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Max Sessner: Warum gerade heute. Gedichte

Warum gerade heute: Gedichte

5 von 5 Sternen bei 1 Bewertung

Verlag: Droschl, M

Bindung: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 104

ISBN: 9783854207924

Termin: Februar 2012

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  • „er wird es seiner Frau und
    seinen Kindern erzählen
    sie werden lachen und sagen
    dass er langsam alt wird
    und komisch und dass so etwas
    kaum möglich sei“

    (My funny Valentine)


    So etwas: Für zehn Minuten schlüpft der Geist Chet Bakers in den Körper eines Straßenmusikers. Nahezu unbemerkt geht diese Veränderung vor sich. Sie ist nicht von Dauer. Was bleibt von dem großen Moment?


    „jetzt sitzt er am Küchentisch vor
    einer Flasche Bier und
    spricht mit seinen Händen“


    Max Sessner, geboren 1959, zurzeit Buchhändler in Augsburg, hat seinen zweiten Gedichtband beim Literaturverlag Droschl veröffentlicht: „Warum gerade heute“.
    Der Titel - gemeinhin ein Stoßseufzer.
    Sessner schildert Veränderungen, ganz alltägliche, oder auch ungewöhnliche, in vielfältiger Weise. Schauplätze seiner Gedichte sind alltägliche Orte, es sind Kneipen, Büros, das eigene Zimmer, der Vorgarten, mehrfach auch Altenheime. „Schauplätze“ ist dabei ganz wörtlich zu nehmen, denn Sessner erzählt Geschichten.

    Geschichten? Handelt es sich denn nicht um Lyrik?
    Test: Wir schreiben die Zeilen ohne Umbrüche konsequent hintereinander weg.
    „siehst du die Frau am Riesenrad und wie sie uns zuwinkt als wären wir alte Freunde leg ihr eine Münze auf den Kopf und sie lässt dich durch ihre Augen blicken nur was du siehst wird dir nicht gefallen“ (Jahrmarkt)
    Man lese das laut. Entdecke Rhythmus, Wortwahl, die verwendeten Bilder, entdecke Lyrik pur.


    Sessner jedoch belässt selten mehr als fünf Worte in einer Zeile. Auf Satzzeichen verzichtet er ganz, ausgenommen einige wenige Fragezeichen.
    Was geschieht dadurch? Die verwendeten Worte führen ganz plötzlich ein Eigenleben. Sie können sich auf die vorhergehende, oder auf die nachfolgende Zeile beziehen - oder durch die gewaltsame Trennung von denselben eine neue, überraschende Bedeutung erhalten.
    So sind Sessners Gedichte ständig in Bewegung. Resultat: Gedichte wie Kurzfilme.
    Das muss man erst einmal schaffen.


    Und wie schafft das Max Sessner? Er bedient sich einer unaufdringlichen Sprache. Alltägliche Wörter. Adjektivarm, viele Verben, welche die Gedichte ebenfalls in Bewegung halten. Überwiegend Gegenwart, weniger häufig ein Mix aus Gegenwart und Vergangenheit. Dennoch bildhaft! Und was für Bilder!


    „So blitzblank der See
    heute morgen als sei in
    der Nacht ein Schwarm
    wilder Putzfrauen über
    ihn hingezogen“
    (Am Ufer)


    „In Kirchen rinnen uns die
    Tränen aus den Augen und
    ruinieren uns den Schuh“
    (Manchmal)


    „Traurigkeit steigt aus
    seiner Kaffeetasse und
    schüttelt ihm aufgeregt die
    Hände“
    (Hüte)


    Die Kunst besteht bei Sessner aber nicht nur darin, diese Bilder zu schaffen. Er beherrscht auch die weitaus schwierigere Kunst, sich zu beschränken. Die Bilder sorgfältig auszuwählen, sparsam einzusetzen. Und zwar so, dass ihnen der Raum bleibt, den sie brauchen, um sich zu entfalten.

    „Warum gerade heute“ ist übrigens (wieder einmal) der Anfang von etwas. Es handelt sich hier um den Beginn des Gedichts „Tage“:


    „Warum gerade heute ich
    schippte Schnee und dachte
    nur Gutes“


    Was dann geschah? Selber lesen.
    Verraten wird vorerst nur, was geschieht, wenn einem Künstler etwas ganz Großes gelingt.


    „für zehn
    Minuten ist diese Stadt
    unsterblich dann ist alles wieder vorbei“



    Max Sessner
    „Warum gerade heute: Gedichte“
    Mit einem Nachwort von Markus Orths
    Literaturverlag Droschl 2012

  • WOW :applause: grandios geschrieben von Dir Kryptichon. Wenn ich, ganz altmodisch, einen Hut hätte würde ich ihn vor Dir ziehen. Macht direkt Lust darauf Max Sessner zu lesen, und das von mir der kaum bis gar keine Lyrik liest :uups:

    Gott sieht. Die Zeit flieht. Der Tod jagt. Die Ewigkeit harrt.

  • Wie schön, dass endlich wieder Lyrik vorgestellt wird. :applause:

    Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)


    Bücher sind auch Lebensmittel. (Martin Walser)



  • Chapeau Kryptichon,




    deine dialogische Gestaltung der Rezension macht gleich Lust aufs Lesen. Ich bestelle mir das Buch heute noch. :thumleft:


    (Bin auch neugierig, wie das mit der Traurigkeit gemeint ist, die aufgeregt die Hände schüttelt, fast schon ein Oxymoron?)

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