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Carmen Korn - Töchter einer neuen Zeit

Töchter einer neuen Zeit

4.3 von 5 Sternen bei 36 Bewertungen

Band 1 der

Verlag: Rowohlt Taschenbuch

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 560

ISBN: 9783499272134

Termin: Juni 2017

  • Kurzmeinung

    maravilla
    geniales Buch, das ich nicht aus der Hand legen konnte.
  • Kurzmeinung

    Celia
    sehr gutes Buch, prima Schreibstil, vor allem das hamburger Platt

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  • Inhalt (Quelle: Klappentext)
    Einer neuen – einer friedlichen – Generation auf die Welt helfen, das ist Henny Godhusens Plan, als sie im Frühjahr 1919 die Hebammenausbildung an der Hamburger Frauenklinik Finkenau beginnt. Gerade einmal neunzehn Jahre ist sie alt, doch hinter ihr liegt bereits ein Weltkrieg. Jetzt herrscht endlich Frieden, und Henny verspürt eine große Sehnsucht nach Leben.
    Drei Frauen begleiten sie auf ihrem Weg: die rebellische Käthe, Ida, Tochter aus wohlhabendem Hause, und die junge Lehrerin Lina. So verschieden die Frauen sind, so eng ist ihre Freundschaft, auch wenn diese in den kommenden Jahrzehnten oft auf die Probe gestellt wird.


    Über die Autorin:
    Carmen Korn, geb. 1952, ist deutsche Journalistin und Schriftstellerin. Sie lebt seit 40 Jahren auf der Uhlenhorst und befasst sich schon lange mit der Geschichte dieses Hamburger Viertels.


    Mein Leseeindruck:
    Die Autorin erzählt in diesem ersten Band ihrer Uhlenhorst-Trilogie die Geschichte der vier jungen Frauen Henny, Käthe, Ida und Lina. Die Handlung beginnt 1919, einige Monate nach dem Ende des 1. Weltkriegs, und geht bis 1948. Die Protagonistinnen kommen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, arbeiten in unterschiedlichen Berufen und leben in unterschiedlichen gesellschaftlichen Konstellationen. Eingebettet in die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen der damaligen Zeit (Weimarer Republik, Inflation, Hitlers Aufstieg usw.) erleben sie Glück, Zweifel, Trauer, Freude - was das Leben eben ausmacht.


    In jedem Absatz wird aus Perspektive einer der vier jungen Frauen erzählt. Mich hat allerdings total gestört, dass die Absätze sehr kurz sind. Nach ungefähr ein bis zwei Seiten wird zur nächsten Figur/Szene gesprungen, so dass ich überhaupt keinen Bezug zu den einzelnen Personen herstellen konnte. So kurz ist meine Aufmerksamkeitsspanne nicht und auch meine Hoffnung, dass es mit fortschreitender Seitenzahl besser würde, hat sich nicht bestätigt. Durch dieses „Gespringe“ zwischen den einzelnen Personen blieben diese sehr farblos und es fehlte ihnen jegliche Tiefe. Ich musste auch nach 400 Seiten immer wieder überlegen, von wem denn jetzt eigentlich die Rede ist. :scratch:


    Dabei waren einige gute Figuren dabei, aus denen man aber viel, viel mehr hätte herausholen können. Zum Beispiel wird die Protagonistin Henny als sehr ehrgeizig beschrieben, sie will etwas schaffen als Hebamme in der Frauenklinik Finkenau. Es wird aber kaum darüber geschrieben, was sie an ihrer Arbeit so liebt und wie ihre Arbeit dort überhaupt aussieht. :-kDas wäre interessant gewesen, damit man einen Eindruck erhält, wie der Klinikalltag und die Arbeit der Ärzte und Hebammen damals aussah.


    Natürlich gab es für die Hauptpersonen einen Alltag, aber wenn davon erzählt wird, dann doch bitte über das Leben damals. :!: So hilft eine der Figuren den Wöchnerinnen nach der Geburt zu Hause – es wäre spannend gewesen, mehr über die Lebensumstände dieser Frauen zu erfahren. Stattdessen wird ständig über das verkorkste Liebesleben der reichen und verwöhnten Kaufmannstochter geschrieben :roll: , was mich überhaupt nicht interessiert hat und noch mehr nervte, als es in nahezu jedem ihrer Textabsätze wieder und wieder erwähnt wurde. Eine andere Romanfigur geht vorübergehend nach Costa Rica und mich hätte interessiert, was sie dort gemacht hat, wie z. B. die kaufmännische Arbeit in Übersee damals aussah. Das hätte für mich eher ein Bild der damaligen Zeit geschaffen. Eine andere Person macht Geld in Schallplatten, wie genau wird nicht geschrieben, aber dafür wird deren Gefühlsleben seitenweise durchgekaut. :roll:


    Dabei gab es durchaus etliche interessante historische Details, z. B. dass 1919 Lehrerinnen nicht heiraten durften, da sie sonst den Anspruch auf die Pension verloren. Diese interessanten Punkte machten aber ungefähr 10% des Buches aus, der Rest war Banales aus dem Gefühlsleben der Figuren, die abwechselnd glücklich, unglücklich, traurig, einsam, voller Selbstzweifel usw. waren. Ab und zu hat die Autorin versucht, die Figuren in die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse einzubinden, aber meist hatte das etwas sehr Künstliches an sich.


    Was beim Lesen immer wieder herausklang war die Liebe zu Hamburg und dem Viertel Uhlenhorst, daher mag das Buch für jemanden, der mit dieser Stadt verbunden ist, anders wirken. Ich empfand es jedoch wie eine TV-Soap, in der die Gefühlslagen der Figuren viel mehr im Vordergrund stehen als der historische Hintergrund. Schade, denn ich habe mir von dem Buch viel mehr versprochen. Vielleicht hat der Beiname Jahrhundert-Trilogie, der im Buchhandel, beim großen A und auch bei Wiki für die Reihe verwendet wird, bei mir zu große Erwartungen geweckt, die leider überhaupt nicht erfüllt wurden. Von mir gibt es enttäuschte :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb:


    Der Schluss wurde nochmal spannend und das Buch endet mit einem Cliffhanger – aber ich werde mir den nächsten Band dennoch sparen. :ergeben:

    Liebe Grüße,
    Tine



    :study: Yrsa Sigurðardóttir - Das letzte Ritual

  • Ich hatte das Buch mal begonnen, es aber wegen der vielen schnellen Wechsel dann wieder weggelegt. Wenn ich Deine Rezi so lese, scheine ich nichts verpasst zu haben.

  • Ich hatte das Buch mal begonnen, es aber wegen der vielen schnellen Wechsel dann wieder weggelegt. Wenn ich Deine Rezi so lese, scheine ich nichts verpasst zu haben.

    Hast du auch nicht, leider. Da bin ich ja froh, dass nicht nur ich die schnellen Szenenwechsel als störend empfand. Ich habe mich darauf gefreut, die historisch sehr spannende Zeit des beginnenden 20. Jahrhunderts mal aus weiblicher Perspektive zu lesen, aber das war mir dann alles "zu weiblich" und gefühlsgeladen. :ergeben:

    Liebe Grüße,
    Tine



    :study: Yrsa Sigurðardóttir - Das letzte Ritual

  • Hast du auch nicht, leider. Da bin ich ja froh, dass nicht nur ich die schnellen Szenenwechsel als störend empfand. Ich habe mich darauf gefreut, die historisch sehr spannende Zeit des beginnenden 20. Jahrhunderts mal aus weiblicher Perspektive zu lesen, aber das war mir dann alles "zu weiblich" und gefühlsgeladen. :ergeben:

    Aus weiblicher Sicht? Da empfehle ich Dir dieses Buch, das ich gerade mit Begeisterung gelesen habe: Margaret Forster: Ich warte darauf, dass etwas geschieht / Diary of An Ordinary Woman

  • Das ist wieder ein Buch, das zu polarisieren scheint.
    Ich stimme der Rezension von Studentine in zwei Dingen zu:
    - der Szenewechsel/Wechsel der Personen erfolgt viel zu schnell; das macht das Buch etwas zerfahren und man braucht mehr Konzentration.
    - das Buch erfüllt die Erwartungen, die man an einen historischen Roman knüpft, nur rudimentär. Wer seine Kenntnisse der deutschen Geschichte nach der Kaiserzeit auffrischen oder intensivieren will, wird hier nicht schlauer. Man geht zwar die Stationen Inflation, Machtergreifung, Kristallnacht, Bombardierung Hamburgs usw. mit den Protagonisten, aber thematisiert wird das Familienleben und die Gefühlswelt, nicht die Historie.
    Deshalb finde ich die Einordnung bei Amazon und hier im Rezensionsthread unter ‚historisch‘ etwas unglücklich gewählt.
    Ich vergleiche das Buch eher mit der Sturmzeit-Trilogie oder der Poenichen-Reihe, die auch nicht im historischen, sondern im Romanbereich rezensiert wurden, oder aktueller mit der Fermante-Trilogie, die ich allerdings (noch) nicht gelesen habe.
    Schauplatz der Geschichte eines Familienclans (einbezogen werden Geschwister, Arbeitskollegen, Freunde) ist Hamburg von den zwanziger Jahren an; bei der Sturmzeit-Trilogie ist Schauplatz Ostpreußen, Berlin, München im gleichen Zeitrahmen.
    Mir hat das Buch sehr gut gefallen; es bietet einen guten Einblick ins Leben der damaligen Bevölkerungsschichten und es zeigt, wie das Leben durch kleine Zufälle eine andere Wendung nehmen kann. Gewundert hat mich, dass außer der ‚großbürgerlichen‘ Ida alle Frauen arbeiten gehen und dieselben Kinderbetreuungsprobleme haben wie die Frauen heutzutage. Das Buch endet mit einem fiesen Cliffhanger und ich freute mich deshalb besonders, dass ich den Folgeband rechtzeitig in die Hände bekommen habe.
    Von mir gibts :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb:

    Die Erfindung des Buchdruckes ist das größte Ereignis der Weltgeschichte (Victor Hugo).

  • Deshalb finde ich die Einordnung bei Amazon und hier im Rezensionsthread unter ‚historisch‘ etwas unglücklich gewählt.
    Ich vergleiche das Buch eher mit der Sturmzeit-Trilogie oder der Poenichen-Reihe, die auch nicht im historischen, sondern im Romanbereich rezensiert wurden, oder aktueller mit der Fermante-Trilogie, die ich allerdings (noch) nicht gelesen habe.
    Schauplatz der Geschichte eines Familienclans (einbezogen werden Geschwister, Arbeitskollegen, Freunde) ist Hamburg von den zwanziger Jahren an; bei der Sturmzeit-Trilogie ist Schauplatz Ostpreußen, Berlin, München im gleichen Zeitrahmen.

    Wenn ich so länger darüber nachdenke :scratch: , stimme ich dir zu, dass die Einordnung in die Romane für dieses Buch besser zutreffen würde. Die Kategorie "historisch" weckt doch einige Erwartungen (war bei mir ja nicht anders), die nicht unbedingt erfüllt werden. Der Vergleich mit der Sturmzeit-Trilogie trifft es ganz gut. Ich hatte nur damals beim Erstellen der Rezension die Wolkenrath-Reihe von Elke Vesper im Hinterkopf, die auch im Bereich "historisch" zu finden war.
    Vielleicht ist es für die Admins, :winken:@Squirrel , ja kein Problem, das Buch in die Kategorie "Romane" zu verschieben, da es von der Einordnung besser dorthin passen würde.

    Liebe Grüße,
    Tine



    :study: Yrsa Sigurðardóttir - Das letzte Ritual

  • Vielleicht ist es für die Admins, @Squirrel , ja kein Problem, das Buch in die Kategorie "Romane" zu verschieben, da es von der Einordnung besser dorthin passen würde.

    für mich ist das kein Problem, wenn Ihr Euch da einig seid :wink:

    viele Grüße vom Squirrel

    :study: Rafik Schami - Die dunkle Seite der Liebe


  • Wunderbar geschriebenes Buch.Kann es jedem entfehlen der ein gutes Buch sucht.Gerade der Anfang ist super da die Personen des Buches, sehr gut erklärt werden so das es jeder Versteht/verstehen kann.Für knapp 11Euro ist es sehr günstig.Man kann es aber gebraucht auch günstiger erhalten...Euch viel Spass beim lesen!!

    Viele Grüße von Andrea:study:

  • Inhalt:

    Einer neuen – einer friedlichen – Generation auf die Welt helfen, das ist Henny Godhusens Plan, als sie im Frühjahr 1919 die Hebammenausbildung an der Hamburger Frauenklinik Finkenau beginnt. Gerade einmal neunzehn Jahre ist sie alt, doch hinter ihr liegt bereits ein Weltkrieg. Jetzt herrscht endlich Frieden, und Henny verspürt eine große Sehnsucht nach Leben.

    Drei Frauen begleiten sie auf ihrem Weg: Ida wohnt in einem der herrschaftlichen Häuser am Hofweg und weiß nicht viel von der Welt jenseits der Beletage. Hennys Kollegin Käthe dagegen stammt aus einfachen Verhältnissen und unterstützt die Kommunisten. Und Lina führt als alleinstehende Lehrerin ein unkonventionelles Leben. Die vier Frauen teilen Höhen und Tiefen miteinander, persönliche

    Schicksalsschläge und die Verwerfungen der Weltpolitik, vor allem der Aufstieg der Nationalsozialisten und der drohende Zweite Weltkrieg, erschüttern immer wieder die Suche nach dem kleinen Glück.


    Meinung:

    Ich habe das Buch von einer Freundin geliehen bekommen, da sie total begeistert war davon. Eigentlich lese ich sowas gar nicht. Es ist nicht meine Genre, viel zu dick und dann das Thema rund um Krieg und der Neuzeit danach ist einfach nicht meins, aber ich abe mich überreden lassen und einen blick rein geworfen.

    Erst las ich zögerlich und nur zwischendurch, aber dann immer öfter.

    Die Geschichten rund um die vier Frauen werden gemischt erzählt. Mal von der einen, dann von der anderen. Zu Anfang kann das ganz schön verwirren und man kommt schon durcheinander damit, wessen Geschichte es nun ist.

    Was ich toll fand, ist, das die Geschichte wohl sehr gut recherchiert ist. Man bekommt einen guten Eindruck von den 20er und 30er Jahren und wie es damals war. Auch sind die vier Frauen total unterschiedlich, was auch ein Pluspunkt ist.

    Die Charaktere werden zwar gut beschrieben, aber oft kommen sie viel zu kurz weg. Ich hätte mir hier etwas mehr erwartet.

    Eine interessante Geschichte, mit folge Bänden, die aber kleine verbesserungen verdient hätten.

  • So richtig warm wurde ich mit diesem Buch bis zum Schluss nicht. Der abgehackte Schreibstil und die extrem kurzen Absätze waren nicht so mein Fall, die vielen handelnden Personen fand ich bis auf eine Ausnahme unsympathisch und hatte trotz der vielen Seiten bis zum Schluss Probleme, mir zu merken, wer wer ist. Dennoch war die Story in Ordnung und es gab einen fiesen Cliffhanger. Da der 2. Band bereits bereit lag (ich habe Teil 1 + 2 zu Weihnachten geschenkt bekommen) habe ich auch diesem Chance gegeben.

    Es ist schon alles ziemlich interessant, doch durch die ständigen Perspektivwechsel kann ich mich in keine der Protagonisten wirklich hineinversetzen. Gefühle werden auch immer in knappen Sätzen beschrieben, und das dann auch noch, ohne wirklich Gefühl zu enthalten. Ich hoffe, man versteht, was ich meine :uups:

    Von mir gibt es :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb:

  • Henny und Käthe sind fast exakt so alt wie das neue Jahrhundert und schon von Kindesbeinen an gute Freundinnen, als sie in der Hamburger Klinik Finkenau 1919 ihre Hebammenausbildung beginnen. Nach den langen schrecklichen Jahren des Krieges blicken sie guten Mutes in die Zukunft und hoffen, einer neuen Generation auf die Welt zu helfen, die keine gefallenen Väter, Brüder, Onkel oder Söhne zu betrauern hat und technische wie gesellschaftliche Fortschritte genießen kann.


    Henny ist eher ruhig und bodenständig und versucht ständig, es ihrer aufdringlichen Mutter recht zu machen, die sich nach dem Tod des Ehemannes im Krieg stark an ihre einzige Tochter klammert. Käthe hingegen hatte schon immer eine rebellische Ader, sympathisiert mit den Kommunisten und hätte es eigentlich noch lieber, wenn ihre große Liebe Rudi etwas mehr von einem Revolutionär und weniger von einem Romantiker hätte. Mit seinem Faible für Worte und Gedichte kann sie wenig anfangen und lässt lieber Taten sprechen.


    Lina und ihr Bruder Lud tragen schwer am Verlust der Eltern, die während des Krieges elend verhungert sind, um ihre Kinder zu schützen. Lina, die Ältere, fühlt sich für den sanftmütigen Jungen verantwortlich und lässt sich zur Lehrerin ausbilden, um Geld zu verdienen. Für die Liebe hat sie wenig Zeit, die kommt erst viel später und auf sehr überraschende Weise zu ihr.


    Ida ist die klassische "höhere Tochter" aus gutem Hause, die nichts tun muss, was sie nicht tun will - bis ihr Vater sie zu einer strategisch günstigen Heirat zwingen will, weil er hoch verschuldet ist. Den Mann, den sie wirklich liebt, würde der Vater sowieso nie akzeptieren, denn Tian ist chinesischer Herkunft und ein kleiner kaufmännischer Angestellter, alles andere als standesgemäß.


    Romane, die die bewegte Geschichte des 20. Jahrhunderts nachzeichnen, sind keine Seltenheit, aber Carmen Korns vielgerühmte Trilogie ist definitiv lesenswert. Weniger des Stils oder literarischen Anspruchs wegen - ihre Sprache ist geradlinig, schlicht, manchmal fast ein wenig zu einfach, aber sie versteht es ausgezeichnet, ihren Figuren Leben einzuhauchen und vor allem auch die damaligen Lebensumstände in Hamburg so authentisch zu schildern, dass man fast selbst dabei zu sein glaubt.


    Sehr angenehm auch, dass ihre Protagonistinnen ganz normale Frauen ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Schichten sind, keine Spioninnen, Schauspielerinnen, Gräfinnen oder Geliebte wichtiger Männer. Man erlebt die historischen Ereignisse genau so, wie sie die Durchschnittsbevölkerung damals erlebt hat, ohne Wissen um den großen Kontext, ohne weltpolitische Einordnung, basierend auf dem, was in der Zeitung steht, was man im Radio hört oder was irgendjemand erzählt hat. Das heißt natürlich, dass vieles nur angedeutet oder gar nicht groß erwähnt wird, wobei einiges Wissenswerte im Glossar am Ende des Buches erläutert wird.


    Trotzdem wird vieles, häufig ganz subtil, im Alltag spürbar - die Inflation, die Machtergreifung der Nazis, das langsame, zunächst fast unmerkliche Abgleiten braver Bürger in die braune Dreckbrühe der NS-Ideologie, bis der Krieg mit furchtbaren Bombennächten endgültig auch ins Leben der Zivilbevölkerung Einzug hält, deren Schilderungen nicht viele Worte und grausige Details brauchen, um an die Substanz zu gehen.


    Dabei bleiben die Charaktere aber keine faden Schachfiguren auf dem Spielbrett der Geschichte. Nicht nur die vier Hauptdarstellerinnen, sondern auch zahlreiche facettenreiche Nebenfiguren bevölkern das Buch, viele davon so sympathisch, dass man an ihren Schicksalen großen Anteil nimmt und am Ende (das zugegebenermaßen einen bösen Cliffhanger enthält) eigentlich sofort mit dem nächsten Band weitermachen möchte. Vielleicht versammeln sich ein bisschen zu viele Themen in diesem überschaubaren Personenkreis - aber andererseits ist das im richtigen Leben ja durchaus manchmal ähnlich.


    Für mich ein sehr gelungener Auftakt zur Hamburger Jahrhundert-Trilogie, die sowohl Unterhaltungswert besitzt als auch eindrucksvoll das Leben zwischen dem Ende des 1. und dem des 2. Weltkriegs porträtiert.

    Why say 'tree' when you can say 'sycamore'?
    (Leonard Cohen)

  • Ich finde es ja interessant, dass das Buch hier eine sehr gute Durchschnittsbewertung hat, die geposteten Meinungen aber eher mittelmäßig bis negativ sind. Mir hat es, wie gesagt, sehr gut gefallen, mich haben weder die Perspektivwechsel noch die schlichte Sprache gestört (die habe ich als passend zu den eher wortkargen Hanseaten empfunden) :wink:

    Why say 'tree' when you can say 'sycamore'?
    (Leonard Cohen)

  • Inhalt

    Als Henny Godhusen im Jahr 1919 gemeinsam mit ihrer Freundin Käthe die Ausbildung als Hebamme in der Hamburger Frauenklinik Finkenau beginnt, steht ihre Generation noch unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs. Die jungen Frauen sind so alt wie das 20. Jahrhundert. Als Leser im 21. Jahrhundert ahnt man im Gegensatz zu ihnen selbst, was ihrer Generation in den folgenden 25 Jahren bevorsteht. Beide Mädchen sind in einfachen Familien aufgewachsen. Das echte, duftende Stück Seife im ersten Kapitel symbolisiert sehr treffend die Lebensverhältnisse in Mietshäusern zu der Zeit, als die Küche oft der einzige beheizte Raum war, in dem sich deshalb alle Familienmitglieder gewaschen haben. Käthe und Henny werden durch ihren Beruf mit allen Facetten eines Frauenlebens konfrontiert, unterernährten Frauen die nach zu vielen Geburten im Kindbett sterben, ungewollter Kinderlosigkeit und ungeplanten Kindern, die zu Verwandten aufs Land gegeben werden, wo niemand nach dem Vater fragt.


    Weitere handelnde Figuren aus Hennys Generation sind die Kaufmannstochter Ida Bunge aus wohlhabenden Verhältnissen, die elternlosen Geschwister Lina und Lud, sowie Käthes spätere Mann Rudi, der zu Beginn des Romans noch in der Lehre als Schriftsetzer ist. Ida soll möglichst bald einen wohlhabenden Bankier heiraten, um ihrem Vater den geschäftlichen Kontakt zu sichern; Lina wird Lehrerin. Vier junge Frauen, ihre Partner, Kinder, Schwiegerfamilien und Kollegen, das klingt nach einer unübersehbaren Zahl von Personen. Einige lässt Carmen Korn bereits so früh über die Klinge springen, dass ich mich fragte, ob nicht die Erinnerung an diese Figuren im Gespräch genügt hätte. Henny, die ursprünglich Lehrhebamme werden und keine eigenen Kinder haben wollte, landet als berufstätige Mutter in der Zwickmühle, dass sie ihre Kinder von ihrer Mutter betreuen lassen muss, obwohl sie ein kompliziertes Verhältnis zu ihr hat. Henny steht ebenfalls für all die Menschen, die im beginnenden Nationalsozialismus mit dem eigenen Überleben zu stark belastet waren, um sich für Politik zu interessieren. Käthe und Rudi landen als Kommunisten schon früh auf der Fahndungsliste der Gestapo. Nicht nur in der Klinik kann die Frage überlebenswichtig sein, ob man Jude ist, einen jüdischen Elternteil hat oder unter einem Chef arbeitet, der Jude ist.


    Die Figuren sind geschickt gewählt und glaubwürdig angelegt, als Hebammen, Lehrerin, Buchhändler, Importkaufmann oder Pensionsbesitzerin kommen sie mit vielen Menschen in Kontakt, die ihnen – und damit auch den Lesern – den Blick öffnen für die Entstehung des Nationalsozialismus. Beinahe zu viele authentische und wichtige Figuren tauchen auf (Juwelier Jaffe mit dem Eisernen Kreuz z. B.). Mehrere Handlungsfäden verweisen auf private und geschäftliche Kontakte, die evtl. im Folgeband noch ausgebaut werden könnten. Da ich noch nicht weiß, ob mich der Folgeband interessieren wird, führten diese Fäden für mich zu weit vom Jetzt und Hier weg. Die Lebensbedingungen von Hennys Generation wirken sehr authentisch und sorgfältig recherchiert, weit glaubwürdiger, als in vielen anderen Romanen über den Beginn des vorigen Jahrhunderts. Für die einfachen Verhältnisse, aus denen die meisten Figuren stammen, klang die Erzählerstimme stellenweise zu gewählt und das Straßennamen-Dropping wäre nicht nötig gewesen. Neben dem vorhandenen Stadtplanausschnitt hätte ich gern ein Diagramm der Familienbeziehungen gehabt und eine optisch klarere Trennung der Handlungsabschnitte. Einige Male habe ich den Faden verloren und mich z. B. gefragt, wer Fritz ist und ob Claas nun der Bruder oder Neffe ist.


    Fazit

    Für Hamburger Leser hat Carmen Korns Trilogie sicher einen besonderen Reiz. Mich lässt die Lektüre des ersten von drei Bänden leicht atemlos zurück nach der Fülle verschiedener Personen.


    (20.10.2016)


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

  • Wer etwas leichtes für zwischendurch sucht, ist bei dieser Reihe wohl richtig.

    Es erwarten den Leser eine leichte, fließende Sprache mit sympathischen Charakteren, die man über die drei Bände ins Herz schließt und Eindrücke der damaligen Gefühlswelt ermöglichen. Von der ganzen Trilogie fand ich den ersten Teil am stärksten, da ich die Geschehnisse hier am spannendsten fand.

    Leider muss auch ich einen Stern für die fehlende Tiefgründigkeit abziehen.

    Wie dem auch sei, trotz des Umfangs sind die Bücher schnell gelesen und sorgen hier und da für ein Schmunzeln oder eine kleine Träne.

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