Russell Wangersky - Walt

Anzeige

  • Der Klappentext erinnerte mich sehr an den Film "One Hour Photo" mit Robin Williams. Tatsächlich gibt es einige Parallelen. Beide "Täter" arbeiten in einem Supermarkt, beide sind Außenseiter, beide sammeln etwas, das eigentlich privat ist. Mich störten diese Parallelen jedoch überhaupt nicht, da die Umsetzung eine völlig andere ist.


    Unser Protagonist Walt sammelt Einkaufslisten und versucht aus ihnen herauszulesen, was der Mensch hinter dem Einkaufszettel für ein Leben führt. Ist er gestresst und kauft deshalb nur das nötigste? Ist er frustriert und kauft deshalb Fast-Food und Schokolade? Ist der Zettel, der Zettel einer Mutter die ihrer Familie ein reichhaltiges Abendessen zubereiten will? Die Kapitel beginnen meist mit einem Einkaufszettel und einer Interpretation von Walt. Nach und nach erfährt man immer mehr über ihn und seine Vergangenheit, oft bleiben jedoch Lücken. Von manchen Personen ist er so fasziniert, dass er sie auch zuhause beobachtet. Immer wieder folgen Tagebucheinträge eines seiner Stalking-Opfer.


    Was mir besonders gut gefallen hat, ist der authentische und besondere Schreibstil. Das Buch ist aus Walts Sicht geschrieben, schwenkt hin und wieder zu zwei Ermittlern. Der Schreibstil ist angenehm und leicht zu lesen, hat aber dennoch einen hohen Wiedererkennungswert. Auch die Ausarbeitung des Charakters "Walt" hat mir sehr gut gefallen. Auch er ist sehr authentisch, wenn auch unsympathisch, in dem was er tut.


    Was mir leider weniger gefallen hat, war die Geschichte selbst, bzw. der Spannungsaufbau. Ich lese gerne "ruhigere" Bücher, doch diese müssen dennoch ein Gefühl der Beklemmung oder sonstiges in mir hervorrufen. Bei "Walt" war ich von der Idee mit den Einkaufslisten zunächst begeistert, doch nach einigen Seiten langweilte mich seine Interpretation. Sie trägt der Entwicklung der Geschichte nicht bei und auch Walts oft abschweifende Gedanken, machten das Lesen teilweise zu einer zähen Angelegenheit. Hier möchte ich jedoch betonen, dass die Umsetzung keinesfalls schlecht sondern (wie so oft) Geschmackssache ist und meinen Geschmack einfach nicht getroffen hat. Ich bin mir sicher, dass das Buch genau wegen meiner Kritikpunkte einige Leser begeistern wird.
    Das Ende hat mir gut gefallen. Es konnte mich zwar nicht überraschen, lies mich aber schaudern womit das Gefühl der Beklemmung, das ich in den vorherigen 300 Seiten vermisst habe, doch noch noch erreichte.


    Fazit: Ein Buch, mit dem ich mich stellenweise sehr schwer getan habe. Schreibstil und Charakter konnten mich überzeugen, doch das Vergnügen am Lesen wollte sich nicht so recht einstellen.
    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb:

  • Hi, ich bin Walt. Ich sammle weggeworfene Einkaufslisten. Das klingt vielleicht ein bisschen schräg, aber Sie ahnen ja nicht, was man auf diese Weise alles über jemanden erfährt! Das ist fast, als wäre ich selbst Teil der Familie. Ich gebe zu, ich bin einsam, seit meine Frau Mary mich vor ein paar Jahren verlassen hat. Kaum jemand gönnt mir einen zweiten Blick – als wäre ich unsichtbar. Besonders gern sammle ich die Zettel von Alisha. Sie ist noch so jung, jemand sollte auf sie Acht geben, finde ich. Ich mache das gern, auch wenn sie nicht mal ahnt, dass ich existiere...(Klappentext)


    ---------------------------------------


    Der Hauptprotagonist ist Walt - älterer Herr, unscheinbar, einsam, von seiner Frau verlassen, seine Obsession ist Einkaufslisten horten und sich dadurch auf so manche Kundin regelrecht einzuschießen.
    Er ist ruhig und in gewisser Weise emotionslos und trotzdem ist da etwas, was ihn unheimlich erscheinen lässt.
    Man liest hauptsächlich aus seiner Perspektive, als würde Walt dem Leser an seiner Lebensgeschichte teilhaben lassen, an seinen Gedanken und Gefühlen. Man ist in seinem Gehirn und erfährt so weshalb er das alles macht, was ihn antreibt und was für Phantasien er hat.
    Man hat das Gefühl, dass an dem nichts Verbotenes oder Verwerfliches ist, er keine böse Absichten hat. Dies ist eben seine Sicht der Dinge und trotzdem weiß man, dass etwas mit ihm nicht stimmen kann, denn diese Dinge sind sehr wohl verboten und verwerflich und lassen so eine bedrückende und beängstigende Atmosphäre aufkommen.
    Dies geschieht vor allem durch die Unterbrechung seiner Sichtweise, indem man aus der Perspektive des Ermittlers Dean Hill liest. Hier wird klar, dass Walt's Frau Mary vermisst wird, ebenso ein Mädchen namens Lisa und Alisha wird gestalkt. Von Letzterer gibt es Tagebucheinträge, die diese Story noch beängstigender erscheinen lassen.


    Der Schreibstil ist angenehm und flüssig, der Plot verläuft sehr ruhig. Hier passiert eigentlich so gut wie nichts und trotzdem ist die ganze Zeit eine subtile Spannung spürbar. Der Erzählstil ist ungewöhnlich und macht diesen Psychothriller zu etwas Besonderem, denn hier muss man zwischen den Zeilen lesen, scheinbar nebensächliche Bemerkungen Walt's auf die Waage legen.
    Erst am Ende wird klar, dass Walt keineswegs dieser besonnene und ruhige Kerl ist, der die Macke hat Einkaufslisten zu sammeln. Es wird klar, dass der Leser an jeder Tat teilgenommen hat - unwissend.
    Daher ist man gewillt dieses Buch nochmals zu lesen, einfach um diese kleinen Andeutungen zu entdecken, um alles bewusster wahrzunehmen.


    Fazit:
    Dieser Psychothriller ist ganz großes psychologisches Kino, welches einen in die Gedankenwelt eines scheinbar harmlosen Typen eintauchen lässt.
    Ein Psychothriller in dem augenscheinlich so gar nichts passiert und trotzdem einen beklemmenden Sog auf mich ausübte.
    Die Auflösung steckt hier nicht am Ende, sondern in der gesamten Story, in Walt's Gedanken und seiner Sichtweise. DAS nenne ich mal schriftstellerische Kunst.
    Für Leser die es gerne spannend und blutig haben ist dieser Psychothriller wohl eher nichts. Ich jedoch war und bin fasziniert, da hier Psychologie vom Feinsten enthalten ist.
    Von mir gibt es daher eine absolute Leseempfehlung!

    Wenn ein Mann zurückweicht, weicht er zurück. Eine Frau weicht nur zurück, um besser Anlauf nehmen zu können. (Zsa Zsa Gabor)
    :twisted:

Anzeige