Beiträge von kleine_hexe

    Gil Ribeiro Lost in Fuseta ein Portugal Krimi


    Was ist dies? Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft


    Portugal, Algarve, blaues Meer, blauer Himmel, eine Polizeitruppe die Morde und Attentate aufklärt. Herzstück der Ermittler sind Graciana Rosado und Carlos Esteves. Ein portugiesischer Polizist, Rui Aviola soll für ein Jahr nach Hamburg, als Austauschpolizist und im Gegenzug kommt ein deutscher Polizist, Leander Lost aus Hamburg an die Algarve. AberLeander Lost ist ein ganz besonderer Polizist. Er ist ein „Sheldon“, wenn ihr versteht was ich meine. Und genau wie Sheldon sorgt er für ungewollte Komik, sei es situationsbedingt oder durch seine Fragen, Antworten, Schlussfolgerungen. Trotzdem, innerhalb kürzester Zeit verschafft er sich den Respekt der Truppe und trägt in großem Maße zur Aufklärung diverser Mordfälle bei. Die portugiesischen Polizisten tun das, was die Hamburger Fischköpp nicht geschafft haben: Wenn Leander seine Überlegungen zu den Fällen laut äußert, hören sie zu, ermutigen ihn, entwickeln seine Gedanken und Schlussfolgerungen weiter, finden gemeinsam ein Ziel. Das nenne ich Teamarbeit. Aber vielleicht sind die Portugiesen, bedingt durch den übermächtigen Nachbarn im Osten und den ewig rauschenden Ozean im Westen, durch den Wein und die Fado-Musik, auch eher bereit, Menschen die ein wenig anders sind, zu akzeptieren, in ihrer Mitte zu integrieren.


    Flüssiger schnörkelloser Stil, ab und zu herrlich witzige Passagen, vor allem wenn es um die verbalen Schlagabtausche zwischen Graciana und Carlos einerseits und dem spanischen Polizisten Miguel Duarte geht und natürlich, Leander Losts unfreiwillige Komik.


    Das Titelbild ist auch so, wie wir uns eine Stadt am Meer vorstellen: eine schmale Straße die direkt zum Wasser führt, darüber blauer Himmel mit ein paar Schäferwökchen. Direkt zum an die Algarve träumen.


    Und ich wiederhole meine Frage: Was ist dies? Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft mit Portugal, den Menschen dort, ihre Art zu leben, zu lieben, ihr Land und ihre Küche zu genießen.

    Hochspannung mit kleinen Abstrichen


    Ein Krimi, Thriller und Psychodrama zugleich. Hoch spannend, noch bevor wir in der eigentlichen Handlung drin sind. Die beiden Hauptermittler getrennt und aus dem Polizeidienst ausgetreten, die Mitarbeiter ihres Teams bei der Polizei verunsichert, und da rollt, laut Klappentext ein schwerer Fall auf die Ermittler zu.


    Dabei wird dies zum Krimi auf mehreren Ebenen: erstens einmal die Mädchenleichen im Klostergarten, dann werden in der Nähe andere Leichen gefunden. Nicht gerade einfach für das Major Incident Team das nun unter neuer (und nicht gerade hochkompetenter Führung) die Ermittlungen aufnehmen muss. Die nächste Ebene des Buches handelt um Carol Jordan die ihr Alkoholproblem bekämpft und einem Anlagenbetrüger auf die Spur kommt. So ganz nebenbei hilft sie auch einen unschuldig Verurteilten aus dem Gefängnis zu befreien. Die nächste Ebene ist Tony Hill, der brillante Profiler, der zu 4 Jahren Haft verurteilt wurde und nun seine Haftstrafe absitzt, an seinem Buch schreibt und versucht im Gefängnis seinen Mithäftlingen nützlich zu sein. Dass er nicht einmal im Knast Ruhe vor seiner grässlichen Mutter hat, ist sein Pech.


    Das Buch ist spannend und zügig geschrieben. Als kleinen Störfaktor empfand ich allerdings zu Anfang jeden Kapitels die Zitate aus Tony Hills Buch, die nicht immer zum darauffolgenden Kapitel zu passen schienen.


    Und gegen Ende flachte das Buch gewaltig ab. Als ob die Luft raus wäre oder McDermid nur eine bestimmte Zahl von Seiten schreiben durfte und das Pensum ist nun erfüllt. Zwischen Carol und Tony herrscht lauter Friede Freude Eierkuchen, obwohl wir nicht wissen wer und warum Tony im Gefängnis so lebensgefährlich verletzt hat; Paula wird vom Dienst im Major Incident Team suspendiert, obwohl sie den Fall eigentlich gelöst hat und ohne Aussicht zu dieser Truppe zurückkehren zu dürfen.


    Highly unsatisfactory, I must say.




    Der Knochengarten

    Val McDermid (Autor)
    Ute Brammertz (Übersetzer)



    Wiedersehen mit Leander Lost

    Ich habe nachgeprüft: 2011 hatte Fuseta unter 2.000 Einwohner. Heute, neun Jahre später, wird der Ort hoffentlich 2.000 Einwohner überschritten haben. Wie kann ein so kleiner Ort so brisante und interessante Kriminalfälle generieren? Und gleich mehrere Kriminalpolizisten in Vollzeit beschäftigen? Nicht dass es mich stören würde, ganz im Gegenteil. Denn die Morde, die in Fuseta geschehen, in Gil Ribeiros Büchern, sind würdig einer großen Metropole.


    Oder ist genau eine Kleinstadt wie Fuseta, ein Ort in der jeder jeden kennt, an dem man sich abends vor der Haustür auf der Gasse trifft und sich über Gott und die Welt austauscht, gemeinsam leckere Häppchen und einen guten Wein genießt, geeignet der Schauplatz explodierender Bomben aller Art zu sein? Vielleicht auch will Ribeiro uns verdeutlichen, egal ob die Favelas von Rio, die Slums von Johannesburg, das Diamantenviertel von Amsterdam, die Skyline von Chicago oder solch ein idyllisches Städtchen wie Fuseta, das Böse kann jederzeit zuschlagen. Denn die Gier der Menschen kennt keine Grenzen. Und um Gier geht es in diesem vierten Band von „Lost in Fuseta“. Es ist eine zerstörerische Gier die Natur und Umwelt und Menschen bedroht, der in diesem Buch ein Einzelner versucht Einhalt zu gebieten. Unsere wackere Polizeitruppe von Fuseta, uns nur zu gut aus den Vorgängerromanen vertraut, arbeitet fieberhaft daran, dem Bombenleger das Handwerk zu legen. Und Leander Lost mittendrin. Mittlerweile schätzen ihn seine Kollegen, hören auf ihn, beraten sich mit ihm bei der Lösung des Falls. Das bedeutet, er ist nicht mehr der Außenseiter, er wird nicht nur toleriert, sondern ist voll integriert in der Polizeitruppe und in Fuseta. Durch seine brillante Kombinationsgabe und sein fotografisches Gedächtnis bringt er immer wieder die nötigen Eingaben, um den Fall voran zu treiben.


    Dies ist kein gewöhnlicher Krimi. Es kommen keine Menschen um, obwohl kleinere Verletzungen sich nicht vermeiden lassen. Und gegen Ende wird uns der Bombenleger selbst sympathisch, als wir seine Beweggründe kennen- und verstehen lernen.


    Die Sprache Ribeiros ist herrlich. Vor allem wenn es um Leander Losts Interpretation der Taten und Aussagen seiner Mitmenschen geht. Oder um die Beschreibung der gemütlichen Abende vor dem Haus der Eltern von Graciana und Soraya, wo die ganze Nachbarschaft zusammen kommt und gemeinsam die Ereignisse des Tages Revue passieren lässt.


    Das Titelbild ist ein typisches Fusetakrimi Bild: eine wunderschöne Aufnahme eines Ortes am Meer durch die ein breiter Riss geht in dem Autor und Titel gedruckt sind. Quasi als Warnung, Ferienidylle aber unter Vorbehalt.


    Ich gestehe, ich bin definitiv ein Gil Ribeiro Fan geworden.

    Nette Urlaubslektüre. Am besten zwischen Dünen am Strand.

    Franziska Jebens hat uns hier eine ganz nette und anmutige Strandlektüre geliefert. Aschenbrödel macht zuerst Karriere in einer Filmproduktionsfirma um dann ihren Traumberuf als Foodtruckerin zu ergreifen. Und den richtigen Traumprinzen kriegt sie auch noch, nachdem sie dem Fakeprinzen endlich den Laufpass gibt. Ata Girl!


    Am besten gefiel mir wie Sophie nach und nach anfängt, nicht mehr nur das zu tun was ihrem Vater oder Freund gefällt, oder andere von ihr erwarten, sondern immer mehr ihren Kopf durchsetzt und ihren Lebenstraum verwirklicht. Wobei ihr Vater nun weniger in sie drängt. Er ist schon mit Ihrer Arbeit im Filmgeschäft zufrieden. Dafür aber hat ihr Freund die Oberhand. Irgendwie scheint sie es ihm nie richtig recht zu machen. Aber wie gesagt, letzten Endes trennt sie sich von diesem Fake-Prinzen und findet den Weg zum Mann, der sie versteht und sie so mag, wie sie ist.


    Die Sprache ist flott und beschwingt, bei den inneren Monologen leicht flapsig, aber alles in allem stimmig.


    Es ist ein gute Laune Buch, ohne viel Tiefgang, braucht es auch nicht. Für den Strandkorb in den Dünen taugt es auf jeden Fall.

    Eva Garcìa Sáenz ist erneut ein Meisterwerk gelungen


    Der Roman spielt in 2 Zeitebenen: einmal zur Wende des 12. Zum 13. Jahrhundert und dann in unserer Zeit. Schauplatz ist jedes Mal Vitoria im Baskenland, Spanien. Beide Ebenen könnten einen je ein eigenes Buch ergeben, ein historischer Roman über zwei Brüder und eine Belagerung der Stadt einerseits und einen Krimi in der jemand Menschen nach mittelalterlichen Methoden tötet. Interessant ist, wie die zwei Ebenen miteinander verwebt sind. Der historische Roman ist soeben in der gegenwärtigen Zeitebene des Buches veröffentlicht worden und es sieht aus, als würde der Mörder die Romanvorlage zum Töten nehmen. Da beide Geschichten in der gleichen Sprache und gleichen Stil geschrieben wurden, ohne historisierend bzw. modern zu wirken und ohne dadurch eine Bruch in den Handlungssträngen durchzuführen, kann man von einem Kapitel zum nächsten weiterlesen, ohne sich erst auf die stilistischen Eigenheiten konzentrieren zu müssen. Das erleichtert das Fortschreiten in der Handlung ungemein. Die Dialoge im Einst und im Jetzt wirken natürlich, die handelnden Personen von damals und heute scheinen sehr real zu sein. Die Lösung der beiden Erzählungen erfolgt erst am Schluss. Als besonderes Schmankerl stellt sich heraus, dass Kraken – nein, das verrate ich nicht, man will ja nicht spoilern. Lest selbst, soviel Zeit muss sein.

    Karen Lynch - Das Geheimnis / Relentless


    Urban Fantasy zum Mitfiebern


    Spannender Auftakt einer neuen Fantasy-Serie. Sara besitzt heilende Kräfte aber auch eine dunkle Seite. Interessant wie sich Elemente der fantastischen Welt mit der realen Welt verweben und dadurch eine viel spannendere, lebhaftere und buntere Welt entsteht. Sehr charmant fand ich auch wie die Welt beschrieben wird: für diejenigen die von den magischen Gestalten wissen und wie sie in unserer prosaischen Welt agieren, ist das die „reale“ Welt und es gilt all die Muggel (Ja, ok, nicht aus diesem Buch) zu schützen und weiterhin unwissend zu lassen. Überhaupt hat es Riesenspaß gemacht, einige der Fabelwesen aus Harry Potter in diesem Roman zu begegnen. Bloß die Hauselfen haben mir gefehlt. Aber es gibt ja noch Folgeromane, vielleicht kommen die auch noch vor.


    Sara ist eine richtige Superheldin: sie kann Tiere und magische Wesen heilen, sie kann Höllenhunde zu kuscheligen Schoßhunden zähmen, sie ist befreundet mit Trollen und anderen magischen Wesen, die gemeinhin als gefährlich oder unnahbar gelten und vieles mehr. Und obwohl sie keine ausgebildete Kämpferin ist, gelingt es ihr, diverse Attacken gefährlicher Bestien abzuwehren.


    Der männliche Held dieses Romans ist Nicolas, halb Mensch, halb Mohiri, Beruf: Vampirjäger. Er beschützt Sara, muss sie immer wieder retten, und ist jedes Mal verärgert, wenn sie sich wieder in Gefahr bringt. Doch er weiß nicht alles über Sara und da Sara selbst nicht genau weiß, was in ihr alles schlummert, geraten die beiden öfters aneinander. Jedes Mal auch ein Anlass zum Schmunzeln oder Stirne runzeln für die Leser.


    Sara und Nicolas sind beide schon fast zu perfekt. Doch in einer Urban Fantasy dürfen die beiden Alfa Helden gerne auch perfekt sein.


    Der Stil ist sehr spannungsvoll, Karen Lynch verliert nicht viel Zeit mit Beschreibungen und Reflexionen. Trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, das da etwas fehlt. Interessant war auch, dass die Autorin den Spannungsbogen vom Prolog bis zum Ende durchgehalten hat.


    Ich freue mich auf die Fortsetzungen.

    Puppy Love wird zur großen Liebe


    Interessanter Ansatz aber irgendwie nicht so ganz stimmig. Doch nehmen wir es der Reihe nach:


    Inhalt: Nach vier Jahren Abwesenheit kehrt Ivy zurück, in den Schoß ihrer Stieffamilie. Gleich nach dem Tod ihrer Mutter hatte ihr Stiefvater sie auf ein Internat geschickt, danach ging sie aufs College, ohne je wieder Stiefvater und Stiefbrüder gesehen zu haben. Und nun, aus dem Nichts, bestellt sie der Stiefvater zurück. Ihr Verhältnis zu Stiefvater und Stiefbrüdern ist angespannt. Sie wirft ihnen vor, sie in diesen vier Jahren nicht einmal kontaktiert zu haben. Noah ist nur 6 Monate älter als Ivy, Asher 6 Jahre. Zwischen Asher und Ivy gab es immer eine Hassliebe, sie stritten ständig. Und nun glaubt Ivy, dass ihr Stiefvater wegen diesen Streitereien sie ins Internat abgeschoben hat. Er wollte dadurch seine Söhne schützen und hat die 15jährige von der Insel verbannt. Sie wurde zu keinen Ferien, Feiertagen, anderen Gelegenheiten nach Hause eingeladen. Deswegen fragt sich Ivy, wieso sie jetzt nach Hause zitiert wurde.


    Natürlich bleibt ihr Verhältnis zu Asher angespannt und Richard, ihr Stiefvater benimmt sich auch recht merkwürdig.


    Zwischen Ivy, Richard, Asher und Noah stehen so viele Lügen und Missverständnisse im Raum, die sich erst nach vielen verbalen Schlagabtauschen (ok, manchmal auch ganz lustig zu lesen) als Lügen oder Fehlschlüsse und Irrtümer erweisen und die für so viel Drama im Lauf des Romans sorgen, dass es irgendwann fast zu viel wird. Letztendlich hat Richard vier Jahre zuvor und die ganze Zeit danach, dafür gesorgt, dass Ivy nicht nach Hause kam und die beiden Brüder nie nach ihr gefragt oder gesucht haben.


    Soweit zum Inhalt. Und nun zum Drumherum:


    Flüssig geschrieben, liest sich das Buch leicht und fast wie in einem Rutsch, wenn nicht so viel Dramatik dabei sein würde.


    Es ist dieses zu viel an Drama, das sich letztendlich hollywoodmäßig in Friede Freude Eierkuchen auflöst und das mich dem Roman leicht skeptisch gegenüberstehen lässt.


    Schön hingegen fand ich die Sprüche, die immer wieder den Text auflockern. Da Ivy als Hobby Handlettering betreibt, sind ihre Sprüche in dieser Technik im Buch zwischen einigen Kapiteln drin. Und da wir wissen, was genau Ivy zu diesen Sprüchen inspiriert hat, gewinnen sie auch für uns an Bedeutung. Auch die Titelseite ist in diesen Stil verfasst.


    Durch ihr Hobby gelingt es Ivy zu entschleunigen, sich zu fassen, ihre Gedanken zu sammeln. Und das hat sie auch dringend nötig. Wenn ich so sehe, wie Ivy auf die Blakely Männer wirkt, frage ich mich, wie sie die vier Jahre ohne Ivy überhaupt zu Recht gekommen sind. Ivy gelingt es immer wieder, Streitigkeiten abzuwenden, sie findet jedes Mal die richtigen Worte, steckt ein, gibt nach und stiftet Frieden.


    Fazit: wer auf Drama mit Happy End steht, ist mit diesem Buch gut bedient. Ansonsten bitte an Virginia Woolf halten…

    Die Suche nach dem Glück


    Und wieder ist es David Safier gelungen, ganz unterschiedliche Welten miteinander zu verweben und uns dadurch Dinge unseres Alltags aus einem gänzlich neuen und unerwarteten Blickwinkel sehen zu lassen. „Aufgetaut“ ist ein modernes Märchen, in dem nicht der Prinz die Prinzessin aus dem Turm / vom bösen Drachen befreit, sondern hier und jetzt Menschen ihr Glück finden. Die junge Neandertalerin Urga und ihr kleiner Schützling, das Zwergmammut Trö werden durch eine Laune der Klimaerwärmung und Kontinentaldrift aus einem Eisblock lebendig aufgetaut und müssen sich in der neuen Situation zurechtfinden. Ihnen helfend stehen zur Seite Menschen aus der Gegenwart. Natürlich sind auch einige Menschen darunter, die eigene Ziele verfolgen, die nur an den wissenschaftlichen Erkenntnissen interessiert sind, nicht an den zwei lebendigen Wesen. Schön ist es zu sehen, wie es Urgas Helfern gelingt, nach etlichen Verwicklungen und auch brenzligen Situationen, doch noch alles zu einem guten Ende zu bringen. Oberstes Hauptziel wird erreicht: Urga wird glücklich und die Menschen, die ihr beigestanden haben, auch. Das Buch ist ein herzerwärmendes, fröhliches Märchen. Die Sprache ist teilweise humorvoll, teilweise aber auch lyrisch, elegisch fast, ohne je ins Rührselige zu verfallen. (Dafür ist Safier ein viel zu guter und gewiefter Schriftsteller).


    Sehr ansprechend fand ich auch die Illustrationen auf der Front- und Rückseite des Buches. Solch ein knuddeliges Mammut hätt‘ ich auch gern!

    Die Buchhandlung meiner Träume


    Stell Dir vor, Du bist eine Leseratte. Du liest nicht leidenschaftlich gern, denn Du atmest ja auch nicht aus Leidenschaft, sondern um zu leben. Und so gehört Lesen wie Atmen unabdingbar zu Deinem Leben. Wenn Du drei Wünsche das Lesen betreffend frei hättest? Welches wären die?


    Die Orte der Handlungen selbst betreten, wäre ein Wunsch. Quasimodos Notre Dame, das antike Rom aus Quo Vadis, der Ballsaal im Hause Capulet, das sonnendurchflutete Gutshaus auf Tara, Hogwarts und Ligusterweg, Karthago, St. Petersburg, die Matratzengruft in Paris, die schottische Highlands, Niederkaltenkirchen. Es gibt so viele Orte, die ich in diesen einen Wunsch zusammenfassen könnte.


    Zweiter Wunsch, den Du frei hättest? Die Personen aus den vielen Büchern in echt begegnen: Hermine Granger, Marius, Sulla, Caesar, Quasimodo und Esmeralda, Edward Cullen, (und wenn wir schon dabei sind, ja, auch Christian Grey) Mr. Rochester und Jane Eyre, den kleinen Maulwurf, seine Majestät den Fönig, den altrömischen Privatdetektiv Marcus Didius Falco, Nathan den Weisen, die zweite Mrs Maxim de Winter, Tigger, Winnetou, Hadschi Halef Omar, Hans Castorp, Oskar Matzerath, die beiden Erdmännchenbrüder Rufus und Ray, und ein paar Tausend andere mehr. Das wäre der zweite Wunsch.


    Der dritte Wunsch? Ja, für mich wäre das, das Ende einiger Bücher so zu umschreiben, wie es mir gefällt. Scarlett erobert Rhett zurück, Esmeralda verliebt sich in Quasimodo, Anjin San John Blackthorne heiratet die schöne Mariko, Caesar überlebt die Iden des März unbeschadet, und so einige Geschichten mehr.


    Und nun geschieht das Unfassbare, das Wunderbare, das Unglaubliche: die Autorin Mary E. Garner erfüllt sich diesen Traum: in ihrem Werk „Das Buch der gelöschten Wörter“ begeht sie fremde Bücherwelten, spricht mit Gestalten, wie Gwen, Lance, Geppetto, Anna Karenina, Cupido, knuddelt mit Lassie, rettet einen Hund aus dem finsteren Transsilvanien, lauscht Bambi und seinem Vater im Wald. Und wir, die Leser, erleben und handeln alle mit. Ist das nicht schön?


    Interessant fand ich die Verzahnungen zwischen der realen und der fiktiven Bücherwelt, die dank Garners meisterlichem Können, genauso real wirkt wie die, in der wir leben. Es heißt nicht umsonst, die schönsten Geschichten schreibt immer noch das Leben selbst. Vielleicht gibt es mehr Berührungspunkte zwischen der literarischen und unserer Welt?


    Sprachlich noch nicht ganz ausgefeilt, an manchen Stellen leichte Entgleisungen ins Triviale, wird Mary E. Garner noch an ihrem Stil etwas feilen müssen, kleine Unebenheiten ausmerzen. Aber das nur so nebenbei gesagt.


    Die Gestaltung des Titelbildes fand ich sehr gelunen: Symmetrisch aufgebaut, sind im unteren Teil des Bildes Bücher und im oberen Teil Türme von London zu sehen. Durch die Symmetrie suggerieren Türme wie Bücher eine Spiegelung, weil Literatur und reale Welt sich einander einen Spiegel vorhalten.


    Wir dürfen auf die weiteren Bücher Garners gespannt sein.

    Es kann der Beste nicht in Frieden leben wenn’s dem bösen Nachbarn nicht gefällt


    Und es wurde wieder einmal bewiesen: gute Fantasy wird auch in deutscher Sprache geschrieben: Ottfried Preußler, Cornelia Funke, Michael Ende und Newcomer Michael Jäger sind die Garanten dafür. Nach einemMachtwechsel im Königreich Nördin müssen viele Menschen fliehen. Die meisten suchen Schutz in Arondis, wo er ihnen mehr schlecht als recht gewährt wird. Doch Arondis ist eine „Mehrheitsdemokratie“, die Flüchtlinge werden also geduldet. Einige Menschen lassen sich aber in einem Gebiet nieder, Lutrand genannt, nach ihrem Anführer Lutzker, der ursprünglich auch aus Nördin stammt. Myria ist auch solch ein Flüchtling aus Nördin, sie kommt in Arondis unter, in der Stadt Wurgar. Hier wird sie zur Meisterdiebin ausgebildet und muss für andere in Häuser einbrechen. Allein wie sie das macht und wie sie dann selber ihre Geschicklichkeit perfektioniert und welche Abenteuer sie dabei besteht ist schon hoch interessant.


    Lutzker und seine Leute beschließen, Lutrand formell Arondis unterzustellen und Steuern zu zahlen, um auch in den Genuss und Schutz der demokratischen Gesetzte von Arondis zu kommen, obwohl sie eigentlich den Twyrgarfen unterstellt sind, denen das Land gehört. Einigen Anführern von Arondis genügen die Steuern die Lutrand nun bezahlt nicht. Lutrand hat Begehrlichkeiten geweckt, vor allem das Eisenerz in den Bergen hinter Lutrand. Und was dann weiter geschieht wird nicht verraten, selber lesen ist die Devise! Aber es bleibt spannend.


    Eine kleine Schwachstelle hat das Buch in meinen Augen schon. Der Exkurs über die Mehrheitsdemokratie von Arondis ist dermaßen mit Fachbegriffen der Gegenwartspolitik durchsetzt, dass es für ein Fantasywerk unglaubwürdig klinkt: Mehrheitsprinzip, Randgruppe, Wertesystem, Institution, demokratische Gesellschaft, und mein Top Ten Favorit - Mehrheitsprinzip.


    Ansonsten liest sich das Buch sehr flüssig und ohne andere Stolpersteine.

    Das Abenteuer geht weiter


    Wie das erste Buch, verspricht auch dieser Band spannend zu werden. Gestalten sind interessant, (übrigens, gibt es solch ein Schattentier auch über Amazon zu kaufen?) die Dialoge kommen natürlich rüber, ohne inszeniert zu wirken. Toll fand ich auch die Karte am Anfang des Romans. So konnte man immer wieder vor Augen haben, wo sich die Hauptgestalten gerade befinden. Die Kampf- und Einbruchszenen fand ich spannend und gut geschrieben, ohne übertrieben zu wirken. Die Charaktere waren für meinen Geschmack ein wenig zu sehr schwarz-weiß gemalt. Lutzker und Myria sind zu gut und selbstlos, wie in einem Märchen eben. Da wir hier in einem Märchen sind, wäre das legitim. Aber dann wurde das Bild vom Märchen doch etwas ins Wanken gebracht durch die vielen manchmal langatmigen Erklärungen über die wirtschaftlichen und sozio-politischen Interessen der diversen Länder die Teil dieser groß angelegten Geschichte sind. Ehrlich, manchmal hatte ich das Gefühl in einer BWL-Vorlesung zu sein, nicht in einem Fantasy-Roman. Und Parallelen zum mächtigen Anführer der über Twitter alternative Fakten verbreitet, drängten sich mir unwillkürlich auf. Ich vermute, das war auch so von Michael Jäger gewollt.

    Brutal & spannend


    Im zweiten Krimi um Ted Conkaffey kann Privatermittler Ted sich nur mit Unterbrechungen und kurzzeitig um seinen neuen Fall kümmern: zwei junge Leute, Kellner in einer Bar, werden scheinbar Opfer eines aus dem Ruder gelaufenen Raubüberfalls. Amanda, Teds Partnerin, hilft der Polizei immer wieder auf die Sprünge, weil sie zusammenhanglose Details in Verbindung setzt und schließlich zum Lösen des brisanten Falles führt. Nichts ist so, wie es scheint, in diesem Fall, der aber nur die eine Hälfte des Buches ausmacht. Der andere Teil ist Ted Conkaffey und seiner Vergangenheit gewidmet. Eines ungeheuren Verbrechens bezichtigt, ein junges Mädchen brutal vergewaltigt und für tot zurück gelassen zu haben, ist er nun in ganz Australien geächtet und vogelfrei. Immer wieder kommt wütender Mob vorbei, bedroht ihn, schlägt Fenster ein, oft wird er selber zusammen geschlagen während die Polizei vor Ort gerne wegschaut. Doch nun wird er vom Vater des Opfers brutal niedergeschlagen, in seinem eigenen Haus. Gleichzeitig wird Ted nach Sidney eingeladen, er soll in einer Fernsehsendung zum ersten Mal öffentlich auftreten. Ted sagt zu, für viel Geld. Gleichzeitig darf er zum ersten Mal nach zwei Jahren seine kleine Tochter sehen, die damals erst ein paar Wochen alt war und keine Erinnerungen an ihren Vater hat. Das Wiedersehen darf nur unter strengen Auflagen stattfinden, im Beisein von Sozialbeamten, Teds Exfrau und deren neuen Freund. Es folgt der Fernsehauftritt, der von Anfang an zeigt, die Moderatorin ist ihm nicht wohl gesinnt und hat vor, ihn vor einem Millionenpublikum vorzuführen. Während der Sendung wird er aus heiterem Himmel eines anderen ungeheuerlichen Verbrechens beschuldigt. Die Kapitel um Ted Conkaffey werden immer wieder unterbrochen von Tagebucheinträgen eines jungen Mannes. Diese Aufzeichnungen werden von Mal zu Mal deutlicher, klarer in den Absichten des Autors, lassen uns Schauer über den Rücken laufen. Die Spannung steigt.


    Es findet eine Veranstaltung statt bei der Ted sich wieder Fragen stellt, dieses Mal sind es aber Fragen von Menschen, die an seine Unschuld glauben, die erkennen, dass die Polizei nicht allen Hinweisen nachgegangen ist, dass der wahre Verbrecher noch frei herumläuft und jederzeit erneut zuschlagen kann. Und da begeht der wahre Täter einen Fehler. Schon auf dem Weg zurück zum Flughafen um nach Crimson Lake ins australische Outback zu fliegen, gibt sich Ted Rechenschaft, er hat den wahren Verbrecher vor Augen gehabt.


    In beiden Teilen des Romans kommt es zu einem Showdown. Amanda entgeht nur knapp dem Tod während Ted machtlos zusehen muss, wie der wahre Vergewaltiger, der sein Leben zerstört hat, von Gangstern erschossen wird. Eigentlich bekommen wir hier zwei Krimis zum Preis von einem geliefert. Sehr spannend geschrieben, mag man das Buch nicht aus der Hand legen. Und der Leser weiß nicht, welchem Teil der Handlung er den Vorzug geben soll: die Geschichte um Ted oder um Amanda. Dazwischen gibt es immer wieder kleine Lichtblicke, wie Ted sich rührend um seine Gänseschar kümmert oder wie er zu der Hündin Celine kommt. Und wie Celine zu ihrem Namen kommt. Es sind diese Verschnaufpausen, die uns Ted Conkaffey sympathisch, liebenswert machen, die uns sein Schicksal so tragisch erscheinen lassen.


    Wie baut man sein Leben nach einem Supergau auf?


    Diese Frage muss sich Ted Conkaffey stellen. Sein Supergau geschah, als er aus heiterem Himmel beschuldigt wurde, ein junges Mädchen vergewaltigt und halbtot in einem Busch zurück gelassen zu haben. Seine einzige Schuld: er hat tatsächlich am Tag ihres Verschwindens zwei Worte mit dem Mädchen gesprochen, in einer Bushaltestelle und wurde dabei gesehen. Acht Monate später wird er aus Mangel an Beweisen aus dem Gefängnis entlassen, seine Frau hat sich von ihm scheiden lassen, er darf seine Tochter nie wieder seine Kollegen meiden ihn. Sein Gesicht ist in ganz Australien bekannt, als Kinderschänder und Mörder, obwohl das Mädchen gar nicht tot ist. Aber für die Menschen ist und bleibt er ein Mörder. Nun hat er sich in einen kleinen, Gottverlassenen Ort irgendwo im australischen Outback zurück gezogen. Doch auch hier findet er keine Ruhe. Zwei korrupte Polizisten und die Bürgerwehr machen ihm das Leben schwer. Allein sein Rechtsanwalt hält zu ihm, ist wirklich an seiner Seite, glaubt an seine Unschuld. Er stellt ihm die Verbindung zu Amanda Pharrell her. Sie ist vorbestraft, hat wegen Mord gesessen. Aber das ist schon einige Jahre her, sie taucht nicht mehr so oft in den Medien auf. Amanda Pharrell ist einen Schritt weiter in ihren Versuchen sich ein neues Leben aufzubauen. Sie ist auch nicht weggezogen nach der Haft. Sie hat ein Detektivbüro und bekommt sogar Aufträge. Ihr gegenwärtiger Auftrag lautet: sie soll den vermissten Schriftsteller Jake Scully wiederfinden. Zusammen mit Ted Conkaffey beginnt sie die Ermittlungen. Immer wieder gestört von den korrupten Polizisten, von falschen Fährten die aber im Nachhinein die Mörder des Schriftstellers überführen und sogar noch einen Tod als Mord enttarnen. So nebenbei gelingt es Ted auch die wahren Umstände aufzudecken, die dazu führten, dass Amanda Pharrell Jahre zuvor zur Mörderin wurde.


    Spannendes Buch, mit unerwarteten Wendungen an den richtigen Stellen, mit interessanten Gestalten, einige sympathisch, wie die Pathologin Dr. Valerie Gratteur, andere manipulierend und beängstigend, und ich rede nicht nur von den korrupten Polizisten, die immer wieder auftauchen.


    Das Coverbild, in blutrot, orange und gelb gehalten, passt zum Titel aber auch zur Krimihandlung.


    Ich habe versucht, mich in Ted Conkaffey zu versetzen. Es ist nicht leicht. Wenn ich irgendwo von Kindermisshandlung und sexueller Nötigung, Vergewaltigung und Mord an Kindern höre, bin ich für die Wiedereinführung der Todesstrafe. Ich würde wahrscheinlich bei Mahnwachen der Bürgerwehr mitmachen, allerdings ohne Sachbeschädigung. Dieses Buch aber hat mich innehalten lassen. Was ist, wenn der Beschuldigte die Tat nicht begangen hat? Und ich nun dazu beitrage, das Leben eines unschuldigen Menschen für immer zu zerstören? Ted Conkaffey ist dies alles passiert. Er hat kein Kind vergewaltigt und für tot zurück gelassen. Und wir können uns in ihn versetzen, leiden mit ihm, wünschen ihm, sein Leben in den Griff zu bekommen, irgendwann seinen Namen von diesen grässlichen Beschuldigungen rein waschen zu können.


    Von meiner Seite 5 Sterne für Crimson Lake von Candice Fox.

    Cold Case wird zum Hattrick


    Krimis müssen nicht immer todernst und bedrückend sein. Es geht auch humorvoll, charmant, spritzig wie ein guter Jahrgangssekt. und solch einen Lesegenuss verspricht Joe Fischler im "Die Toten vom Lärchensee". Das Coverbild ist leicht karikiert gezeichnet, Berge, eine Vespa, eine Schale Eis mit Schlagobers und Himbeersoße - könnte aber auch Blut sein, das macht uns neugierig auf den Inhalt. Der Ermittler in diesem Krimi, der als Cold Case beginnt, Arno Bussi, wirkt sympathisch. Auch weil er es gewagt hat, die Ehefrau seines obersten Chefs zu verführen und deswegen vom Innenminister höchstpersönlich in den Innendienst zur Kriminalstatistik und Datenerfassung versetzt wird. Und der gleiche Innenminister schickt ihn nun nach Tirol, wo er einen sogenannten Cold Case lösen soll. Weil Arno Bussi eine Rückkehr in den aktiven Dienst in Aussicht gestellt wird und weil ihm nichts anderes übrigbleibt, nimmt er den Auftrag an. Und kaum in Stubenwald in Tirol angekommen, beginnen sich die Ereignisse zu überstürzen. Fragwürdiges Brunnenwasser, fragwürdige Bauvorhaben, fragwürdige Inselbesetzungen, denkwürdige Rauschorgien auf besagter Insel, interessante Verwicklungen, politischer und amouröser Natur, alles in der herrlichen Landschaft Tirols.


    Alles beschrieben in einer herrlichen spritzigen Sprache, mit wunderschönen Bildassoziationen: Innenminister Qualtinger wird „etwas von Cicero, wenn nicht gar von Cäsar“ nachgesagt, auch wenn er wenig später „in Bildungskarenz“ geht, was immer das auch heißen mag, denn eigentlich werden ihm etliche Unregelmäßigkeiten vorgeworfen. Oder die Stubenwalder Bürgermeisterin reagiert „situationselastisch“ und ist nun auf einmal gegen das Bauvorhaben am Lärchensee, wo sie anfangs das Projekt sehr befürwortet hat.


    Joe Fischlers Krimi ist etwas für Krimiliebhaber aber auch für diejenigen, die einfach die Sprache, sei sie österreichisch oder berlinerisch geprägt, genießen möchten.

    Liebe ist immer gleich, ob in Zeiten des Krieges oder des Friedens


    Interessante Geschichte mit einigen Schwächen.


    Die Handlung spielt auf zwei Ebenen, während des Zweiten Weltkrieges und in unserer Zeit. Handlungsorte alternieren, in der Kriegszeit zwischen Frankreich und USA und in der Gegenwart zwischen USA und Australien. Auch wie die beiden Handlungsstränge miteinander verbunden sind, ist gut gemacht, trägt zur Spannung bei.


    Was ich dem Buch vorwerfe – und es liegt nicht an der Übersetzung sind immer mal wieder Entgleisungen ins Triviale, z.B. in der Beschreibung der Hauptpersonen. Die Guten sind schön und perfekt, den Bösen, den ominösen Mr. Harry Theft sieht man sofort an, er ist depraviert und ein Wüstling.


    Ein anderer Abzugspunkt ist die viel zu starke Betonung des modischen Aspektes. Herr Gott nochmal, es ist Krieg. Da dürfte ein Faltenwurf, ein angeschnittener Ärmel, eine Stoffblume oder ein Zierknopf nicht so wichtig sein. Aber vielleicht sehe ich das zu eng. Zugegeben, die Frauen, die in Kriegszeiten ihren Mann im Beruf stehen mussten, benötigten eine andere Art von Kleidung als in Friedenszeiten. Und Kombimode kam wohl damals in Mode. Kann ein Kragen kriegsentscheidend sein? Immerhin hatte schon Coco Chanel im Ersten Weltkrieg mit Korsett und am Rücken zugeknöpften Kleidern aufgeräumt.


    Ich weiß, von der Mode leben viele Menschen. De Modeschaffenden, die Models, die Schneider, die Textil- und Schuhindustrie mit ihren Vertriebsketten, die Kinder und Frauen, die für einen Hungerlohn in Asien die Bekleidung herstellen, die Mode ernährt sie alle. Aber die Glamour Seite der Mode ist mir zu oberflächlich. Ich kann einer Modeshow nichts abgewinnen, Hochglanzmagazine verleiten mich nicht zum Zugreifen. Eher ein gut geschriebenes Buch.


    :bewertung1von5::bewertungHalb::bewertungHalb:

    Steht in der Tradition der großen russischen Erzählkunst


    Wer den Diogenes Verlag kennt, weiß, da wartet ein wunderschönes und hoch interessantes Buch auf uns. Wir müssen nur zugreifen. Die Handlung ist schnell umrissen. Ein junger Mann bezieht in Minsk eine neue Wohnung in einem Altbau, seine Nachbarin ist eine alte Dame, bei der Alzheimer diagnostiziert wurde. Interessant ist, wie Tatjana Alexejewna ihre Krankheit betrachtet: wie eine Abwehr Gottes. Denn Tatjana hat alle Gräueltaten des 20 Jahrhunderts in Sowjetrussland am eigenen Leib erlebt. Nun hat sie sich vorgenommen, wenn sie im Augenblick ihres Todes vor Gottes Angesicht treten wird, wird sie von ihm Rechenschaft fordern, warum er soviel Hass, Not, Elend und Schmerz in der UdSSR zugelassen hat. In ihren eigenen Worten: „Gott hat Angst vor mir. Zu viele unbequeme Fragen kommen da auf ihn zu.“ (S.11) Doch da sie nun Alzheimer hat, ständig Teile ihres Lebens vergisst, kann sie nicht mehr Aufschluss von diesem Gott verlangen. Die Immobilienmaklerin hingegen, erklärt Tatjana, dass Alzheimer eine Wohltat Gottes ist, so hat sie nun die Möglichkeit all das Hässliche und Schlimme und Schmerzhafte aus ihrer Vergangenheit zu vergessen und sich auf das Schöne Leben in der Gegenwart konzentrieren. Aber wie viel Schönes kann sie noch genießen, wenn Ihr Mann erschossen wurde und ihr Kind verhungert ist während sie 10 Jahre im Gulag mehr schlecht als recht darben musste?


    Der junge Mann, Alexander, hat eine drei Monate alte Tochter, derentwegen er nach Minsk gezogen ist. Seine Frau ist vor 6 Monaten gestorben, ihr Körper wurde künstlich am Leben gehalten bis das Kind per Kaiserschnitt geboren wurde. Traumatisiert von diesen Geschehnissen, erkennt er in Tatjana Alexejewna eine verwandte Seele. Geduldig hört er ihr zu, fragt nach, hilft ihr gegen das Vergessen anzukämpfen. Tatjanas Erzählungen und die oft bruchstückhaften Dialoge dieser zwei Menschen üben eine eigenartige Faszination auf den Leser aus. Dass Stalin unbeschreiblich in seinem Land gewütet hat, dass sowjetische Kriegsgefangene bei ihrer Freilassung und Rückkehr in die Heimat exekutiert wurden, dass er sich geweigert hat den Kriegsgefangenen anderer Völker in der UdSSR zu erlauben, über das Rote Kreuz Kontakt zu ihren Angehörigen und Regierungen zu nehmen. Dass die eigenen Bürger bespitzelt und denunziert und jahrelang in Gulags inhaftiert wurden, das weiß man, gehört sozusagen zur Allgemeinbildung. Aber in Tatjanas Lebensgeschichte wird alles noch einmal lebendig, wird uns akut vor Augen geführt, wie schrecklich das Leben war.


    Besonders schmerzhaft: Genau wie bei uns die Holocaustverweigerer, gibt es auch in den Ländern der ehemaligen UdSSR Menschen, die fest überzeugt sind, dass Stalin Recht hatte, dass die Gulags ihre Berechtigung hatten, dass die Inhaftierten nicht unschuldig Fronarbeit in Lagern verrichten mussten.


    Die langsame Annäherung zwischen Tatjana und Alexander findet statt, trotz Tatjanas zunehmender Vergesslichkeit oder gerade deswegen, um gegen das Vergessen ein Mahnmal zu setzen.