Beiträge von drawe

    Zu Kapitel 6

    Das Kapitel ist wieder zweigeteilt: Damals - Jetzt.

    Mir kommt es so vor, dass die Verbindungen zwischen den Zeiten immer deutlicher hervortreten.

    Und da bricht es aus Mariko raus.

    Mariko provoziert. Ich sehe diese Szene als Parallele zu der Spinne-Szene. Da hatte Mariko sehr gut intuitiv erfasst, dass Etsuko keine Spinnenfreundin ist - und bei Sachiko, ihrer Mutter, ist das einfacher: sie muss nur Frank beschimpfen, auf diese wirklich ordinäre Weise.


    Und warum provoziert sie?

    Sie will in die Dunkelheit, an den Fluss.

    und sie müsse ja auch an ihre Tochter denken. Wann tut sie das jemals?

    Das finde ich auch merkwürdig. Dieser Frank (der Name bedeutet ja auch "frei")scheint ja ein rechter Hallodri zu sein - aber wir wissen nur das, was Etsuko uns erzählt, was ihr Sachiko erzählt habe. Die Erzählung wird also mehrfach gebrochen. Und noch zusätzlich gebrochen dadurch, dass Etsuko sich erinnert. Alles sehr subjektiv, sehr unzuverlässig...


    Mir scheint trotzdem, dass das Thema "Verantwortung für die Tochter" bei beiden Frauen ein großes Thema ist. Sachiko betont es mehrfach, fast floskelhaft, aber ich kann es ihr nicht so ganz glauben. Und wir erfahren in diesem Kapitel, dass Etsuko genau dasselbe sagt: sie habe Japan wegen ihrer Tochter verlassen.


    Das Verhältnis zu Niki finde ich recht seltsam,

    Ich auch. Merkwürdig distanziert. Niki scheint sich nicht sehr wohl zu fühlen im Haus ihrer Mutter, die Zimmer um Keikos Zimmer herum sind ihr unheimlich. Das Gespräch hat immer so etwas Formelhaftes, Indirektes - allein wie Etsuko immer wieder betont, dass Niki ihr eigenes Leben leben solle. Niki gibt wenig von ihrem Leben preis, Etsuko spricht von einem "aggressiven Anspruch auf Privatsphäre".

    Mir scheint, dass Niki hier westliche Werte übernimmt. Die japanischen Häuser sind hellhörig, die Schiebewände lassen nur wenig Privatsphäre zu; vielleicht grenzt sich Niko deutlich von ihrer Mutter ab. Vielleicht hat sie noch andere Gründe, sich von ihrer Mutter abzugrenzen?


    gemeint ist wohl ein Strick, nämlich der Strick, an dem Keiko hing. Gruselig!

    Ich finde auch, dass dieses Kapitel gruselig ist. Vor allem, weil sich bei mir so einige Puzzleteile zusammengefügt haben - ich weiß aber nicht, ob die Teile richtig liegen.


    Hier werden so viele Bilder verwendet, die ich als Todessymbol empfinde:


    - es geht schon los mit dem Ertränken der Katzen, und das erinnert wiederum an die junge Frau, die ihr Kind ertränkt hat und sich anschließend die Kehle durchgeschnitten hat.

    Ich vermute, dass das Motiv wieder auftaucht.


    - der Fluss. Ein dunkler und schmutziger Fluss, mit einem matschigen und glitschigen Ufer - und das Bild des schwarzen Flusses erinnert mich an den Strom Lethe aus der griechischen Mythologie, den Fluss des Vergessens, der die Welt der Lebenden von der Welt der Toten trennt. Vielleicht gibt es in Japan ähnliche Vorstellungen...?

    Auf alle Fälle ist dieser Fluss, an dem Mariko immer wieder sitzt, todbringend.


    - die Dunkelheit, die Nacht, in die Mariko immer wieder flüchtet


    - das Seil, das sich um Etsukos Fuß ringelt. Wäre es nicht normal, dass sie es abstreift? Wieso nimmt sie es mit? Mariko sieht es und fragt beharrlich danach, obwohl Etsuko ihr keine Antwort gibt.

    Und Mariko beobachtet an Etsuko einen "komischen Gesichtsausdruck" und reagiert "ängstlich" (S. 95).

    Ich traue Etsuko als Erzählerin nicht. Diese Szene stellt sich für mich so dar, als hätte sie das Seil nicht zufällig gefunden, sondern bewusst mitgenommen und bedrohe damit Mariko.


    - der Traum: ein Mädchen baumelt an einem Seil, die Parallele zu Keiko ist überdeutlich, aber wieso erinnert sich Etsuko nun an Mariko?

    197. Ein Autor (m/w/d), der auch auf einem anderen Gebiet erfolgreich war oder ist


    Da kann ich ja jede Menge Klassiker nennen; wer konnte damals schon vom Schreiben leben? Aber sie waren auf dem "anderen Gebiet" nicht unbedingt erfolgreich.

    Aber Goethe wars: Jurist, Naturwissenschaftler, Minister etc.

    Zu Kapitel 5

    und die Tatsache, dass ihr Kind nicht ordentlich in die Schule geht, sondern draußen herumstromert. Mariko ist ja auch nie perfekt gekleidet und gestriegelt, sondern wirkt manchmal etwas vernachlässigt.

    Stimmt, Du hast Recht. Sie wird nicht mit der Sorgfalt beaufsichtig, die sie vielleicht (?) noch braucht.

    Sie versucht ja schon, die Kätzchen zu verschenken, aber da das nicht klappt....

    Hm. Damit würde sich das Trauma für Mariko wiederholen... und damit verfestigen.

    Mir kommt immer mehr der Gedanke, dass Mariko und Keiko etwas gemeinsam haben. Es ist ja der Selbstmord Keikos, der Etsuko zum Erzählen bringt.

    Mir ist einfach nichts anderes mehr eingefallen.

    Es kann schon sein, dass es in diese Richtung geht - also in Richtung sexuelle Freizügigkeit, Selbstbestimmtheit, irgend so etwas, eben all das, was Etsuko nicht kennt. ( :uups: Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie mit ihrem Jiro die Dinge macht, die Sachiko mit ihrem Frank macht :uups: ).

    Aber würde sie sich selbst die Hände schmutzig machen? Wenn, dann war es vielleicht Frank?

    Das war eigentlich eher ein Scherz, aber was weiß man denn :lol: !


    Insgesamt tun sich mir bis hierher jede Mengen Fragen auf.

    Vor Jiro liebte Etsuko Nakamura-san, offensichtlich der Sohn von Frau Fujikawa.

    Ich dachte, Nakamura ist einfach der frühere Freund Etsukos, den Frau Fujiwara auch kannte?

    Freundschaft zu Sachiko und bisher entdecke ich da nichts,

    Das ist wirklich eine merkwürdige Beziehung. Sachiko dirigiert Etsuko mit einer erstaunlichen Selbstsicherheit. Umgekehrt lässt Etsuko es sich gefallen, dass sie ihr Arbeit beschaffen muss etc. und schließlich ihr Schmu-Geld hergibt: sie beneidet sie um ihr freies Leben.

    Aber so erlebe ich das.

    Danke für Deine Darlegung, und ich verstehe, was Du meinst, und das mag durchaus auf viele dünne Bücher zutreffen.

    Ich bin aber begründet anderer Meinung :-) und könnte Dir einige dünne Bücher aufzählen, die nur von der Seitenzahl, aber nicht vom Inhalt her dünn sind. Von Lyrik natürlich abgesehen.


    Umgekehrt sind wir uns wohl eher einig: es gibt viele dicke Bücher, die inhaltlich dünn sind.


    So spontan ist mir "Kurt" von Sarah Kuttner eingefallen, das hat aber 240 Seiten - oder dieses hier.

    Was hätte Etsuko fragen sollen? Warum ein Amerikaner statt einem Japaner? Oder etwas Sexuelles?

    Sexuelles glaube ich jetzt nicht - aber wieso eigentlich nicht? Sachiko fordert Etsuko direkt dringlich zum Fragen auf und betont wiederholt, dass sie sich nicht schämt für das, was sie tut.

    Trotzdem: irgendwie kommt mir das völlig distanzlos vor. Auch in unserem Kulturkreis.


    Ich denke eher an Fragen über die Lösung von ihrer angeheirateten Familie, denn das wäre ja auch Etsukos Problem. Vielleicht geht es ganz handfest um die Frage, wie sie ihren Mann um die Ecke gebracht hat :shock: ?

    der im Job nicht allzu viel leistet, dafür zuhause aber seine Frau schikaniert.

    Ja genau - ich meinte schon mal: er ist der Radfahrer-Typus.

    Etsuko biegt sich vielleicht vieles zurecht oder erinnert sich gar nicht mehr korrekt.

    Eben, das ist es ja. Ich traue ihr als Erzählerin nicht ganz.

    ich hatte Hochzeitstag.

    Herzlichen Glückwunsch!

    Sie hat mit Steinen nach Kindern geworfen, die schlecht über ihre Mutter sprachen.

    Ich habe mich an dieser Stelle gefragt, was die Kinder wohl reden. Natürlich reden sie das, was sie zuhause hören. Was ist es, das Sachiko ins Gerede bringt? Ihr Verhältnis mit dem amerikanischen Soldaten, immerhin der Feind?

    Ich tippe ja auf Sachiko, die das Tier loswerden wollte oder vielleicht doch Frank? Immerhin sagt Mariko, er sei böse und ich würde das nicht einfach nur als kindliches Geplapper abtun.

    Ich hatte ähnliche Gedanken und denke, dass Sachiko das Tier getötet hat, damit sie mit der Katze nicht umziehen muss. Damit meine ich auch den Umzug nach Amerika. Anders formuliert: dem Umzug nach Amerika und dem Zusammenleben mit Frank zuliebe hat sie Katze getötet. Also ist für das Kind Mariko letztlich Frank schuld.


    Ich sehe da noch ein anderes Problem: Mariko hat doch wieder kleine Kätzchen. Werden die dann auch von der Sachiko getötet? Ich vermute: ertränkt im nahen Fluss? Als Parallele zu dem Babymord?


    ob sie verwitwet oder geschieden ist?

    Sie erwähnt nur ihren ehemaligen Mann und dessen angesehen Familie.

    ??

    Ich finde es bewundernswert, wie Ishiguro anhand einer kurzen Szene oder einer kleinen Bemerkung den Hintergrund der Personen aufleuchten lässt.

    Ich bin mir da bei Ishiguro nie so sicher, weil er ein gewiefter Erzähler ist.

    Hier wird uns nur das mitgeteilt, was uns Etsuko mitteilen will. Inwieweit ist sie eine verlässliche Erzählerin?

    kommen solche kurze Bücher meist nicht so gut an.

    Aber liebe Emili , es kommt doch immer drauf an, was auf diesen 200 Seiten steht.

    Und die Episoden in diesem Buch bieten so viel an Lebensweisheit und an Abgeklärtheit, soviel Rückblicke auf ein bemerkenswertes Schicksal - da hast Du mehr zu denken und vor allem zu fühlen als bei manchem dicken Wälzer.


    Edit: Mich würde eher das Bapperl "SPIEGEL Bestseller" stören :)