Christina Kunellis - Pullikalb

Anzeige

  • KLAPPENTEXT (AMAZON)

    Merle muss 17 kalte Jahre ausharren, bis sie unverhofft an dem Ort landet, wo auch ihr endlich ein Schutzpulli übergezogen wird: Auf einem Bauernhof im Praktikum weit weg von ihrer selbstzerstörerischen Welt werden nicht nur hilflose Kuhkinder gewärmt.

    Menschen, die sie wertschätzen, Arbeit, die sie erdet und zum ersten Mal in ihrem jungen Leben der Beginn einer echten Liebesgeschichte. Doch Merle erträgt den unbekannten Segen nicht und beginnt gegen alles zu wüten, was sich ihrem Selbsthass in den Weg stellt.

    "Ich werde mich niemals lieben lassen" schreibt sie am Ende eines langen Fallens in ihren Abschiedsbrief, nicht ahnend, welcher fast vergessene Begleiter sich aufmachen und versuchen wird, ihren finalen Plan zu durchkreuzen.

    Der vorliegende Roman erschien erstmals 2012 bei der Gerth Medien GmbH, Asslar, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München, unter dem Titel "Tränenperle".



    MEINE REZENSION


    Merle, warum lässt du dich denn nicht lieben?


    „Du bist wichtig. Du bist wertvoll. Du bist erwünscht. Du bist gewollt!“


    Die siebzehnjährige Merle kann dieser Zusicherung in keiner Weise glauben. Sie ist ein abgrundtief vernachlässigtes Einzelkind, das auf eine einsam durchlebte lieblose Kindheit und Jugend zurückblickt. Ihren Vater hat sie niemals kennengelernt, die Mutter ist lieblos, verletzend, ablehnend und die meiste Zeit abwesend. Merle hat Todessehnsucht, sie hegt den Wunsch, sich selbst wehzutun und ist überzeugt, im falschen Leben gelandet und für niemanden auf der Welt wichtig zu sein. Ein Angebot für ein Praktikum auf einem Bauernhof in Süddeutschland bietet ihr die einmalige Gelegenheit, ihren Traum von einem Leben auf dem Land zu verwirklichen. Die Familie des Hofinhabers nimmt Merle herzlich in ihrer Mitte auf, und auf dem Nachbarshof lernt sie den zwanzigjährigen Simi kennen, der sich rasch als wunderbarer, verständnisvoller und mitfühlender Freund entpuppt. Simi ruht in sich, liebt sein Leben auf dem Hof und seine Familie. Doch Merle ist durch zahlreiche Verletzungen in ihrer Vergangenheit geprägt - „das Gefühl, unerwünscht und ungewollt, ertragen, aber niemals geliebt worden zu sein, tat infernalisch weh.“ Eine außergewöhnliche Begegnung stellt für Merle schließlich die Chance auf einen Neubeginn dar – doch die Dämonen in ihrem Inneren lassen sich nicht so einfach vertreiben…


    Christina Kunellis Geschichte hat mich vom ersten Augenblick an in den Bann gezogen. Der Leser erhält erschütternde Einblicke in das Leben der Ich-Erzählerin Merle, in ihre inneren Kämpfe, den negativen Einfluss ihrer Freunde und die sträfliche Vernachlässigung durch ihre eiskalte, gefühllose Mutter. In einem Praktikum auf den Bauernhof von Alfred und Elli in Süddeutschland entsteht eine reelle Chance für die Protagonistin, ihr Leben positiv zu verändern. Doch die Qualen dieses seelisch kaputten jungen Mädchens setzen sich auch in ihrem neuen, liebevollen und wertschätzenden Umfeld fort. Merle hat es niemals geschafft, Selbstbewusstsein zu entwickeln, sie ist gefangen in einer Spirale der Selbstzerstörung, der sie scheinbar nicht entrinnen kann. In der Abwertung ihrer eigenen Person und dem selbst zugefügten Schmerz hat sie zumindest noch das Gefühl, etwas zu „spüren“.


    Der Autorin ist die Charakterzeichnung ihrer Protagonistin hervorragend gelungen, ich konnte mich den tiefen Emotionen dieses Buches schlichtweg nicht mehr entziehen. Die Beschreibung von Merles abgrundtiefer Verzweiflung, ihrem Selbsthass, aber auch ihrer unerfüllten Sehnsucht nach einer Familie, nach Annahme und bedingungsloser Liebe, verschlugen mir von der ersten, bis zur allerletzten Seite, den Atem. Der Schreibstil der Autorin ist sehr eindringlich, und wie bereits erwähnt von ganz großen Emotionen durchdrungen. Man spürt förmlich die Zerrissenheit der Protagonistin und leidet mit ihr unter den Folgen ihrer Handlungen, die Ausdruck ihrer Hilflosigkeit und Wut, ihrer Ängste und ihres Selbsthasses sind, ihr gesamtes Umfeld jedoch verstören und ratlos zurücklassen. Trotz meiner starken Aversion gegen Kraftausdrücke und Flüche verlieh die derbe und an mancher Stelle vulgäre Sprache von Merle und Anna diesen beiden Figuren der Handlung ganz besondere Authentizität – sie verleiht Annas Verderbtheit und ihrem negativen Einfluss auf Merle ganz besonderen Ausdruck. Vor allem aber verdeutlichte sie auf drastische Weise die zunehmende Entfremdung der beiden durch Merles Gesinnungsänderung und der starken Wandlung, die sie im Verlauf des Buches durchlebt.


    Christina Kunellis stellte Merle und Simi interessante und liebenswerte Nebenfiguren zur Seite. Einen wichtigen Part nehmen ein gütiger Mann namens Johannes und Simis liebevoller Vater Jens ein, während Simis steinalter, etwas wirrer Opa sowie Simis Geschwister Gustav, Max, Greta und Lilli Merles Herz bereits beim ersten Zusammentreffen im Sturm erobern. Als eindeutige Antagonisten dieses Buches empfand ich Merles Mutter und Merles Freundin Anna, die für unglaublich großes Leid im Leben der jungen Protagonistin verantwortlich zeichnen.


    Die Beschreibung des idyllischen Bauernhofes von Alfred und Elli, der zu Merles neuer Heimat wurde, ist der Autorin ebenfalls vortrefflich gelungen. Allein die Beschreibung der Landschaft, der Tiere auf dem Hof, und vor allen Dingen der titelgebenden Geschichte um das „Pullikalb“ ließ ein deutliches Bild vor meinen Augen entstehen, das um die mehrmals im Buch erwähnte „Astrid-Lindgren-Küche“ zusätzlich bereichert wurde. Ich ertappte mich während dieser Lektüre mehrfach dabei, am liebsten vor Ort zu sein und diese wunderschönen Szenarien selber erleben zu dürfen.


    Die Autorin wählte keine einfache Thematik, das Buch ist emotional sehr fordernd und manche Passagen lösten Unverständnis, Ratlosigkeit und Entsetzen in mir aus. Und doch bietet es einen tiefen Einblick in das Seelenleben junger Menschen wie Merle, die nach außen hin rebellieren, in ihrem Innersten jedoch mit unglaublich tiefen Verletzungen zu kämpfen haben und es schlichtweg nicht mehr schaffen, andere Menschen und liebevolle Zuwendung an sich heranzulassen.


    Fazit: „Pullikalb“ ist ein Buch, das im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut geht. Es machte mich zutiefst betroffen, war fordernd, aufwühlend und an sehr vielen Stellen zu Tränen rührend. Es handelt sich keinesfalls um eine leichte Lektüre für Zwischendurch – man muss sich vielmehr voll und ganz auf Merles tragische Geschichte einlassen, um einige ihrer Handlungen auch nachvollziehen zu können. Nichtsdestotrotz wird der Protagonistin dieser Geschichte aber auch Hoffnung und eine Chance auf einen Neubeginn geschenkt - die Chance, an ihren Schicksalsschlägen nicht zu zerbrechen, sondern stark zu werden und an Schwierigkeiten zu wachsen. Trotz meiner bereits erwähnten Aversion gegen die derben Sprachinhalte war dieses Buch angesichts des umwerfenden Inhalts ein Leseerlebnis der ganz besonderen Art… eine ganz besondere Perle, die ich zu einem meiner persönlichen Lese-Highlights zähle.





  • Squirrel

    Hat den Titel des Themas von „Pullikalb“ zu „Christina Kunellis - Pullikalb“ geändert.

Anzeige