Beiträge von Jean van der Vlugt

    Da mir jetzt auch die deutsche Übersetzung von Wolfgang Martin Schede vorliegt, kann man ja mal Original und Nachdichtung vergleichen:


    (S. 25)


    (S. 13)


    Übersetzen ist ja schon eine schwierige Angelegenheit, die nicht immer den Ton trifft. Aber in diesem Fall scheint mir der Klang des Originals etwas verhunzt.:-s

    319. Deine aktuelle Buch-Empfehlung aus deinem Lieblingsgenre

    Roman oder Belletristik passte heute für meine Begriffe nicht. Das wäre mir zu wenig "Genre". Also: Ich lese ja gerne noire oder hartgesottene Spannungsliteratur. Und die Lektüre dieses Gefängnisthrillers ist noch nicht so lange her, dass die Empfehlung nicht mehr als aktuell durchginge: :wink:


    "Die Gefangenen von Green River" (OT: Green River Rising) von Tim Willocks ist ein ausgezeichneter Thriller über einen Gefängnisaufstand mit einem denkbar hohen Grad an Sex, Gewalt und Ekligkeiten. Politisch unkorrekt, außerordentlich spannend, voller vielschichtig gezeichneter Charaktere und unterfüttert durch interessante Gedanken über Überwachung und Strafe.

    Zwei Männer, die lange gebraucht haben, einen Sinn im Leben zu finden, blicken auf ihr wankelmütiges Erwachsenwerden in einer Zeit voller gesellschaftlicher Veränderungen und Modernisierungen zurück und können mit einiger Gewissheit und Lebenskraft in die Zukunft schauen:

    Zitat

    Vielleicht wird es Geister geben, die uns in puncto Begreifen einen Schritt vorwärtsbringen, aber ich glaube nicht, dass man uns zur Last legen kann, dagestanden und nichts begriffen zu haben. Wir müssen nur dafür sorgen, nicht so dumm zu werden, dass wir selber glauben, es gebe nichts zu fragen.

    (S. 744f.)

    Dass die letzten drei Parker-Romane von Richard Stark (d.i. Donald Westlake) eine Trilogie bilden (2004, 2006 und 2008 erschienen) und sich weitaus stärker aufeinander beziehen als bei der Reihe gewöhnlich - d.h. die Handlung schließt jeweils direkt aneinander an -, wird durch die Aufmachung der Romane nicht klar gemacht, wenn man sich nicht andernorts darüber informiert.

    316. Ein Buch, das zwei oder mehr Autoren hat

    Und was für ein schönes! :shock::cry::love:


    Kurzbeschreibung (Q: Amazon): "'Die Autonauten auf der Kosmobahn' ist eine der schönsten Expeditionen der Literaturgeschichte – eine vor Witz und Hintersinn überbordende Ethnographie des Alltagslebens und zugleich ein berührendes amouröses Zwiegespräch.


    Eines Frühsommertages fahren Julio Cortázar und seine Ehefrau Carol Dunlop mit ihrem VW-Bus auf die Autobahn Paris – Marseille. Ausgestattet mit Proviant, Musik, einer Kamera und zwei Reiseschreibmaschinen, verfolgen sie, beide bereits sterbenskrank, ein letztes gemeinsames Vorhaben: unterwegs alle 63 Rastplätze anzusteuern, auf jedem zweiten zu übernachten. Mit dem drängenden Eifer von Forschungsreisenden dokumentieren sie ihre Expeditionserlebnisse in einem Logbuch. Es gehen da die bukolischen Horizonte, Begegnungen mit Müllmännern, Beschreibungen erster Skorbut-Symptome, überdies Fotos von allerhand Fauna und Seltsamkeiten und detailgetreue Geländeskizzen ein – bald auch, unter tätiger Mithilfe ihrer Fantasie, dunkle Bedrohungen durch mörderische Hexenjäger und Geheimagenten. Und bei alledem leben diese Reisenden in der Enge ihres Gefährts wie Liebende auf einer einsamen Insel."

    Bürgersohn Jørgen und Kommunist Brun streiten sich 1925 während ihres Wehrersatzdienstes über gesellschaftliches Engagement und soziale Reformen:

    Zitat

    "Die Armut", fuhr Jørgen gereizt fort, "hat mich vielleicht mehr gerührt als die meisten anderen meiner Gesellschaftsklasse."

    "Die Armut ist nicht rührend. Nur deinesgleichen glaubt das." [...] "Die Armut ist ein Fehler, recht und schlecht ein Fehler. Ihr aber 'fühlt' - das tut ihr überhaupt immer -, fühlt theoretisch, dass alles vielleicht ein wenig anders sein müsste. Und namentlich zur Weihnachtszeit, da werdet ihr zum Speien empfindsam und kostet die Situation so christlich aus, dass ihr euch ganze fünf Kronen von dem Betrag abknapst, für den ihr Parfüm kaufen wolltet. Die Armut ist ein Systemfehler und nicht etwas, um dessentwillen ihr eure seidenen Nasentüchlein nass weinen müsstet. Und diesen Fehler werden wir jetzt beheben."

    "Demnach bin ich deiner Meinung nach lächerlich sentimental gewesen, wenn ich einem armen Hund von Schnürsenkelverkäufer zwei Kronen geschenkt und mich darüber gefreut habe?"

    "Ja. Du bist dir jedesmal selber großartig vorgekommen, wenn du einem mehr gegeben hast, als andere tun würden. Und wenn du einmal ein Gespräch mit einem Arbeiter zustande gebracht und mit ihm gesprochen hast, als wäre er deinesgleichen, dann hast du dich noch stundenlang nachher lyrisch daran geweidet und dich so richtig fortschrittlich und wertvoll und pharisäisch gefühlt."

    (S. 530f.):P

    314. Welches Buch hat dir im Oktober am wenigsten gefallen?

    Das war wohl dieses. Unterhaltsam während der Lektüre, aber danach schnell vergessen. Bewunderswert abgedreht, was der Erzähler aus einer Zeit in etlichen Millionen Jahren, wenn sich die Menschen dank der Evolution längst in pelzige, seelöwenartige Wesen ohne Arme und Beine entwickelt haben werden, über das Schicksal der Menschen in unserer Gegenwart rund um eine Kreuzfahrt auf Darwins Spuren zum Galapagos-Archipel zu berichten weiß: Alles Unglück dieser Erde rührt nur daher, dass unser Gehirn zu groß ist! :wink:

    313. Welches Buch hat dir im Oktober am besten gefallen?

    Masters sticht Vonnegut knapp aus. "Spoon River Anthology" ist ein außergewöhnliches Buch, ein "Roman in Gedichten", der aus 244 persönlichen Nachrufen besteht, die von den Verstorbenen aus ihren Gräbern heraus selbst gesprochen werden. Und so erzählt sich nach und nach auch die Geschichte einer Kleinstadt im Mittelwesten der USA vom Anfang des 20. Jahrhunderts.

    Der Autor (nach Wikipedia): Edgar Lee Masters wurde am 23. August 1868 als Sohn eines Anwalts in Garnett, Kansas, geboren. Er war ein US-amerikanischer Schriftsteller, der als Verfasser des Gedichtbandes „Spoon River Anthology“ bekannt wurde. Die meisten Personen entsprechen realen Vorlagen aus Petersburg und Lewistown (zum Beispiel Ann Rutledge, die Gerüchten zufolge eine Jugendliebe von Abraham Lincoln war und in Petersburg begraben liegt). Das Buch war ein großer Erfolg, schuf ihm aber in seiner engeren Heimat auch Feinde, da er zu schonungslos die Engstirnigkeit der Kleinstädter geschildert hatte. Er arbeitete als Anwalt und veröffentlichte bis 1942 einige Romane, Gedichte, Theaterstücke und Biografien von Abraham Lincoln, Walt Whitman und Mark Twain, 1924 die von Kritikern wenig geschätzte, beim Publikum aber beliebte Spoon River-Fortsetzung "The New Spoon River" und 1936 seine Autobiografie unter dem Titel „Across Spoon River“. Er verstarb am 5. März 1950 in Petersburg, Illinois.


    Ich las die englische Ausgabe als Taschenbuch bei Collier-Macmillan aus dem Jahr 1962, die auch eine als neu bezeichnete, achtseitige Einführung von May Swenson umfasst, die recht informativ ist. Das Buch umfasst 318 Seiten, einschließlich des epischen Pseudo-Fragmentes "The Spooniad", das die Stadtgeschichte und die Schicksale einige ihrer Bewohner noch einmal anders zusammenfasst, und des Epilogs, einem 21-seitigen dramatischen Wechselgesang verschiedener Stimmen einschließlich der von Beelzebub, Loki und Yogarindra.


    Es gibt etliche englischsprachige Ausgaben, auch als sehr preiswerte E-Books, aber die Collier-Macmillan-Ausgabe hat nach meinem Geschmack das ansprechendste Umschlagmotiv.:)


    Eine deutsche Übertragung als "Die Toten von Spoon River" gab es zuerst im Jahr 1924 von Hans Rudolf Rieder, veröffentlicht im Deutschland-Verlag München und im Jahr 1947 beim Drei-Säulen-Verlag in Bad Wörrishofen. Eine Neuübertragung von Wolfgang Martin Schede erschien unter dem gleichen Titel 1959 beim Artemis-Verlag in Zürich (dort bezeichnet als "Roman in Gedichten"), 1966 im Aufbau-Verlag Ost-Berlin/Weimar und 1967 als Taschenbuch mit einem Nachwort von Fritz Güttinger bei dtv in München. Diese Übersetzung wurde das letzte Mal 1987 bzw. 1991 bei Piper herausgebracht.


    Ein US-amerikanischer Klassiker, zuerst im Jahr 1914 in Fortsetzungen in der Zeitschrift „Reedy’s Mirror“ in St. Louis, ein Jahr später in Buchform veröffentlicht, und seinerzeit ein Erfolg bei Kritikern und Lesepublikum. Ein Gedichtband in freien Versen, der fast wie Prosa daherkommt – das Buch war ursprünglich als Roman geplant - als Annäherung an eine (fiktionale) Kleinstadt im Mittelwesten der USA vermittels der Inschriften auf dem Friedhof bzw. über das Gewisper der Toten. 244 verstorbene Einwohner, die jetzt auf dem Grabhügel liegen, sprechen ihre eigenen Epitaphe, ihre letzten Worte (die sind gedruckt nur sehr selten länger als eine Buchseite), Nachrufe in ihren eigenen Worten, in denen sie – jetzt „im Jenseits“, wo Geflunker keinen Sinn mehr ergibt – überwiegend die Lügen ihres Lebens enthüllen: Was sie scheitern ließ, was ihnen Auftrieb gab im Leben, ihren Größenwahn, ihre Ideale, ihre Betrügereien. Sehr viele, die als Lebende für edel angesehen wurden, sind innerlich verdorben, dafür offenbart sich der gute Kern der Randständigen und Belächelten. Langsam füllt sich der Flickenteppich der Stadtgeschichten, wenn das eine Epitaph die Ereignisse eines anderen aufgreift. Verwandte liegen neben Verwandten und enthüllen jeweils ihre Versionen einer Geschichte. Mit der Moral der Kleinstadtgesellschaft scheint es nicht zum Besten zu stehen. Es herrscht zwischenmenschliche Kälte und Zwietracht vor. Machtgier, Neid, Streitigkeiten und vergleichsweise viele gewaltsame Tode sind an der Tagesordnung.


    Ein außergewöhnlicher Gedichtzyklus über das Sein hinter dem Schein, der die Idylle des Landlebens in den Kleinstädten als Trugbild bloßstellt. Sehr traurig im Tonfall, oft sogar berührend. In kraftvoller Sprache ohne allzu viele Klischees. Und wenn, mögen sie den sprechenden Stimmen geschuldet sein.:wink: Gedichte von sehr schönem Klang und mit einiger Wucht. Mal mit lauter Stimme wie ein Prediger des Alten Testaments vorgetragen, dann wieder gewispert wie eine böse Moritat. Oder mit traurig ersterbendem Atem. Ein literarisches Unikat mit im Grunde ganz einfachen Geschichten voller menschlicher Leidenschaften und Schlechtigkeiten! Der Band schrammt knapp an der Höchstwertung vorbei, doch leider hängte Masters noch zwei fürchterliche Epiloge an, die eher wie total bemühtes Schultheater klingen. Vielleicht lässt man sie am besten einfach aus. :wink: 


    Masters poetisches Amerikanisch fördert oftmals ungewöhnliche Worte, sprachliche Verknappungen und - zumindest mir - unbekannte Wendungen ans Licht. Da hätte ich einen Blick in die deutsche Nachdichtung manchmal sehr hilfreich gefunden. Aber die deutsche Ausgabe ist derzeit nur relativ hochpreisig bei Weiterverkäufern und in Antiquariaten zu bekommen. Eine Neuauflage wäre schön, auch wenn man mit ihr als Verlag wahrscheinlich keinen Gewinn einfährt!


    Viereinhalb :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb: Sterne