Leif Kramp, Stephan Weichert- Die Meinungsmacher

Anzeige

  • Der politische Journalismus ist in einer demokratisch verfassten Gesellschaft ein Grundpfeiler und hat die Aufgabe eines politischen Korrektivs. So war das jedenfalls über lange Zeit gültig. Doch nach dem Umzug der Regierung und des Parlaments nach Berlin nach der Wiedervereinigung ist eine beispiellose Verwahrlosung des Hauptstadtjournalismus zu beobachten. Das jedenfalls meinen die beiden Autoren des vorliegenden Buches „Die Meinungsmacher“. Vor allem die Kumpanei zwischen Politik, Boulevard und den Medien, wie sie schon bald Anfang der neunziger Jahre zur Regel wurde, wäre vorher undenkbar gewesen.

    „Es war nicht an der Tagesordnung, dass sich hier die politische Sphäre quasi erweitert hat auf den Gesellschaftsbereich, auf die Kulturprominenz. Dass sich hier Publizistik, also Journaille, mit der Politik, mit Prominenten aus der Society vermischt hat und allesamt sich in den Sehen und Gesehenwerden wohl fühlen, also dass jetzt auch Friseure meinetwegen zu dieser politischen Sphäre dazuzählen ist ja durchaus eine Neuerung, die in Berlin entstanden ist. Dass das tatsächlich vermischt wird und ablenkt von den tatsächlichen, sachbezogenen Inhalten, die im Hinterrund ablaufen, die tatsächlich die Aufmerksamkeit nicht mehr erfahren, die sie verdienen, ist natürlich ein Indiz für eine bestimmte Verwahrlosung“, sagt Leif Kramp in einem Interview.

    Nach durchaus hoffnungsvollem Beginn Anfang der neunziger Jahre waren die Protagonisten der Metropolenjournaille bald mehr an Klatsch und Tratsch interessiert als am eher trockenen Tagesgeschehen. Hinzu kam ein fataler Hang zur Selbstdarstellung auf der Berliner Bühne - zum Beispiel im Restaurant "Borchardt" oder im "Café Einstein Unter den Linden", wo Journalisten Politikern keine unbequemen Fragen mehr stellten, sondern mit ihnen schlemmten.


    "Es hängt vieles mit diesem Zusammengehen von Politik und Medien zusammen: Das ist einmal der Verlust von Nähe und Distanz. Also es gibt da kein Gefühl mehr, was so die richtige Äquidistanz ist zwischen Medien, also Journalisten und Politikern. Ein anderes Indiz ist, dass im Journalismus selbst sich einige Wortführer nach vorne katapultieren, auch an die Oberfläche kommen, durch eigene Prominenz sozusagen Politik kommentieren, auch selber Politik machen wollen. Das hat es zu Bonner Zeiten in der Stärke, in der Virulenz noch nicht gegeben."


    Kramp und Weichert nennen es das „Alphasyndrom“, jenes Verhältnis zwischen wenigen Meinungsmachern und der Masse der anderer Journalisten. Diesem Phänomen widmen sie ein ausführliches und sehr aufschlussreiches Kapitel und sie sparen nicht mit Beispielen und Namen, Journalisten, die sie interviewt haben, die aber wenig selbst zu Wort kommen, sodass man sich kein wirklich eigenes Urteil erlauben kann. Das ist eine Schwäche dieses wichtigen Buches, das viel von seiner Polemik lebt und dem mehr sachliche Argumentation gut getan hätte.

Anzeige