Astrid Fritz - Die Räuberbraut

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Die Räuberbraut

4.4|5)

Verlag: Wunderlich

Bindung: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 388

ISBN: 9783805202930

Termin: Juli 2017

  • Kurzbeschreibung (Quelle: Verlagsseite)
    Das Leben an der Seite eines Räuberhauptmanns:
    dramatisch, romantisch und hochgefährlich
    Um 1800: Die achtzehnjährige Juliana zieht mit ihrem Vater und ihren Schwestern durch den Hunsrück. Eines Tages lernt sie den berühmtesten Räuberhauptmann der Gegend kennen. Der "Schinderhannes" umwirbt sie, liebt sie, nennt sie seine kleine Prinzessin und ist ihr sogar fast treu. Fortan streift sie mit ihm durch die Lande, bald heiraten sie. Doch kann das Glück an der Seite eines Räubers lange währen?


    Autorin (Quelle: Verlagsseite)
    Astrid Fritz studierte Germanistik und Romanistik in München, Avignon und Freiburg. Als Fachredakteurin arbeitete sie anschließend in Darmstadt und Freiburg und verbrachte mit ihrer Familie drei Jahre in Santiago de Chile. Zu ihren großen Erfolgen zählen "Die Hexe von Freiburg", "Die Tochter der Hexe" und "Die Vagabundin". Astrid Fritz lebt in der Nähe von Stuttgart.


    Allgemeines
    Erschienen am 21.07.2017 bei Wunderlich als HC mit 495 Seiten
    Gliederung: Prolog (1844) – 51 Kapitel – Nachwort der Autorin – Umfangreiches Glossar des Rotwelsch
    Erzählung in der dritten Person aus wechselnden Perspektiven
    Handlungsorte und -zeit: Verschiedene Orte im Hunsrück, 1800 – 1803, 1844


    Inhalt
    Der Roman „Die Räuberbraut“ schildert das Leben der Juliana Blasius (1781 -1851) an der Seite des berüchtigten Räubers Johannes Bückler (ca.1779 – 1803), genannt „Schinderhannes“, dessen letzte Lebensgefährtin sie war. Als Tochter eines Tagelöhners und Musikanten geboren, zieht „Julchen“ mit ihrem Vater Hannikel und ihrer Schwester Margret durch die Dörfer des Hunsrücks, um bei Festlichkeiten aufzuspielen. Bei einem solchen Auftritt lernt sie im Jahr 1800 den Schinderhannes kennen, der trotz seiner Bekanntheit als Anführer einer berüchtigten Räuberbande weitgehend unerkannt durch das Land ziehen kann. Juliana und Margret, die das kärgliche Leben in ihrer zerstrittenen Familie leid sind, schließen sich der Räuberbande an, ohne allerdings an deren Straftaten direkt teilzuhaben. Juliana, die schon bald die „Frau vor Gott“, wenn auch nicht „von Amts wegen“ des Schinderhannes wird, zieht trotz des strapaziösen und unsteten Lebens klaglos mit ihm durch den Hunsrück und verlässt ihn auch nicht, als sich das Netz der Gendarmen in den französisch besetzten Teilen des Landes immer enger zusammenzieht. Doch nicht nur die Gendarmerie ist zu fürchten, auch der Rückhalt des einfachen Volkes für die Räuber wird schwächer, seitdem die Bande sich nicht auf Straßenraube und Schutzgelderpressung von reichen Juden beschränkt, sondern zusätzlich Einbrüche begeht, bei denen immer brutaler vorgegangen wird. Die zunehmende Gewalt- und Risikobereitschaft führt auch zu Differenzen und Machtkämpfen unter den Räubern, die Gefahr, verraten und verhaftet zu werden, steigt rapide an…


    Beurteilung
    Der Roman stützt sich stark auf die historischen Quellen, die im Falle des Schinderhannes und des großen Schauprozesses in Mainz gegen ihn und seine Bande reichhaltig, im Falle der Juliana Blasius jedoch spärlicher sind. Hier ergänzt die Autorin die Lücken durch ihre eigene Interpretation von Julchens Charakter und Motiven. Die Charakterdarstellung ist sehr gelungen: Sowohl Julchen als auch der Schinderhannes werden sehr glaubwürdig und mit ihren Stärken und Schwächen ausgewogen präsentiert, wobei der Leser den Schinderhannes durch die Augen seiner Lebensgefährtin in einem gewissen Maße idealisiert betrachtet.
    Dieser ist ein zärtlicher Partner und auch ein liebender Vater, durch den liebenswürdigen Umgang im familiären Bereich fällt es Julchen leicht, die dunklen Seiten ihres geliebten Hannes zu verdrängen und sich in Bezug auf seine „beruflichen“ Tätigkeiten selbst etwas vorzumachen. Erst in eingeschobenen Kapiteln, die im Jahr 1844 spielen, legt sie im Rückblick ihre Scheuklappen ab und kann die damaligen Ereignisse auch aus der Sicht der Opfer betrachten.
    Das unstete und unsichere Leben der Räuberbanden an der Wende vom 18. zum 19.Jahrhundert wird eindrucksvoll geschildert. Die Arbeit der strafverfolgenden Behörden ist zwar in den Zeiten vor der Fotografie und der Nutzung von Fingerabdrücken zur Beweissicherung nicht einfach, zumal es seinerzeit nicht schwierig ist, sich falsche Pässe ausstellen zu lassen. Andererseits arbeiten aber gerade die Franzosen in den napoleonisch besetzten Gebieten intensiv an einer effektiven Verwaltung und der Einsetzung einer schlagkräftigen Gendarmerie. Die Landbevölkerung, die größtenteils antisemitisch eingestellt ist und gegen die Beraubung reicher Juden nicht viel einzuwenden hat, ändert ihre Einstellung, als auch sie damit rechnen muss, brutal überfallen oder das Opfer von Schutzgelderpressung zu werden. Somit haben die Räuber auch den Verrat durch einfache Bürger oder unzufriedene “Kollegen“ zu fürchten.
    Außer einem informativen Nachwort der Autorin ergänzt auch ein sehr umfangreiches Glossar der unter den Räubern gesprochenen Gaunersprache Rotwelsch den Roman, was sehr hilfreich ist. Leider fehlt eine Landkarte des Hunsrücks, ohne die es für Ortsunkundige schwierig ist, den Wegen der äußerst mobilen Räuberbande zu folgen.


    Fazit
    Ein anschaulich und flüssig unterhaltender Roman für Leser, die sich für das Räuberunwesen des 18./19. Jahrhunderts – speziell für den Schinderhannes – interessieren. Sehr lesenswert!
     :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb:

    "Books are ships which pass through the vast sea of time."
    (Francis Bacon)
    :study: 
    Paradise on earth: 51.509173, -0.135998

  • 19. Jh. Hunsrück. Die junge Juliana Blasius, Tochter eines Bänkelsängers und in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, trifft nach einem Tanzvergnügen auf einen charismatischen Mann namens Johannes Bückler, der sich im Verlauf eines Gesprächs als der berühmt-berüchtigte Räuberhauptmann Schinderhannes herausstellt. Als dieser ihr das Angebot macht, mit ihm und seiner Truppe zu ziehen, entschließt sich Juliana schnell, bricht mit ihrer Familie und geht in Begleitung ihrer Schwester Margret mit auf Reisen. Schinderhannes ist dafür bekannt, hauptsächlich reiche Kaufleute und Händler jüdischer Abstammung zu berauben, wobei die übrige Bevölkerung ihm genug Rückhalt gibt und ihn sogar noch unterstützt. Juliana verliebt sich schnell in den selbstbewussten Hannes und nimmt dabei in Kauf, ständig auf der Flucht zu sein und nie einen festen Wohnsitz ihr Eigen zu nennen. Doch je länger die Raubzüge und das Versteckspielen dauern, umso mehr sehnt sich Juliana nach einem eigenen Zuhause, wo sie mit Hannes leben kann. Doch wird Hannes ihrem Wunsch nachgeben und sich endlich einen sicheren Broterwerb suchen, oder tanzt er weiter auf dem Drahtseil, bis er erwischt wird und sich die Schlinge um seinen Hals legt?


    Astrid Fritz hat mit ihrem Buch „Die Räuberbraut“ einen spannenden und unterhaltsamen historischen Roman um eine geschichtlich belegte Person vorgelegt. Mit einem flüssig-authentischen und lebendigen Schreibstil lässt die Autorin den Leser schnell in eine vergangene Zeit abtauchen und an der Seite von Juliana hautnah das Leben einer „Räuberbraut“ miterleben. Die einzelnen Passagen aus dem Jahr 1844, die Julianas Rückblenden auf ihr Leben beinhalten, sind ebenso interessant, denn sie zeigen auf, wie sehr sich die Denkweise von ihr über die Jahre verändert hat. Der Spannungsbogen ist gemächlich angelegt und steigert sich innerhalb der Handlung immer weiter bis zum finalen Schluss. Die historischen Fakten wurden von der Autorin akribisch recherchiert und der Handlung als glaubhaften Hintergrund unterlegt. Die Raubzüge wurden so eindrucksvoll geschildert, dass man sich vor dem inneren Auge alles sehr gut vorstellen konnte. Die vielen Reisen zeichnen ein strapaziöses Bild, wenn man bedenkt, wie mühsam und beschwerlich damals das Fortkommen mit Gepäck war.


    Die Charaktere sind sehr liebevoll ausgearbeitet und in Szene gesetzt worden. Sie haben alle ihre Eigenheiten, Stärken und Schwächen, wirken aufgrund dessen sehr lebendig und realitätsnah. Juliana ist eine junge Frau aus ärmlichen Verhältnissen. Sie ist ebenso mutig wie stark, lässt sich von Schicksalsschlägen so leicht nicht unterkriegen. Aber sie ist auch eine Frau mit Wünschen und Träumen, die sie gerne in die Tat umsetzen würde. Doch für ihre Liebe verzichtet sie auf vieles und setzt sich immer wieder der Gefahr aus. Hannes ist ein attraktiver und charismatischer Mann, der aufgrund seines Selbstbewusstseins und seines Wagemutes die Menschen schnell um den Finger wickeln kann. Er ist redegewandt und mutig, aber auch leichtsinnig und fast schon hochmütig, fühlt sich seiner Sache geradezu zu sicher, denn er ist sich der Unterstützung der normalen Bevölkerung sicher, die ihn immer wieder unterstützt. Dies nutzt er aus, was sich am Ende rächen wird. Margret ist Julianas Schwester, sie gibt Juliana Halt und ein Stück weit auch Familie und Altbewährtes, dass Juliana oftmals vermisst. Auch die übrigen Protagonisten tragen mit ihrem Erscheinen und ihrem Tun zur Spannung und Unterhaltung dieses Romans bei.


    „Die Räuberbraut“ ist ein unterhaltsamer und spannender Roman über die Raub- und Beutezüge des bekannten Schinderhannes, der dem Leser einen Mehrwert an Informationen bietet und Geschichte leibhaftig miterleben lässt. Hier ist eine Leseempfehlung auf jeden Fall verdient!


    Spannende :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5: .

    Bücher sind Träume, die in Gedanken wahr werden. (von mir)


    "Wissen ist begrenzt, Fantasie aber umfasst die ganze Welt."
    Albert Einstein


    "Bleibe Du selbst, die anderen sind schon vergeben!"
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    Lese gerade: Das Lied der Störche, Ulrike Renk


    SUB: ca. 1.800 / gelesen 2017: 245/ 98377 Seiten

  • :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5: 
    Räubergeschichten sind und waren immer schon beliebt: Robin Hood, Hotzenplotz, der Schinderhannes oder Bonnie und Clyde – edle Volkshelden, spitzbübige Halunken oder gar schreckliche Unholde tummeln sich seit jeher in den Bänkelliedern und Moritaten, den Sagen und Märchen und Herdfeuergeschichten. Dabei besungen wird jedoch nur selten deren harte Lebenswirklichkeit.


    Astrid Fritz beschäftigt sich in ihrem Roman nicht nur mit dem Schinderhannes, einem der bekanntesten deutschen Räuber, sondern vor allem mit seinem 'Julchen', der Frau an seiner Seite, über deren Leben vergleichsweise wenig bekannt ist. Dabei beschönigt sie nichts, sondern schildert den Hunger und das Elend der armen Leute, die enorm hohe Kindersterblichkeit, die Machtlosigkeit des braven Bürgers und die Not des allseits verhassten Juden. Und obgleich Juliana von ihrem Schinderhannes über lange Jahre nichts Böses glauben mag, bekommt man als Leser doch eine sehr gute Vorstellung davon, dass auch ein allseits beliebter Räuberhäuptling seinen Ruhm sicher nicht erlangt, indem er seine Opfer schonte.


    Als Leser kann man nachvollziehen, was arme Menschen zur Zeit des Schinderhannes zur Räuberei trieb: Wer bei ehrlicher Arbeit halb verhungert und seine Kinder sterben sieht, hat nichts mehr zu verlieren. Dazu kommt noch der Groll gegen diejenigen, die scheinbar unverdient zum Gelde gekommen sind, auch wenn das oft nicht wahr und gerechtfertigt ist. Dennoch muss sogar Juliana nach und nach im Laufe ihres Lebens erkennen, dass das, was die Räuberbanden tun, nichts Edles an sich hat.


    Mir kam das Buch schlüssig und glaubhaft vor, mit genug Fakten, dass ich den Eindruck hatte, die Autorin habe alles gut recherchiert. Das Nachwort, in dem sie mehr über die Hintergründe schreibt, hat mich darin noch bestärkt.


    Das ist bei einem historischen Roman schon die halbe Miete, aber dennoch reichen harte Fakten alleine nicht aus – in dem Sinne sind wir wahrscheinlich gar nicht so weit entfernt von den Menschen, die sich früher auf den Märkten begierig um die Bänkelsänger scharten. Wir wollen unterhalten werden!


    Und das war hier der Fall – meistens.


    In manchen Kapiteln hatte das Buch für mich ein paar empfindliche Längen, wenn die Charaktere von hier nach da, dann dorthin und schließlich wieder zurück reisen. Das geht rund ums Jahr 1800 ja nicht so schnell, und durch das unstete Räuberleben sind der Schinderhannes und sein Julchen ständig unterwegs. Andere Kapitel flogen dafür nur so vorbei, und ich wollte doch immer wissen, wie es weitergehen würde mit den beiden. Dazu kamen spannende Einblicke in das Rechtssystem, das zu der Zeit im Umbruch war!


    Juliana ist eine sehr interessante Protagonistin, mit der ich mich jedoch erstmal anfreunden musste. Das liegt zum Teil sicher daran, dass mir die Schilderungen ihrer Handlungen und Gefühle oft eher nüchtern erschienen, so dass mich die Geschichte nicht immer emotional bewegen konnte und mir Juliana als Hauptfigur stets ein wenig fremd blieb.


    Dennoch hat mich durchweg interessiert, was sie noch erleben würde! Ihr Leben ist so gänzlich anders als das einer Frau in unserer Zeit, dass es alleine schon spannend ist, mitzuverfolgen, wie sie versucht, es selbstbestimmt in die Hand zu nehmen.


    Am Schinderhannes gefiel mir sehr gut, dass die Autorin ihn weder zum strahlenden Helden noch zum bösen Scheusal macht. Ich hatte das Gefühl, dass er im Grunde ein guter Mensch ist, der auf Abwege geraten ist, und dass er sein Julchen ehrlich liebt. aber er ist gleichzeitig ein schwacher Mensch, der sich immer mehr verzettelt in ein Leben, das er im Grunde selber nicht mehr will und dabei unentschuldbare Taten begeht.


    Die Liebesgeschichte hat etwas sehr Rührendes, trotz Gewalt und Mord und Räuberei, aber auch da kamen die Emotionen nicht immer voll und ganz bei mir an.


    Den Schreibstil fand ich angenehm und flüssig zu lesen – trotz einiger Ausdrücke aus der Gaunersprache Rotwelsch, die im Glossar erklärt werden. In meinen Augen erreicht die Autorin eine gute Balance: wenn die Räuber wirklich durchweg Rotwelsch sprechen würden, kämen die meisten Leser wohl nicht mehr mit, aber so ist es gerade genug, um der Sprache einen Hauch der Zeit zu verleihen.


    Fazit:
    Über den Räuber Schinderhannes wurde in den letzten 200 Jahren viel geschrieben, aber Astrid Fritz erzählt ihren Roman aus Sicht der Frau an seiner Seite: Juliana Blasius. Das Buch bietet einen gut recherchierten Einblick in die Lebenswirklichkeit der damaligen Menschen (insbesondere derer, die am Rande der Gesellschaft standen) und ist dabei unterhaltsam – wenn auch mit kleinen Schwächen. Die Charaktere sind interessant, auch wenn ihre Emotionen nicht immer bei mir ankamen. Besonders die Hauptfigur ist eine ungewöhnliche Frauengestalt, die es verdient hat, einmal aus dem Schatten des berühmten Schinderhannes herauszutreten.

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