José Saramago - Hellebarden / Alabardas, Alabardas, Espingardas, Espingardas

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  • Autor: José Saramago
    Titel: Hellebarden, aus dem Portugiesischen übersetzt von Karin von Schweder-Schreiner
    Originaltitel: Alabardas, Alabardas, Espingardas, Espingardas, erschien erstmals in 2014
    Seiten: 144 Seiten
    Verlag: Hoffmann und Campe
    ISBN: 9783455404173


    Der Autor: (Klappentext)
    José Saramago (1922-2010) wurde im portugiesischen Azinhaga geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums arbeitete er als Maschinenschlosser, technischer Zeichner und Angestellter. Später war er Mitarbeiter eines Verlags und Journalist bei Lissabonner Tageszeitungen. Ab 1966 widmete er sich verstärkt der Schriftstellerei. Während der Salazar-Diktatur gehörte er der Opposition an. Der Romancier, Erzähler, Lyriker, Dramatiker und Essayist erhielt 1998 den Nobelpreis für Literatur.


    Inhalt: (Klappentext)
    Seit zwanzig Jahren arbeitet Artur Paz Semedo bei der portugiesischen Waffenfabrik Belona. Er ist fasziniert von Waffen aller Art, besonders von historischen. Auch wenn diese Begeisterung naiv ist und jenseits politischer Überzeugungen liegt, geht seine Ehe mit der entschiedenen Pazifistin Felícia aufgrund dieser Leidenschaft in die Brüche. Erst nach der Lektüre eines Romans von André Malraux über den spanischen Bürgerkrieg wird Artur sich bewusst, welche politische Dimension der Handel mit Waffen hat. Unter einem Vorwand beginnt er in den Archiven seiner Firma zu recherchieren und macht erschütternde Entdeckungen.


    Meinung:
    Eine kleine Warnung vorweg: „Hellebarden“ ist leider nur ein Romanfragment, zwar eine spannende Lektüre und liebevoll vom Verlag herausgebracht, aber es bleibt eine unvollständige Erzählung.
    Und dennoch gehört dieses Büchlein zu meinen Jahreshighlights. Lediglich drei Kapitel, ca 80 Seiten in dieser grosszügig aufbereiteten Ausgabe, umfasst Saramagos Text. Die Hauptpersonen werden eingeführt, und das Thema umrissen: Weshalb gibt es in der Rüstungsindustrie keine Streiks? Wobei – so ganz stimmt es nicht, wie Artur Paz Semedo feststellt: in einem Buch liest er überraschend von Sabotageakten in einer Waffenfabrik, von Bomben, die unschädlich ausgeliefert wurden. Für den treuen Mitarbeiter und Waffennarren eine unerhörte Tat, die ihm anmassend und unglaublich vorkommt. Sofort muss er seiner von ihm getrennt lebenden Frau, einer überzeugten Pazifistin, davon berichten, und von ihr angetrieben versucht der Protagonist in den Firmenarchiven zu recherchieren, inwieweit „seine“ Waffenfabrik in Kriege involviert ist, Verantwortung zeigt und/oder profitiert – und dabei setzt ein Umdenken bei ihm ein…
    Natürlich interessiert es mich brennend, wie der Roman in Saramagos Sinne weitergegangen wäre, denn diese ersten drei Kapitel waren wieder hervorragend zu lesen, in dessen unverwechselbaren Erzählweise. Aber leider geben seine Arbeitsnotizen nicht viel her, lediglich das grobe Ende und der Schlusssatz standen für Saramago bereits fest.


    Allerdings ergänzt der Verlag dieses Fragment um zwei ganz empfehlenswerte Aufsätze, die den Haupttext noch besser hervorheben: Zunächst kommentiert Fernando Gómez Aguilera (Dichter, Philologe und Vorsitzender der José-Saramago-Stiftung) Saramagos Motivation, 87-jährig, trotz Krankheit und der Aussicht, einen weiteren Roman nicht mehr beenden zu können, dennoch zu schreiben. Die Arbeitsnotizen mit unterschiedlichen Arbeitstiteln, die Entstehung des Saramago-typischen Romanaufbaus, die Recherche nach Ideen und der Versuch, sie dann mit Belegen im Roman einzuarbeiten, das sind interessante Ergänzungen, die mir den Text noch etwas nähergebracht haben.
    Absolut fasziniert hat mich dann der zweite Aufsatz, geschrieben von Roberto Saviano, der italienische Journalist, der nach seinem Buch „Gomorrah“ Morddrohungen von der Mafia erhielt und seitdem permanent mit Personenschutz im Untergrund lebt. Sein Essay „Auch ich kannte Artur Paz Semedo“ erzählt von einfachen Menschen, die trotz scheinbarer Übermacht anfangen, Verantwortung zu übernehmen, Fragen stellen, auf Missstände aufmerksam machen und Veränderungen herbeiführen wollen. Irgendwann mag der Moment kommen, an dem man etwas wagen muss, sei es, als Whistleblower auf Probleme aufmerksam zu machen, als Journalist Korruption aufzudecken, oder als Spediteur nicht länger Drogen ins Land zu schmuggeln. Es ist ein lesenswerter Appell für Zivilcourage, eine Ermutigung an Menschen, die trotz Gefahr vor Verfolgung und Morddrohungen sich engagieren, um gegen Armut, Unterdrückung und Kriminalität zu kämpfen.


    Gestalterisch gekrönt wird das Buch schliesslich mit Illustrationen von Günter Grass, dem deutschen Nobelpreisträger für Literatur, dessen Zeichnungen zwar nicht direkt mit den Texten in Verbindung stehen, allerdings atmosphärisch mit ihren Kriegsmotiven gut zum Buch passen.

  • @Nungesser gehe ich recht in der Annahme, dass Du dieses Buch bei "Sonstiges" eingestellt hast weil es nur ein Fragment ist? Ich selbst würde es trotzdem zu den "Romanen" stellen, da es hier bestimmt untergeht und das wäre schade.

    viele Grüße vom Squirrel


    :study: Yishai Sarid - Siegerin

    :study: Christoph Ransmayr - Die Schrecken des Eises und der Finsternis MLR


  • Ja, da es kein "vollständiger" Roman ist, habe ich es hier eingestellt. Wenn Du möchtest, kannst Du es aber gerne zu den Romanen verschieben.

    gesagt, getan - hier stehen auch andere Fragmente und alle sind es wert, entdeckt zu werden :wink:

    viele Grüße vom Squirrel


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