Deborah Feldman - Unorthodox

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Unorthodox

4|7)

Verlag: btb Verlag

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 384

ISBN: 9783442715343

Termin: Juni 2017

  • Amazon ~ Beschreibung:



    Schon am Tag als »Unorthodox« in den USA erschien, führte dieser aufrührende autobiografische Bericht schlagartig die Bestsellerliste der New York Times an und war sofort ausverkauft. Wenige Monate später durchbrach die Auflage die Millionengrenze. Die amerikanische Presse erklärte den Erfolg von Deborah Feldman und ihrem Buch so:
    Noch nie hat eine Autorin ihre Befreiung aus den Fesseln religiöser Extremisten so lebensnah, so ehrlich, so analytisch klug und dabei literarisch so anspruchsvoll erzählt.


    In der chassidischen Satmar Gemeinde in Williamsburg, New York, herrschen die strengsten Regeln einer ultraorthodoxen jüdischen Gruppe weltweit.
    Die Satmarer, wie sie sich seit ihrer Gründung nach dem Zweiten Weltkrieg nennen, sehen im Holocaust eine von Gott verhängte Strafe. Um eine Wiederholung der Shoa zu vermeiden, führen sie ein abgeschirmtes Leben nach strengen Vorschriften. Sexualität ist ein Tabu, Ehen werden arrangiert, im Alltag wird Jiddisch gesprochen, Englisch gilt als verbotene, unreine Sprache.
    Nach Schätzungen zählt die Gemeinde heute 120.000 Mitglieder, denen sie ein Netz an Sicherheit gewährt - ohne jegliche Freiheit.
    Deborah Feldman hat schon als Kind Anstoß an der strikten Unterwerfung unter die vom Gründungsrabbiner der Sekte aufgestellten Lebensgesetze genommen, an der Ausgrenzung, der ärmlichen Lebensweise und der Unterordnung der Frau. Ihr Gerechtigkeitsempfinden und ihr Wissenshunger haben sie - verstärkt durch verbotene Literatur - angetrieben, ihren Alltag zu hinterfragen. Stets hat sie Angst, entdeckt und bestraft zu werden, und ihren einzigen Ausweg aus der Enge ihrer Welt zu verlieren. »Unorthodox« führt in die einzigartige Welt von Kindheitserlebnissen, die voller Unschuld scheinen und Einblick geben in alte jüdische Traditionen.


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    Meine Meinung:



    Dieses Buch nimmt den Leser mit auf eine Reise in eine völlig fremde Welt, in der (zumindest für mich) völlig abstruse Regeln gelten.
    Verheiratete Frauen haben sich z.B. die Haare komplett zu scheren, laufen dann aber zum größten Teil mit einer Perücke herum. Frauen mit kleinen Kindern sind an Shabbes vollkommen in ihren Wohnungen festgenagelt, weil an diesem Tag jegliche Arbeit verboten ist - wozu in dieser Gemeinde auch das herumtragen der eigenen Kinder gehört. :-s Das Lesen religiöser Texte (deren Regeln das Leben dieser Gemeine völlig bestimmen) ist nur den Männern erlaubt. Obwohl die Frauen sich auch diesen Regeln zu unterwerfen haben, ist es ihnen verboten diese Texte selber zu lesen, geschweige denn ihrer Ansicht nach zu interpretieren.
    TV, Radio und sogar selbsgemachte Musik ist verboten und die Gemeinde ist vom Rest der Welt völlig abgeschnitten.



    Deborah Feldman wächst inmitten dieser Regeln auf, aber von klein auf kommt sie mit dieser Beengtheit ihres Lebens nicht zurecht.
    Sie wird von ihren alternden Großeltern erzogen, da ihre Mutter den Zwängen ihrer Gemeinde vor Jahren entflohen und ihr Vater geistig behindert ist. (Er ist nicht in der Lage für sich selber zu sorgen und völlig verwahrlost, erfährt aber auch keine Unterstützung in der Gemeinde, denn es ist ja schließlich Gottes Wille dass er so ist, wie er ist. Ihm zu helfen würde bedeuten dass man sich Gottes Willen widersetzt.)


    Deborah rebelliert heimlich, still und leise gegen die strengen Regeln ihrer Gemeinde.
    Sie besorgt sich z.B. heimlich weltliche Bücher (z.B. "Harry Potter" und co.), versteckt sie daheim unter ihrer Matratze und lebt in der ständigen Angst für dieses Vergehen bestraft zu werden, sollte sie erwischt werden.
    Mit 17 Jahren wird sie an einen Mann verkuppelt, den sie gerade einmal zehn Minuten kennt und ihre Ehe wird zum Desaster.
    Sexualität ist in ihrer Gemeinde völlig verpönt. Bis zum Eintritt in die Ehe wissen die Mädchen noch nicht einmal, dass sie überhaupt eine Vagina haben, geschweige denn, wofür sie da ist. Aber wenn sie im Ehebett liegen, wird von ihnen erwartet dass die Nachwuchsproduktion wie am Schnürchen funktioniert. #-o
    Da die Jungs genau so viel (oder wenig) wissen, klappt natürlich rein gar nichts. Dabei kann Deborah von Glück sagen, dass ihre Hochzeitsnacht nicht so verläuft wie die ihrer Freundin, denn deren Mann hat in seiner Unwissenheit während des ersten Beischlafversuches einen lebensgefählichen Dickdarmriss bei seiner Frau verursacht, weil er die Körperöffnungen verwechselt hat.


    Deborah ist mit der ganzen Situation zunächst völlig überfordert und wird psychisch krank. Eine Odyssee von Arzt zu Arzt beginnt (Gynäkologen, Sexualtherapeuthen, Bio-irgendwas (habe ich vergessen :pale: )... .
    Es ist ein langer, langer Weg, aber in dessen Verlauf beginnt Deborah sich mehr und mehr zu emanzipieren. Sie beißt sich durch ihre sexuellen Schwierigkeiten und bekommt schließlich einen Sohn. Sie setzt durch, dass sie einen Führerschein machen darf und besteht darauf einen vernünftigen Schulabschluss machen zu dürfen.
    Während ihrer Collegezeit bekommt sie Kontakt zu nichtjüdischen Mädchen und bekommt mehr und mehr mit, welche Feiheiten ihr und ihrem Sohn für immer verschlossen bleiben, wenn sie weiterhin in ihrer Gemeinde bleibt.
    Nach und nach fasst sie schlussendlich den Entschluss ihrer Gemeinde den Rücken zu kehren und kämpft vor Gericht um das Sorgerecht ihres Sohnes, das nach einer Scheidung üblicher Weise dem Vater zugesprochen wird.



    Dieses Buch ist der Bericht einer äußerst mutigen Frau, die sich durch ihren übermäßig reglementierte Welt nicht davon abhalten lässt ihr eigenes Leben leben zu wollen.
    Ihr gebührt meine absolute Hochachtung und ich war wirklich sehr beeindruckt von ihrem nicht unterdückbaren Wunsch zur Freiheit.
    "Unorthodox" ist ein ganz besonderes Buch.
    Es endet mit den Worten:

    Zitat

    Ich bin frei, ich selbst zu sein, und das fühlt sich gut an.
    Wenn irgendwer jemals versuchen sollte, Dir vorzuschreiben, etwas zu sein, was Du nicht bist, dann hoffe ich, dass auch Du den Mut findest, lautstark dagegen anzugehen.


    Ganz, ganz toll und unglaublich lesenswert. :thumleft:

  • Es gibt in der letzten Zeit mehrere Romane, die in den ultraorthodoxen jüdischen Communities der USA spielen. Empfehlen kann ich u.a. "I Am Forbidden" (dt. Titel Ich bin verboten) von Anouk Markovits, der sich auch mit dem Schicksal der Ex-Angehörigen der Ultraorthodoxie beschäftigt.

    Viele Grüße von Yurmala


    :study:

    :musik:


    »You can never get a cup of tea large enough or a book long enough to suit me.«. C.S. Lewis

  • Die Autorin lebt heute mit ihrem Sohn in Berlin. Ich habe sie bereits zwei Mal in Talkshows erzählen hören und es war immer wieder faszinierend und erschreckend zugleich. Eine sehr sympathische Frau, die sich und ihrem Kind die Freiheit erkämpft hat. Ihr Ehemann hat die Gemeinde mittlerweile sogar auch verlassen - das Beispiel seiner Frau scheint ihm Mut gegeben zu haben. Denn Mut braucht es durchaus, sein altes Leben derart total zu verlassen.


    Das Buch ist natürlich sofort auf die Wunschliste gehüpft. Danke für die Rezension @Hiyanha :wink:

    viele Grüße vom Squirrel

    :study: Louise Erdrich - Das Haus des Windes
    :study: Norman Davies - Verschwundene Reiche (Langzeit-MLR)

    :study: Yuval Noah Harari - Homo Deus (Bücherwürmer-Langzeitprojekt)

  • Ich habe sie bereits zwei Mal in Talkshows erzählen hören

    Hui, weisst Du vielleicht noch, wo das war?
    Vielleicht kann ich mir das in der Mediathek des Senders ja noch einmal ansehen.


    Ihr Ehemann hat die Gemeinde mittlerweile sogar auch verlassen

    Echt jetzt? :-s Das überrascht mich jetzt wirklich.
    Im Buch kam er mir so willenlos und durchsetzungsschwach vor.
    Aber womöglich hat ihn das Beispiel seiner Ex-Frau wirklich dazu beflügelt. Alle Achtung. :thumleft:

  • Hui, weisst Du vielleicht noch, wo das war?
    Vielleicht kann ich mir das in der Mediathek des Senders ja noch einmal ansehen.

    Ich hab sie erst vor kurzem (3 Wochen??) in Bettina Böttingers "Kölner Treff" gesehen, bin mir aber nicht sicher, ob das eine ältere Aufzeichnung war, die jetzt im Sommerloch wiederholt wurde.


    Im übrigen hab ich mir das Original heut gekauft :mrgreen:

    viele Grüße vom Squirrel

    :study: Louise Erdrich - Das Haus des Windes
    :study: Norman Davies - Verschwundene Reiche (Langzeit-MLR)

    :study: Yuval Noah Harari - Homo Deus (Bücherwürmer-Langzeitprojekt)

  • Ich habe das Buch letzte Woche geschenkt bekommen und es geradezu verschlungen. Die Geschichte von Deborah hat mich richtig mitgenommen, daher musste ich zwischendurch auch mal eine kurze Pause einlegen. Besondes die Kapitel über ihre Ehe fand ich dabei echt herzzerreißend und schlimm. Das Buch ist absolut lesenswert, auch wenn einem manchmal das Herz stehen bleibt.


    Was ich allerdings noch nicht ganz verstanden habe, was aber mehrmals im Buch erwähnt wurde: Wieso wird bei einer Scheidung das Sorgerecht für gewöhnlich dem Mann zugesprochen? Wer entscheidet denn darüber? Die weltlichen Gerichte oder die Rabbiner in der Gemeinde? Wisst ihr darüber mehr? Würde mich sehr interessieren.


    Ich war richtig traurig, als das Buch zuende war und habe gleich mal recherchiert, ob sie noch weitere Bücher geschrieben hat. Das zweite Buch heißt Überbitten und ich überlege es mir im Oktober zu holen, wenn es im Taschenbuchformat erscheint.

  • Ein Buch, das in Erinnerung bleibt. Man will es einfach nicht glauben, was da in einer modernen Metropole für ein Leben geführt wird. Ich war fasziniert und angeekelt. Ich halte es auch für ein wichtiges Buch, denn es macht durch seinen Erfolg vielleicht einige aufmerksam auf das, was da (schief-)läuft. Nachdem ich es gelesen hatte, habe ich mit vielen Freunden und Bekannten darüber gesprochen, weil ich dieses neue Wissen einfach nicht für mich behalten konnte.


    Ein Manko hat das Buch für mich: Die Autorin ist ja in dieser Welt aufgewachsen und war in großem Maße an alles gewöhnt. Das ist wohl der Grund, warum sie auf viele Sitten, Gebräuche und Rituale nicht genauer eingegangen ist. Aber meine Neugier war geweckt und ich hätte gern mehr Fakten gehabt wo die persönliche Betroffenheit der Frau Feldmann im Vordergrund stand (was ich menschlich natürlich voll verstehen kann).


    Ein Buch, das Gesprächsbedarf weckt, ist immer was Feines!

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