Beiträge von cyphella

    Ich wollte nur kurz durchgeben, dass ich noch da bin, eure Kommentare lese und versuche, mit zudenken. Neue Aspekte kann ich gar nicht groß zur Diskussion reingeben. Mich sprang das Thema Schuld (Versuchsleiter vs Jeff) an. Bzw . Wieder die Frage, wie wir Leser die Figuren moralisch bewerten . Der Versuchsleiter, der systemkonform frei von juristischer Schuld ist, aber doch, trotz einiger emotionaler Empathieanwandlungen seltsam grausam bleibt, und Jeff, der „Mörder“ dessen moralisches Gewissen aber intakter erscheint.

    Mir gefiel diese Geschichte übrigens nicht so gut, diese Idee mit diesen Gefühlsinjektionen war mir etwas zu plakativ, auch wenn Saunders das mit seinen albernen Produktnahmen so sehr überspitzt, dass ich es fastschon wieder gut finde. Aber eben auch nur fast...

    taliesin, Mojoh : vielleicht sollten wir mal ein Hilfeplangespräch organisieren:totlach:.

    Ich erlebe es auch nicht selten, dass die Mütter sich gegenseitig sehr beäugen und sich gegenseitig schlecht machen, um von ihrem eigenen Problemen abzulenken, so wie es ja auch hier in der Geschichte dargestellt wird.

    Dadurch, dass Saunders fast immer aus Sicht der Figuren erzählt wird ja sehr deutlich, dass man auf eine Situation viele Sichtweisen haben kann. Welche ist also wahr? Was ist richtig und was ist falsch? Was ist normal? Unsere Art zu denken und wahrzunehmen unterscheidet sich sehr von Person zu Person, jeder von uns hat eine von der eigenen Biografie geprägten Brille auf. Das macht Saunders ja die ganze Zeit mit uns- von einer Sichtweisen zur nächsten schleudern. In dieser Geschichte läßt er die verschiedenen Perspektiven direkt miteinander kollidieren. Die erste Mutter schafft es eigentlich nur noch, alle Wahrnehmungen durch einen Filter laufen zu lassen, so dass ihr Weltbild bestätigt wird. Ihre Kinder sollen sich die schlimmen Verhältnisse anschauen, damit ihre Art zu leben gerechtfertigt wird, es geht nicht um eine Öffnung der Sicht, sondern um Abgrenzung. Die zweite Mutter fragt sich öfter, was die anderen über sie denken, versucht dem gerecht zu werden, aber schafft es nur bedingt (so wie sie auf die Aufforderung, dass sie ihr Kind nicht immer weglaufen lassen soll, mit Festketten reagiert). Sie hat im Vergleich zur ersten Mutter kaum eine eigene Vorstellung von „richtig oder falsch“, was vermutlich auch biografische Hintergründe hat.

    Insofern sind beide Figuren „Opfer“ ihrer Umstände.

    Tja, und wieviel kann/darf/soll man dann entschuldigen? Provokant gefragt:

    Wenn wir aufgrund unserer misslichen Biografie in bestimmte Denkmuster und Verhaltensstrategien verfallen, sind wir dann frei von „Schuld“ (insbesondere gegenüber unseren Kindern)? Ab wann fängt Schuld an? Juristisch gibt es da ja einzige Abgrenzungsmöglichkeiten, aber moralisch hat da sicher jeder von uns andere Vorstellungen....

    Hallo!

    Wow, ihr steckt ja alle schon wieder tief in der Diskussion. Ich habe die Geschichte erst einmal durchgelesen und eure Kommentare allenfalls überflogen, möchte aber trotzdem kurz meinen Eindruck hinterlassen:

    Mich hat diese Geschichte einerseits als Mutter erwischt, weil sie mir sehr direkt den Spiegel vorgehalten hat, wie Eltern gerne schnell über andere Eltern urteilen und dabei eben vergessen, dass wir (fast) alle unsere Kinder lieben und es tausend Wege gibt, ein Kind großzuziehen.

    Andererseits erwischt mich diese Geschichte auch sehr in meiner beruflichen Rolle. Ich bin Kinderpsychiaterin und arbeite in einer Klinik, solche familiären Verhältnisse (beide) sind mein täglich Brot, leider auch oft mit der Frage verbunden, ob die Kinder ausreichend versorgt und gesehen werden von ihren Eltern. Allerdings stellen wir nicht die Frage danach, ob die Eltern ihre Kinder lieben (wie ihr oben ja schon meintet, begibt man sich da schnell auf dünnes Eis, und wir gehen grundsätzlich davon aus, dass die Eltern ihre Kinder lieben) Aber Liebe allein ist eben oft nicht genug. Die Frage, die wir uns eher stellen, ist: Sehen die Eltern die Bedürfnisse der Kinder und können sie diese entsprechend befriedigen bzw rahmen. Bei der ersten Mutter, Marie, haben wir eine Frau, die ihre Kinder liebt, aber aufgrund ihrer Biografie gewisse Grundsätze in ihrer Erziehung aufgebaut hat, die eigentlich eher ihre eigenen Bedürfnisse befriedigt. Sie schaut nicht, was ihre Kinder für eine gesunde Entwicklung benötigen (nämlich z.B. auch das Spüren von Grenzen, respektvoller Umgang), verliert ihre Kinder aus dem Blick. Zudem überspielt sie viele Gefühle, wirkt sehr unauthentisch, was für Kinder ebenfalls sehr verwirrend sein kann. Auch dieser abrupte Meinungswechsel, als sie plötzlich wieder von dannen zieht, ohne Welpe, spricht ja für wenig Feingefühl.

    Die andere Mutter liebt ihr Kind auch, hat meiner Meinung nach die Gesamtheit im Blick, versucht sich in andere hineinzuversetzen (in dem sie z.B. den Welpen aussetzt und dadurch den Mann vor weiteren Grausamkeiten schützt). Allerdings gelingt ihr die Versorgung des Kindes auch nicht kindgerecht, zudem ist die Wohnung ja auch verwahrlost. Warum das so ist, steht nirgendwo, oder?

    Kurzum, wenn das zwei "Fälle" bei mir auf Arbeit wären, gäbe es bei beiden Handlungsbedarf:wink:. Während die erste Mutter eher einen Psychologen braucht, benötigt die zweite dringend einen Sozialarbeiter....

    So, meine Ausführungen haben natürlich literarisch gesehen keine Bedeutung, aber es war eben ein menschliches Thema, das da bei mir, und ja auch bei vielen von euch angestoßen wurde.

    Ich verstehe drawe s Bild von einer Falltür. Ich fühle mich beim Lesen dieser Geschichten oftmals kalt erwischt. Saunders ertappt mich dabei, wie ich meine Stereotypen, Erwartungen und Grundannahmen auspacke, er konfrontiert mich mit meinen Denk- und Lesegewohnheiten. Und was ich da sehe bei meinen inneren Bildern ist nichts Gutes, leider:-?.

    Kann Stick nicht auch für Penis stehen? Und sagt man im Deutschen auch Gestell:|?

    Ich habe mein Buch zwar nicht zur Hand, aber sagt die eine Freundin nicht , dein Vater hats aber auch mit seinem Gestell? Und sagt der Erzähler dann nicht, dass er ganz große Augen bekäme? Anfangs dachte ich, das ist einfach eine flapsige Konversation, aber wenn ich versuche das ernst zu nehmen, führt mich meine Fantasie in üble Abgründe...( von wegen Saat der Bosheit...)

    Ich bin nach dem Lesen wieder ein bisschen bei der Comic-Theorie, die uns drawe vorgestellt hat. Wir sehen hier fast gar nichts vom Vater, nur sein Gestell. Wir versuchen irgendwie von Gestell auf den Vater zu schließen, sogar auf die ganze Familie. Unsee Fantasie komplettiert das Bild von diesem Menschen. Ich war beim Lesen die ganze Zeit damit beschäftigt, mein Bild von diesem Menschen zurechtzurücken, vom knausrigen Vater, Spassbremse bis hin zum Zyniker, Künstler und am Ende tief einsamen Mann. Wer aber war er wirklich, und warum gibt uns der Sohn keine anderen Hinweise als das Gestell?

    Kyles innere Stimmen werden ja sehr von seinen Eltern dominiert. Allie ist da ein bisschen weitschweifender, verträumter.Ich finde die Rehkitz-Fantasie zeigt ja auch, dass sie ihr Aussehen versucht als Machtmittel zu benutzen, der Jäger unterwirft sich, das Rehbaby wird bevormundet, sogar mit der Stimme eines realen kleinen Mädchens versehen. Allie möchte ja gerne eine Gute sein, aber ihre Fantasien sind schon sehr von Dominanz und Überheblichkeit geprägt. Auch bei Allie zeigt sich ein kleines inneres Spannungsfeld, wenn auch nicht so ausgeprägt wie bei Kyle. Mir ist noch aufgefallen, dass während der Gefangenschaft von Allie ihr gesamtes Innenleben ausgeht. Es gibt keine Passage, die aus ihrer Sicht geschildert wird, erst wieder ab der Befreiung und dann wird das Ereignis nur in Rückschau geschildert. Ist das eine Art des Autors, Allies völlige Überforderung darzustellen? Ein Zustand, der nicht mehr über das Großhirn geht, sondern nur noch auf einer basaleren Art erlebt werden kann jenseits der Sprache?

    Ob wir uns nicht mehr oder weniger alle mit solchen - manchmal garnicht mehr als solche identifizierten - Stimmen auseinandersetzen???

    Ich denke das tun wir alle. Mit diesem inneren Monolog bestätigen wir unsere Welt, unser Handeln. Wir halten unsere Welt damit in der Waage.

    Man nennt es ja auch manchmal >innere Stimme<.

    Tatsächlich gibt es einige Methoden in der Psychotherapie, die sich dieser Hypothese bedienen. Mit den Patienten wird gemeinsam erarbeitet, welche inneren Anteile er besitzt (z.B. des innere Kind, der Beschützer, der Clevere, der Fiese...) und versucht damit eine Distanzierung zu den inneren Konflikten aufzubauen. Zudem können Überlegungen angestellt werden, woher diese inneren Anteile kommen (oftmals ist der innere Kritiker irgendeine Erwachsene Person aus der Vergangenheit, sozusagen das Über-Ich). Von Kyle sehen wir ja mindestens schon 3 Anteile: der Kritiker, ein wilder Teil und aber auch irgendwo ein beobachtendes inneres Ich, das versucht, die Gedanken auszugleichen...

    Und ich erinnere an die Rehbaby - Fantasie.

    Die Episode habe ich fast schon vergessen. Wie interpretiert ihr die? Wie fügt die sich in die Geschichte? Das war doch schon eine recht schräge Teenager-Fantasy. Ich muss den Teil noch mal lesen.

    Wenn ich die Rehbaby Geschichte lese, wird mir ganz mulmig, weil sie den baldigen Schrecken andeutet. Etwas Monströses passiert mit viel Blut und Gemetzel, das hilflose Kitz wird beschwichtigt. So gesehen ist Allie später das Kitz, das von seinen Eltern beruhigt wird, das doch gar nichts passiert sei (nach dem Motto bloss nicht hinschauen)- was wiederum die Geschichte für mich mehr in Richtung Totschlag schiebt:-?.

    Tja, der zweite Schlag wäre juristisch gesehen wahrscheinlich wie oben beschrieben eher Totschlag. Ob das jetzt ethisch gesehen eine Art Rettung ist, finde ich heikel. Hätte Kyle ihm den Stein aus Mitleid übergezogen, dann vielleicht. Aber er war ja eher im Blutrausch, was man psychologisch gut nachvollziehen kann, aber ethisch nicht so ganz in Ordnung wäre :wink:.

    :applause:Ich freue mich total, dass ich noch auf diese MLR gestoßen bin: ich finde die Geschichte richtig großartig, aber ich hätte sie nie so hinterfragt wie wir jetzt alle zusammen. Ich hätte am Ende der Geschichte nur gedacht: „ puh, na Gott-sei-Dank hat Kyle den Stein zur Seite gelegt, ist halt doch ein guter Kerl. Weltbild in Ordnung, weiter geht‘s.“:lol:

    Ok,8-[, ich merke gerade, dass ein Teil in mir gerne möchte, dass Kyle den Stein nicht auf den Kopf hat sausen lassen. Aber nach euren Kommentaren und wiederholtem Lesen macht sich ein zweiter Teil in mir immer mehr breit, dass es tatsächlich so sein könnte, dass Allies Eltern nur versuchen, ihre Tochter zu beruhigen. Ich finde Farast s Frage hilfreich: Werden die Guten aufs Kreuz gelegt? Diese Geschichte existiert irgendwie in mindestens zwei Varianten, einer guten, hoffnungsvollen Variante und einer "bösen" (in der mein aufs Gute hoffender Anteil aufs Kreuz gelegt wird:wink:) . Es ist ein kleiner Unterschied, quasi nur ein Steinwurf, zwischen den Varianten, der am Ende Kyle zum Täter oder Retter werden läßt. Es geht nur um wenige Sekunden, Entscheidungen werden getroffen, Kyles innere Instanzen, insbesondere seine inneren Kritiker in Form der Eltern kommen da ja kaum hinterher....

    Auch Allies Handeln bleibt ja offen: hat sie gerufen (und ihn damit eventuell aufgehalten) oder nicht? Eine winzige Handlung (so klein, dass einige Leser erst einmal darüber hinweg lesen), die viel entscheiden kann.

    Hallo zur späten Stund‘!

    Ich möchte nur kurz einwerfen, dass ich mir auch nicht sicher war, ob Kyle ein zweites Mal zugehauen hat oder nicht. Ich denke eher nicht. Ich glaube, Allison träumt nur davon, wie sie versucht ihn aufzuhalten und keine Laute aus ihrem Mund kommen. Ihre Eltern beruhigen sie ja mit den Hinweis, dass sie doch gebrüllt habe. Zeitgleich hört Kyle im Kopf „Ruhig Scout“ und sagt sich „Ich bin mein eigener Boss“. Es wäre auch ein zynischer Titel, wenn er einen Totschlag vollführt hätte - Sprung zum Sieg bedeutet mich eher sein Erfolg durch Mut und schließlich Selbstbeherrschung.Und das obwohl er laut Allison auf der Außenseiterskala wohl ziemlich weit oben rangiert...:wink:

    Also, dann möchte ich nochmal kurz das Phänomen des präsuizidalen Syndroms vorstellen: es kommt häufig vor, dass Menschen, die den inneren Entschluss gefasst haben, sich zu suizidieren, nach einer langen Phase der Anspannung und Ambivalenz durch die getroffene Entscheidung endlich zur Ruhe kommen. Nach außen hin wirken sie dann entspannt, sortiert, fast wieder fröhlich. Das kann sehr gefährlich werden, weil Die Selbstgefährdung unterschätzt wird.

    Zum Thema Selbstaufopferung noch ein Gedanke: die viktorianische Zeit überschneidet sich doch mit den romantischen Strömungen, oder? Hier sind doch Motive wie Liebe, Sehnsucht aber auch Verzweiflung und Tod zu finden. Dazu finde ich Selbstaufopferung ja auch passend.

    drawe : du hast recht, weil Carton ein integerer Mensch ist, könnte er nicht in seiner Gesellschaft bestehen, so passt es besser.

    Dickens wollte einen großen Roman, DEN Roman über die Französische Revolution und durchaus gegebene Parallelen zwischen London und Paris, zwischen England und Frankreich, herausarbeiten. Vielleicht mit dem Gedanken, dass England einfach Glück hatte, dass es nicht zu ähnlichen Aufständen gekommen ist. Sein Ziel des großen historischen Romans um Schuld und Sühne, Sünden der Väter, Rache und Vergeltung im Auge verzettelt er sich - er legt die Gewichtung stark auf die Revolution mit allem Drumherum sowie auf die Umstände, die zu ihre führten, was ihm hervorragend gelang (ich denke noch immer an die entsprechenden Kapitel). Aber mit dem Fokus auf dieses große Thema hat er seine Charaktere und deren Plot aus den Augen verloren, sich verzettelt. Vieles muss er ja von Anfang an geplant haben (ich denke an Jerry und seine Rolle in Paris), aber könnte das ansonsten der Grund sein, warum er in diesem Roman seine Charaktere so blass und farblos stehen lässt?

    Da kann ich super mitgehen. Zu viel gewollt. Vielleicht noch unter Zeitdruck geraten. Gab es damals eigentlich schon ein Lektorat? Vielleicht sind ihm ja sogar Dinge gestrichen worden (nach dem Motto: alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig:wink:).

    Zu Carton: Bei ihm hatte ich immer das Gefühl, da fehlt uns noch ein Puzzle-Stück. Aber je mehr ich darüber nachdenke, wurde zu ihm ja auch einiges erzählt durch Stryver:er habe gute Anlagen gehabt, aber er zeigte eben in seiner Laufbahn nicht genügend Ellbogen und Profiliersucht, um wirklich erfolgreich zu sein. So stand er immer im Schatten des anderen (Idioten:-#), was ihn zum Trinker gemacht hat. Die Gesellschaft hat ihn runtergewirtschaftet, er durch die existenziellen Fragen und durch seine Aufopferung für andere wird er wieder zu einem integeren Menschen.

    Warum er allerdings so eine große Ähnlichkeit mit Darney hat, bleibt rätselhaft, eine Laune der Natur. Interessant ist ja auch, dass der eine Doppelgägnger, Carton, sein Schicksal letztendlich wählen kann, während Darney viele gute Absichten hat aber am Ende nur Spielball bleibt. Natürlich ist Freiheit ein Thema bei diesem Buch, auch die Frage nach dem freien Willen und wann und unter welchen Bedingungen der Mensch frei handeln kann.

    Hallo zusammen. Nachdem ich am Anfang so langsam vorankam, habe ich nun schon seit fast 10 Tagen das Buch beendet. Ich hatte Angst, euch vor lauter Aufregung zu spoilern, deswegen habe ich mich lieber bedeckt gehalten.

    Alles trifft vor Rot.

    Und zu diesen Menschen, die kurz vorher jeden getötet haben, ob Frau, Mann oder Kind.


    Ein wilder Reigen tanzt eines Tages an Lucie vorbei. Da mir der Tanz "Carmagnole" nichts gesagt hatte, habe ich wieder auf einen Wikipedia Beitrag zurückgegriffen.

    Diese Beschreibungen und andere ähnliche Szenen im Buch haben für mich deutlich meine Vorstellungen von der französischen Revolution geändert. Mir war schon immer klar, dass es mit viel Blutvergiessen und Tumult verbunden war, aber wie allumfassend sich das Geschehen durch die gesamte Bevölkerung zog, Frauen, Männer, Kinder, Greise, Lynchjustiz bis in die Hinterhöfe, hatte ich mir noch nie so schonungslos vor Augen geführt. Genau dieser private Blick aus dem Fenster, also die Perspektive raus aus der Totalen rein in die Zoomeinstellung, brachte mich sehr nahe ran. Gruselig.

    Zu diesen Menschen geht unser Doktor und lässt sich von ihnen nach La Force bringen um seinen Schwiegersohn zu retten. Das finde ich ziemlich unglaubwürdig. [-(

    :-kJaaa, von der Glaubwürdigkeit, bzw der Nachvollziehbarkeit von Handlungen, habe ich mich in diesem Buch schon längst verabschiedet. Dass der Doktor etwas wieder gut machen möchte, vielleicht sogar aufblüht in seinem Land unter seinem Volk, konnte ich mir sogar vorstellen. Aber ist schon eine komische , für mein Empfinden unausgeglichene Mischung, die Dickens da gebraut hat. Einige Figuren erklärt er mehr, andere weniger. Aber im Kern webt er eine Geschichte wie ein antikes Drama, bei dem es gar nicht so sehr um die psychologischen Motive geht, sondern nur um Handlung und Themen: Rache, Aufopferung, Schuld, Sühne, Krieg, Tod. Vielleicht ist diese Dopplung (psychologische Motive vs. Lebensthemen) sogar wieder bewusst konstruiert.

    Und genau das passt für mich nicht zu Dickens. Aber das ist tatsächlich mein ureigenes Problem: ich hab eine so hohe Meinung von Dickens durch die drei Bücher, die ich bisher von ihm gelesen habe, dass mich das grad kirre macht. In den anderen Büchern zweigt er ein Dickicht von Erzählsträngen auf, dass dem Leser die Ohren wackeln und der Kopf raucht, und am Ende führt er sie mit einer bestechenden Logik zusammen, dass man fassungslos steht und sich fragt "wie hat er das gemacht?". Und in diesem grandiosen Buch hier fängt er an zu "pfuschen"? Es ist ja kein Jugendroman, kein Erstling, bei dem man sagen würde "er war noch am Anfang", sondern er ist auf der Höhe seiner Kunst. Das finde ich so schade, das tut mir einfach leid und stört mich gleichzeitig enorm. :-?

    Mich hat es auch immer wieder irritiert, das Buch wirkt etwas atemlos, als würde er gerne noch einiges erklären, aber es gibt halt doch noch Wichtigeres zu erzählen.Eigentlich habe ich gedacht, dass das tatsächlich eine Schwäche ist, dass Dickens vielleicht unter Zeitdruck stand, mit den Abgabeterminen durcheinander kam o.ä.. Inzwischen kann ich mir aber auch vorstellen, dass das absichtlich war. Die Dinge in der französischen Revolution überschlagen sich , es wird nicht mehr danach gefragt, was wirklich dahintersteckt, und so ist auch für die Biografie einiger Figuren einfach keine Zeit mehr.

    Sie schafft ein äußerst liebevolles und warmes Heim, in dem sich ihre Familie und die engen Freunde sehr wohl fühlen. Und sie ist gegenüber ihrem Vater und ihren Ehemann sehr loyal und verbunden, wie ihr dauerhaftes Stehen am Gefängnis zeigt.

    Zugegeben, Lucie ist auch nicht meine Lieblingsfigur. Aber ich finde auch, dass sie einige Stärke zeigt. Sie reist ganz jung bis nach Frankreich, um den Vater zu retten, wohnt der ersten Gerichtsverhandlung bei und versucht eine aufrichtige Aussage zu machen, entscheidet sich offensichtlich für einen ganz passablen Mann, hält die Stellung , während der Mann im Gefängnis ist, geht jeden Tag an die Strassenecke...Klar, sie ist aufopfernd, aber zeigt doch Durchhaltevermögen und Standing

    "Ich habe zwar überhaupt keine Gelegenheit zum Schreiben und noch weniger Material, deswegen male ich die Buchstaben in meinem ureigensten Blute, aber ich erkläre erst mal lang und breit, wie ich diesen Brief schreibe, bevor ich zum verdammten Punkt komme." So viel zum Realismus.

    Das war übrigens die Passage, die mich am meisten aufgeregt hat, da kann man nichts mehr schön reden:lol:.Hier kam mir der Gedanke, dass Dickens einfach auch liefern musste und es dem breiten Publikum recht machen musste, ich würde es das Soap-Opera-Phänomen nennen.

    Dickens bedient das Klischee der aufopfernden Tochter, Frau und Mutter.


    Frage an die Kundigen unter Euch:

    Hat das mit dem Profil der Zeitung zu tun, für die er schrieb?

    Oder mit seiner Biografie?

    Vielleicht sogar beides (s.o).

    Ja, das ist ein Punkt, der mich schon länger beschäftigt und das würde, falls wir für den Charakter Darneys keinerlei Erklärung bekommen, ein

    Schwachpunkt sein, den ich von Dickens nicht erwartet hätte. dann käme zu der sowieso recht blaß geschilderten Person des Darney noch ein

    frei schwebender Melancholiker hinzu. Wenn eine Person so extrem lebensüberdrüssig und selbstmitleidig durch das Buch schleicht, möchte ich

    schon wissen warum er so ist. [-(

    Meinst du Darney oder Carton? Darney fand ich zwar grob skizziert, aber doch ausreichend erklärt.Als Nachwuchs einer solch aristokratischen und auch grausamen Familie hatte er bestimmt eine erschwerte Autonomieentwicklung:wink: und viele Schuldgefühle, die ihn zurücktrieben.

    Carton bleibt ein Mysterium. Aber irgendwie finde ich das einen spannenden Bruch. Er ist die Verkörperung des Antihelden, aber nur er allein kann als außenstehende Kraft die Verstrickung Darney/Defarge mit seinem Opfer aufheben. Vielleicht soll das auch eine politische Botschaft sein?

    So ganz habe ich den Auftritt dieser Figur nicht verstanden. Vielleicht sollte sie noch einmal darauf aufmerksam machen, was für ein gutherziger Mensch Carton doch ist?

    Ich glaube die Näherin ist als Beruhigung fürs Leserpublikum gedacht. Carton geht es gut mit seiner Entscheidung, er entwickelt sogar weiter empathische Kraft. Achtung Kugsch....erei: Psychologisch gesehen haben wir hier sogar ein präsuizidales Syndrom.

    Ich glaube, gar so seltsam ist es nicht - zwar schreckten Adlige dieser Zeit vor ziemlich wenig zurück, aber ein direkter Mord in persona vor Zeugen ist so eines der wenigen Dinge, die vielleicht nicht ganz so angesagt waren. Was also sollten sie mit der Frau tun? Einfach nur in dem Haus zurücklassen ging schlecht - wer weiß, was daraus geworden wäre. Hätte der Doktor ihr helfen können, hätte der Bruder einfach weiter gemacht wie vorher. Durch ihren Tod konnten sie die Sache leichter vertuschen und damit Schaden von der Familie abwenden. Wobei der Schaden nicht in der Vergewaltigung liegt, sondern eher darin, dass ein Bauernjunge Adlige zum Duell forderte.

    so sehe ich das auch, für die zwei war es eine rein pragmatische Lösung

    So hat es etwas von einem Märchen, wo am Ende der eindeutig Böse genau so eindeutig bestraft wird.

    Ja, das meinte ich oben...Ihr hattet ja schon die Parallele zu diesem Rachemythos gezogen, und ich glaube,dass das Buch eben nicht nur psychologisch zu verstehen ist.