Miriam Meckel und Léa Steinacker - Alles überall auf einmal

  • Kurzmeinung

    Abroxas
    Umfassende, allgemeinverständliche und wohldosiert kritische Bestandsaufnahme zu gesellsch. Auswirkungen von KI
  • Kurzmeinung

    FrankWe
    Eine umfassende und intelligente Analyse des großen Zukunftsthemas
  • KI (Künstliche Intelligenz) ist das aktuelle Mega-Thema und ein riesiger Markt; das wirkt sich auch auf die Anzahl der Veröffentlichungen zu diesem Thema aus. Es wäre daher nicht unwahrscheinlich, wenn sich eine ganze Flut von mehr oder weniger oberflächlichen, mit heißer Nadel gestrickten und damit austauschbaren Publikationen in die Buchläden ergießen würden.

    Das hier besprochenen Sachbuch spielt allerdings in einer völlig anderen Liga: Hier wird ein Standard gesetzt für die Durchdringung und Aufbereitung des Themas, an dem man sich – zumindest in der nächsten Zeit – zweifellos messen lassen muss.


    Die Kommunikationswissenschaftlerin MECKEL und die Sozialwissenschaftlerin/Journalistin STEINACKER heben sich auf eine wohltuende und souveräne Art sowohl von den Technik-Enthusiasten, als auch von den Weltuntergangs-Mahnern ab. Mit einem weit gefassten Blick, jeder Menge Sachkenntnis und einem bemerkenswerten Gespür für stilistisch ansprechende Darstellung wird nicht nur umfassend informiert, sondern auch – gut begründete – Einordnungen und Bewertungen vorgenommen.

    Es ist wirklich erstaunlich, dass es in einem, in diesem Buch gelingt, sowohl die Geschichte der KI zu skizzieren, die Grundmechanismen der aktuell so aufsehenerregenden “großen Sprachmodelle” zu erklären, ein Gefühl für die wirtschaftlichen Zusammenhänge und die gesellschaftliche Bedeutung zu vermitteln – und differenziert über die Notwendigkeiten und Möglichkeiten einer Regulierung der disruptiven Technologien aufzuklären.

    Und irgendwie ist das alles verständlich und nachvollziehbar. Respekt!


    Die Autorinnen nehmen sich Zeit für die kritischen Aspekte der KI-Revolution. Dabei geht es ihnen weniger um die Befürchtungen bzgl. einer Machtübernahme der digitalen Maschinen (einschließlich der dann offenbar anstehenden Vernichtung der Menschheit). MECKEL und STEINACKER machen deutlich, dass wir ja längst im Zeitalter der KI leben und deshalb gut beraten sind, uns mit den bereits beobachtbaren Auswirkungen zu befassen.

    Auf praktischer Ebene betrifft das nicht nur – bereits sattsam diskutierten – Konsequenzen der Algorithmen unserer Social-Media-Kanäle, sondern auch die inhaltlichen Schwächen in den generierten Texten der neuen Sprachwunderwerke. Damit sind nicht nur sachliche Fehler (z.B. “Halluzinationen”) gemeint, sondern auch die “Verzerrungen” in der Darstellung, die auf eine einseitige Auswahl des Trainings-Datenmaterials zurückzuführen sind (die Welt der “weißen Männer” ist überrepräsentiert).

    Dabei wäre durchaus kontrovers zu diskutieren (auch das wird angedeutet), ob man es den KI-Systemen wirklich anlasten darf (sollte), wenn sie gesellschaftliche Wirklichkeiten abbilden (statt vorgegebenen “woken” Prinzipien zu dienen).


    Mit welcher Tiefe die unterschiedlichen Aspekte abgehandelt werden, mögen zwei Beispiele demonstrieren:

    So machen die Autorinnen darauf aufmerksam, dass das Trainingsmaterial (das frei verfügbare Internet) durchaus endlich ist. Mittel- und langfristig ist davon auszugehen, dass die zukünftigen Systeme immer weniger hochwertiges (genuin menschengemachte) Daten vorfinden, sondern immer stärker auf bereits durch KI bearbeitete Texte zurückgreifen müssen. Hier droht ein Qualitätsverslust.

    MECKEL und STEINACKER lassen es sich auch nicht nehmen, sich mit den Konsequenzen der KI-Zukunft auf das Selbstbild des Menschen zu befassen; damit bekommen die sowieso schon breit gefächerten Perspektiven noch einen philosophischen Touch.


    Dieses Buch ist uneingeschränkt für alle diejenigen zu empfehlen, die mit einem soliden Rüstzeug und einem gut geeichten inneren Kompass in das Zeitalter der KI eintreten möchten. Die hier angesprochenen Themen und die ‘Art ihrer Diskussion haben durchweg grundsätzlichen Charakter und sind ganz sicher auch dann noch relevant, wenn die aktuelle Spitzen-Technologie nicht mehr GPT4 sondern GPT8 oder 10 heißt.

    So etwas wie Enttäuschung könnten eigentlich nur ausgesprochene Technik-Freaks empfinden – aber die greifen ganz sicher auf andere Quellen zurück.

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