John Williams - Nichts als die Nacht / Nothing But the Night

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Nichts als die Nacht

3.5|6)

Verlag: dtv Verlagsgesellschaft

Bindung: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 160

ISBN: 9783423281294

Termin: September 2017

  • Kurzbeschreibung (Quelle: Verlagsseite)
    Das erste Werk des Autors des Weltbestsellers ›Stoner‹
    Das Leben des jungen Arthur Maxley scheint beherrscht von Müßiggang und einem nie verwundenen Trauma aus der Kindheit. Einen Abend, eine Nacht lang, folgen wir Arthur. Zunächst zu einem Dinner mit seinem Vater, den er viele Jahre nicht gesehen hat. Etwas Schwerwiegendes steht zwischen ihnen, Schuld und Scham lasten auf dieser Begegnung, deren hoffnungsloses und abruptes Ende einen Vorgeschmack gibt auf das verheerende Finale dieser Nacht. Die Straßen und Bars des nächtlichen San Francisco sind die Kulisse, vor der sich Arthurs innerer Abgrund auftut. Während er der sinnlichen Verführung durch eine fremde Schöne nachgibt, enthüllt sich Arthurs ganze existenzielle Not: Sein Begehren ist tiefer, als dass erotische oder sexuelle Erfüllung es befriedigen könnten.


    Autor (Quelle: Verlagsseite)
    John Williams wurde 1922 in Texas geboren. Trotz seiner Begabung brach er sein Studium ab. Widerstrebend beteiligte er sich an den Kriegsvorbereitungen der Amerikaner und wurde Mitglied des Army Air Corps. Während dieser Zeit entstand die Erstfassung seines ersten Romans, der später von einem kleinen Verlag publiziert wurde. Williams erlangte an der University of Denver seinen Master. 1954 kehrte er als Dozent an diese Universität zurück und lehrte dort bis zu seiner Emeritierung 1985. Er veröffentlichte zwei Gedichtbände und vier Romane, von denen einer mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde. John Williams starb 1994 in Fayetteville, Arkansas.


    Allgemeines
    Titel der amerikanischen Ausgabe: „Nothing But the Night“, Erstveröffentlichung 1948
    Erscheinungstermin der deutschen Ausgabe: 8. September 2017 bei der dtv Verlagsgesellschaft als HC mit 160 Seiten, ins Deutsche übersetzt von Bernhard Robben
    Gliederung: Deutlich voneinander abgesetzte Kapitel ohne Nummerierung, Nachwort von Simon Strauß
    Erzählung in der dritten Person aus der Perspektive von Arthur Maxley
    Handlungsort und -zeit: San Francisco in den 1940er Jahren


    Inhalt und Beurteilung
    Das Erstlingswerk von John Williams, das dieser als 22-jähriger – bei einem Flugzeugabsturz knapp dem Tod entronnen – im burmesischen Dschungel schrieb, schildert einen Tag im Leben des Arthur Maxley.
    Arthur ist in den Zwanzigern und eigentlich Student, er scheint seine Studien allerdings nicht ernst zu nehmen und lebt einsam in seiner schmuddeligen Wohnung von den Schecks seines Vaters, den er seit drei Jahren nicht gesehen hat. Aufgrund einer traumatischen Erfahrung aus seiner Kindheit, über die der Leser erst nach und nach informiert wird, ist der Kontakt zwischen Vater und Sohn abgebrochen worden. Doch auch mit anderen Menschen und mit sich selbst kommt Arthur nicht zurecht. Er kann sich kaum aufraffen, die Wohnung zu verlassen und spazieren zu gehen, was ihm ein Arzt offenbar als heilsam für seine Seele nahegelegt hat, und sein einziger Freund, der homosexuelle Stafford Long, wird von ihm im Grunde gar nicht als Freund gesehen, die Begegnungen mit ihm enden immer als Fiasko, weil das exaltierte Auftreten Longs Arthur aggressiv macht.
    An diesem speziellen Tag kommt es zum Wiedersehen mit seinem Vater Hollis, dieser scheint das traumatische Erlebnis aus der Vergangenheit weitgehend hinter sich gelassen zu haben. Als Arthur, der mit geradezu übertriebener Liebe an seiner Mutter gehangen hat, feststellt, dass sein Vater Damenbekanntschaften hat, kommt es zum Eklat. Arthur stürzt davon und beschließt, seinen Vater nie wieder zu sehen. Das Treffen hat allerdings verschüttete Erinnerungen in ihm freigelegt. Angesichts dieses emotionalen Ausnahmezustandes kann es nicht verwundern, dass auch der Abend in einem Nachtklub, in dem Arthur eine „aufgeschlossene“ Frau kennenlernt, ein übles Ende nimmt…


    Es ist fast unglaublich, mit welchem Einfühlungsvermögen und welcher psychologischen Einsicht der erst 22-jährige Autor die Psyche eines jungen Mannes beschreibt, der offenbar schon als Kind überaus sensibel war und durch eine Tragödie schwer traumatisiert wurde. Arthur Maxley ist eine Persönlichkeit, die immer nur um sich selbst und sein Leid kreist, gleichzeitig sieht er sich aber auch quasi von außen mit den Augen eines fremden Beobachters. Er sieht sich als jungen Mann, der auch inmitten einer Partygesellschaft einsam und Außenseiter bleibt. Es ist jedoch kein Ansatz oder Wille zur Veränderung dieser Situation erkennbar.
    Der (heutige) Leser wird von dieser trostlosen Atmosphäre zu dem Wunsch verleitet, Arthur zu schütteln, um ihn, der am liebsten in seinen Träumen lebt, „aufzuwecken“ und ihn zu zwingen, sich Hilfe zu suchen und am Leben teilzuhaben. Die Ungewissheit über das traumatische Erlebnis ist ein weiterer Faktor, der trotz der sehr schwermütigen Stimmung zum Weiterlesen animiert, man möchte unbedingt wissen, was sich damals zugetragen hat. Die Information, die hierzu gegeben wird, lässt allerdings einige Fragen offen, deren Beantwortung die Entwicklung des jungen Arthur verständlicher hätte machen können.
    Es stellt sich die Frage, ob und inwieweit diese Novelle von autobiographischen Faktoren beeinflusst ist.


    Fazit
    Eine – besonders angesichts des damals jugendlichen Alters des Autors – beeindruckend reife Darstellung der Psyche eines „sozial gestörten“ Menschen, lesenswert, aber nicht stimmungsaufhellend!
     :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    1. (Ø)

      Verlag: dtv Verlagsgesellschaft


    "Books are ships which pass through the vast sea of time."
    (Francis Bacon)
    :study: 
    Paradise on earth: 51.509173, -0.135998

  • Anbei der Link zu einer älteren amerikanischen Ausgabe, im Januar 2018 wird die Novelle in englischer Sprache neu herausgegeben.

    "Books are ships which pass through the vast sea of time."
    (Francis Bacon)
    :study: 
    Paradise on earth: 51.509173, -0.135998

  • Hast Du es im Original gelesen? Es kommt doch erst heute heraus, und ich habe mein Rezensionsexemplar, das dtv mir zugesichert hatte, noch nicht bekommen. ?(

    Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)


    Bücher sind auch Lebensmittel. (Martin Walser)

  • Hast Du es im Original gelesen?

    Nein, mein Rezensionsexemplar von dtv kam vorgestern an. Da es ein so kurzes Werk ist, habe ich es noch pünktlich zum ET geschafft.
    Ich bin gespannt, wie es Dir gefällt.

    "Books are ships which pass through the vast sea of time."
    (Francis Bacon)
    :study: 
    Paradise on earth: 51.509173, -0.135998

  • Meins habe ich vor 5 Minuten aus dem Briefkasten geholt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Rezensionsexemplare an unterschiedlichen Tagen weggeschickt werden, aber vielleicht liegts daran, dass bei uns nicht an allen Tagen Post ausgeteilt wird.

    Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)


    Bücher sind auch Lebensmittel. (Martin Walser)

  • Von den vier Romanen, die John Williams hinterlassen hat, „Stoner“, dem Lebensporträt eines Intellektuellen, dem Abenteuerroman „Butcher’s Crossing“ und der Brief-Biographie des Kaisers „Augustus“, wurde nun sein Erstling als letzter ins Deutsche übersetzt.
    Vier Romane unterschiedlicher Genre, angesiedelt in verschiedenen Regionen und Zeiten, mit je anderem Hintergrundmilieu und Personenkonstellation - das ist für einen Autor eher selten. Aber gemeinsam ist ihnen die literarische Qualität und Williams Können, seine Leser zu fesseln.


    In Williams Debüt steht im Mittelpunkt die Verfasstheit eines jungen Mannes, von Beruf Sohn und Flaneur, der auf der Suche ist. Nach der Wahrheit, nach einem Lebensziel, nach Liebe – man würde heute sagen: Auf der Suche nach sich selbst, die bislang keinerlei Erfolge, sondern anscheinend nur Rückschritte aufzuweisen hat.
    Im Umgang mit anderen verhält er sich oft abweisend, feindlich trotz seiner Sehnsucht nach Nähe; sein gesamtes Denken kreist um sich selbst und das Trauma, das ihn seit seiner Kindheit verfolgt.


    Durch den simplen literarischen Trick, das Trauma-auslösende Geschehen erst relativ spät zu schildern, hält Williams das Interesse des Lesers wach, obwohl man nicht unbedingt mit Freude seinem Protagonisten folgt.
    Betrachtet man das Alter des Autors und die Kriegserlebnisse, unter deren Eindruck er die Erzählung verfasste, muss man ihm Respekt zollen. Andererseits kann eigentlich nur ein junger Mann eine solche von „Sturm und Drang“ getriebene Figur entwickeln, in ihren Kopf schlüpfen und ihre tief in sich selbst schürfenden Gedanken nachvollziehen und in überbordender Sprache ausdrücken.


    Persönlich ist Stoner mir bedeutend näher als Maxley, obwohl Williams präzise Figurenzeichung, die Schilderung eines schicksalhaften Dilemmas und der Handlungsbau des Debütromans nicht hinter seinen späteren Werken zurückstehen muss.

    Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)


    Bücher sind auch Lebensmittel. (Martin Walser)

  • John Williams, Nichts als die Nacht


    Williams schrieb dieses kurze Werk mit 22 Jahren nach einer schweren Kriegsverletzung. Unter solchen Umständen entstehen

    wohl keine heiteren Bücher...


    Der Leser nimmt die Perspektive des Protagonisten Maxley ein und begleitet ihn 12 Stunden. Maxley ist ein reicher junger Mann, der

    sein Leben nicht leben kann. Er ist umschattet von einem kindlichen Trauma, das sich dem Leser nach wie vor enthüllt und das ihn von seinem Vater entfernt hat. Die Gründe dieses schlimmen Ereignisses aus seiner Kindheit bleiben aber im Dunkeln.

    Dunkel ist das ganze kurze Werk. Maxley ist getrieben von Unruhe, Angst, von quälenden Erinnerungen, von Einsamkeit, Menschenscheu und tiefem

    Misstrauen anderen Menschen gegenüber. Und nirgendwo erkennt man als Leser einen Ausweg für Maxley, der ihn aus seiner

    Einsamkeit und seinem Getriebensein herausführen könnte.


    "Und während er so an diesem Hochsommerabend durch überfüllte Straßen ging, überfiel ihn jene seltsame Einsamkeit, die man nur in der monströsen

    Unpersönlichkeit einer Menschenmenge empfinden kann, dieses unvergleichliche Gefühl puren Alleinseins."


    Mich hat die Surrealität der Geschichte und auch die Offenheit des Schlusses sehr an Schnitzlers "Traumnovelle" erinnert.

    :study:Jan Weiler, Kühn hat Ärger

    :study:Robert van Gulik, Richter Di bei der Arbeit

    :musik:Rohinton Mistry, Das Gleichgewicht der Welt

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