A.F.Th. van der Heijden - Die Schlacht um die Blaubrücke

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  • Der für van der Heijden´s Verhältnisse mit 164 Seiten relativ kurze Roman „Die Schlacht um die Blaubrücke“ aus dem Jahre 1983 ist der Prolog zum großen Romanzyklus „Die zahnlose Zeit“, einem 3500-seitigen Monumentalwerk um den Protagonisten Albert Egberts und dessen Lebensversuche in den kraftlosen 1970´er und 1980´er Jahren in den Niederlanden. „Die Schlacht um die Blaubrücke“ stellt den Einführungsband dar, sozusagen die Ouvertüre für die kommenden Bände, obgleich er nicht den Beginn der chronologischen Handlung markiert sondern eher eine Momentaufnahme aus der Mitte des Lebens unseres Helden darstellt.


    Wir treffen Albert Egberts in Amsterdam, geschildert werden die Ereignisse des 30. April 1980. Es ist Alberts 30. Geburtstag, gleichzeitig aber auch der Geburtstag der niederländischen Königin Juliana die ausgerechnet an diesem Tag abdankt und die Amtsgeschäfte an ihre Tochter Beatrix übergibt. Albert ist heroinabhängig und finanziert sich seine Sucht mit dem Aufbrechen und Ausräumen von Autos, doch in dieser Nacht ist er unvorsichtig und wird von einem Hund in die Schulter gebissen. In den Folgestunden versucht er, sich zum Einen in den Besitz einer neuen Schere zu bringen, welche ihm als Werkzeug für das Knacken der Autoschlösser dient, zum Anderen, sich den zunehmend gefühlloser werdenden Arm ärztlich versorgen zu lassen. So gerät er im Laufe des anbrechenden Morgens als eigentlich Unbeteiligter in die Auseinandersetzungen zwischen mobilen Eingreiftruppen der Polizei und demonstrierenden linken Hausbesetzern, welche sich auf der „Blauwbrug“, einer historischen Brücke über die Amstel, in ein Straßengefecht mit ungewissem Ausgang verwickeln lassen.


    In ausufernden Rückblenden drängen Erinnerungen aus Kindheit und Jugendzeit in Alberts Gegenwart, ausgelöst durch visuelle Schlüsselreize. So dehnen sich die Ereignisse von nur wenigen Stunden in der Rückschau auf ein ganzes junges Leben aus. Mal ist es der auf der Rückbank des aufgebrochenen Autos aufgeschreckte Schäferhund, welcher Albert die Präsenz seines bewunderten und tatkräftigen Onkels und dessen fast hynotische Wirkung auf Hunde ins Bewußtsein ruft, mal ist es der morgendliche Bierkonsum seiner Bekannten und Krankenschwester Sux Cox, welche in ihm den gärenden Alkoholgeruch und die traurige Gestalt seines eigenen Vaters wieder heraufbeschwört, eines schweren Alkoholikers, der mit seinen Trinkgewohnheiten und den daraus erwachsenden Niederträchtigkeiten seines Charakters Alberts Kindheit geprägt hat. Und es ist die Erinnerung an seinen eigenen Geburtstag, der tatsächlich niemals stattfand, da an diesem Tage nicht ihm, sondern der Königin zugejubelt wurde.


    So entsteht nach und nach das Bild eines jungen Menschen, der immer nur zufällig an seinem eigenen Leben teilnimmt, der mitläuft und sich mitnehmen läßt, statt selbst Kurs und Richtung seines Daseins zu bestimmen. So verschleudert Albert sein noch junges Leben in ziellosem Herumstreifen in der Stadt, gleichgültigen und unnützen Betrachtungen seiner Umwelt und Mitmenschen und wartet auf das, was ihm heute, morgen und dem Rest der Woche passieren möge oder auch nicht. Am treffendsten monologisiert Albert: „Getan – wenig. Reglos dagesessen und hin und her überlegt. Ja, passiert war genug. Aber alles war mir widerfahren. Ich hatte die Ereignisse nicht einmal herausgelockt.“ Oder: „Doch an meinem fünfzigsten oder sechzigsten Geburtstag würde ich immer noch das Gefühl haben, mein Leben sei gerade erst in Gang gekommen ...“ Angesichts dieser Erkenntnisse und im Bewußtsein dessen, daß mit Vollendung seines 30. Lebensjahres der Countdown seines körperlichen Abbaus zu ticken beginnt, beschleicht ihn die Angst, zu spät zu kommen, das Steuer nicht mehr herumreißen zu können, denn wie einer seiner Bekannten, ebenfalls eine verkrachte Existenz, bemerkt: „Der Tag dauert noch lang, aber er ist auch schnell vorbei.“ Doch Albert fehlt der letzte Mut, der entscheidende Antrieb, die Perspektive.


    So kommt es, daß er, mitgerissen durch den Demonstrationszug gegen die Krönung der jungen Königin, und ohne eigentlich zu wissen, wie er in diesen Straßenkampf hineingekommen ist, sich plötzlich an dessen Spitze in der Mitte der „Blauwbrug“ wiederfindet, einen Pflasterstein in der Hand und über ihm der kreisende Hubschrauber der polizeilichen Eingreiftruppe. In einer unfaßbar gut geschriebenen Szene könnte Alberts Leben eine dramatische Wendung nehmen, weg von der eigenen Passivität zu einem Leben der Tat und des Aufbegehrens: während die übrigen Demonstranten, vom Tränengas benebelt und von den dröhnenden Rotorblättern des sich langsam absenkenden Hubschraubers auf das Brückenpflaster niedergedrückt werden, sieht sich Albert seinem übermächtigen Gegner plötzlich allein, sozusagen Aug´ in Aug´, gegenüber. Albert scheint die Befreiung aus der zähen Umklammerung seines verkorksten Lebens nur einen Steinwurf entfernt, ihm ist, als warte sein Publikum aus ängstlich auf dem Pflaster kauernden Demonstranten auf diesen einen Wurf, als erbettele ihn der in der Luft wartende Hubschrauber. Doch Albert zögert, wägt die möglichen Konsequenzen gegeneinander ab, ihn packen Zweifel und Angst, er blickt sich um. Und dann ist der Moment vorbei, die Chance vertan, der Hubschrauber steigt wieder auf und der Straßenkampf beginnt von Neuem, doch nun ohne Albert. Bald entfernen sich Demonstranten und Polizei, verlagern ihr Kampfgebiet in die Innenstadt und lassen Albert in seiner Heroinsucht und seinem ziellosen Leben, allein auf der Brücke stehend, zurück.


    Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Ob Albert die Kurve noch bekommt und ob es ihm gelingt, seine Sucht zu überwinden und seinem Leben eine neue Richtung zu geben, wird zum Schluß des Buches angedeutet und in den folgenden Bänden der Romanreihe ausformuliert.


    Alles in Allem also ein vielversprechender Auftakt zur „Zahnlosen Zeit“ und wie in allen Büchern van der Heijdens lebt der Text von der überbordenden Sprachmächtigkeit seines Urhebers, der mit Kraftausdrücken nicht sparsam umgeht und die Gesamtheit der Albert Egbert´schen Existenz vom Rinnstein bis zur philosophischen Selbstreflexion in Worte kleidet. Die im Zusammenhang mit van der Heijden oft strapazierte Vokabel vom „barocken Dichter“ erhält hier ihre Berechtigung.


    Mein Fazit: eine dicke Leseempfehlung, aber Vorsicht: wer erst einmal an van der Heijdens Haken hängt, wird kaum darum herumkommen, die gesamten 3.500 Seiten der "Zahnlosen Zeit" zu lesen zu wollen.

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