Beiträge von Winfried Stanzick

    Werner Skrentny, Jens Prüß, Immer erste Klasse. Die Geschichte des Hamburger SV, Verlag die Werkstatt 2011, ISBN 978-89533-823-6

    In seiner durchweg empfehlenswerten Reihe mit zum Teil schwergewichtigen und sporthistorisch ausgefeilten Werken zu einzelnen deutschen Fußballvereinen legt der Verlag Die Werkstatt hier in neuer Auflage ein Buch über den Hamburger SV vor. Obwohl der Verein in der laufenden Saison stellenweise auf den Abstiegsplätzen rangierte, wird wohl durch Trainerwechsel und die entsprechende neue Motivation auch in diesem Jahr wieder die Klasse gehalten werden können.

    Doch nicht nur das. Viele Kapitel und vor allem Bilder in diesem für jeden HSV - Fan in und außerhalb Hamburgs wichtigen Buch beschreiben Zeiten auch internationalen Erfolgs und Ruhms, an denen die gegenwärtige Vereinsführung gerne wieder anknüpfen möchte.

    Eine Menge an statistischem für jeden Fußballnarren wichtigem Material ergänzt ein gut gemachtes Buch über einen sympathischen Verein aus dem Norden.

    Das Buch eignet sich hervorragend als Geschenk für HSV Freunde.

    Schon in seinem 2007 veröffentlichten Buch "Die Geschichte der Israelis und Palästinenser", einem beispielhaften Buch über einen unendlichen Konflikt, hatte sich der freie Autor und Sozialforscher Martin Schäuble als ein profunder und unabhängiger Kenner der Geschichte und der aktuellen Situation im Nahen Osten gezeigt. Selten konnte man, für Jugendliche, aber für Erwachsene anschaulich aufbreitet, diesen nach wie vor existierenden Konflikt so gut verstehen.


    Schon damals zeichnete Martin Schäubles Arbeit aus, dass er nicht aus der Distanz recherchierte und schrieb, sondern dass er Betroffene zu Wort kommen ließ, ohne deren Aussagen gleich zu bewerten. Aus den unterschiedlichen Berichten von Palästinenser und Israelis sollte der jugendliche Leser sich eine eigene Meinung bilden.


    Diese Art der schriftstellerischen und sozialforschenden Arbeit hat er auch in seinem neuen Buch angewendet, für das seine Rechercheleistung und die vielen Reisen, die er unternehmen und die zahllosen Gespräche, die er führen musste, noch umfangreicher waren als bei dem ersten.


    Er erzählt parallel die Lebensgeschichten von Daniel, einem als Mitglied der Sauerland-Gruppe verhafteten und verurteilten Dschihadisten und von Saed, der in Nablus aufwächst und als Selbstmordattentäter in Israel viele Menschen mit sich in den Tod reißt.


    Wie kommt es, dass hier im Saarland, wo Daniel aufwuchs und dort in Nablus, wo Saed lebte, ein Jugendlicher zum Dschihadisten wird ? Das ist die Frage, die Schäuble interessiert und der er vorurteilsfrei nachgegangen ist.


    Um an aussagekräftige Quellen zu kommen, das Lebensumfeld der beiden jungen Männer hier wie dort kennenzulernen und selbst zu spüren und mit Menschen zu sprechen, die zum Leben dieser beiden dazugehörten, (Familie, Nachbarn, Freunde, Lehrer etc.), hat Martin Schäuble wie ein echter Anthropologe jeweils mehrere Monate im "Feld" gelebt. Er wohnte lange Zeit im Saarland, wo er das Leben von Daniel recherchierte und er hielt sich mehrere Monate in Nablus auf, wo er nicht nur die Geschichte von Saed erforschte und besser verstand, sondern auch eine ganze von Gewalt geprägte Kultur.


    Das Buch eignet sich hervorragend als Einführung in eine komplexe Thematik. Schäuble will verstehen, wie ein junger Mann zum Dschihadisten wird. Bei Daniel, dem Sauerland-Bomber, kommt er zu dem Schluss:
    "Im Falle des deutschen Konvertiten sind unter anderem fehlende Bindungen und gestörte Beziehungen verantwortlich", und bei Saed konstatiert er: "Das Lebensfundament des Palästinensers ist auch nachdrücklich durch die alltägliche Gewalterfahrung in den besetzten Gebieten gestört worden."



    Das hier anzuzeigende, zeitgleich erschienene Buch "Dschihadisten. Feldforschung in den Milieus. Die Analyse zu ‚Black Box Dschihad’", das bei Hans Schiler verlegt wurde, bietet Lesern, die „Black Box Dschihad“ gelesen haben, neben dem auch hier abgedruckten Originaltext noch ausführlichere weitere soziologische, sozialpsychologische und soziohistorische Hintergrundinformationen. Martin Schäuble geht hier, mehr als in dem speziell an Jugendliche gerichteten „Black Box Dschihad“ auf seine besondere Form der Feldforschung ein, und beschreibt sehr überzeugend, wieso es dringend notwendig ist, selbst an die Orte des Geschehens zu gehen, will man irgendetwas verstehen davon, wie dort in Israel und den besetzten Gebieten und hier bei uns , quasi vor unserer Haustür, junge Männer zu Dschihadisten werden. Von besonderem Interesse waren für mich die am Ende des Buches abgedruckten Interviews des Autors, die 2008 mit dem Entwicklungspsychologen Rolf Oerter, dem Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer und der Religionswissenschaftlerin Monika Wohlrab-Sahr geführt hat.

    Martin Schäuble befindet sich zur Zeit für die Recherchen und Feldforschungen zu einem neuen Buch in Israel. Wir dürfen es mit Spannung erwarten und ich werde es sicher an dieser Stelle besprechen.

    Anke M. Leitzgen, Lisa Rienermann, Erforsche deine Welt, Beltz 2011, ISBN 978-3-407-75359-5


    Kinder wollen, jeweils ihrem Alter gemäß ihre Welt erforschen und begreifen wie es um die Dinge, die sie wahrnehmen bestellt ist und wie sie funktionieren. Hier in diesem wunderbaren Buch werden Jungen und Mädchen gleichermaßen eingeladen und ermutigt Fragen zu stellen und angeleitet, ihrer Beantwortung durch eigene Forschungen quasi wissenschaftlich näher zu können.

    Das Buch hat vier große Kapitel. Im ersten „Was steckt dahinter?“ werden 24 Forscherfragen, für jeden Monat zwei gestellt, „um den Dingen so richtig auf den Grund zu gehen“. Einige Beispiele, die ich jedenfalls nicht sofort hätte erklären können:

    · Wie entsteht ein Regenbogen?
    · Warum ist der Himmel blau?
    · Wie entsteht Erdboden?
    · Wie entsteht ein Schatten?
    · Was machen die Sterne tagsüber?

    Im zweiten Kapitel geht es um „24 Forscherfragen, um in fünf Minuten mehr von der Welt zu verstehen.“ Etwa:

    · Was macht Papier stabil?
    · Was trocknet nasse Sachen besonders schnell?
    · Wie funktioniert eine Batterie?
    · Warum klebt Wasser?
    · Wie kann man langsame Veränderungen sichtbar machen?

    Im dritten Kapitel unter der Überschrift „Was kann man erforschen?“ werden die Kinder an 52 Beispiele (für jede Woche eins) angeregt, eigene Forschungen zu unternehmen und sie dann zu beschreiben. Und für die, die so richtig angebissen haben, werden im abschließenden vierten Kapitel in einem Forscher ABC „18 schlaue Methoden“ benannt mit denen man die Welt besonders gut erforschen kann.

    Ein absolut gelungenes Sachbuch für alle wachen und fragenden Kinder zwischen 6 und 12 Jahren, die mehr wollen als nur TV, PC oder I-Pod.


    Immer mehr Väter müssen und wollen sich um ihre Kinder kümmern. In Zeiten, wo eine Familie mit Kindern mit einem Einkommen schon längst nicht mehr klarkommt, müssen Mütter und Väter lernen, sich bei der Betreuung und Erziehung der Kinder gegenseitig zu unterstützen. Dass dabei Väter oft einiges anders machen, organisieren und regeln als die Mütter, zeigt das vorliegende, in den Niederlanden preisgekrönte Bilderbuch von Guido van Genechten auf lustige und einladende Weise.

    Zwei Kinder haben sie, Mama und Papa Elefant. Manchmal muss Mama zur Arbeit und dann passt der Papa auf die beiden Kinder auf „und zwar so, wie nur er das kann“. Er spielt mit ihnen ausgefallen und ausgelassen Spiele, wirft sie in die Luft und fängt sie wieder auf( meine Frau hatte, als unser Sohn klein war, davor immer Angst, während er kreischte vor Vergnügen), verkleidet sich und die Kinder als Indianer, baut mit Decke und Wäscheleine ein Zelt und brät Bananen.

    Ein gemeinsames Bad in der Wanne macht aus den Schwarzfußindianern wieder saubere Elefanten. Natürlich ist es der Vater, der dabei anfängt herumzuspritzen. Und dann wird getanzt und gesungen:


    „Wir wackeln mit den Ohren
    Wir wackeln mit dem Po
    Für Quatsch sind wir geboren
    Drum wackeln wir ja so!“

    Nachdem sie diesen Popowackel-Boogie gelernt haben, steht auch schon die Mutter in der Tür, und ihr Gesicht verheißt nichts Gutes. Doch Papa beruhigt sie und dann geben die drei ihrer Mutter erst einmal eine Vorstellung ihres tollen Tanzes. Dabei muss die Mutter so lachen, dass sie sich fast in Hose macht.

    Ja, ihr Väter: seid lustig, macht Quatsch mit euren Kindern, seid richtige Väter. Eure Kinder werden es euch danken ihr Leben lang.

    Ein wundervolles Bilderbuch, das auch in Deutschland eine Auszeichnung verdient hätte.


    Chemda Horowitz liegt im Sterben. Über achtzig Jahre alt, befindet sie sich in einem Zustand zwischen Wachen und Träumen in einem Krankenhaus in ihrer Stadt in Israel. Sie denkt über ihr Leben nach. Ihre Kindheit, die sie als spät sich entwickelndes Kind in einem Kibbuz verbrachte, ihren Vater, der sie zum Laufen regelrecht zwang, an ihre Ehe und vor allem immer wieder an ihre beiden Kinder. Chemdas „Rest des Lebens“ ist knapp bemessen und sie nutzt ihn, indem sie nachdenkt.

    Auch ihre beiden schon lange erwachsenen Kinder plagen sich nicht nur mit dem Gedanken an das zu Ende gehende Leben ihrer geliebten Mutter, sondern sie haben beide unabhängig voneinander erhebliche Problem mit ihrem eigenen. Avner ist ein ehemals sehr erfolgreicher Anwalt, der immer wieder Mandate von palästinensischen Bürgern annimmt und versucht, ihnen gegen eine übermächtige israelische Besatzungsmacht zu ihrem Recht zu verhelfen. Doch in den letzten Jahren kann er nicht mehr viel erreichen. Da auch seine Ehe an einen kritischen Punkt gekommen ist, befindet er sich mitten in einer ernsten Lebenskrise, als er im Krankenhaus seiner Mutter zwei Menschen beobachtet, eine Frau und einen Mann. Der Mann liegt im Sterben und die Frau spricht sehr liebevoll mit ihm. Avner erscheint dies als Sinnbild für das, was in seinem eigenen Leben fehlt, und er versucht nun in der Folge, der Geschichte des zwischenzeitlich verstorbenen Mannes nachzuforschen und vor allen Dingen dieser Frau nahezukommen. Er ist ihr regelrecht verfallen, doch sie erwidert seine Liebe nicht.

    Dina, die Tochter von Chemda Horowitz, hat Probleme eigener, weiblicher Art. Ihr Mann Gideon hat lange Jahre hindurch ihren Wunsch nach einem zweiten Kind abgelehnt und nun, da die gemeinsame Tochter Nizan in der Pubertät sich von ihrer Mutter löst, fällt Dina in ein tiefes Loch. Sie glaubt es schließen zu müssen, indem sie ein Kind adoptiert. Dafür unter nimmt sie die unmöglichsten Anstrengungen und gibt sie auch bis zum überraschenden Ende des Buches nicht auf.

    Was hier so klingt wie ein Roman über die Midlifekrisen zweier Menschen und ihre Familien, ist aber viel mehr. Wie in ihren früheren Romanen auch, geht es Zeruya Shalev nicht nur um das Innenleben der Menschen, die sie beschreibt, sondern es geht ihr auch immer um das Land, indem sie leben. Es geht um Israel, seine Geschichte und schwierige Gegenwart. Und so erfahren wir viel über die Welt des Kibbuz, über die Ideologie der Staatsgründer, wir erfahren etwas über die aktuelle politische Situation.

    Das, was den einzelnen Menschen geschieht, wie sie versuchen, die Frage, was sie mit dem „Rest des Lebens“ anfangen sollen, wie sie ihrem Leben einen Sinn geben und positive Perspektiven für ihre Zukunft entwickeln können – in dem scheint zwischen den Zeilen auch immer die Frage durch, wie es mit diesem zerrissenen und gebeutelten Land weitergehen soll, das gedacht war als Zuflucht für alle verfolgten Juden, als ein Land, in dem die Gerechtigkeit wachsen kann.

    Sie tut es, indem sie ihre Protagonisten zu den Anfängen zurückkehren lässt. Beide, Avner und Dina, sitzen immer wieder getrennt und auch zusammen am Sterbebett ihrer Mutter Chemda und irgendwann, Chemda ist vom Krankenhaus nach Hause verlegt worden und wird von eine Pflegerin betreut, ziehen beide sogar wieder bei der Mutter ein, als die Konflikte in den beiden Ehen zu groß werden. Dina formuliert an einer Stelle:
    „Die Zeit verspottet ihre Kinder, ist es nicht lächerlich, in der Mitte des Lebens, zum ersten Mal die Existenz der Ursprungsfamilie zu spüren?“

    Und auch Avner lässt sie an einer Stelle einen Satz sagen, der für den israelischen Staat genauso Geltung hat wie für Avners Familie: „Kann man gegen die Angst kämpfen, ohne Angst zu erzeugen? Kann man sich schützen ohne anzugreifen?“

    Shalevs Sprache ist mächtig. Lange Sätze baut sie, setzt viele Kommata, will gar nicht zum Ende kommen. Sie wechselt wie spielerisch die Zeitebenen und die Sphären von Traum und Wirklichkeit. Doch schnell hat man sich an diesen faszinierenden Stil gewöhnt, und liest sich wie mit angehaltenem Atem durch einen Roman, der mich jedenfalls gefesselt hat bis zu seinem Ende.