Meir Shalev - Fontanelle / „פונטנלה“

  • Michael Joffe wächst im noch jungen Staat Israel auf einem Selbstversorgerhof auf, wie auch sein ungefähr gleichaltriger Cousin Gabriel. Während letzterer als frühgeborenes Kind lange recht zart ist und von allen umsorgt wird, gibt es bei Michael eine andere, bleibende Besonderheit: seine Fontanelle, die Knochenlücke am Kopf, die bei Babys noch offen ist, schließt sich nie ganz. Das bedeutet körperlich nicht viel mehr, als dass sich Berührungen dort unangenehm anfühlen, doch seine Fontanelle verleiht Michael besondere Empfindsamkeit für zwischenmenschliche "Schwingungen" und manchmal sogar regelrecht prophetische Fähigkeiten.


    Nur wenige Menschen wissen davon, abgesehen von seinen Eltern und seiner Frau. Und Anja, die Frau des Lehrers, die ihn als Kind aus einem brennenden Kornfeld gerettet hat und zu der er eine besondere Bindung entwickelt, wie sie zu ihm.


    Ansonsten ist er ein Kind wie alle anderen, das Familienleben ist geprägt von den Gegensätzen zwischen seinen Eltern - der Vater, ein lebenslustiger Kriegsveteran, hat im Einsatz zwar einen Arm, aber nicht die Libido verloren (seine "Zatzkes", Geliebte, sind ein offenes Geheimnis), die Mutter hingegen ist eine verbissene Gesundheitsapostelin, die Fett, Zucker und Fleisch den Kampf angesagt hat und eigentlich nur glücklich ist, wenn sie draußen arbeiten kann - und den Geschichten des Großvaters, regelrechte Legenden, die sich um seine Ankunft in der heutigen Siedlung ranken und um die Schicksale seiner vier Töchter und die man sich immer und immer und immer wieder erzählt.


    Shalev präsentiert auf vielen Seiten eine überbordende, ausschweifende Familiengeschichte, die zur britischen Mandatszeit beginnt und sich über die nächsten gut 50 Jahre erstreckt, jedoch nicht linear verläuft, sondern sich in wilden Windungen durch die Zeitebenen schlängelt. Diese mäandernde Erzählweise macht die Lektüre manchmal anstrengend, ebenso wie die vielen schon fast märchenhaft anmutenden Elemente, was bewirkt, dass die Figuren nicht gänzlich lebendig werden, sondern eher Märchen- oder Legendengestalten bleiben.


    Nicht nur die Fontanelle als besondere "Antenne" und Hort der Prophetie ist ein solches Element, sondern etwa auch, dass die Joffes allesamt kompletten Gedächtnisverlust erleiden, wenn sie Blut verlieren oder Kinder stillen. Diese und viele andere Anklänge an den magischen Realismus konnten mich nicht so recht begeistern, genausowenig wie verstörende Episoden wie die sexuelle Initiation eines kleinen Jungen durch eine erwachsene Frau oder die Tante, die ihren Verlobten jung verloren hat und seitdem nur einschlafen kann, wenn sich ein junges männliches Familienmitglied im Bett an sie schmiegt.


    Geschichten spielen ebenfalls eine wichtige Rolle in diesem Buch. Diesen Prozess der Legendenbildung, bei dem man sich Anekdoten so oft erzählt, bis sie so etwas wie einen innerfamiliären Kanon bilden, und die Entwicklung eines für Außenstehende völlig unverständlichen Familienslangs, der sich wiederum häufig aus den legendären Episödchen von anno dunnemals speist, hat Shalev schön beobachtet und eingefangen. Gar so viele Wiederholungen von Familiendönekens und bestimmten Erzählmotiven wären allerdings nicht nötig gewesen.


    Interessant ist der Einblick in den frisch gegründeten Staat Israel, seine Entstehung und seine Weiterentwicklung. Dem Verständnis dabei sehr dienlich ist das recht umfangreiche Glossar am Ende des Buches. Als Familienroman hat mir das Buch jedoch weniger gut gefallen. Es ist natürlich auch kein Buch, dass sich gut in stressigen Phasen lesen lässt, vielleicht war das (mit) der Fehler.

    Why say 'tree' when you can say 'sycamore'?
    (Leonard Cohen)