James Robertson - Der Teufel und der Kirchenmann/The Testament of Gideon Mack

  • Nachdem Pfarrer Gideon Mack einen Sturz in eine tiefe Schlucht mit reißendem Fluss überlebt hat, der normalerweise ziemlich sicher tödlich gewesen sein müsste, ist er einfach nicht mehr der alte, die meisten Gemeindemitglieder sind sich einig darin, dass der Pfarrer wohl den Verstand verloren hat. Nicht nur, dass er ungewöhnliche Dinge tut, nein, er behauptet auch, der Teufel höchstpersönlich habe ihn nach seinem Unfall gerettet.


    Ein solcher Pfarrer ist natürlich für die Kirchenoberen nicht tragbar, er verliert sein Amt und verschwindet aus dem Blickfeld der Bürger von Monimaskit. Nicht allzu viel später wird seine Leiche auf einem schottischen Berg entdeckt und in seiner letzten Unterkunft ein Manuskript gefunden, in dem er seine Version der Ereignisse aufgezeichnet hat - ein gefundenes Fressen für die Presse.


    Mit viel Fabulierlust stürzt sich James Robertson in diese ungewöhnliche Lebensgeschichte eines Mannes, der selbst als Pfarrerssohn in einem freudlosen Haushalt aufgewachsen ist, gerade deshalb früh seinen Glauben verloren hat und dann doch in die Fußstapfen seines Vaters getreten ist. Es ist eine ganz und gar schräge Story, die Robertson aber doch glaubwürdig machen kann, wohl auch, weil ihm die Gratwanderung zwischen bodenständiger Realität und ein paar rational schwer erklärbaren Elementen "zwischen Himmel und Erde" ausgezeichnet gelingt.


    Lange Zeit folgen wir einem ziemlich normalen Lebensweg. Der weltfremd erzogene Gideon schnuppert in der Schule erstmals Freiheit im Denken und Tun, findet Freunde, genießt sein Studentendasein, verliebt sich, und das Außergewöhnlichste in seiner Entwicklung ist, dass er sich trotz anhaltenden Unglaubens für das Theologiestudium entscheidet, als wolle er den Beweis führen, dass es auch ohne eigenen tiefen Glauben möglich ist, die Rolle des Pfarrers auszufüllen, eine etwas spezielle Art der Kirchenkritik, die sich, ohne hämisch zu werden, durchs ganze Buch zieht.


    Übersinnliches in Büchern mag ich nur sehr bedingt, aber so, wie Robertson das hier einfließen lässt, fand ich es ganz spannend, zumal es der Leserschaft selbst überlassen bleibt, was man draus macht. Das Wesentliche des Buches war für mich dann auch nicht Gideons (angebliche?) Begegnung mit dem Teufel (die war für mich nicht der stärkste Teil des Romans), sondern seine persönliche Entwicklung, seine zwischenmenschlichen Beziehungen und, was ich sympathisch fand, seine leise Rebellion gegen allzu festgefügte Dogmen und Traditionen.


    Auch stilistisch hat mir das Buch gut gefallen, selbstironisch-treffend und oft einfach herrlich formuliert. Wer im Original liest, sollte allerdings mit schottischen Einsprengseln umgehen können.


    Eine meiner sehr positiven Buchüberraschungen in diesem Jahr!

    Why say 'tree' when you can say 'sycamore'?
    (Leonard Cohen)

  • Ich habe die Originalversion gelesen (und frage mich, warum man den Titel nicht einfach 1:1 übersetzt hat ... den deutschen finde ich nicht so richtig passend, obwohl er auch nicht falsch ist).

    Why say 'tree' when you can say 'sycamore'?
    (Leonard Cohen)