Donald Carter - Case / Hard Case

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Case

4.5|1)

Verlag: Ullstein Taschenbuchvlg.

Bindung: Broschiert

ISBN: 9783548103440

Termin: Januar 1990

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  • Über den Autor Donald Carter finde ich absolut keine Informationen. :scratch: Laut Amazon könnte er einen Mittelnamen tragen, der mit „K“ anfängt. In Martin Comparts Noir-Reader „Noir 2000“ ist vermerkt (und immerhin war Compart der Lektor der deutschen Ausgabe des Romans), dass es sich bei Donald Carter um das Pseudonym eines Mannes namens Wilbur Wright handeln soll, bei dem es sich aber ganz sicher nicht um den gleichnamigen Flugpionier handelt, da der Roman 80 Jahre nach dessen Tod erstveröffentlicht wurde. Weder mit dem verbreiteten Namen Donald Carter, noch mit "Hard Case" (was ja auch ein bekannter Verlag ist) oder mit dem anderweitig besetzten Namen Wilbur Wright lassen sich im Internet Informationen über den Autor finden, weder in der FictionDB, bei Goodreads oder im WorldCat.org. Ob oder welche anderen Bücher er geschrieben hat, ist mir ebenfalls unbekannt.


    Der Roman ist im Original 1982 unter dem englischen Titel „Hard Case“ im Verlag Robert Hale Ltd. in London erschienen ist. Diese Ausgabe umfasst 176 Seiten (nach WorldCat.org) bzw. 224 Seiten (nach Amazon.de). Die deutsche Übersetzung von Rainer Schmidt erschien im Februar 1986 unter dem Titel „Case“ als Ullstein Buch Nr. 10344 in der Reihe „Ullstein Krimi“ beim Ullstein-Verlag, Frankfurt am Main und Berlin. Diese Ausgabe umfasst 208 Seiten und hat ein unglaublich hässliches Umschlagmotiv. :loool:


    Klappentext (das sind die ersten beiden Absätze des Romans): Sie kennen mich – ich bin der Major der 7. Kavallerie, der in Fort Trostlos einreitet, um den imkompetenten Kommandanten abzulösen. Ich bin der Gorilla in Der Pate – der Kerl, der auf der anderen Seite des Schreibtisches sitzt, wenn Sie gefeuert werden. Der Effizienzenfachmann, der Ihnen empfiehlt, den halben Vorstand 'rauszuschmeißen. Ich bin der Bursche, der Bob Cratchett einen Tag vor Weihnachten auf die Straße setzt, und wenn ich mein Hackebeilchen kreisen lasse, dann ducken Sie sich – und zwar schnell, das können Sie mir glauben ... Man hat mir schon viele Namen gegeben: Berater ... Unternehmenseffiziens-Fachmann ... Rationalisierungsexperte ... bis hinunter zu "Schweinehund" und Schlimmerem. Mit ist das egal – es gehört zum Job. Es ist gleichgültig, was man auf die Visitenkarte druckt, auf die Bürotür malt oder auf den Gehaltsscheck schreibt – was zählt, ist die Kohle. Letzten Endes könnte man mich vermutlich als Kunstsammler bezeichnen. Ich sammle Bilder der Queen – auf Banknoten.


    Ach, wie ich es hasse, wenn der Schluss einen Roman runterzieht und bis dahin perfekt Gestaltetes banalisiert oder normalisiert wird – und dadurch sogar das Vorherige schlechter wird. :|


    Doch auch dessen ungeachtet ist dieser Roman einfach unglaublich. :shock: Und unglaublich gut! :applause: Vermarktet als „Schwarzer Thriller“ in der Reihe „Ullstein Krimi“, erzählt er über drei Viertel der Lesezeit die zwar moralisch verwerfliche, aber absolut unkriminelle Geschichte von Eddie Case, des Troubleshooters einer Firma für Doppelverglasung von Fenstern und Türen, der die Abschlussquote der Vertreterriege einer Filiale von "Galaxy Dämmglas" optimieren soll. Wie lässt sich dort der Workflow optimieren und das Geschäft rationalisieren? Wie können die Mitarbeiter mehr Geld in die Kasse bringen? Case räumt knallhart auf, spielt Machtspielchen und denkt sich neue Verkaufstricks aus, hart an den Grenzen der Legalität: Zwei miese Verkäufer, die kaum Geld einbringen, entlässt er augenblicklich (später werden sie fiese Iren shanghaien, die sich schlagkräftig an ihm rächen sollen). Als er Schiebungen aufdeckt, bei denen sich ein Verkäufer, der mit der Chefsekretärin verheiratet ist, zu Lasten der Firma in die eigene Tasche arbeitet, schickt er den Mann unter falschen Versprechungen auf Außeneinsatz, „überredet“ dessen Frau zu einvernehmlichem Sex, um sie bei der Einladung zum gemeinsamen Dinner vergewaltigt neben ihrem Küchentisch liegen zu lassen. Das gebratene Steak nimmt er in ein Küchenrollenpapier gewickelt mit nach Hause. Ein Mann muss sehen, wie er zu Kräften kommt. Und das Ehepaar ist natürlich entlassen. Soviel, um einmal zu verdeutlichen, was für ein Herzchen der Protagonist und Ich-Erzähler ist.


    Zitat

    Was ich für Menschen empfand, empfindet ein Junkie für das Heroin, wenn er es sich erfolgreich abgewöhnt hat. (S. 145)


    Eddie Case, genannt "Hard Case", ist ein Mann ohne Gefühle, der nur an Sex, Geld, Macht und Karriere denkt. Ein echter Albtraum, der Spaß daran hat, seine Mitmenschen zu manipulieren und zu benutzen. Und er ist ohne Flachs der böseste und zynischste Ich-Erzähler, der mir lange Zeit untergekommen ist - auf Augenhöhe mit Patrick Bateman und Lou Ford! Bei so einem Erzähler ist es kein Wunder, dass die geschilderte Welt ohne Liebe, Hoffnung und Sicherheit erscheint. Eine Noir-Hölle, in der Empathie nur ins Verderben führt und partnerschaftliche Nähe nur Schwäche ist. In jeder geschilderten Ehe ist der Wurm drin. Und wirklich jeder lässt sich übers Ohr hauen – oder lässt sich mit etwas Überzeugungskraft dazu bringen, andere übers Ohr zu hauen. Die Welt sieht vielleicht nicht krank aus, ist aber im Inneren völlig verdorben. :shock:


    Die Tiraden und Kahlschläge des Eddie Case sind wirklich unterhaltsam, auch wenn sich Ekel und Faszination die Waage halten. Außerdem lernt man etwas über das Verkaufen und über die Weltsicht eines asozialen, karrieregeilen Arschlochs. :wink: Doch dann mischen sich auf den letzten 50 Seiten eher gewöhnliche Krimibestandteile in die bis dahin sehr originelle Handlung – Doppelspiel und Mord (sogar ein sehr abstoßender) –, die zwar sinnvoll entwickelt und erzählt sind, dem Roman für meinen Geschmack aber dennoch die einsame Gipfelposition der Großartigkeit verleiden. Es darf sogar ein Vertreter der Staatsmacht auftauchen, der sein Bestes tut, für Recht und Ordnung zu sorgen. [-( Doch all das kratzt die außergewöhnlichen Qualitäten des Romans kaum an: Unter dem Strich macht das immer noch unverrückbare :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb: Sterne für diesen völlig frei drehenden, wild austeilenden Roman, ein zynischer, derber Noir-Kracher allerhöchster Güte. Originell und böse! :twisted:

    1. (Ø)

      Verlag: Ullstein Taschenbuchvlg.


    William H. Gass "Der Tunnel" (617/1093)

    Jorge Luis Borges "Das Aleph" (50/167)

    Joy Chant "Roter Mond und schwarzer Berg" (203/348)


    Jahresbeste: John Berger (2019), Emil Ferris (2018), Willa Cather (2017), Adrian Tomine (2016), Derek Raymond (2015), James Agee (2014), Ken Kesey (2013), Jim Nisbet & Richard Ford (2012) :king:
    Gelesen: 43 (2019), 145 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: Tom Drury "Grouse County" (13.5.)

  • Die britische Erstveröffentlichung unter dem Originaltitel "Hard Case" bei Robert Hale in London erschienen.

    William H. Gass "Der Tunnel" (617/1093)

    Jorge Luis Borges "Das Aleph" (50/167)

    Joy Chant "Roter Mond und schwarzer Berg" (203/348)


    Jahresbeste: John Berger (2019), Emil Ferris (2018), Willa Cather (2017), Adrian Tomine (2016), Derek Raymond (2015), James Agee (2014), Ken Kesey (2013), Jim Nisbet & Richard Ford (2012) :king:
    Gelesen: 43 (2019), 145 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: Tom Drury "Grouse County" (13.5.)

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