Toivo Pekkanen - Meine Kindheit / Lapsuuteni

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Meine Kindheit (RUB, 1155)

5|1)

Verlag: Reclam Verlag jun.

Bindung: Taschenbuch

ISBN: 9783379000000

Termin: 1986

  • Der Schriftsteller (nach Wikipedia und Klappentext): Toivo Rikhard Pekkanen wurde 1902 als Sohn eines Steinhauers in der südfinnischen Hafenstadt Kotka geboren. Da der Vater an Tuberkulose litt, musste der Junge frühzeitig zum Unterhalt der Familie beitragen. Neben seiner Lohnarbeit als Metallarbeiter, Sägewerker und Schmied brachte er sich alle notwendigen Grundlagen des „Schreibens“ als Autodidakt bei und las Jack London, Tschechow, Tolstoi und Strindberg. Ab 1928 stand er der Künstlergruppe „Tulenkantajat“ (Feuerträger) nahe. Ab zirka 1930 ließ er sich als freier Schriftsteller nieder, wenn auch seine ersten Novellen nur wenig Anerkennung ernteten. Erst sein Roman „Im Schatten der Fabrik“, in dem er zum überhaupt ersten Mal in der finnischen Literatur den Alltag von Industriearbeitern thematisierte, gelang ihm sein literarischer Durchbruch. 1932 bis 1938 unternahm er Studienreisen nach Berlin, London, Paris und Stockholm. Pekkanen entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Literaten Finnlands und war stets dem Realismus und dem Leben und Schicksal des Arbeiters verpflichtet, ohne in politische Agitation abzugleiten. Ende der Vierzigerjahre begann er mit dem Schreiben eines mehrbändigen Romanwerks über seine Heimatstadt Kotka. Während der Arbeit am dritten Band erlitt er einen Schlaganfall, erholte sich wider Erwarten, beendete den Band und begann mit der Arbeit an seinen Kindheitserinnerungen. Toivo Pekkanen starb am 30. Mai 1957 im Alter von 54 Jahren in Kopenhagen.


    Werke: „Die eisernen Hände / Rautaiset kädet“ (1927), „Hafen und Meer / Satama ja meri“ (1929), „Die Unsterblichen / Kuolemattomat“ (1931), „Im Schatten der Fabrik / Tehtaan varjossa“ (1932), Die Geschwister / Sisarukset“ (1933), „Menschen im Frühling / Ihmisten kevät“ (1935), „Schwarzer Rausch / Musta hurmio“ (1939), „Meine Kindheit / Lapsuuteni“ (1953), „Aufbruch zur Reise“ Gedichte (1955). In deutscher Übersetzung scheinen allerdings nur „Menschen im Frühling“ und „Meine Kindheit“ vorzuliegen.

    Gleich die ersten paar Sätze haben mich sehr für den Erzähler eingenommen:

    Zitat

    Im Haus war ein Kind gestorben. In den Flur jener Familie hatte man einen Sarg gebracht, und als die Eltern einmal weg waren, begannen die Geschwister des toten Kindes Beerdigung zu spielen.

    (S. 5)
    Ein richtiger Spaß wird das nicht, eher eine Gratwanderung zwischen Schrecken und Melancholie. Sentimentalität sucht man vergebens. Urige Dorfgeschichten in verkitscht rustikaler Armut ebenfalls.


    Das wunderbare Erinnerungsbuch „Meine Kindheit“ erzählt in nüchterner Sprache von einer finnischen Kindheit Anfang des 20. Jahrhunderts, die geprägt ist von großer Armut und schwerer Arbeit, nachdem der Vater der kleinen Familie krankheitsbedingt früh arbeitsunfähig wurde. Eine den Körper und den Geist zersetzende Armut, wenn man gezwungen ist, Dinge zu essen, die Menschen nicht essen sollten, die unglaubliche Magenschmerzen und blutigen Durchfall auslösen. All dieses Elend, das sich hinter wohl durchdachten Sätzen verbirgt, ist dank des trocken berichtenden Tonfalls (die auftauchenden Figuren erhalten beispielsweise keine Namen, die Mutter wird nur ein einziges Mal mit Namen genannt) für den Leser fast noch schlimmer zu ertragen, als wäre die Armut pittoresk und voller Klischees ausgestaltet. Wohlgemerkt geht es hier nicht um vordergründiges Schockieren, sondern um eine möglichst authentische Beschreibung des Alltags der finnischen Arbeiterschaft kurz vor und nach dem Ersten Weltkrieg, um das Aufzeigen einer systemimmanenten Notlage, um Eintönigkeit, Ausweglosigkeit und Armut am Rande der Gesellschaft. Es ist nicht einfach eine Anhäufung von tragischen Versatzstücken, sondern ein Konzentrat davon, wie Armut und Krankheit den Lebenswillen zerbrechen. Das vom sterbenskranken Vater zum Ende seines Lebens hin gemurmelte Bibelzitat aus den Klageliedern des Jeremia spricht Bände: "Verflucht sei der Tag, darin ich geboren bin; der Tag müsse ungesegnet sein, darin mich meine Mutter geboren hat!" (S. 176).


    Andererseits ist Pekkanen in der Lage, sich unglaublich gut in die kindliche Psyche hinein- bzw. zurückzuversetzen. So authentisch, intensiv und gewissermaßen drängend habe ich das selten lesen dürfen. Zu Beginn werden drei frühe Kindheitserinnerungen berichtet, die auf eine gewissermaßen archetypische Weise „Kindheit“ auf den Punkt bringen, die Aspekte umreißen, die notwendig erscheinen, um davon zu erzählen, was es bedeutet, sich als Kind in die Welt hineinzuwagen, um Zurückweisungen, Ängste, Träume und den sozialen Umgang mit Erwachsenen und anderen Kindern. Laut Klappentext war für Pekkanen bei der Arbeit an seiner Autobiografie das Schwierigste, "den Hass zu überwinden - den Hass, den er zwangsläufig noch einmal empfinden musste, als er jene bitteren Erinnerungen einer armen Jugend beschwor, die sich an der Grenze von Hunger und Elend abgespielt hatte."


    Gleich zu Beginn geht es also um Tod, Enge, Angst und Eingeschlossensein, dann um Ausbruchsversuche, Wagemut und Lebensfreude, schließlich um Weltaneignung, Prahlerei, Enttäuschung und Traurigkeit. Das Buch überfällt einen unmittelbar mit seiner schlichten Wucht – und lässt einen selten los, wenn es mit der Zeit immer deprimierender wird. Mehr oder weniger chronologisch werden einige Stationen aus dem Leben Pekkanens etwa bis ins Alter von 16, 17 Jahren berichtet, von der Freude über die wenigen Dinge in der Schule, die er gut konnte, von der Angst vor dem Versagen, von Kinderspielen, bei denen er, der Schüchterne, der immer auf der Kippe steht, in ganz ungewohnter Weise einmal triumphieren konnte, von seiner, des Schweigsamen, Scheu vor den Anderen, von seiner Unfähigkeit im Handwerklichen, seinen mühsam ertrotzten Lesestunden, seinen Schwierigkeiten bei der Berufsausbildung und dem Finden von Arbeit in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit, wenn er, der Kränkliche, auf einmal schmachvolle Frauenarbeit übernehmen muss, von Betteltouren, Ferienlagern für arme Landkinder, der Angst um seine kleinen Geschwister, die zeitweilig auf einer Insel der Heilsarmee überlassen wurden (dort aber auch nichts zu essen bekamen). Menschen und Verwandte sterben und verschwinden einfach so, Mitbewohner und Spielkameraden tauchen auf und ziehen wieder weg. Niemandem wird eine Träne nachgeweint. Hauptsache ist, dass die Familie zusammenbleibt und überlebt. Es geht auch um den Verfall des Vaters, der irgendwann wie tot in einem Altersheim lebt, und wie er merkt, dass er seiner Familie nicht mehr helfen kann - und dennoch, trotz mehrerer Schlaganfälle, eines Tages noch einmal in den Steinbruch zur Arbeit geht ...


    Zum Ende hin mischt sich die wechselvolle politische Geschichte Finnlands stärker ins Geschehen ein, das, nachdem es lange Jahre zu Schweden gehörte, ab 1809 als Großfürstentum Teil des Russischen Zarenreiches war. Nach der Februarrevolution in Russland erklärte das finnische Parlament am 6. Dezember 1917 die Unabhängigkeit Finnlands, die nach der erfolgreichen Oktoberrevolution im Januar 1918 durch zahlreiche Staaten anerkannt wurde. Doch der Ablösungsprozess von Russland sorgte für schwere innere Konflikte und einem dreimonatigen Bürgerkrieg der sozialistischen „Roten“ gegen die bürgerlichen „Weißen“, die schließlich die Oberhand behielten. Die Angst vor Erschießungen der „Roten“ war in der Folge groß und begründet.


    Doch all das verleitet Pekkanen nicht zu Anklagen. Als Mahner möchte er aufzeigen, was damals tatsächlich geschehen ist. Wie die Menschen um ihn herum gedacht, gehofft und geträumt haben – und mit welchen Folgen. Wie gelebt wurde und wieso das von Menschen verursachte Leid weiterleben durfte. Pekkanens Hoffnung ist, durch die Beschreibung des menschlichen Leidens zukünftige Generationen daran zu erinnern, etwas für die Verbesserung des Lebens aller Menschenkinder zu tun, auf dass „die Reichen und Glücklichen nicht die Armen und Unglücklichen vergessen.“ (paraphrasiert nach S. 229). Das gelingt ihm in einzigartiger, rührender und tiefgründiger Weise. Ich bin sehr begeistert - und traurig, wie wenige seiner Bücher in deutscher Übersetzung vorliegen.

    Richard Flanagan "Der schmale Pfad durchs Hinterland" (313/438)

    Sinclair Lewis "Das ist bei uns nicht möglich" (98/446)

    Tim Willocks "Die Gefangenen von Green River" (206/414)


    Jahresbeste: Welch (2018), Cather (2017), Tomine (2016), Raymond (2015), Agee (2014), Kesey (2013), Nisbet & Ford (2012) :king: 
    Gelesen: 75 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: David Foster Wallace "Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich" (17.6.)

  • Eine englische Übersetzung als "My Childhood" in einer Ausgabe aus dem Jahr 1966.

    1. (Ø)

      Verlag: The University of Wisconsin Press


    Richard Flanagan "Der schmale Pfad durchs Hinterland" (313/438)

    Sinclair Lewis "Das ist bei uns nicht möglich" (98/446)

    Tim Willocks "Die Gefangenen von Green River" (206/414)


    Jahresbeste: Welch (2018), Cather (2017), Tomine (2016), Raymond (2015), Agee (2014), Kesey (2013), Nisbet & Ford (2012) :king: 
    Gelesen: 75 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: David Foster Wallace "Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich" (17.6.)

  • Hier ein Link zu einer finnischen Ausgabe, die unter dem Originaltitel "Lapsuuteni" 1995 (anscheinend bei der Finnischen Literaturgesellschaft SUOMALAISEN KIRJALLISUUDEN SEURA) erschienen ist (ISBN: 9789517178525).

    Richard Flanagan "Der schmale Pfad durchs Hinterland" (313/438)

    Sinclair Lewis "Das ist bei uns nicht möglich" (98/446)

    Tim Willocks "Die Gefangenen von Green River" (206/414)


    Jahresbeste: Welch (2018), Cather (2017), Tomine (2016), Raymond (2015), Agee (2014), Kesey (2013), Nisbet & Ford (2012) :king: 
    Gelesen: 75 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: David Foster Wallace "Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich" (17.6.)

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