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Francois Garde - Was mit dem weißen Wilden geschah/Ce qu'il advint du sauvage blanc

Was mit dem weißen Wilden geschah

4.4 von 5 Sternen bei 5 Bewertungen

Verlag: dtv Verlagsgesellschaft

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 320

ISBN: 9783423146142

Termin: Dezember 2017

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  • Für diesen beeindruckenden Roman ist der 1959 geborene und als hoher Regierungsbeamter unter anderem auf Neukaledonien tätig gewesene Francois Garde in Frankreich mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem begehrten und für Debütanten so wichtigen „Prix Goncourt du premier roman“.


    Er erzählt die wahre Geschichte eines französischen Matrosen namens Narcisse Pelletier, der, nachdem er schon seit seinem 15. Lebensjahr zur See gefahren ist, im Jahr 1843 als junger Mann von seiner Crew versehentlich an der Ostküste des damals noch wenig erschlossenen Kontinents Australien zurückgelassen wird.


    Nach 17 Jahren wird er von einer Expedition zufällig an einem Strand gefunden und mitgenommen. Er ist nackt, am ganzen Körper tätowiert und spricht die Sprache der Aborigines, die ihn aufgenommen hatten, und bei denen er fast zwei Jahrzehnte gelebt hat.


    Ein französischer Wissenschaftler mit Ambitionen, sich durch Expeditionen in der Heimat einen Ruf zu machen, Octave de Vallombrun, ist zu dieser Zeit in Australien für seine Forschungen und beginnt sich mit dem „weißen Wilden“ zu befassen. Sein Ziel ist es, nicht nur ihm zu entlocken, was er dort bei Aborigines erlebt hat, mehr zu erfahren über deren uralte Kultur und deren Mythen, sondern von Anfang plant er, zu seinem eigenen Ruhm und für die Wissenschaft, Narcisse Pelletier wieder nach Frankreich zu bringen und seiner Familie zuzuführen.


    Der Roman besteht aus zwei Teilen, die sich in entgegen gesetzter Richtung aufeinander zu bewegen, und sich kapitelweise abwechseln. In einem Teil berichtet ein Erzähler, wie Narcisse Pelletier sich von seiner Mannschaft zurückgelassen, an einem einsamen Strand wiederfindet, von Aborigines langsam sozusagen adoptiert wird, und wie er nach mehreren vergeblichen Fluchtversuchen zu spüren beginnt, dass es für ihn kein Zurück mehr gibt.


    Der zweite Teil des Buches ist ein Briefroman, in dem Octave de Vallombrun dem Präsidenten der wissenschaftlichen Societe, die ihn ausgeschickt hat, in gewissen Abständen über seine Fortschritte in der Arbeit mit Narcisse Pelletier berichtet.


    Denn nachdem er über viele Monate vergeblich eine lohnende und ihn ausfüllende geografisch-wissenschaftliche Aufgage im pazifischen Raum gesucht hat, kommt ihm die zufällige Begegnung mit einem Kapitän gerade recht, der ihm von dem aufgefundenen weißen Wilden erzählt. Octave ruht nicht, bis er vom Gouverneur die Erlaubnis bekommt, mit dem jungen Mann zu arbeiten.


    Es ist faszinierend zu beobachten und zu lesen, wie auf der einen Seite der gestrandete Matrose sich langsam von seiner eigenen Sprache und Kultur entfernt, um schließlich ganz in die Welt der Aborigines einzuwachsen, und wie auf der anderen Seite er sich durch die Hilfe seines Mentors seiner ursprünglichen Sprache und Lebensweise wieder annähern soll.


    Es geht in diesem Roman, der bei der Schilderung der Lebensweise der Aborigines an manchen Stellen an die Bücher von Bruce Chatwin erinnert, die ganze Zeit zwischen den Zeilen darum, was Zivilisation ist und welchen Preis sie hat. Denn dass ein Preis zu bezahlen ist, wird immer deutlicher, auch wenn die genaue Handlung hier nicht vorweggenommen werden soll.


    Und auf einer tieferen Ebene geht es um etwas Zeitloses, nämlich darum, dass in unserer menschlichen Seele sozusagen eine wilde und eine zivilisierte Seite wohnen, wobei wir Zeitgenossen das Wilde gar nicht mehr wahrnehmen. Es ist wie bei zwei sich abstoßenden Polen, (oder ziehen sie sich an?), die unser Leben bestimmen sich aber nie wirklich miteinander versöhnen lassen.


    Der Roman ist spannend zu lesen, gut aufgebaut und geschickt komponiert. Ein historisches Sujet, dessen klandestine Botschaft aber höchst aktuell ist, wenn man an die überall in der globalisierten Welt aufeinandertreffenden verschiedenen Kulturen denkt, bei denen, wie sich zeigen wird, keine die Hegemonie beanspruchen wird können, wollen die Menschen in Zukunft noch gut zusammenleben.

  • Mir hat der Roman sowohl inhaltlich als auch stilistisch gut gefallen, vor allem den Aufbau fand ich sehr gut gelungen.
    Schwer nachvollziehbar war für mich allerdings die Tatsache, dass ein 18-jähriger seinen Namen, seine Herkunft, seine Sprache und auch alle anderen Werte seiner Kultur vergisst, wie etwa die Bedeutung von Geld oder Eigentum. Schließlich hatte der Protagonist als Matrose ja Lohn erhalten und auch
    ausgegeben.
    Im Roman, der auf einer wahren Begebenheit beruhen soll, wird Narcisse zwar als eher einfach gestricktes Gemüt beschrieben, dennoch hatte ich mit diesem vollständigen Vergessen meine Schwierigkeiten. Möglicherweise war es eine Art von Amnesie, im Schock entwickelt, als der junge Mann alle Hoffnung aufgegeben hatte, je wieder in sein altes Leben zurückkehren zu können.
    Besonders gut gefallen hat mir der Anfang, als Narcisse tagelang an der Küste entlangirrt, ohne Wasser oder Nahrung finden zu können. Seine Verzweiflung, die sich zur Todesangst steigert, ist sehr gut beschrieben, auch die Rettung durch den Stamm der Ureinwohner. Die Existenz des Weißen wird eher gleichgültig zur Kenntnis genommen, und es wird auch kein großes Getue um ihn gemacht. Zeigt er sich bei der Zuteilung von Essen als zu gierig, wird er sofort in seine Schranken verwiesen, auch ein Halbverhungerter bekommt keine Sonderrationen.
    Dieses vorsichtige Herantasten des Autors, wie die Konfrontation mit einem Volk verlaufen sein könnte, das seit Jahrtausenden auf diesem unwirtlichen Kontinent überlebt hat, hat mich sehr beeindruckt. Umso stärker tritt der Kontrast zum Privatier und Forschungsreisenden aus Leidenschaft Octave de Vallombrun zutage, der sicher aus mitleidigem Herzen handelt, aber dabei die wissenschaftlichen Aspekte nie aus dem Blickfeld verliert. Dementsprechend befremdlich fand ich seine Idee, die beiden Kinder des Matrosen aufzuspüren und aus ihrem Lebensumfeld in eine ihnen völlig fremde Welt zu verpflanzen. Allerdings muss man dieses Ansinnen wahrscheinlich aus der Sichtweise des 19. Jahrhunderts betrachten, derzufolge es nur eine richtige Lebensweise gibt.
    Wirklich ein sehr interessantes Buch mit Tiefgang, das durchaus zum Nachdenken anregt, und das ich sehr gerne weiterempfehle.

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