Beiträge von Nungesser

    Louis Begley - Der Fall Dreyfus :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5: :arrow: Meinung

    Ein spannendes Buch zu einem der berühmtesten Skandale. Der Bezug zu neueren Vorfällen ist nicht so ausschweifend im Buch besprochen, wie es der Untertitel (Guantánamo!) vermuten lässt. Dennoch prima recherchiert, klasse aufbereitet und empfehlenswert, um die eigene Allgemeinbildung mal wieder aufzufrischen!


    William Faulkner - Wilde Palmen :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb: :arrow: Meinung

    Ein junges Liebespaar «brennt» durch, lässt eine gesicherte Zukunft zurück und stürzt sich voller Leidenschaft und Zuversicht ins Abenteuer. Frei und selbstbestimmt wollen sie leben, von Luft und Liebe, ohne gesellschaftliche Konventionen, aber auf die Langlebigkeit der großen Liebe vertrauend. Teils ziemlich konstruiert und nicht immer fand ich das Verhalten der Protagonisten nachvollziehbar, aber gerade die zweite Hälfte war dank philosophischer Gedanken etwas besser und an Faulkners ellenlange, teils abschweifende Sätze mit Anspielungen, Assoziationen und unzähligen Adjektiven fand ich dann Gefallen.


    Christoph Ransmayr - Die Schrecken des Eises und der Finsternis :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5: :arrow: Meinung

    Ein faktenreicher, aber auch mit Fiktion verwobener Abenteuerroman über die österreichisch-ungarische Payer-Weyprecht-Expedition von 1872 bis 1874 und der Entdeckung des Franz-Joseph-Lands. Bücher über Süd- und Nordpolexpeditionen lese ich ohnehin gerne, und hier konnte ich auch noch viel dazulernen.


    Alan Bennett - Die souveräne Leserin :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5: :arrow: Meinung

    Das Büchlein ist schnell durchgelesen und bietet solide Unterhaltung. Eine Liebeserklärung an das Lesen trifft es wohl am Besten, und daher kommt das Thema auch bei allen, die gerne Lesen, prima an. Guter Zeitvertreib, aber es gab jetzt auch nichts, was mich länger an diese Lektüre erinnern wird.

    Die historischen Elemente des Romans drehen sich um die beiden Expeditionleiter Julius Payer und Carl Weyprecht. Sie wollen mir ihrer Besatzung und dem Schiff, der Ardmiral Tegetthoff, das Meer nordöstlich von Sibiren erforschen und möglicherweise auch einen neuen Seeweg finden. Parallel zu diesen historischen Geschehnissen, wird die fiktive Geschichte des jungen Italieners Josef Mazzini erzählt, der sich sehr für die Payer-Weyprecht-Expedition interessiert.

    Ich liebe solche Romane, die wahre Begebenheiten mit etwas Fiktion vermischen. In diesem Fall habe ich neben den vielen Fakten, die im Buch übrigens durch ausreichend Quellenangaben belegt sind, auch im Internet nach der österreichisch-ungarische Polarexpedition von 1872 bis 1874 recherchiert. Fast wäre es "nur" ein spannender Abenteuerroman geworden, der neben der Expeditionsbeschreibung und zahlreichen Abbildungen auch 2-3 Exkurse beinhaltet, die dem Leser die Wichtigkeit der Nordostpassage und anderen Nordpolbetretungen näher bringt. Mir gefiel aber auch ganz besonders der (fiktive) Bezug zur Gegenwart, das Verschwinden eines Bekannten des Ich-Erzählers: Josef Mazzini ist begeistert von damaligen Entdeckungsreisen, möchte vielleicht heute, wo alles schon entdeckt ist, nachvollziehen, was für Abenteuer sich noch boten. Für mich, der nicht nur über die Payer-Weyprecht-Expedition informiert werden wollte, sondern die Faszination auch hier in der Gegenwart mit jemanden teilen wollte (eben mit Mazzini und dem Ich-Erzähler) - ja, für mich war diese Montage ein gelungenes Stilmittel, einen möglicherweise trockenen Bericht noch spannender zu gestalten.

    Nun ja, die Nebenhandlung in der Gegenwart hätte es wohl nicht wirklich gebraucht, das ist ziemlich an den Haaren herbeigezogen und war für mich nicht bereichernd.

    Erst nach der Lektüre habe ich erfahren, dass der Part um Mazzini reine Fiktion ist, und ich konnte mir die ganze Zeit über gut vorstellen, dass Ransmayr als junger Schriftsteller den Mann gekannt hat und nach dessen Verschwinden recherchiert hatte.

    Was soll ich noch sagen? Wem beispielsweise Alfred Lansings "635 Tage im Eis" gefallen hat (genial!), und wer gerne bei Romanen noch etwas dazulernt, der wird auch dieses Buch mögen.

    Hallo zusammen, ich wollte mich hier kurz mal zeigen lassen. Ich hinke ziemlich hinterher, bin jetzt bei Buch II, Kapitel 8 - und habe auch Eure Kommentare erst bis dahin gelesen. Zum Kommentieren komme ich daher schon mal gar nicht, möchte mich aber für den regen Austausch untereinander bedanken. Viele Hinweise würde ich als Alleinlesender gar nicht mitbekommen (die Jakobiner, die Strickenden, bspw hätte ich überlesen).

    Ich bin mittlerweile auch auf die deutsche Übersetzung gewechselt... und bin daher auch froh um Eure Hinweise zu den verschiedenen übersetzungen, der eigentlichen Formulierung im englischen Original, etc

    Die Lektüre macht mir jedenfalls sehr viel Spass, auch wenn ich kein allzu aktiver Part hier in der Runde bin. Dieser Roman gefällt mir bisher auch besser als Grosse Erwartungen und gar Copperfield - wirklich grosse Klasse !

    Da freue ich mich direkt auf den Sommer, um ein paar hier genannte Orte mal wieder zu bewandern!

    Falls Dich der Briefwechsel Freud und Einstein zum Thema Frieden näher interessieren sollte, so kann ich Dir das unten verlinkte Heftchen empfehlen:

    Der Tag der LAHMEN Ente??!!?? Ernsthaft?!?? Was es nicht alles gibt.....

    Ich nehme mal an, es sind solche "lahmen Enten" (Wiki) gemeint:


    Als Lame Duck („lahme Ente“) wird im politischen System der Vereinigten Staaten ein Präsident oder anderer Politiker bezeichnet, der noch im Amt ist, aber nicht zu einer Wiederwahl antritt bzw. eine Wahl verloren hat. Er gilt insbesondere innenpolitisch als handlungsunfähig.

    Ich melde mich auch mal kurz, nicht, dass noch jemand glaubt ich sei verschollen. Den Roman habe ich mir mittlerweile besorgt (auf englisch - war auch ein Neujahrsvorsatz mal wieder mehr Romane im englischen Original zu lesen), und ich habe Chapter I durch. Also die ersten drei Seiten, oder so. Ab morgen Mittag habe ich aber Zeit und dann hole ich auf, und lese dann auch erst Eure Kommentare. Ich bin aber am Start!:lechz:

    32. Ein Buch, das du zur Zeit liest

    Den Dickens beginne ich heute abend zu lesen. Ansonsten habe ich diese Biographie zur Hälfte durch. Eine Geschichte, wie man sie vielleicht aus Romanen kennt, aber kaum glaubt, dass sich so etwas vor bald 150 Jahren tatsächlich in der Schweiz zugetragen hat.


    Lydia Welti-Escher war Mäzenin und eine der reichsten Frauen der Schweiz. Gegen den Willen ihres Vaters heiratete sie Friedrich Emil Welti, den Sohn eines mächtigen Bundesrates. Als ihr der "goldene Käfig" zu langweilig wird, und sie sich in den Maler Karl Stauffer verliebt und mit ihm nach Italien "flieht", muss der Gatte eingreifen. Lydia wird festgenommen, für verrückt erklärt und in einem Römer Irrenhaus interniert. Karl Stauffer wird Entführung, Diebstahl und Vergewaltigung einer Irrsinnigen vorgeworfen. Alles an den Haaren herbeigezogene Vorwürfe, die durch politische Seilschaften und Freundschaftsdienste aber doch ihren Lauf nehmen. Das Verhalten der Mächtigen erinnert mich an meine kürzliche Lektüre zur Dreyfus-Affäre. Und auch hier gibt es diplomatische Spannungen, Anklagen, usw - allerdings in weniger prominenten Ausmass wie bei Dreyfus, aber dennoch spannend zu lesen!

    Das Büchlein ist schnell durchgelesen und bietet solide Unterhaltung. Eine Liebeserklärung an das Lesen trifft es wohl am Besten, und daher kommt das Thema auch bei allen, die gerne Lesen prima an. Man erkennt sich an der Problematik nicht genug Zeit zum Lesen zu haben, sich austauschen zu wollen, usw. Und ja, auch hier verändert das Lesen und die unterschiedlichen Romane den Menschen, in diesem Fall die britische Königin. Nichts Neues, lauter Bestätigungen wie toll das Lesen ist, und dass im dümmsten Fall die Umgebung dieses selbst-bezogene Hobby nicht schätzt. Das ganze mit einem feinen, britischen Humor, der im englischen ziemlich sicher besser zu Geltung kommt als in der deutschen Übersetzung. Vom Ende war ich etwas enttäuscht, aber insgesamt war es mir dann doch egal. Nett für zwischendurch, aber vermutlich auch bald wieder vergessen.

    29. Ein Titel, der mit A beginnt

    „Bruder Minor und Bruder Otho leben gemeinsam zurückgezogen in ihrer Klause in der Marina, einer Gegend, die an mediterrane Landschaften erinnert, an den Schwarzwald und die Region um den Bodensee: eine arkadische Landschaft, deren Verbindung von nordeuropäischen und südeuropäischen Elementen einen mythischen Raum entwirft. Hier erforschen die Brüder die Botanik und legen in jahrelanger Arbeit ein umfangreiches Herbarium an. Bedroht wird die Idylle durch den Oberförster, dessen im tiefen Wald versteckte Reviere Zufluchtsort für Verbrecher und Ausgestoßene aller Art sind – auch der Rattenfänger von Hameln soll mit den verführten Kindern dort hin gezogen sein. Auf einer ihrer Exkursionen in die Wälder entdecken die Brüder die »Köppelsblek«, das hier als »Schinderhütte« genannte Konzentrationslager des Oberförsters. “ (Quelle: Buch der 1000 Bücher, Harenberg Verlag)


    Eine spezielle Lektüre mit vielen Deutungsmöglichkeiten, von einem umstrittenen Schriftsteller.

    28. Ein Buch, das dir eher zufällig in die Hände fiel

    Passiert mir eigentlich ständig: am Samstag war ich in der Bücher-Broggi um mir eine Ausgabe von Dickens „Geschichte von zwei Städten“ zu holen. (Habe ich noch immer nicht und muss ich mir wohl zur MLR als Neuausgabe bestellen).

    Jedenfalls fand ich dabei für zwei Franken dieses Buch von Undset. Keine Ahnung, um was es geht, und von der Autorin habe ich auch noch nichts gelesen, aber bei dem Preis kann man wohl nicht viel falsch machen. Meine Ausgabe ist von 1935 und wurde seitdem wohl auch nicht wieder in deutscher Sprache aufgelegt...

    Zitat von Josef Jung

    Was als tragische Liebesgeschichte, Kriminalfall und Politskandal endete, hatte nur wenige Jahre zuvor seinen Anfang genommen: in der Villa Belvoir, dem herrschaftlichen Anwesen der Familie Escher am Zürichsee, einst Zentrum des wirtschaftspolitischen Machtapparates Alfred Eschers und Ideenschmiede für eine modern Schweiz.

    25. Ein Buch, das von einem Vater-Sohn- oder einem Mutter-Tochter-Konflikt erzählt


    Dave Galloway ist alleinerziehender Vater eines mittlerweile 16-jährigen Sohnes. Er meint ein gutes Verhältnis zu ihm zu haben, bis eines Morgens die Polizei an die Tür klopft: sein Sohn ist mit der Nachbarstochter durchgebrannt, hat einen Wagen gestohlen und soll einen Mord begangen haben. Nun flieht der Junge mit seiner Freundin - von der der Papa bislang gar nichts ahnte - durch verschiedene Bundesstaaten.

    Aus Angst, dass die Jugendlichen auf der Flucht erschossen werden, appelliert er öffentlich an seinen Sohn sich doch zu ergeben - was ihm später wie Verrat vorkommt. Langsam versteht er die Beweggründe seines Sohnes, erkennt, dass sie doch keine so vertraute Vater-Sohn-Beziehung gehabt hatten, stellt die Zusammenarbeit mit den polizeilichen Vermittlungen ein...

    Ein typischer Simenon: nicht der Kriminalfall steht im Vordergrund, sondern eben die Beziehung zwischen Vater und Sohn. Wurde auch erfolgreich mit Philippe Noiret verfilmt, wenngleich der Film doch in vielen Bereichen vom Buch abweicht - trotzdem sehenswert.

    Oder wie K.-G. Beck-Ewe schon bemerkte: wirklich schlimm ist nur, wenn niemand den Roman beachtet / bespricht. Zum Einen unterstelle ich jedem denkenden Menschen, dass er (oder sie) sich eine eigene Meinung bilden kann. Und dennoch will ich ja nicht wie in einer Echokammer nur das lesen, was meine Beurteilung bestätigt. Viele intelligente Menschen, und da zähle ich Herrn Eschbach dazu - obwohl ich ihn gar nicht kenne - können auch mit einer von der eigenen Meinung abweichenden Beurteilung umgehen. Es gibt ja auch Menschen, die finden es gerade interessant, wenn ein Roman die Gemüter spaltet und es Befürworter und Gegner gibt.

    Jetzt kann man natürlich überlegen, ob die Rezi sachlich fundiert ist, die Argumente für einen selber wichtig sind, usw. Beleidigend ist sie jedenfalls nicht, und ich habe mich über die beanstandeten Mängel amüsiert. Allzu verbissen wie der Rezensent empfinde ich das Geschreibsel nicht (und das Buch würde ich so oder so nicht lesen). Aber ich fand den Aufbau der Rezi, der Blick auf die Erzählweise, Figurendarstellung, die Sprache, etc die ganze Argumentationskette, sehr nachvollziehbar zu lesen. Dem entsprechend habe ich mir den Blog mal unter „Favoriten“ abgespeichert, und wünsche allen Leserinnen und Lesern des Romans weiterhin aufrichtiges Vergnügen, das eigentlich auch durch solch eine Rezi nicht getrübt werden kann.

    Der Fall «Alfred Dreyfus» war mir schon vor der Lektüre ein Begriff. Vor über 20 Jahren hatte ich einiges zu dem Thema gelesen (Zolas «J’accuse» war Thema im Französischunterricht). Für mich war es also etwas Auffrischung zum Thema. Ehrlich gesagt hatte ich etwas mehr Bezug zu aktuellen Themen erwartet – schliesslich lockt bereits der Untertitel mit Guantánamo, aber diesen Transfer muss man schon selbst machen. Eher in Nebensätzen verweist Louis Begley auf Parallelen zur heutigen Geschichte (bspw gefälschte Dokumente um die völkerrechtswidrigen Militärinvasion in den Irak zu rechtfertigen, oder eben die fehlenden Rechte der Gefangenen in Guantánamo). Ansonsten ist es ein ordentliches Sachbuch zu einem spannenden Thema, dass auch heute noch für Kopfschütteln und Aufregung führt. Der Antisemitismus, die Atmosphäre in der französischen Armee, die es erst möglich gemacht hat, dass Beweise gefälscht und zugelassen wurden, die Verteidigung nicht mal Einblick in die Akten erhält (geheim aus Gründen der nationalen Sicherheit, das gab es damals also auch schon) – dieser historische Kontext wird hervorragend erklärt. Der Anwalt Begley hat hier sorgsam recherchiert und ein paar Seiten Anhang (Quellennachweis, Kurzbiographie der Hauptpersonen, «Meilensteine» im zeitlichen Ablauf, etc) ergänzt – aber zum besseren Verständnis muss man als interessierter Leser doch noch einiges im Internet recherchieren. (Beispielsweise war hier Zolas "Ich klage an" hier nicht enthalten.)

    Thematisch hatte mich das Buch zunächst an Willa Carthers «Mein ärgster Feind» erinnert: ein junges Liebespaar «brennt» durch, lässt eine gesicherte Zukunft zurück und stürzt sich voller Leidenschaft und Zuversicht ins Abenteuer. Frei und selbstbestimmt wollen sie leben, von Luft und Liebe, ohne gesellschaftliche Konventionen, aber auf die Langlebigkeit der großen Liebe vertrauend. Aber das Leben ist hart, den Anforderungen des Alltags können sie nicht entkommen, können sie gegenseitige Erwartungen und Hoffnungen erfüllen?
    William Faulkners Umsetzung des ähnlichen Themas ist stilistisch allerdings deutlicher anders als Willa Cather. Für mich war es mein erstes Buch des Autors und zunächst fand ich kaum in die Geschichte rein. Nicht etwa aufgrund des generellen Aufbaus: bereits das erste Kapitel beschreibt das Ende, und die anschließenden Kapitel erklären, wie sich die Beziehung entwickelte. Aber an Faulkners ellenlange, teils abschweifende Sätze mit Anspielungen, Assoziationen und unzähligen Adjektiven musste ich mich erstmal gewöhnen. Zudem fand ich das Verhalten des Ehemanns der jungen Frau nicht nachvollziehbar, und ziemlich konstruierte Zufälle waren jetzt auch nicht große Kunst (bspw findet der Liebhaber ein Bündel Geld, just dann, wenn er es am Nötigsten braucht). Naja, dann ab der 2. Hälfte fand ich die Erzählung allerdings hervorragend. Jetzt konnte ich mit den Protagonisten mitfühlen, eintauchen in die teils philosophischen Gedanken und Diskussionen. Der Roman war somit durchwachsen, hat aber mein Interesse geweckt mehr von Faulkner zu lesen.


    Ich las übrigens eine Einzelausgabe (ohne "Der Strom") in der verlinkten Ausgabe.