Beiträge von Nungesser

    201. Der alltägliche Familienwahnsinn

    Das Biest ist hier Tante Tiny, die bei jedem Familienfest ihren grossen Auftritt hat, und den Finger in die Wunde legt: Verlogenheit, Familiengeheimnisse, aber nach aussen hin Friede, Freude, Eierkuchen. Damit möchte sich Tante Tiny nicht arrangieren. Generell ist der ganze „zahnlose Zeit“-Zyklus des Autors interessant, da die selben Familienangehörigen immer wieder ihren Auftritt haben.

    199. Welches Cover hat dir im Juni am besten gefallen?

    Viel Auswahl für den Juni habe ich nicht, aber das Bierchen auf dem Cover strahlt eine gewisse Gemütlichkeit aus. Bislang habe ich nur den ersten Roman in diesem Sammelband gelesen, aber der Wachtmeister ermittelt auch intensiv in der Dorfkneipe, denn dort sind die Menschen „authentisch“...

    Und ganz klar, beim Stichwort „Misanthrop“ kommt man an Céline nicht vorbei:

    "Wieder sind wir allein. All das ist so träge, so schwer, so traurig...Bald werde ich alt sein. Und es wird endlich zu Ende sein." Bereits die ersten Worte des Romans verraten die Grundstimmung: Krepieren ist hier eine Erlösung aus einer durch und durch beschissenen Welt.

    91. Welches Buch hat dir im Juni am wenigsten gefallen?

    Ein Reisebericht von 1930: ein irischer Schriftsteller / Journalist macht sich auf den Weg nach Russland (Moskau und Leningrad), um die dortigen Errungenschaften aus erster Hand zu begutachten. Teilweise ganz gut beobachtet und humorvoll beschrieben, aber über längere Strecken auch Klischee behaftet, nicht frei von Vorurteilen und latent antisemitisch.

    Das Buch lag lange auf meinem SUB. Ursprünglich hatte ich es mir zur Vorbereitung auf eine Marrakesch-Reise besorgt, die dann aber doch nicht statt fand. Eigentlich wollte ich es mir aufheben, bis es mich doch mal nach Marokko verschlägt. Aber da ich nach einem Umzug schwer Zugang zu meinen Wunschbüchern hatte, die in irgendwelchen Kisten lagen, habe ich halt doch zu diesem erstbesten, ungelesenem Buch gegriffen.

    Meine Erwartungen waren eher gering, auch wenn ich Canetti sehr gerne lese. Aber Reisebeschreibungen finde ich per se interessanter, wenn ich die beschriebene Gegend kenne oder wenigstens demnächst kennen lernen möchte.

    Nach den ersten 2-3 Kapiteln war ich dann aber positiv überrascht. Canetti ist ein wunderbarerer Beobachter und Erzähler, und auch wenn diese 14 Kapitel nicht so recht zusammenhängen und eher Anekdoten / Beobachtungen und Skizzen sind, so lässt sich das alles doch ziemlich leicht lesen. Es ist eine fremde Welt: Kamele, die ins Schlachthaus getrieben werden, blinde Bettler, das Judenviertel, ein Besuch auf dem Markt / im Suq,... Neugierig, unbefangen und vorurteilsfrei berichtet Canetti von seinen Beobachtungen. Und mehr als Beobachtungen ist es kaum. Seltener kommt es zu einem erklärenden Gespräch oder gar zu einer Einladung ins Haus. Meistens wird die Szenerie, die Atmosphäre beschrieben. Wie verhalten und bewegen sich die Menschen? Wie leben sie, was treibt sie wohl an, um ihren Alltag so zu verbringen, etc

    Mir hat es dann doch ganz gut gefallen, und irgendwann lese ich es nochmals, sollte ich es mal nach Marrakesch schaffen. Ergänzend fand ich auch die Fotografien von Kurt-Michael Westermann sehr gelungen, die hervorragend die Stimmung und beschriebenen Szenerien abbilden und somit sehr gut zum Text Canettis passten.

    186. Ein gutes Buch von einer/m eher unbekannten Autor/in

    Ich denke nigerianische Autoren sind bei uns per se weniger bekannt, und wenn sie dann bereits verstorben sind, werden sie auch kaum mehr verlegt...


    Kenule Beeson Saro-Wiwa (geboren 1941 in Bori) war ein nigerianischer Bürgerrechtler, Fernsehproduzent, Zivilverwalter des Ölhafens in der Nähe von Port Harcourt, Minister für Information, Erziehung und Verkehr im Bundesstaat Rivers State, und vieles mehr, sowie (glücklicherweise) Schriftsteller.
    Bekannt wurde er Anfang der neunziger Jahre mit seinem Buch "Flammen der Hölle", in dem er veröffentlichte, welche Schäden der Mineralölkonzern Shell im Nigerdelta durch Bohrungen verursacht hat, und unter denen das Volk der Ogoni litt.
    Zudem war er Träger des alternativen Nobelpreises (Right Livelihood Award).

    Er wurde am 30. Oktober 1995 zusammen mit acht weiteren Bürgerrechtlern nach einem Schauprozess in Port Harcourt hingerichtet (was dazu führte, dass Nigeria kurzzeitig aus dem Commonwealth suspendiert wurde).


    Hier ein Band mit empfehlenswerten Kurzgeschichten über das Leben in Nigeria, auf dem Land und in der Stadt, Moderne und dort, wo man noch auf den technologischen Fortschritt wartet..

    184. Welches Buch hast Du Dir als Urlaubslektüre ausgesucht?

    Zur literarischen Einstimmung auf eine Vietnamreise möchte ich gerne diesen Krimi lesen. Zwei vietnamesische Schwestern, die seit ihrer Kindheit in Frankreich leben, schreiben diese Reihe um einen jungen Beamten im Vietnam des 17. Jahrhunderts. Leider scheint bislang nur dieser dritte Band (von mittlerweile 6 Romanen) ins Deutsche übersetzt worden zu sein.


    Darum geht es:

    Der junge Mandarin Tân, Richter in einer Hafenstadt im Norden Vietnams, hat alle Hände voll zu tun: Eine Dschunke wird von einer Armada von Geisterschiffen angegriffen, der Graf Diêm wird auf unerklärliche Weise ermordet, durch den Hafen werden Güter geschmuggelt, der französische Jesuit ist womöglich ein Spion und die geheimnisvolle Madame Eisenhut mit den langen seidigen Zöpfen ist auf einmal spurlos verschwunden.
    Aber Mandarin Tân bekommt tatkräftige Unterstützung durch seine Freunde, den allen schönen Dingen zugetanen Schriftgelehrten Dinh und den dicken Doktor Porc, ein so dünkelhafter wie exzellenter Mediziner.
    In einer turbulenten Handlung voll Alchimie und Kampfkunst entfaltet sich das Vietnam des 17. Jahrhunderts, das sich ebenso sehr gegen den mächtigen Nachbar China wie gegen die europäischen Entdecker und Eroberer zur Wehr setzt.

    182. Ein Buch, das du gerade liest

    Ich befreie gerade ein Buch von meinem Langzeit-SUB. Die ersten fünfzig Seiten (von über tausend eng beschriebenen Seiten) sind super, und erinnern mich sehr an die Mini-Serie von 1988 mit Pierce Brosnan, die ich damals hervorragend fand.

    180. Ein Buch, dessen Verfilmung enttäuschend war

    Ein aktueller Fall, den Film habe ich gestern erst geschaut. Vielleicht liegt es auch an der Romanvorlage, denn das Buch ist bereits ein Tiefpunkt in der Maigretreihe. Aber an Rowan Atkinson als Kommissar Maigret werde ich mich nie gewöhnen. Für mich hat der Kommissar eher eine dominante Präsenz, so in Richtung Jean Gabin.

    174. Ein Buch, in dem Armut eine Rolle spielt

    Arm, aber sein eigener Herr! Der Schafsbauer Bjartur und seine Familie haben es nicht leicht auf dem abgelegenen Stück Land in Island. Aber stolz ist er, sein eigener Herr zu sein. Unabhängig von Almosen, der Politik, Banken und sonstigen Mächten. Aber hart ist das Leben, unmenschlich fast. Und Bjartur verlangt nicht nur von sich alles ab. Und es kommt zum Verwürfnis mit seiner Frau, später auch zu seiner Tochter. Da kann man sich als Leser fragen, ob es das Wert ist, wenn dieser Stolz, alleine und ohne fremde Hilfe durchzukommen, alles andere überwiegt. Ein nicht ganz einfaches, aber lohnenswertes Gegenstück zu Hamsuns „Segen der Erde“ und anderen Bauernromanen, die vor hundert Jahren das Leben hart arbeitender Menschen glorifizierten.

    172. Ein Buch, das den Namen eines Charakters als Titel hat

    Erwin Schlumpf soll jemanden ermordet haben, dem entsprechend ist seine Akte beim Untersuchungsrichter beschriftet.

    Eine Schweizer Krimireihe aus den 1930er Jahren mit Kommissar Maigret als Vorbild. Auch hier ermittelt der Wachtmeister ruhig, zeigt Verständnis für die Täter und die atmosphärischen Beschreibungen sind mindestens ebenso wichtig wie die Ermittlungen.

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