Antonia Fennek - Schwarzweiß

  • Niklas Rösch wird in den psychiatrischen Maßregelvollzug von Hamburg eingeliefert, er hat seine Nachbarin auf bestialische Weise ermordet. Auf dem Gutachten wird Schizophrenie diagnostiziert, in den Einzelgesprächen mit ihm lernt Regina Bogner allerdings keinen klassischen Schizophrenie-Patienten kennen, sondern einen kaltblütigen Psychopathen, der mehr über sie weiß, als ihr lieb ist …

    Antonia Fennek heißt eigentlich Melanie Metzenthin und ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie – ihr erstes Buch ist ein historischer Roman und erschien 2011. Ihm folgten drei weitere bevor sie das Genre wechselte und ihr Fachwissen ihrer Protagonistin Regina Bogner verlieh. Als ich ihre Kurzbiografie auf diversen Bücherportalen las, erwartete ich ein Buch mit intensivem Inhalt und massig Hintergrund- und Fachwissen – herausgekommen ist bei „Schwarzweiß“ aber ein 08/15-Psychothriller mit nur mäßig Hintergrund- und Fachwissen..


    Regina Bogner ist Ärztin im Maßregelvollzug und darf sich des Mörders mit diagnostizierter Schizophrenie, Niklas Rösch, annehmen. Als sie Rösch durch Einzelgespräche näher kennenlernt, fängt sie an, an der Diagnose zu zweifeln und bereits beim ersten Anzeichen des Zweifels ist mir als Leser der Gedanke gekommen, ob Fennek bzw. Metzenthin mit dem Irrtum, der bei vielen Menschen bezüglich Schizophrenie vorherrscht, aufräumen will – mit der ständigen Benutzung det Wörter Schizophrenie und Persönlichkeitsstörung mitsamt den dazugehören Erklärungen hat sie bei mir allerdings mehr Verwirrung als Klarheit gestiftet. Erst im Nachwort bekommt man nochmal eine klare und sachliche Erläuterung geliefert. Dieser folgt auch noch ein Glossar mit allen Fachbegriffen, die im Roman verwendet wurden.


    Bogner ist zudem alleinerziehend, hat kaum Freunde und noch weniger Hobbys – sie lebt also gewissermaßen für den Beruf, den sie ausübt. Bis vor drei Jahren lebte sie mit ihrer Tochter und ihrem Mann in Afrika, genauer im Sudan, noch genauer in Nyala, wo etwas passiert ist, was die Ärztin bis heute nicht verwunden hat, was eindrucksvoll zeigt, dass sich Ärzte nicht nur um Menschen mit Problemen kümmern, sondern selbst auch welche haben – weil sie eben auch nur Menschen sind. Von diesem Problem weiß Rösch anscheinend und will Bogner mittels Quid pro quo damit konfrontieren – also „Erzähl mir etwas über dich und ich erzähle dir etwas über mich“. Von Anfang an weiß Bogner, dass sie sich ihren Kollegen und Vorgesetzten deswegen mitteilen muss um die Fehldiagnose manifest zu machen, aber um keinen Preis will sie ihnen den Vorfall in Nyala schildern, weshalb sie recht spät erst eine abgespeckte Version davon erzählt – und nicht nur sie, sondern auch der Leser fragt sich danach: Wieso nicht gleich so? Mir hat der Prozess, bis sie endlich etwas sagt viel zu lange gedauert und hat für mich wie ein plumper Spannungsaufbau gewirkt. Nicht viel später kommt eine Zäsur in der Geschichte und ab dann könnte man sich das lesen eigentlich auch ersparen, weil man ab da genau weiß, wie es weitergeht und schließlich auch endet


    Einzig die Tochter Anabel – die übrigens zu Beginn des Buches 16 und irgendwann später plötzlich 17 ist, ohne dass irgendwann erwähnt wurde, dass sie Geburtstag gehabt hätte –, die man als Leser irgendwann später näher kennenlernt sorgt mit ihrer toughen und schlagfertigen Art noch für etwas Erfrischung. Generell gefällt mir der Humor, den die Autorin immer wieder aufblitzen lässt.


    „Schwarzweiß“ hätte einiges an Potential, hat dieses aber nur zum Teil ausgeschöpft. Das Buch ist sicher nicht schlecht, über das Attribut „solide“ kommt es allerdings nicht hinaus.

  • Ich kann nicht viel Meckern an "Schwarzweiß", hier war eigentlich alles in Ordnung. Man kann sich mit den Protagonisten, die durchaus Ecken und Kanten haben, identifizieren. Das Setting, das anfangs größtenteils in der Psychiatrie stattfindet, ist ansprechend. Die Geschichte ist spannend geschrieben, und in den 365 Seiten gibt es nicht eine Sekunde Langweile weil es die Autorin geschafft hat, nahezu immer etwas passieren zu lassen und einen rasanten Ablauf an den Tag gelegt hat. Und trotzdem hat mir irgendein "Kick" gefehlt, der das Buch zu etwas Besonderem gemacht hätte. Der Ablauf war ein wenig vorhersehbar, die Taten des Bösewichtes nicht immer nachvollziehbar und vieles ist einfach Standard-Thrillerkost.
    Fazit: Hat Spaß gemacht, wird aber auch schnell vergessen sein.
    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb:

  • Was geschah in Nyala?

    Dies ist die zentrale Frage dieser Geschichte und sie begleitet den Leser von Anfang bis Ende. Zu Beginn der Geschichte scheint sie nur so dahin gestellt zu sein, am Ende jedoch wird klar, wie die Protagonisten darin involviert sind.


    Es ist ein ganz normaler Morgen im Maßregelvollzug in Hamburg. Regina Bogner ist Ärztin für Psychologie in dieser Einrichtung, in die Straftäter eingeliefert werden, wenn sie als psychisch krank gelten. An diesem Morgen wird Niklas Rösch eingeliefert werden, der einen unfassbar grausamen Mord begangen hat.

    Bereits bei ihrem ersten Aufeinandertreffen wird klar, dass Rösch ein nicht ganz einfacher Fall werden würde.


    Ich mag Regina Bogner. Sie ist eine toughe, resolute Frau, die ihr Handwerk versteht und bereits von Anfang an Zweifel an der Diagnose Schizophrenie bei Rösch hat. Niemand glaubt ihr, es will nicht einmal jemand ihre Einwände hören oder die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass sie Recht haben könnte. Chefarzt Dr. Löhner tut gerade so, als würde sie maßlos übertreiben und Oberarzt Dr. Mark Birkholz ist ein Feigling, der seiner Karriere zuliebe lieber dem Chefarzt nach dem Munde redet. So steht Regina allein mit ihrer Annahme da. Dennoch versucht sie immer wieder zu intervenieren und Löhners Entscheidungen in Zweifel zu ziehen, womit sie sich dessen Unmut zuzieht. Als Löhner eine Fehlentscheidung trifft, sorgt er dafür, dass Rösch fliehen kann und weiteres Unheil anrichtet.


    Regina ist geprägt durch ihre Erfahrungen in Afrika, wo sie bereits als Ärztin in einem Krankenhaus gearbeitet hat und mitansehen musste, wie geliebte Menschen in den politischen Unruhen einfach dahin gemetzelt wurden. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen werden im Buch immer wieder thematisiert, nicht zuletzt weil sie ihr Verhalten maßgeblich beeinflussen. Regina handelt lieber als zu reden und das macht sie so überaus sympathisch. Besonders als ihre Tochter Anabel Ziel eines Angriffs durch Rösch wird, gibt es für Regina kein Halten mehr. Sie kann und will der deutschen Polizei nicht ausschließlich vertrauen, sie kann und will die Hände nicht in den Schoß legen und so beginnt die Jagd quer durch Hamburg.


    Unterstützung findet sie hierbei durch Kashka - den südsudanesischen Botschafter in Deutschland. Er ist ein großer, schwarzer Mann mit vielen Geheimnissen. Auf mich wirkt er anfänglich völlig undurchsichtig, aber keineswegs unsympathisch. Er strahlt eher wissende Ruhe aus. Zunächst steht hier die Frage, welchen persönlichen Grund er haben mag, Regina zu unterstützen und warum er soviel über Rösch weiß. Aber sowohl der Leser als auch Regina bleiben erst einmal im Dunkeln, allerdings hat Kashka Möglichkeiten Informationen zu beschaffen, die Regina verschlossen bleiben. Er verrät jedoch auch nicht, welche Möglichkeiten das sind. Damit bekommt er einen etwas zwielichtigen Touch. Dennoch möchte man ihm vertrauen. Es geht mir ein bisschen wie Regina, die zwar nicht genau weiß, ob es gut ist, ihm ihr Vertrauen zu schenken, es aber dennoch tut.


    Und Rösch? Rösch ist ein Mörder, das steht außer Frage. Und er ist auch irgendwie unangenehm, er ist jemand, mit dem man sich nicht länger als nötig umgeben möchte. Allerdings wirkt er nicht wirklich so, als müsse man ihn verabscheuen. In mir hat die Autorin mit dieser Figur ein ambivalentes Gefühl ausgelöst. Insbesondere als Regina beginnt in Röschs Vergangenheit und seiner Kindheit zu recherchieren, wird dieses Gefühl der Ambivalenz noch verstärkt. Der gewalttätige Mörder wird nämlich plötzlich zu einem Menschen, den man vielleicht sogar verstehen kann. Man will es nicht, aber trotzdem ist es nicht mehr so leicht ihn einfach nur als Mörder zu sehen. Diese Entwicklung fasziniert mich enorm, denn normalerweise weiß man wer der Gute und wer der Böse, wer Opfer und wer Täter ist.


    Die Autorin kreiert in diesem Roman vielschichtige Charaktere, die man nicht einfach in eine Schublade stecken kann. Sie entwickeln sich im Laufe der Zeit und man bekommt ein gewisses Verständnis für die Protagonisten. Sogar Dr. Birkholz kann zeigen, dass mehr als ein Feigling in ihm steckt. Antonia Fennek versteht es die Menschen hinter den ersten Eindrücken zu zeigen. Sie erzählt, wie die Menschen zu dem wurden, was sie heute sind, ganz nach dem Grundsatz, dass alles eine Ursache hat. Dadurch erreicht sie aus meiner Sicht, dass ihre Geschichte plastisch und realistisch wird, denn niemand ist nur gut oder nur schlecht.


    Der Schreibstil ist wunderbar leicht zu lesen, die Seiten fliegen nur so dahin. Ich mag die Konflikte der Protagonisten mit sich selbst und mit anderen, denn eben diese machen die Story lebendig und absolut authentisch. Es gibt keine Längen. Im Gegenteil man möchte eigentlich noch viel mehr erfahren. In einem sehr interessanten Nachwort und einem Glossar erklärt die Autorin dann auch einige Unterschiede zwischen dem Maßregelvollzug und der geschlossenen Allgemeinpsychiatrie und zu anderen psychologischen Begrifflichkeiten. Sie gewährt so Einblicke in einen Lebensbereich, den die meisten ihrer Leser hoffentlich nie kennenlernen werden.


    Leider gibt es dieses Buch und auch dessen Nachfolger “Geschwärzt” nur noch als e-book. Das jedoch sollte Leser von guten Thrillern nicht davon abhalten, sie zu lesen. Und wer die historischen Romane von Melanie Metzenthin mag, der sollte hier ebenfalls einen Blick riskieren. Denn Antonia Fennek ist niemand geringeres als Melanie Metzenthin, die unter diesem Namen Thriller schreibt.


    Fazit:

    Ein rundherum gelungener Thriller, der einem beim Lesen eine Gänsehaut über den Rücken jagt, wenn man über die Grausamkeiten des Niklas Rösch nachdenkt. Es ist eine Geschichte, die eben nicht in schwarz und weiß einteilt, sondern dem Leser zeigt, dass es so viele Aspekte mehr gibt. Authentische Figuren, persönliche Schicksale und ein Fall, der einem schlaflose Nächte bereiten kann. Am Ende finden alle Fäden zusammen und die Frage, was in Nyala geschah wird eindrucksvoll aufgeklärt. Von mir gibt es eine unbedingte Leseempfehlung. 5 Sterne.