J.D. Christilian - Nebel über Manhatten / Scarlet Women

Anzeige

  • Irgendetwas interessierte mich beim Betrachten des Buches - gar nicht! :geek:

    Zitat

    Ein erstklassiger historischer Spannungsroman...

    Nun, was andere meinen, muss ja nicht meinem Geschmack entsprechen.
    'Überhaupt - "historischer Roman" - bestimmt ööde!', rollte ich mit den Augen, 'man versteht sicher nicht einmal die meisten Wörter!'
    Eine Prostituierte wird vor 150 Jahren gefunden, ungewöhnlich chic gekleidet, ein Privatdetektiv tritt auf, der Fall wird "delikat" - laut der Beschreibung.
    'Na toll, ein prüder Sexkrimi! - Wer hat das mir ins Regal gelegt!' :roll:


    Wie sehr ich mich irrte, war schon nach wenigen Seiten zu ahnen. Ich ließ mich fesseln von einem Manhattan der 1870-er. Von seinen Schauplätzen, den Menschen, verborgenen und bekannten Seiten, Armut und Reichtum, Ansehen und Unwürdigem.
    Marvin H Albert, alias J. D Christilian lässt mit seinem Roman den Wunsch in einem Erwachen, einen Ausflug zu den Anfängen einer der einmal größten Städte der Erde zu wagen.
    Über die historische Korrektheit kann ich nicht urteilen, doch sind sämtliche Beschreibungen überzeugend detailliert und wirken gut recherchiert. An manchen Stellen hat man gar das Gefühl des Mitteilungsbedürfnisses des Autors, verschiedene Aspekte dieser Zeit den Leser wissen zu lassen ohne allerdings jemals zu aufdringlich zu werden,
    Szenen wie die, als eine Straßenbahn aus den Schienen gleitet und die Beschreibung, 'dies käme so oft vor, jeder wüsste, was zu tun sei, alle stiegen aus und hievten den Wagen wieder an seinen Platz', wirken absolut realistisch und stellen eine enge Verbindung mit Damals her.


    Als Hauptfigur geht ziemlich bald Harp hervor. Ein ehrenwerter Fährtensucher, angeheuert von einem zwielichtigen Anwaltsduo, um die aus dem Urlaub nicht wiedergekehrte Ehefrau eines Auftraggebers aufzuspüren.
    Er ist erfahrener Gauner und ein einschlägig bekannter New Yorker und hat so Zugang zu sowohl Hurenhäusern und versteckten Orten als auch chicen, halbwegs vertrauenswürdigen Etablissements.
    Auch die Menschen, die ihm begegnen sind ihm aufgeschlossen. Die meisten für ein paar Dollar, der Rest fürchtet sich vor Prügel.
    Überhaupt wird deutlich, dass im Alltag Bestechung und Existenzangst ein weit verbreiteter Antrieb sind, durch den sich für Harp viele Wege öffnen.
    Jedoch gelangt er, angesichts der trotz allem vorhandenen Loyalität und Verschiedenheit der seinen Weg kreuzenden, an die Grenzen seiner Möglichkeiten und dringt tiefer ein in die Netze verschwörerischer Gangsterbanden, Cops und Oberschichtler.
    Und wer war die Prostituierte, die im Lagerhaus gefunden wurde? Warum starb sie?


    Wie eine lebendige Ansichtskarte von New Yorks Straßen und seinen Menschen zu betrachten gleitet es sich durch Nebel über Manhattan.
    Schonungslos werden Gewalt und Ungerechtigkeit dargestellt sowie Liebe, Hoffnungen und zwischenmenschliche Verbundenheit.


    Meinem anfänglichen Gezeter um die Äußerlichkeiten des Buches zu Trotz ist es heute eines meiner am Liebsten gelesenen.
    Hinter einem unscheinbaren (deutschen) Titel und einem scheinbar unbekanntem Autor verbirgt sich ein erstklassiger historischer Thriller-Krimi, fesselnd geschrieben, wenig einsehbar.
    Verständlich ausgedrückt ist es für von Vergangenem Begeisterte, die die sich begeistern lassen und welche, die gern gespannt schaudern.
    Mir hat es die Welt zu historischen Werken geöffnet.


    :thumleft:

Anzeige