Veza Canetti - Die gelbe Straße

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  • Die Autorin: Veza Canetti
    Titel: Die gelbe Straße
    Seiten: 192 Seiten
    Verlag: dtv
    ISBN: 978-3423128315


    Die Autorin: (dtv-Verlagshomepage)
    Veza Taubner-Calderon wurde am 21. November 1897 in Wien geboren. Anfang der 30er Jahre schrieb sie unter verschiedenen Pseudonymen Erzählungen über das Leben der kleinen Leute, die in der renommierten Wiener ›Arbeiter-Zeitung‹, dem Forum der literarischen Avantgarde, veröffentlicht wurden. 1934 heiratete sie Elias Canetti und starb am 1. Mai 1963 in London.


    Inhalt: (Klappentext)
    Die Gelbe Straße ist die Straße der Lederhändler in der Wiener Leopoldstadt, Anfang der dreißiger Jahre. Da ist die Trafik, wo es Tabak und Zeitungen gibt und Tratsch ausgetauscht wird - neidisch, missgünstig, lüstern; die Stellenagentur, in der Mädchen aus der Provinz als Ware an zwielichtige Kunden verhökert werden; das Kaffeehaus, in dem Männer darauf aus sind, »Weiber« zu fangen und eine verarmte Bürgersfrau und eine abgetakelte Sängerin ihr Brot zu verdienen suchen; der Wohltätigkeitsverein, dessen Heuchelei die Waisenkinder durchschauen; und die Seifenhandlung, deren verkrüppelte Besitzerin die Straße zu beherrschen sucht.


    Meinung:
    Venetiana «Veza» Taubner-Calderon schrieb an dem Manuskript Anfang der 1930er Jahre. Auszugsweise wurden Episoden in Zeitschriften veröffentlicht; der komplette Roman inklusive Vorwort von Elias Canetti und Nachwort von Helmut Göbel erschien erst 1990.


    In insgesamt fünf Kapiteln werden Menschen geschildert, die in der gelben Strasse der Lederhändler leben oder arbeiten. Dabei kreuzen sich Schicksale untereinander, d.h. Protagonisten aus dem ersten Kapitel tauchen später nochmals auf, und Nebenfiguren aus früheren Kapiteln werden ausgiebiger in den späteren Kapiteln beschrieben. Eigentlich eine spannende Idee, einzelne Personen aus einem Strassenbild näher zu betrachten und anhand dieser Mosaiksteinchen ein grösseres Bild zu skizzieren. Es ist also keine durchgehende Geschichte, sondern kurze Erzählungen vor dem gleichen Stadtbild sozusagen. Die Menschen dort, zumeist Frauen, haben es allesamt nicht leicht. Themen wie Armut, Krankheit, Geltungssucht, Gewalt, Neid, usw sind ständig präsent, sie sind quasi gefangen in ihrer Situation, ein Entkommen in ein glücklicheres Leben wird zwar versucht, aber vergeblich.


    Mich störte etwas die Schwarz-Weiss-Schablone in den Erzählungen. Es gibt die Bösen, Gewalttätigen, Verbitterten, die ihre Macht ausspielen, um die Guten, Hilfsbedürftigen zu Grunde zu richten, auszubeuten, etc. In fünf Variationen. Eine Wandlung, etwas Hoffnung, eine Erklärung findet sich kaum in dem Buch. Ich habe ja nichts gegen triste, düstere Geschichten, aber spätestens nach der dritten Erzählung hat man es verstanden. Und die Personen sind zwar sonderbar und teilweise schablonenhaft, aber mit so viel Augenmerk und Menschenkenntnis beschrieben wie bei Elias Canetti sind sie hier leider nicht.


    Die fünf Episoden wurden vom Verlag mit einem Vorwort von Elias Canetti (ein Lob auf seine bereits verstorbene Frau, die ihn stets unterstützt hatte) und einem Nachwort von Helmut Göbel ergänzt. Göbel beschreibt auf rund 10 Seiten nochmals die Situation für Schriftsteller in Wien Anfang der 1930er Jahre, die Veröffentlichungsgeschichte der einzelnen Erzählungen und das Vergessen einer talentierten Schriftstellerin, die im Schatten ihres Mannes tätig war.

    Insgesamt ganz interessant zu lesen, Vor- und Nachwort vielleicht sogar spannender als die Erzählungen selbst, aber sonderlich im Gedächtnis bleiben wird mir Veza Canetti mit diesem Buch wohl auch nicht…

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