Mechtild Borrmann - Trümmerkind

  • Buchdetails

    Titel: Trümmerkind


    Verlag: Droemer TB

    Bindung: Taschenbuch

    Seitenzahl: 304

    ISBN: 9783426304921

    Termin: Dezember 2017

  • Bewertung

    4.4 von 5 Sternen bei 56 Bewertungen

    87,5% Zufriedenheit
  • Inhaltsangabe zu "Trümmerkind"

    Hanno Dietz schlägt sich mit seiner Mutter im Hamburg der Nachkriegsjahre durch – Steineklopfen, Altmetallsuchen, Schwarzhandel. Eines Tages entdeckt er in den Trümmern eine Tote – und etwas abseits einen etwa dreijährigen Jungen, der erstaunlich gut gekleidet ist. Das Kind spricht kein Wort, Verwandte sind nicht auffindbar. Und so wächst der Junge bei den Dietzens auf. Jahre später kommt das einstige Trümmerkind durch Zufall einem Verbrechen auf die Spur, das auf fatale Weise mit seiner Familie verknüpft ist ... Mechtild Borrmann verbindet Spannung, historisches Zeitgeschehen und ein herausragendes Sprachgefühl.
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  • Originaltitel: Trümmerkind (2016)


    Klappentext:


    Steineklopfen, Altmetallsuchen, Schwarzhandel. Der 14-jährige Hanno Dietz kämpft mit seiner Familie im zerstörten Hamburg der Nachkriegsjahre ums Überleben. Viele Monate ist es bitterkalt, Deutschland erlebt den Jahrhundertwinter 1946/47. Eines Tages entdeckt Hanno in den Trümmern eine nackte Tote - und etwas abseits einen etwa dreijährigen Jungen. Der Kleine wächst bei den Dietzens auf. Monatelang spricht der Junge kein Wort. Und auch Hanno erzählt niemandem von seiner grauenhaften Entdeckung. Doch das Bild der toten Frau verfolgt ihn in seinen Träumen. Erst viele Jahre später wird das einstige Trümmerkind durch Zufall einem Verbrechen auf die Spur kommen, das auf fatale Weise mit der Geschichte seiner Familie verknüpft ist ...


    Über die Autorin:


    Mechtild Borrmann, Jahrgang 1960, verbrachte ihre Kindheit und Jugend am Niederrhein. Bevor sie sich dem Schreiben von Kriminalromanen widmete, war sie unter anderem als Tanz- und Theaterpädagogin und Gastronomin tätig. Mit Wer das Schweigen bricht schrieb sie einen Bestseller, der mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet wurde und wochenlang auf der KrimiZEIT-Bestenliste zu finden war. Für Der Geiger wurde Mechtild Borrmann als erste deutsche Autorin mit dem renommierten französischen Publikumspreis "Grand prix des lectrices" der Zeitschrift Elle ausgezeichnet. 2015 wurde sie mit Die andere Hälfte der Hoffnung für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert. Mechtild Borrmann lebt als freie Schriftstellerin in Bielefeld.


    Meine Meinung:


    Ein Klappentext der mich sofort ansprach und die erste Seite, die mich sofort gefangen nahm, weil der Schrift- und Schreibstil der Autorin wirklich gut rüberkommt. Ich hatte bei diesen Beschreibungen so eine Art Kinofilm in meinem Kopf. Nicht nur, dass ich durch die Augen der Protagonisten gesehen habe, sondern auch die Kälte, die Armut, die Ohnmacht mitgefühlt habe. Schrift und Plot haben mir sehr Gefallen und auch die verschiedenen Blickwinkel von verschiedenen Personen zu verschiedenen Zeiten. Kleiner Kritikpunkt ist für mich nur, dass es am Ende Knall auf Fall stimmig gelöst wird. Das einzige was ich im Buch nicht explizit fand war die Erwähnung, ob es ein Roman nach wahren Begebenheiten bzw. ein Tatsachenroman ist oder einfach Fiktion, aber da die Autorin demnächst eine Leserunde in meiner Nähe hält werde ich genau dies in Erfahrung bringen.


    Fazit:


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    :study: Der Verrückte (Henning Mankell) 71 / 512 Seiten

    :study: Der Augenjäger (Sebastian Fitzek) 430 / 430 Seiten


    SUB: 750


  • Das einzige was ich im Buch nicht explizit fand war die Erwähnung, ob es ein Roman nach wahren Begebenheiten bzw. ein Tatsachenroman ist oder einfach Fiktion, aber da die Autorin demnächst eine Leserunde in meiner Nähe hält werde ich genau dies in Erfahrung bringen

    Das würde mich auch brennend interessieren.


    War auch ein klein wenig enttäuscht, dass es keine Nachwort diesbezüglich gab. Bei Wikipedia steht, dass die Trümmermorde nie aufgeklärt werden konnten.
    Wo die Autorin ihre Geschichte her hat, welche ja sehr schlüssig ist, wäre wirklich interessant zu wissen.


    Aber alles in allem ein sehr gutes Buch, dass einem ein gutes Bild dieser schrecklichen Zeit vor Augen hält.
    Spannend, gut konstruiert, authentisch.


    War sicherlich nicht mein letztes Buch dieser Autorin. Hier vergebe ich :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb:

    Wir brauchen Geschichten.
    Wer möchte denn nur ein Leben führen, wenn er das von vielen besuchen kann?
    Sabrina Qunaj - Das Blut der Rebellin

  • Das einzige was ich im Buch nicht explizit fand war die Erwähnung, ob es ein Roman nach wahren Begebenheiten bzw. ein Tatsachenroman ist oder einfach Fiktion,

    Das würde ich auch gern wissen. Ich vermute, die Autorin hat in einer Geschichte mit fiktiven Figuren wahre Fälle verarbeitet. :-k

    "Books are ships which pass through the vast sea of time."
    (Francis Bacon)
    :study:
    Paradise on earth: 51.509173, -0.135998

  • Das würde ich auch gern wissen. Ich vermute, die Autorin hat in einer Geschichte mit fiktiven Figuren wahre Fälle verarbeitet. :-k

    Genauso ist es. Habe es hier gar nicht geschrieben, aber ich war ja bei der Lesung dabei und genauso ist es auch. Die Figuren sind fiktiv und das drumherum, also die Hamburger Trümmermorde sind echt.

    :study: Der Verrückte (Henning Mankell) 71 / 512 Seiten

    :study: Der Augenjäger (Sebastian Fitzek) 430 / 430 Seiten


    SUB: 750


  • Ich bin heute mit "Trümmerkind" fertig geworden und total begeistert. Dieses Buch wird definitiv unter die Highlights des Jahres aufgenommen. :thumleft:
    Die Erzählung auf diversen Zeit- und Ortsebenen ist besonders aufgrund dieser wechselnden Perspektiven sehr fesselnd un hat Suchtpotenzial. Einges aus diesem Buch (Leben in der Trümmerlandschaft, Lebensmittel auf Karten etc) kenne ich aus den Erzählungen meiner Mutter und Großmutter.
    Die Figuren finde ich in ihren Charakteren hervorragend herausgearbeitet.
    Ich würde das Buch allerdings nicht ausschließlich als Krimi bezeichnen, sondern eher bei "Romane/Erzählungen", eventuell auch bei "historischen Romanen" einordnen - die Einsortierung ist nicht einfach. :-k
    Das Ende ist natürlich ziemlich konstruiert, aber auf jeden Fall gut konstruiert.
    Wie @Gaymax und @Rapunzel hat mir allerdings auch ein Nachwort gefehlt. Ich vergebe eine uneingeschränkte Leseempfehlung und
    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb: .


    Da mir der Schreibstil der Autorin so gut gefallen hat, habe ich mir in der Onleihe "Wer das Schweigen bricht" vorbestellt, es ist allerdings erst im Mai verfügbar.

    "Books are ships which pass through the vast sea of time."
    (Francis Bacon)
    :study:
    Paradise on earth: 51.509173, -0.135998

  • Zweifellos weist dieses Buch starke Parallelen zu Borrmanns zwei Jahre zuvor erschienenem „Wer das Schweigen bricht“ auf. Nicht wenige Motive, abgesehen von zwei Handlungsebenen, sind gleich.


    In den großen Applaus für dieses Buch kann ich nicht einstimmen. Weil die Figuren schematisch dargestellt sind und sich unter sympathisch bzw. unsympathisch einordnen lassen, war mir ziemlich schnell klar:


    Der Handlungsstrang aus den 1990ern wirkt passagenweise wie schnell heruntergeschrieben; die Nachforschungen verlaufen glatt und eben; Probleme lösen sich mir nichts, dir nichts; die wenigen Stolpersteine, die den Fluss der Handlung kurz aufhalten, sind dem Plot geschuldet.
    Lediglich die Geschichte um die Familie Dietz im Nachkriegswinter 1946/47 in Hamburg und ihr Findelkind Joost kann berühren.


    Auch als fiktionale Geschichte zu den realen Hamburger Trümmermorden überzeugt mich das Buch nicht. Warum eine sich sträubende Zeugin auf einmal doch aussagt – tja, warum? Keine Ahnung, woher auf einmal die Kehrtwendung.
    Ich habe es lieber, wenn eine Handlung so konstruiert ist, dass sich am Ende die Puzzleteilchen zu einem Gesamtbild fügen und nicht, wie hier, wo der Zusammenhang der Nachkriegsereignisse von einer Figur erzählt und des Rätsels Lösung quasi auf dem Tablett serviert wird. Auch die Mordszenerien erscheinen mir nicht unbedingt schlüssig, sondern der Realität angepasst, um die Verknüpfung mit den Trümmermorden so authentisch wie möglich zu machen.


    „Trümmerkind“ ist in meinen Augen kein schlechtes Buch, aber auch keins, das (fast) ausschließlich Lob und Beifall verdient hat.

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


    Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen. (Cicero)



  • die Einsortierung ist nicht einfach. :-k

    Da gebe ich Dir recht - ich dachte aufgrund des Titels, dass ich einen (Nach-)Kriegsroman in der der Handl halten würde und war überrascht, auf dem Cover den Zusatz Kriminalroman zu finden.


    Ich habe das Buch heute morgen beendet und bin noch etwas aufgewühlt.

    Zu Anfang hatte ich Schwierigkeiten, mich in den Schreibstil der Autorin einzulesen. Mir kam es verhalten geschrieben vor. So, wie Zeitzeugen manchmal vom Krieg erzählen und dies aber nur sehr wiederwillig bzw. in Allgemeinplätzen redend tun. Vielleicht kam es mir aber auch nur so vor, weil ich davor in "Vom Winder verweht" gelesen hatte und dieses Buch ist ja nun sehr ausschweifend geschrieben. Mit der Zeit nahm die Geschichte für mich Fahrt auf und ich konnte das Buch ab dem letzten Drittel nur schwer aus der Hand legen.

    Zusätzlich hatte das Buch für mich noch einen besonderen Reiz dadurch, dass mir alle Orte in HH bekannt sind und ich eine gute Vorstellung davon hatte, wo sich die Protagonisten gerade befinden.


    Ein unterhaltsames Buch, an welches ich noch etwas länger denken werde.

    Meine Bewertung: :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb:

    Isenhart musste grinsen, ihre Blicke begegneten sich. "Du hast nur tausend Mal", wisperte er.
    Konrads müdes Schmunzeln wuchs sich zu einem breiten Grinsen aus. "Ich verrat dir was", flüsterte er zurück, "das ist Mumpitz."


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  • Inhalt

    Im eisigen Hungerwinter 1946/47 hätte die Hamburger Familie Dietz ohne den 15-Jährigen Hanno sicher nicht überlebten können, der in den Trümmern nach Brennholz suchte und seine Altmetall- Funde auf dem Schwarzmarkt verkaufte. Der Vater ist seit Jahren in Russland vermisst, die Mutter Agnes arbeitet als Trümmerfrau und näht für die britischen Besatzer. Auf einer ihrer verbotenen Hamstertouren „finden“ Hanno und seine jüngere Schwester einen kleinen ungefähr dreijährigen Jungen, der einen auffälligen Blusenknopf in seiner Faust verschließt und lange nicht spricht. Agnes als geübte Schneiderin erkennt, dass der Kleine teure, sorgfältig gearbeitete Kleidung trägt und hebt die Kleidungsstücke für ihn auf. Angesichts der unzähligen Ausgebombten und Flüchtlinge wundert es nicht, dass sie den Jungen als Ihren leiblichen Sohn Joost anmelden kann, den sie angeblich geboren hat, während sie mit den Kindern aus Hamburg evakuiert war. Erst Jahre später kommt es zu einem Gespräch zwischen Hanno und dem inzwischen erwachsenen Joost, in dem Hanno erklären kann, warum er die genaue Geschichte des Findelkindes damals lieber verschwiegen hat – und welchen Zusammenhang sie mit dem berüchtigten „Trümmermörder“ haben könnte.


    45 Jahre später spricht in Köln ein Mann seine Exfrau darauf an, dass ihre Mutter doch Entschädigungsansprüche stellen oder eine Rückübertragung des elterlichen Gutshofs in der Uckermark beantragen könnte. Da Annas Mutter nur einen geringen Rentenanspruch hat, wäre sicher jeder Geldbetrag willkommen. Anna ist nach dem Krieg geboren und hat die Flucht von Mutter und Großvater nicht selbst erlebt. Zwischen ihr und ihrer Mutter waren die Ereignisse der Vergangenheit immer ein heikles Thema, nicht untypisch für die Kriegsgeneration. Warum sie nach der deutschen Wiedervereinigung noch immer jedes Gespräch über die Vergangenheit ablehnt, kann Anna nicht begreifen. Als ein Architekt die Restaurierung des Gutshofs der Anquists vorbereitet, will er die wenigen vorhandenen Fotos aus der Kriegszeit nutzen, um sich ein Bild von den damaligen Gebäuden zu machen. Anna ist auf Spurensuche in der Uckermark und wird von den Fotos vollends verwirrt. Die Frau, die ein Einheimischer als Clara Anquist bezeichnet, sieht völlig anders aus als ihre Mutter, die sich bisher als Clara Meerbusch geb. Anquist ausgegeben hat.


    Fazit

    Spannend wie in einem Krimi, verbindet Mechtild Borrmann Handlungsfäden auf unterschiedlichen Zeitebenen miteinander, die letzten Kriegswochen in der Uckermark, als die Rote Armee das Gut beschlagnahmt, die Flucht der Anquists in die englische Besatzungszone, die Erlebnisse der Familie Dietz zu dieser Zeit und die Gegenwart im Köln des Jahres 1992, als Anna Meerbusch ihre Wurzeln sucht. Die Autorin zeigt ein beeindruckendes Geschick, in wenigen Absätzen die Zeit vor 70 Jahren lebendig werden zu lassen und Verständnis für die Motive ihrer Figuren zu wecken. Ich konnte mir z. B. gut vorstellen, dass Agnes Dietz ursprünglich vorgehabt hat, nach Joosts Herkunft zu forschen und die Sache einfach in Vergessenheit geraten ist, bis es ihr irgendwann peinlich war, mit dem erwachsenen Sohn darüber zu sprechen. Sehr bewegend fand ich auch die Rückkehr von Gustav Dietz, der halb verhungert aus der Gefangenschaft zurückkehrt und nur schwer wieder in sein altes Leben zurückfindet. Das Buch nennt sich harmlos Roman, ist jedoch eine gelungene Verknüpfung von spannender Handlung um ein Familiengeheimnis und erzählter deutscher Geschichte. Eine Verbindung zu den Ereignissen in Cay Rademachers "Trümmermörder" ist nur am Rande vorhanden, man kann problemlos beide Bücher lesen, ohne Wiederholungen fürchten zu müssen. Ein berührender Roman, den ich gern weiterempfehle.


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    :study:--

    :musik: -- Bardugo - Rule of Wolves (2.)


    "The three most important documents a free society gives are a birth certificate, a passport, and a library card.!" E. L. Doctorow

  • Nachdem mich die Autorin mit ihren bisherigen Krimis begeistert hat, war es für mich keine Frage, auch diesen neuen Gegenwartsroman zeitnah zu lesen.


    Die Geschichte wird in vier verschiedenen Strängen erzählt. Ausgangspunkt ist Hamburg im eiskalten Januar 1947, dann im April 1945 in der Uckermark und in der Gegenwart in Köln und Hamburg.

    Es beginnt in eiskalten Januar 1947 in Hamburg. Hanno Dietz, ein kleiner Junge, aber zurzeit der Mann im Hause, ist mit seiner kleinen Schwester in den Trümmern der Hansestadt unterwegs, um nach Verwertbarem Ausschau zu halten. Zwischen den Ruinen entdecken sie einen kleinen Buben, der alleine und verstört ausharrt. Sie nehmen ihn mit nach Hause und er spricht auch dort nicht, einen sehr schönen Knopf hält er ganz verbissen in der Hand. Mutter Dietz nimmt sich seiner an und stellt sofort fest, daß er ausgesprochen gute, hochwertige Kleidung trägt und sie behalten ihn in ihrem Haushalt. Mutter Dietz verdient durch Schneiderarbeiten für reiche Briten ihr Geld, was auch den Neid einiger Menschen hervorruft. In dieser Zeit, als man vieles nur gegen Marken bekommt, beschließt Agnes Dietz, daß sie den Jungen als ihr eigenes Kind ausgibt und anmeldet. Er bekommt den Namen Joost Dietz. Nach Rückkehr ihres Mannes aus der Kriegsgefangenschaft gibt es zuerst böse Zungen bezüglich des Kindes, aber er stellt sich darüber und sie bilden eine Familieneinheit.


    In der Gegenwart lernen wir Anna und ihre Mutter kennen. Die Mutter ist leider ein sehr trauriger Fall, denn als junges Mädel ist sie in den Kriegswirren aus der Uckermark mit der Familie nach Südafrika ausgewandert. Dort lernte sie später ihren Ehemann kennen und als dieser eine berufliche Zukunft in Deutschland sah, sind sie zusammen mit ihrer Tochter Anna zurückgekehrt. Er hat die Familie später verlassen und die Mutter musste sich als Kneipenwirtin durchschlagen. Jetzt hat sie nur eine kleine Rente und Anna möchte ihrer Mutter helfen, indem sie sie auf die Möglichkeit der Rückgabe von Gut Anquist in der Uckermark hinweist. Leider will die Mutter keine Auskunft über ihre Vergangenheit geben. In der Uckermark geht Anna zum Pfarrer, um dort vielleicht Hinweise auf ihre Wurzeln zu bekommen.


    Und dann erleben wir noch den jungen Architekten, der Gut Anquist in ein Hotel umbauen soll, und plötzlich Erinnerungen an seine Kindheit bekommt.


    Mehr Details zum Buch möchte ich nicht verraten, denn es gibt noch etliche spannende Überraschungen.


    Die Autorin beherrscht es eindeutig, sie schreibt ihre Geschichten so beeindruckend und intensiv, daß mich jedes ihrer Bücher förmlich aufwühlt und sie noch etliche Zeit nachhallen. In dieser Form für mich einmalig! Dieser Roman ist nicht als Krimi mit Täter und Ermittlern geschrieben, sondern eher als spannende Familienaufarbeitung. Die Autorin hat die Figuren sehr liebevoll und bildhaft beschrieben, als Leserin konnte ich mir alles sehr gut vorstellen. Auch von der Atmosphäre, z.B. in Hamburg im Nachkriegswinter 47 und dem Heimkommen des Ehemannes Dietz, fühlte ich mich eingefangen und mitgenommen.


    Und am Ende war es doch ein fesselnder Krimi! Wieder einmal hat sie mir bewiesen, weshalb sie meine Lieblingsautorin wurde und ich bei jedem neuen Buch von ihr dabei bin.


    Von mir eine unbedingte Leseempfehlung!


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

  • ### Inhalt ###

    Januar 1947, die Mutter Agnes und die Kinder Hanno und Wiebke Dietz versuchen im Nachkriegsdeutschland in einem kleinen unbeheizten Kellerzimmer in einem zerstörten Haus in Hamburg in der Ritterstraße im Jahrhundertwinter zu überleben. Gustav, der Mann von Agnes, gilt seit Kriegsende als verschollen und so muss der junge Hanno, selber noch ein Kind, die Vater- und Versorgerrolle zu einem großen Teil übernehmen. Jeder Tag kann den Tod für die Familie bedeuten, wenn Hanno nicht genug Geld oder Zigaretten auf dem Schwarzmarkt für gefundenen Metallschrott und sonstige Wertsachen findet, um dafür Heizkohle, Kartoffeln, Brot und vielleicht sogar etwas Butter zu ertauschen. Bei einem der Sammelgänge findet Hanno in einem zerstörten Keller eine tote Frau, die wegen der Minugrade zu einer Statue gefroren ist. Entsetzt wendet er sich ab, um zur Straße zu seiner Schwester Wiebke zurückzukehren. Da sieht er seine Schwester mit einem kleinen 2-jährigen jungen an der Hand, er hat gute teure Anziehsachen an. Sie entschließen sich ihn mitzunehmen, da er ganz allein ist. Zuhause verschweigt Hanno seiner Mutter den Leichenfund, um sie nicht zu ängstigen. Der kleine Junge ist völlig apathisch und blickt ins Leere. Nach Tagen der Fürsorge von Wiebke, Agnes und Hanno, Agnes hat längst beschlossen ihn bei sich zu behalten, erholt sich der Junge, sein bis dahin verkrampftes Fäustchen gibt einen kleinen Gegenstand frei, einen aufwendig verzierten Knopf. Was ist mit dem Jungen passiert? Wo sind seine Eltern, seine Familie, wie kommt es, dass der Junge völlig allein bei Eiseskälte aufgefunden wird? Dieses Buch, eine Fiktion, die jedoch auf einer wahren Begebenheit fußt, gibt mögliche Antworten, die immer wieder für kalte Schauerfröste sorgen ...


    ### Meinung ###

    Ich wusste erst nicht so genau, was ich mit Trümmerkind für ein Buch vor mir habe. Focus online schreibt über diesen Roman:


    "Es ist eine Mischung aus historischem Roman, Familiengeschichte und Krimi, die Trümmerkind zu einem Leseerlebnis macht."


    Ich habe das Buch primär lesen wollen, um mehr über das Lebensgefühl der Menschen in der Zeit nach dem Krieg zu erfahren. Mein Vater, Jahrgang 1937, hat mir schon einiges aus dieser Zeit erzählt. Er hat immer von Nahrungsknappheit gesprochen, vom Fringsen, vom Kohlenklauen und von Beefangs, das sind Familien zugeordnete Kartoffelackerfurchen zur Selbstversorgung. Über vieles hat mein Vater nicht gesprochen. Dieses Buch kann vielleicht die ein- oder andere Vorstellung, die ich aufgrund der Erzählungen meines Vaters hatte, ergänzen, dachte ich. Zum Teil ist das sicher auch der Fall gewesen. Die Beschreibungen des Überlebenskampfes der Familie Dietz im zerstörten Hamburg sind relativ kurz, aber eindringlich wie ich finde. Im Laufe der Lektüre wird einem klar, dass es nicht nur um die Familie Dietz geht. Der Roman flechtet drei zunächst lose anmutende Handlungsstränge in drei verschiedenen Zeiten zusammen. Der eine Handlungsstrang ist in Hamburg 1947 und erzählt die erwähnte Geschichte der Familie Dietz, der andere spielt 1-2 Jahre früher und spielt in der Uckermark im Osten Deutschlands und erzählt von der Vertreibung und Enteignung der Familie Anquist mit dem Vater Heinrich, der Tochter Clara, dem Sohn Ferdinand und dessen Frau Isabell und seinen Kindern Margareta und Konrad und ihrer Vertreibung von ihrem Pferdehof durch die Russen und der dritte und letzte Handlungsstrang spielt in Köln des Jahres 1993 und erzählt von Anna Meerbaum, einer Grundschullehrerin.

    Ich will nicht weiter darauf eingehen wie all diese Handlungsstränge alle miteinander zusammenhängen. Ein großer Teil der aufregenden Leseerfahrung entsteht gerade durch die anfängliche Unwissenheit des Lesers. Jeder Handlungsfaden ist interessant und spannend erzählt und einzelne Episoden aus ihnen werden immer wieder im Wechsel erzählt. Erst im letzten Drittel des Buches wurde mir klar wo die Erzählung hingeht und im weiteren Verlauf kommt die grausige Tatsache ans Licht, die mit allen erwähnten Personen eng zusammenhängt. Das Ende des Buches hat mich nachdenklich und betroffen zurückgelassen. Ich dachte: "Wieviele unbekannte schlimme Opfer-Schicksale hat der Krieg produziert, aus wievielen hat er Täter gemacht, die es eigentlich gar nicht sein wollten, aber doch geworden sind". Dieser Roman erzählt kurz und intensiv eine dieser vielen Geschichten.


    ### Fazit ###

    :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertungHalb:


    Ein Krimi, eine Dokumentation, eine Fiktion über das Nachkriegsdeutschland. Das Lebensgefühl, die Angst und die Verzweiflung kommen gut rüber. Sehr lesenswert.

    Der ideale Tag wird nie kommen. Der ideale Tag ist heute, wenn wir ihn dazu machen. -- Horaz

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  • Hamburg 1947, Hanno Dietz entdeckt bei der Suche nach verwertbaren Materialien in den Trümmern des Krieges, einen Raum mit einer nackten Frauenleiche. Nicht weit davon entfernt steht ein 3 Jähriges Kind in auffallend guter Bekleidung und spricht kein Wort. Hanno nimmt ihn mit nach Hause und damit beginnt eine Geschichte, die durch die Zeit reist, Gut Anquist, 2 Jahre zuvor : Clara Anquist und Familie müssen untätig zusehen, wie die Russen alles beschlagnahmen und sie Ihr Haus und Hof verlassen und eine Flucht in den Westen antreten müssen. 1992 Anna Meerbaum reist trotz Ablehnung Ihrer Mutter in die Uckermarck um Ihre Wurzeln zu verfolgen und besucht Gut Anquist....


    Selten, dass mich ein Buch so gefesselt hat, sei es der historische Hintergrund, er einfach grandios ausgewählt wird, seien es die Sprünge zwischen den Zeiten, die am Ende ein schlüssiges Bild ergeben. Der Krimianteil ist eher niedrig, was aber überhaupt nicht schadet. Ein großartiges Stück Zeitgeschehen, dass mit Charakteren glänzt, die wir uns alle zu dieser Zeit so vorstellen und wünschen würden und das Buch so lebendig machen.


    Noch nie zuvor etwas von dieser Autorin gelesen, hatte mich auch ein Video-Interview nicht wirklich überzeugt, dafür der Schreibstil umso mehr. Leiden, Verrat, Freundschaft und Werte spielen eine große Rolle. Der tägliche Kampf 1945, also auch 1947 um das Überleben sind bewegend. Es wird nicht mein letztes Buch von Mechtild Borrmann werden.


    5 Sterne für ein Buch, das bereits 2017 erschienen ist, das ich aber jeden empfehlen kann. Eine klar strukturierte historische Geschichte, die sich lohnt zu lesen. :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:

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