doch eröffnen sie jeweils sehr interessante Aspekte auf den Comic an sich, auf die personenbezogene Handlung, auf das Thema Tokyo, auf den zeitlichen Kontext und auf die Wirkung.

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