Friedrich Christian Delius - Unsere Siemens-Welt

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  • Autor: Friedrich Christian Delius
    Titel: Unsere Siemens-Welt, erschien erstmals 1972
    ISBN: B008Y0DUHS


    Der Autor: (von der Autoren-Homepage)
    Friedrich Christian Delius, geboren im Februar 1943 in Rom, aufgewachsen in Wehrda, Kreis Hünfeld, und Korbach in Hessen. Seit 1963 in Berlin, Studium an der Freien und Technischen Universität (Dr. phil. 1970). 1970 bis 1978 Lektor für Literatur in den Verlagen Klaus Wagenbach und Rotbuch. Prozesse, welche die Siemens AG (1972-76) und Helmut Horten (1979-82) gegen ihn führten, erfolgreich überstanden. Seit 1978 freier Schriftsteller, von 1978-80 in Beek bei Nijmegen/NL, von 1980-84 in Bielefeld. Seitdem lebt er wieder in Berlin (von 2001 bis 2013 in Rom und Berlin). Georg-Büchner-Preis 2011. Übersetzungen seiner Bücher in 18 Sprachen. Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Akademie der Künste Berlin.


    Inhalt: (Klappentext)
    Unsere „Siemens-Welt“, eine fakten- und dokumentensatte „Festschrift“, hat, wie kaum ein Buch nach 1945, zu Auseinandersetzungen geführt: um Freiheit und Grenzen der Kunst und die Möglichkeit dokumentarischer Literatur. Dieses Buch hat Geschichte gemacht; es bewährt sich bis heute als sprachliches Kunstwerk.


    Meinung:
    Friedrich Christian Delius ist ein kritischer Beobachter, der mit einer faszinierenden Vielfalt Themen aus der jüngeren Geschichte Deutschlands aufgreift. Die Erzählformen seiner Werke überraschen mich, sind aber stets prima gewählt. Nachdem ich zunächst begeistert den ewig langen Satz eines „Bewusstseinstroms“ / stream of consciousness in „Die Birnen von Ribbeck“ gelesen hatte, dann die Interviewform in „Die Frau, für die ich den Computer erfand“, die Zitatenlese aus dem Protokoll des Wirtschaftstages der CDU in „Wir Unternehmer“, die vertrauliche Denkschrift eines pensionierten EG-Beamten in „Einige Argumente zur Verteidigung der Gemüseesser“, sowie die übliche Erzählstruktur im „Amerikahaus“, so finde ich jetzt die Form einer „Festschrift“ für diese Satire sehr treffend.


    Eine Festschrift zum 125jährigen Bestehen des Hauses S. – so der Untertitel der Polemik


    Anhand des Beispiels der Firma Siemens (und es hätte laut Delius genauso gut irgendeine andere Firma „treffen“ können, die zu dem Zeitpunkt ein ordentliches Jubiläum feiern konnte) verfasst Delius eine „Antikapitalistische Tendenzschrift“ (so der Wortlaut der damals anklagenden Siemens-Anwälte). In seiner Festschrift sammelt er ausgiebig dokumentarisches Material betreffend Firmengeschichte, Produkte, Mitarbeiter, usw, um es satirisch zu verfremden und neu zu arrangieren.
    In stets positiv bis jubelnd formulierten Ton, werden die Entwicklung, Verstrickung, Einflussnahme, und Ausbeutung der Firma Siemens als Glanzleistung der deutschen Wirtschaft par excellence beschrieben, wodurch Delius damit auch die phrasenhaften, überheblichen Lobreden karikiert.


    Beispiele:

    Zitat von Delius

    Seit Jahrzehnten genießt unsere Lehrlingsausbildung im In- und Ausland einen beispielhaften Ruf ... Leider stehen der Jugend zumeist nicht genügend Erziehungskräfte gegenüber, weshalb diese wenigen manchmal umso schärfer durchgreifen müssen ... Wenn allerdings gewisse Kreise immer wieder die alten Geschichten aufwärmen, wonach Lehrlingen von Ausbildern Ohren eingerissen wurden -- so können wir dazu guten Gewissens erklären, daß die Prügelstrafe abgeschafft ist ... und daß im Prinzip auch harte Erziehungsmittel noch keinem echten Siemensianer geschadet haben.

    Zitat von Delius

    Unsere Achtung vor dem schaffenden Menschen drückt sich in dem unablässigen Bemühen aus, diesem die Arbeitsbedingungen, wo immer es wirtschaftlich vertretbar ist, zu erleichtern…Deshalb unterhalten wir eine etwa tausendköpfige Gruppe von Zeitnehmern und Kalkulatoren, deren einzige Aufgabe es ist, die Arbeitsleistung der Akkordler ständig zu überprüfen und durch je neue Schätzung des Leistungsgrades wie durch Senkung der Vorgabezeiten zu erhöhen.

    und zu Februar 1933

    Zitat von Delius

    Im Zuge des allgemeinen Abbaus demokratischer Grundrechte wurden die Gewerkschaften durch die Deutsche Arbeitsfront ersetzt. Diese Entwicklung konnte dem Haus nicht ganz ungelegen kommen…

    Delius kritisiert mit Lob, sehr konsequent und gut recherchiert, wie auch der anschliessende Gerichtsprozess offenbarte. Für mich persönlich war der Text mit der Zeit doch „zu trocken“. Die Form der Festschrift erschöpft sich irgendwann. Die List mit Lob und Überschwang die Unstimmigkeiten und Verfehlungen eines Konzerns aufzudecken (und damit die deutsche Wirtschaft generell zu kritisieren) ist mal was anderes, aber in meiner Ausgabe (unten verlinkte Sammelausgabe) erstreckte sich der Text auf rund 200 Seiten. Längst hatte ich es verstanden: zu enge Verflechtungen mit dem Naziregime, Opportunismus mit diversen Regierungen, Ausbeutung der Arbeiter, Ausnutzung der Marktmacht, usw Nach der Hälfte kam wenig Neues, im Grunde die gleiche Kritik mit ähnlichen Worten, daher gibt es trotz aller Kreativität und Anspruch ein Sternchen Abzug.

  • Eine aktuelle Ausgabe findet sich in diesem Sammelband, der zudem Zusatzmaterial in Form von Quellenverzeichnis, Bemerkungen zur Methode, Personen- und Firmenregister, eine kurze Chronologie zum Siemens-Prozess, das Urteil, sowie ein Nachwort zur Neuausgabe 1995 beinhaltet.
    Der Text enthält zudem geschwärzte Passagen; deren Sinn und Inhalt ergibt sich aber durch den Anhang

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