Die Ergebnisse der Leserlieblinge-Wahl im BücherTreff

Beiträge von Jean van der Vlugt

    99. Ein Buch, das in die Hosentasche passt

    Zwischen 1978 und 1984 veröffentlichte der Pelikan-Verlag sogenannte Trampbücher, die 4,9 cm breit, 7 cm hoch und etwa 0,5 cm dick waren. Es gab u.a. Witzebücher, Tierrekorde und Kindergeschichten, z.B. eigene bzw. gesondert ausgekoppelte Storys von TKKG, Locke & Tom und den Funk-Füchsen. Außerdem 14 Westerngeschichten mit Farmerjunge Pete. Dabei handelt es sich um Neuausgaben (gekürzt? umgeschrieben?) einiger Romanhefte der alten Groschenheftserie "Pete" von Rolf Randall (d.i. Joachim Rennau) aus den 1950er-Jahren. Einige davon habe ich gelesen und fand sie erstaunlich gut, interessant und spannend.:)

    97. Ein Roman über das Verwirklichen von Träumen

    Le Clézios soll ja auch viel Ethno-Kitsch geschrieben haben, aber diesen Roman fand ich sehr ernsthaft und vielschichtig im Nachspüren nach einem fast unerfüllbaren Gefühl der Sehnsucht. Die Tagline des Kiwi-Verlags fasst den Roman etwas oberlehrerhaft, aber ganz gut zusammen: "Die Suche nach dem Schatz ist eine Reise in die Träume seiner Kindheit, was er sucht, entdeckt er schließlich in sich selbst."

    95. Ein Roman, in dem eine Therapie eine Rolle spielt

    Eine besondere Art von True-Crime-Literatur: Eine schizophrene junge Frau, die einen Massenmord gestanden hat, den sie nicht begangen haben kann, bittet den Schriftsteller Daniel Keyes, ihre "wahre" Geschichte aufzuschreiben, beziehungsweise diese überhaupt erst - anhand von Gesprächen mit ihr - aus den Tiefen ihres Unterbewusstseins ans Licht zu bringen. Bis sich die schöne Claudia, die bisher jedem - der Polizei, ihrem Psychiater - etwas anderes über sich erzählte, dem Schriftsteller gegenüber öffnet, dauert es allerdings einige Zeit.

    Das nackte Bild, wenn es Andere sehen, ist also nicht so ganz okay. Aber der Inhalt schon?!

    Ich würde tatsächlich ungern mit einem Buch, auf dem nackte Teenagerbrüste abgebildet sind, in der U-Bahn sitzen. Aus meiner Scham aber Scheinheiligkeit abzuleiten, finde ich leicht übertrieben.:| Wie ich den Inhalt des Romans finde, darüber habe ich überhaupt nichts geschrieben. Tatsächlich handelt es sich bei dem Buch ja auch um einen Roman und nicht um ein Pamphlet, das den sexuellen Umgang mit Stiefkindern verherrlicht. Die künstlerische Auseinandersetzung mit zwischenmenschlichen Untiefen finde ich erst einmal lohnenswert und sähe sie ungern durch Tabus belegt. Wo kämen wir denn da hin! Ich kann auch die brutalsten Morde in Büchern hinnehmen, für die mir in der Wirklichkeit jedes Verständnis fehlte. :ergeben:

    94. Ein Buch, in dem es um eine verbotene Beziehung geht

    Vielleicht nicht konkret verboten, aber übel beleumundet: die Liebesbeziehung zwischen einem 30-jährigen Mann und seiner vierzehnjährigen Stieftochter. Roman von Bertrand Blier, den er 1981 mit Patrick Dewaere selbst verfilmte. Allgemein als feinfühlig und ernsthaft angesehen. Sollte ich vielleicht mal lesen (oder anschauen). Nur das Rowohlt-Umschlagmotiv finde ich grenzwertig (für die U-Bahn).:uups:

    92. Ein Buch, das du zur Zeit liest

    Die Geschichte von Brian Clough und seinen 44 unglücklichen Tagen im Jahr 1974 als Trainer des englischen Erstligavereins Leeds United (Q: AMAZON). Ich liebe David Peaces Stil, der keine Retro-Vergangenheit heraufbeschwört, sondern die Schatten der Vergangenheit bloßlegt, die noch in der Gegenwart wirken, die unbestimmten, manchmal beklemmenden Gefühle, die Erinnerungen wachrufen, aber in diesen Roman komme ich schlechter hinein als in sein Red Riding Quartet.

    Woran es auch immer liegt, aber an viele der Bücher aus dem März fehlt mir jetzt schon wieder die Erinnerung an Wendungen und Besonderheiten. Vielleicht habe ich einfach etwas oberflächlich gelesen.:-k Meine größte Entdeckung sind wahrscheinlich die Kindercomics mit dem Kleinen Strubbel.:thumleft: Begeistert war ich auch von Dominique Manottis kalt sezierendem Stil:applause: und von der ethisch so reichhaltigen Krimiunterhaltung des Autorengespanns Boileau-Narcejac.:applause:Außerdem habe ich einen weiteren Kandidaten für meine ewige Lieblingeliste gefunden: "Winter im Mumintal":love: Ein Loblied der Freundlichkeit und Menschlichkeit! Jetzt kann mir der kleine Prinz gleich doppelt gestohlen bleiben.:-, Bei der Beerdigung des kleinen Eichhörnchens dabei gewesen zu sein, machte einen Leser zu einem besseren Menschen.:cry:O:-):D Freundliche Lebensweisheit mit den Mumins, Tooticki und der Kleinen Mü!:flower:


    017. William Least Heat Moon „Blue Highways: Eine Reise in Amerika“ … 4*
    Reiseliteratur auf Nebenstraßen durch die USA, einmal rundherum (auf den in der Straßenkarte blau eingezeichneten Wegen). Die Gespräche am Straßenrand, in Raststätten und Kneipen enden zwar immer im "früher wars besser". Aber beseelt und schön neugierig, auf der Suche nach dem normalen Menschen, nach dem Gewesenen und dem Langsamen! Schien mir lange Zeit ein Fünf-Sterne-Kandidat, aber dann war es etwas zuviel des Immergleichen. Dennoch sehr lesenswert!
    018. Tove Jansson „Mumins – Die gesammelten Comic-Strips #1“ … 3,5*
    Ich mag den drolligen Zeichenstil. Toll finde ich, wie sämtliche Gemüter und Lebenseinstellungen gleichwertig nebeneinander existieren dürfen. Aber die Geschichten sind manchmal schon arg altbacken.
    019. Tove Jansson „Winter im Mumintal“ … 5*:love::love::love:
    Sechster Band der Buchreihe (also kein Comic). Ein neues Lieblingsbuch: philosophisch, poetisch, lebensklug, ganzheitlich, menschlich!
    020. Emmanuel Guibert & Marc Boutavant „Ein kleiner Esel wie du und ich“ (Ariol #1) … 3,5*
    Vergnügliche Tier-Comicstrips über den Schul- und Kinderalltag.
    021. Jim Dodge „Wind in den Zäunen“ … 4*
    Ich war schnell emotional eingefangen, doch dann hat mich die Skurillität auch ein wenig draußen gehalten. Ich las die alte deutsche Übersetzung, die weniger vulgär sein soll als Harry Rowohlts Neuübersetzung unter dem Titel „Fup“. Vergnüglich-freundliche Schelmengeschichte mit knapp hundertjährigem Griesgram und Schnapsbrenner, seinem Enkel, der seltsamerweise ein Faible für das Errichten von Zäunen hat und einen Hass auf ein bestimmtes Wildschwein hegt, und einer eigensinnigen Ente.
    022. Stephen King „In einer kleinen Stadt“ … 3,5*
    Anfangs toll und schön vielstimmig. Hört leider mittig auf, sich für die Figuren zu interessieren, die nur noch als Kanonenfutter taugen. Leider saudoofes Ende!
    023. Dominique Manotti „Letzte Schicht“ ... 4,5*
    Gegenwärtigere, politisch und sozial bewusstere Kriminalromane sind wohl kaum denkbar. Großartig, wie hier ein tatsächlicher Wirtschaftsskandal in Literatur gegossen wird!
    024. Philip K. Dick „Hauptgewinn: Die Erde“ … 4*
    Faszinierende Anwendung der Spieltheorie auf ein zukünftiges Gesellschaftssystem. Schon sehr außergewöhnlich. Die Themen scheinen mehr zu interessieren als eine spannende Handlung. Aber nie langweilig! Etwas unbefriedigend offener Schluss.
    025. Pierre Boileau & Thomas Narcejac „Mensch auf Raten“ … 4,5*:thumleft:
    Was für philosophisch vielschichtige Gedanken ein kleiner, gemeiner Thriller alter Schule doch anregen kann! Dabei geht es weniger um ethische Fragen rund um das Thema Organtransplantation, sondern direktemang um das Problem der menschlichen Identität. Der Krimi aus den Fünfzigern liefert schon fast einen Vorgeschmack auf spätere Cyborg-Theorien. Wer allzusehr auf Logik pocht, hat weniger Spaß an dieser cleveren Noir-Variante eines faustischen „Teufelspaktes“: Das frankensteinsche Erschaffen einer menschlichen Einheit aus Einzelteilen. Die Pointenversessenheit der 1950er hat dem Roman leider einen allzu-cleveren Twist beschert, der all den gedankenanregenden Irrsinn der Geschichte viel zu sehr auf den Boden der Tatsachen herunterholt. Dennoch beeindruckend und außergewöhnlich!
    026. Mark Fisher „Gespenster meines Lebens: Depression, Hauntology und die verlorene Zukunft“ … 4*
    Der leider verstorbene britische Kulturwissenschaftler verbindet Populärkultur, Alltag und Politik auf eine schlüssige Weise im Sinne der „Hauntology“, die die Wiederkehr (bzw. die Rückkehr) von Phänomenen, soziokulturellen Vorgängen oder Medientexten aus der Vergangenheit in den Blick nimmt. Das Kleinmachen von Zukunftsvisionen zugunsten harmlos begehbarer und vermarktbarer Retro-Vergangenheiten. Die Texte des Buches sind umso besser, je stärker einen die besprochenen Fernsehserien, Filme oder Musiken interessieren.

    Vorgelesen im März:
    Paul Maar „Onkel Alwin und das Sams“ (Sams #6) … 4*
    Paul Maar „Sams im Glück“ (Sams #7) … 3,5*
    Paul Maar „Ein Sams zuviel“ (Sams #8) … 3*

    Der betrügerische Onkel Alwin sorgt für einige schöne Erregung beim Lesen (Band 6); die Tatsache, dass sich die Menschen durch die langjährige Anwesenheit eines Sams nach und nach selber in freche Samse verwandeln ist vergnüglich, wenn auch harmlos (Band 7). Aber der achte Samsroman ist eher eine aufgeblasene Kurzgeschichte: etwas dünn und unergiebig, in der Chronologie wieder weiter vorne angesiedelt.

    Céline Fraipont & Pierre Bailly „Das Nebelhaus“ (Kleiner Strubbel / Petit Poilu #2) … 4*
    Céline Fraipont & Pierre Bailly „Trubel im Gemüsebeet“ (Kleiner Strubbel / Petit Poilu #3) … 4,5*
    Céline Fraipont & Pierre Bailly „La tribu des Bonapéti“ (Kleiner Strubbel / Petit Poilu #5) … 3,5*
    Céline Fraipont & Pierre Bailly „L'expérience extraordinaire“ (Kleiner Strubbel / Petit Poilu #15) … 4*
    Céline Fraipont & Pierre Bailly „À nous deux!“ (Kleiner Strubbel / Petit Poilu #17) … 4*
    Céline Fraipont & Pierre Bailly „Le prince des oiseaux“ (Kleiner Strubbel / Petit Poilu #19) … 3*
    Céline Fraipont & Pierre Bailly „Madame Minuscule“ (Kleiner Strubbel / Petit Poilu #20) … 4,5*
    Céline Fraipont & Pierre Bailly „Chandelle-sur-Trouille“ (Kleiner Strubbel / Petit Poilu #21) … 4,5*
    Céline Fraipont & Pierre Bailly „Mic-mac chez Monsieur Range-tout“ (Kleiner Strubbel / Petit Poilu #22) … 5*
    Céline Fraipont & Pierre Bailly „Duel de bulles“ (Kleiner Strubbel / Petit Poilu #23) … 4*

    Nicht wirklich vorgelesen, da die Kindercomic-Alben mit dem Kleinen Strubbel (im Original Petit Poilu) ohne Text auskommen, aber gemeinsam gelesen bzw.: Mir wurde „vorgelesen“! Die Geschichten sind sprachlose Meisterstücke an Situationskomik und freidrehender Fantasie, stellenweise ganz vortrefflich mit zwischenmenschlichen und moralischen Themen aufgeladen, die für Kinder interessant sind, ohne dass irgendeine Art von Zeigefinger durchschimmert (z.B. die Angst vor dem Anderen bzw. konkret vor Flüchtlingen in „Chandelle-sur-Trouille“ oder auch die strenge Dame in „L'expérience extraordinaire“, die erfolglos auf der Aufrechterhaltung unterschiedlichen Spielverhaltens zwischen Jungen und Mädchen pocht). Andere Geschichten sind himmelschreiend komischer Nonsens (z.B. wie die Mischmaschine zwei Gegenstände zu einem vermischt, was den ordnungsliebenden Archivar vor einige Probleme stellt). Der Kleine Strubbel ist ganz großartig und für alle Lesealter ein Vergnügen, selbst wenn man noch nicht "lesen" kann. Dicke Empfehlung (man kann natürlich problemlos auch zu den fanzösischen Originalen greifen!)

    90. Welcher Charakter (m/w) war dir diesen Monat am sympathischsten?

    Wenn man in einem Monat sowohl ein Mumin-Buch, als auch Alben mit dem Kleinen Strubbel liest, fällt die Wahl des sympathischsten Charakters doch sehr schwer.:lol: Und obwohl mir die Kleine Mü eigentlich eine der liebsten Mumin-Charaktere überhaupt ist, entscheide ich mich heute mal für Tooticki, die mir bisher noch nicht so sehr bekannt war. In dem Buch "Winter im Mumintal" ist sie die herzensgute, kluge Ratgeberin für den vom Winter verstörten und überforderten Mumin. Auf dem Cover sieht man Tooticki auf der Brücke sitzen!

    89. Ein Buch, in dem ein Brief bzw. Briefe eine wichtige Rolle spielen

    Eine Illustratorin aus dem Südpazifik schreibt Briefe an einen Künstler in London, weil ihr die Kunstpostkarten, die er gestaltet und verkauft, so gut gefallen. Er antwortet ihr mit individuell gestalteten Postkarten. Über ihren Briefwechsel verlieben sich die beiden, ohne einander je gesehen zu haben. Erzählt wird diese Geschichte nur anhand der Briefe und Postkarten. Die Briefe muss der Leser sogar aus ihren Umschlägen nehmen, um sie zu lesen.:D Ein außergewöhnliches und schön gestaltetes Kunstbuch goes Liebesgeschichte.

    87. Ein Cover, auf dem "schwedische Gardinen" zu sehen sind

    In meinem Regal habe ich zwei Kandidaten für die heutige Frage entdeckt, einen alten Krimi von 1958, den ich noch nicht kenne, der auch nur mittelprächtig sein soll, aber ganz eindeutig Gitterstäbe vor einer Gefängniszelle zeigt, und diesen Thriller von 1994, auf dessen Cover ein Gefängnis gezeigt wird. Auch wenn die Gitterstäbe an den Fenstern der Gebäude im Hintergrund nur sehr schwach zu erkennen sind (ich habe mir das Buch ganz nah vor die Nase gehalten: Was soll diese senkrechte "Schraffur" anderes sein als Gitterstäbe?!), entscheide ich mich für "Die Gefangenen von Green River", der immerhin mein viertliebstes Buch 2018 war: Ein ausgezeichneter Thriller über einen Gefängnisaufstand mit einem denkbar hohen Grad an Sex, Gewalt und Ekligkeiten. Politisch unkorrekt, außerordentlich spannend, voller vielschichtig gezeichneter Charaktere und unterfüttert durch interessante Gedanken über Überwachung und Strafe. Eine Revolte als Chance um zu beweisen, dass man die Strafe nicht verdient. Nur, wer auch die Schwächsten rettet, ist es wert, selber gerettet zu werden. Grandiose, aber sehr derbe Unterhaltungsliteratur. :thumleft:

    85. Der erste Teil einer Reihe mit mehr als 3 Bänden

    Obwohl dieser Roman überall als erster Roman der Salisbury-&-Shearer-Reihe gelistet ist, tauchen weder die Figuren, noch das Setting darin auf.:scratch: Und obwohl der Roman in der deutschen Übersetzung einen eher augenzwinkernden Titel verpasst bekam, handelt es sich um einen überhaupt nicht komischen, hartgesottenen, schnellen, unpeinlichen und unkonventionellen Krimi alter Schule. Arthur Salisbury und Frank Shearer betreiben (also quasi erst ab dem zweiten Band der fünfbändigen Reihe) im London der Swinging-Sixties eine seltsame Mischung aus Privatdetektei und Gangsterorganisation. Ihre Geschäfte sind im Grunde ziemlich illegal, wenn sie zum Beispiel Gangstern die Beute abjagen, oder verhindern wollen, dass Amis in der englischen Halbwelt Fuß fassen. Unter anderem werden Gemälde gestohlen. Alles in allem eine großartige Reihe ohne nennenswerte Qualitätsschwankungen!:applause: