Martin Walser - Ein springender Brunnen

  • Buchdetails

    Titel: Ein springender Brunnen


    Verlag: Suhrkamp Verlag

    Bindung: Taschenbuch

    Seitenzahl: 620

    ISBN: 9783518459881

    Termin: Mai 2008

  • Bewertung

    4 von 5 Sternen bei 4 Bewertungen

  • Inhaltsangabe zu "Ein springender Brunnen"

    Zuerst will Johann Pater werden, weil ihn der durchreisende Franziskanerpater Chrisostomus mit gewaltigen Psalmen und Predigten gegen die neuesten Heiden erobert hat; dann will er Sänger werden, weil er gehört hat, wie Karl Erb 'Wer nie sein Brot mit Tränen aß' singt, dann will er, weil ihm sein Vater Gedichtbände von Klopstock bis Hölderlin hinterläßt, Lyriker werden.. .'Ein springender Brunnen' ist ein Zeit- und Lebensroman. Er erzählt von der Zeit von 1932 bis 1945 und von der Genese eines Schriftstellers: Von einem, der lernt, sein Leben in die Hand zu nehmen, seinen in Kindertagen gepflanzten Wörterbaum zu pflegen und nur noch 'seinen' Büchern und 'seiner' Sprache zu vertrauen.
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  • Inhalt:
    Das in drei Teile gegliederte Buch spielt im Geburtsort Martin Walsers, Wasserburg am Bodensee.
    Wir begleiten Jakob, den Sohn des Wirtspaares der Gaststätte "Restauration" zwischen seinem fünften und achtzehnten Lebensjahr.
    Dies ist die Zeit vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges bis zu dessen Ende.


    Meine Meinung:
    Walser - neulich diskutiert hier im Forum, gab es auch kritische Stimmen gegenüber ihm und seinem Werk. Wir sprachen über Altmännerphantasien und die Frage, ob Walser gerade in den letzten Jahren einfach nur egozentrische und hochgestochene Literatur produziert hat, die vielen nicht zugänglich ist.


    In diesem Roman trifft weder das eine noch das andere zu.
    Die Sprache ist anschaulich und greifbar. Walser lässt in dem Kosmos des Gasthauses ein Sammelsurium an Personen auftreten, die man sich durch die überaus lebendigen Beschreibung sehr gut vorstellen kann. Besser noch, man hat das Gefühl, man ist mittendrin.
    Da ist der Vater, für den Musik und Literatur alles ist und der den freigeistlichen bis esoterischen Bewegungen der 20er Jahre zuspricht.
    Als Gegenpol die Mutter, die mit ihrer Zähigkeit und Schaffenskraft den Laden zusammenhält.
    Die Küchenhilfen Mina, Elsa aus dem Saarland und die Prinzessin, die als Mitdreißigerin ein uneheliches Kind mit einem Minderjährigen hat.
    Ganz zu schweigen vom männlichen Personal, Herrn Seehahn, der unter einem Fluchzwang leidet, dem alten Nicklas, der an Weihnachten geschenkte Socken nicht annimmt, weil es Fußlappen genauso tun, und so weiter und so fort.
    Schulkameraden, Einwohner Wasserburgs, es wird geschwäbelt, saarländisch gesprochen (durch einen Kniff versteht man aber alles sehr gut), kurz: es wird gelebt.
    Schon das erste Kapitel ist einfach toll.


    Die Zeit, in der die Geschichte spielt, erkennt man in vielen alltäglichen Dingen wieder. In guten, wie in schlechten. Zu den schlechten gehört der Umgang der Respektpersonen Lehrer und Pfarrer mit den Kindern. Einige von uns werden Eltern und Großeltern haben, die Schläge und Angst in der Schule noch selbst erlebt haben.
    Hier kommt Jakobs erwachende Sexualität ins Spiel und seine ungeheure Panik als "Sünder" zur Kommunion zu gehen. Die Beschreibung der inneren Zerrissenheit und das Entdecken seines Körpers und der Erotik gehören zu meinen Lieblingsstellen im Buch.
    Hinzu kommt nämlich das erste Verliebtsein: In Anita, die Tochter des Wanderzirkusdirektors, der im Hof der "Restauration" seine Zelte aufschlägt.
    Ohne Übertreibung für mich eine der schönsten Liebesgeschichten, die ich bisher gelesen habe.


    Eigentlich ist "Ein springender Brunnen" nämlich genau das, ein Liebesroman. Auch ein Familienroman. Und auch ein Kriegsroman.
    Das Element des Krieges ist so eingebaut, wie es wohl dem Durchschnittsbürger damals erging: Hast Du nicht gesehen, hat sich der Nationalsozialismus breit gemacht. Kumpels verändern sich plötzlich, weil sie Scharführer werden wollen; Menschen werden verprügelt; es wird mobil gemacht; Menschen sterben; Flüchtlinge werden einquartiert, und das Rad dreht sich unerbittlich immer weiter. Trotz des Krieges wird das Obst wieder reif, es wird geerntet, man verliebt sich und wird enttäuscht. Und muss erkennen, dass sich die Zeit nie mehr zurück drehen lässt.


    Ich gebe eine klare Leseempfehlung und fünf Sterne.

  • Vielen Dank für die gute Rezension; ich setze das Buch mal auf die Wunschliste. Ich habe bislang noch gar nichts von Martin Walser gelesen. Würde sich diese Erzählung dann für den Einstieg in sein Werk

    Absolut.
    Es ist halt sehr "gefühlig", aber ohne kitschig zu sein.
    Wenn Du es lieber zynisch magst, würde ich an Deiner Stelle "Ein fliehendes Pferd" wählen.

  • Mein letzter Walser war Das dreizehnte Kapitel und jetzt wäre wieder mal einer fällig, rutscht gleich auf die Wunschliste. :wink:


    Das Buch ist sooo wundervoll.
    Nicht nur von der Geschichte her, sondern auch von der ganzen Art zu Erzählen.
    Mein Lieblingsbuch von Walser ist übrigens "Ein liebender Mann". Das liegt vermutlich an meiner Schwäche für Goethe. :):love: Kann ich jedem nur empfehlen, auch wenn manche
    Leute sagen, dass die Geschichte durch den Altersunterschied zwischen den Figuren und Goethe als Hauptfigur etwas makaber sei. Aber wenn man seine Werke liest und dann
    Walsers Buch dazunimmt, wird man wirklich gut unterhalten. :)

  • Einstieg in sein Werk

    Ich bin der gleichen Meinung wie @SiriNYC,

    Wenn Du es lieber zynisch magst, würde ich an Deiner Stelle "Ein fliehendes Pferd" wählen.

    und zwar unabhängig vom Zynismus. :wink:


    Vielen Dank für die Rezension zu einem Walser-Buch, das ich nicht kenne, nach dem ich aber Ausschau halten werde. Mein SuB ist mit Walser gefüllt, daher kommt es auf einen mehr oder weniger auch nicht an.

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


    Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen. (Cicero)



  • Sollte also irgendjemand dieses Buch gelesen haben oder in Zukunft lesen, wäre es schön, wenn er sich hier meldet .

    Es ist sehr lange her, dass ich Ein springender Brunnen gelesen habe (ich glaube kurz nach Erscheinen), zu lange um noch detaillierte Erinnerungen zu haben. Im Augenblick überlege ich eher das jüngste Buch des gerade 90 Jahre alt gewordenen Walser zu lesen, nachdem mich Ein sterbender Mann vor einem Jahr eher gelangweilt hat.

  • Im Augenblick überlege ich eher das jüngste Buch des gerade 90 Jahre alt gewordenen Walser zu lesen

    Du meinst sicher dieses Buch. Hat nur 176 Seiten, manche von ihnen nur mit einem einzigen Satz bedruckt. Manche dieser Sätze von beeindruckendem Unverständnis ?( , andere treffen in die Mitte (von was auch immer :idea: ).

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


    Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen. (Cicero)



  • der Mann war prolix

    640 Seiten Reden :shock: . Bei aller Liebe zu Walser: DAS tue ich mir nicht an. Wäre aber durchaus interessiert, eine Rezension von Dir dazu zu lesen. :-,

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


    Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen. (Cicero)



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