John Wyndham - Wiedergeburt / Wem gehört die Erde? / The Chrysalids / Re-birth

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  • Der Autor (nach Wikipedia, Klappentext und Phantastik-Couch.de): Der am 10. Juli 1903 nahe Birmingham als John Wyndham Parkes Lucas Beynon Harris als Sohn eines Rechtsanwaltes geborene Science-Fiction-Autor wuchs, nachdem sich seine Eltern getrennt haben, in verschiedenen britischen Internaten auf. Nach seiner Schulzeit war er in unterschiedlichen Berufen als Landwirt, Grafiker, Werbefachmann und Angestellter tätig. Ab 1925 versuchte er sich als Autor: 1931 erschien in „Wonder Stories“ mit "Worlds To Barter" seine erste Erzählung unter dem Namen John Beynon Harris, einem seiner vielen Pseudonyme. Er veröffentlichte auch als John Beynon, John Harris, Lucas Parkes, Lucas Benyon, Johnson Harris und Wyndham Parkes. Seine Vorkriegserzählungen waren sehr dem Trivialen verhaftet und ohne große inhaltliche Relevanz und stilistische Güte. Das änderte sich erst mit seinen nach 1950 verfassten Romanen, die ihn bekannt machten und in den Rang eines Science-Fiction-Klassikers erhoben. Beim Schreiben orientierte er sich stark an H. G. Wells und war diesem stilistisch durchaus ebenbürtig. Auf gepflegte britische Art und mit viel Aufmerksamkeit für Charaktere und Details widmete er sich regelmäßig der Reaktion der Menschen auf diverse metaphysische oder fantastische Katastrophen oder Invasionen. Der Humanist Wyndham war außerdem ein großer Gegner des Kalten Krieges und ständiger Mahner vor der atomaren Apokalypse. Er starb mit 65 Jahren am 11. März 1969, entweder in seinem Heimatort Petersfield oder in London. :wink:


    Seine bekanntesten Werke sind: "The Day of the Triffids" (1951, dt. Die Triffids), "The Kraken Waves" AKA "Out of the Deep" (1953, dt. Kolonie im Meer AKA Wenn der Krake erwacht), "The Chrysalids" AKA "Re-birth" (1955, dt. Wem gehört die Erde? AKA Wiedergeburt), "The Midwich Cuckoos" AKA "Village of the Damned" (1957, dt. Es geschah am Tage X … AKA Kuckuckskinder) und "Trouble with Lichen" (1960, Ärger mit der Unsterblichkeit). Posthum veröffentlicht wurden außerdem die Romane "Web" (1979) über die Kolonisierung einer Pazifikinsel der Zukunft und "Plan for Chaos" (2009) über von Nazis im Dschungel geklonte arische Herrenmenschen. Verfilmt wurden "The Day of the Triffids" (DT: Blumen des Schreckens) 1962 unter der Regie von Steve Sekely und "The Midwich Cuckoos" (DT: Das Dorf der Verdammten") 1960 unter der Regie von Wolf Rilla und 1995 noch einmal unter der Regie von John Carpenter.


    Inhalt (Suhrkamp-Klappentext): Tausende von Jahren nach einem Atomkrieg sind auf der Erde nur schmale Landstriche bewohnt, das übrige Gebiet ist radioaktiv verseucht. Die technisierte Welt von vorgestern ist nur eine undeutliche Legende, die Verwüstung der Erde wird als Strafgericht Gottes angesehen, die in großer Zahl bei Pflanzen, Tieren und Menschen auftretenden Mutationen gelten als Teufelswerk und werden unbarmherzig ausgemerzt. Die Norm triumphiert in den kleinen ländlichen Gemeinwesen. Eine Gruppe von jungen Menschen entdeckt, dass sie anders sind, und wird von der bigotten Gesellschaft ihrer telepathischen Fähigkeiten wegen verfolgt. Einige Menschen müssen fliehen und schließen sich nach mancherlei aufregenden Erlebnissen und Prüfungen einer neuen Gesellschaft in Freiheit an, einer besseren, entwickelteren Menschheit.


    Die Originalausgabe erschienen 1955 unter dem Titel „The Chrysalids” (in den USA unter dem Titel “Re-birth“). Eine deutsche Übersetzung von Tony Westermayr erschien 1961 zunächst beim Goldmann Verlag unter dem Titel „Wem gehört die Erde?“ und 1988 noch einmal unter dem Titel „Wiedergeburt“ als Band 192 der Phantastischen Bibliothek des Suhrkamp-Verlages. Der Roman umfasst in den deutschen Ausgaben 174 Seiten.


    Was für eine formvollendete Geschichte! Nur der klischeehafte, etwas lahme Schluss lässt den Roman an der Perfektion vorbeischliddern. So soll Unterhaltungsliteratur sein, so sollen Geschichten (am Kaminfeuer, im Ohrensessel, unter der Bettdecke, am Lagerfeuer) erzählt werden: Mit lebensechten Figuren und interessanten Konflikten, die wirkliche Themen berühren, die von Relevanz für die Lebenswirklichkeit ihrer Leser und Zuhörer sind, so dass sich im besten Fall sogar eigene neue Gedanken und Erkenntnisse einstellen können. Und vor allem sollen sie mit großer Spannung, dem richtigen Gespür für Tempo und Verkürzung, die einen schnell in die Handlung verwickeln und nicht mehr loslassen, mit hochkochenden Emotionen, eingestreutem Witz und viel Empathie für die handelnden Figuren erzählt werden. Mitfiebern, Mitleid, Ärger über das Verhalten der "Bösewichte" und Erleichterung im ständigen Wechsel. Mit Figuren, die über ihre Grenzen ins Ungewisse gestoßen werden.


    Dieser Roman, geschrieben in einer Zeit, als es das sicherlich von einem findigen Buchvermarkter ersonnene Label Young-Adult-Dystopia wahrscheinlich noch nicht gab, hat mich sehr in seinen Bann gezogen. Ein echter Page-Turner alten Schlages, angesiedelt in einer bäuerlichen, fast mittelalterlich wirkenden Kleingruppen-Gesellschaft einer postatomaren Zukunft voller strenggläubiger christlicher Fundamentalisten und selbsternannter Weltversteher, die alle die häufigen, durch radioaktive Mutationen geschuldeten Abweichungen von ihrem aus der Bibel entnommenen Menschen- und Schöpfungsbildes als gottloses Teufelswerk ablehnen und ausmerzen. Die Norm ist das einzig Segensreiche. Jede Abweichung ist vom Bösen verdorben. Erlösung liegt nur in der Reinheit. Frauen, die dreimal in Folge missgebildete Kinder gebären, werden verjagt, andersartige Mutanten sterilisiert, Felder, die von der Norm abweichende Früchte tragen, werden feierlich abgebrannt. Wer anders denkt, schweigt besser, oder wird gezüchtigt. In den Randzonen der bekannten Welt leben inmitten des Wildwuchses Verstoßene und Mutanten, die immer mal wieder räuberische Übergriffe auf die „genetisch reinen“ Menschen wagen. Was jenseits dieser Randzonen liegt, bietet Raum für vielfältige Spekulationen. Vielleicht jene städtische Welt mit Flugmaschinen, von der die jugendliche Hauptfigur David dann und wann träumt?


    Der zu Beginn des Romans zwölfjährige David – am Ende wird er 20 Jahre alt sein – ist der einzige Sohn einer besonders strenggläubigen Familie. Als er das Mädchen Sophie kennenlernt, das mit sechs Zehen pro Fuß geboren wurde und dessen Normabweichung von ihren Eltern offensichtlich vor den Geburtsaufsehern versteckt gehalten wurde, nimmt das Unheil seinen Lauf. Trotz aller bewahrten Heimlichkeit stürzt er ihre Familie versehentlich ins Unglück. Doch auch David entspricht nicht der Norm, auch wenn man seine Abweichung nicht sehen kann: Er ist telepathisch begabt und mit etwa acht Jugendlichen der weiteren Umgebung gedanklich verbunden. Sie vermeiden soweit als möglich jeden physischen Kontakt und halten ihre Begabung geheim, was sich auch als großer Segen herausstellt, bis Davids Mutter ein Mädchen in die Welt setzt, das ungleich stärkere telepathische Kräfte zu haben scheint als alle anderen der kleinen Gruppe …


    Eine sehr spannende postatomare Liebes-, Außenseiter-, Coming-of-Age- und Fluchtgeschichte, die von Intoleranz, religiöser Selbstüberschätzung und der Ausgrenzung des Andersartigen, aber auch von der Auflehnung gegen das System erzählt. Eine Geschichte, die Mitmenschlichkeit, Vielfalt und Nächstenliebe hochleben lässt. Ein Gedanken anregender – und vor allem sehr elegant und flüssig erzählter – Science-Fiction-Ansatz über die menschliche Evolution, Religion und die Grenzen der eigenen Wahrnehmung, über Menschen, die sich für die Krone der Schöpfung halten und welche fatalen Folgen diese Eitelkeit haben kann: Wer nach Reinheit und Gottgleichheit des Menschen strebt, beleidigt „seinen Gott“ im Grunde und verkennt das Leben: „Leben besteht in der Veränderung, darin unterscheidet es sich vom Unbelebten, Veränderung ist seine Natur“. (S. 159)
    Arroganz und Einfalt sind eine menschliche Sackgasse, in der keine Weiterentwicklung und keine Vielfalt möglich sind. Wer diesen Weg einschlägt, wird vergehen und verkümmert von anderen überholt werden.


    John Wyndham – was für eine erzählerische Begabung, der Roman – eine fast uneingeschränkte Leseempfehlung für jugendliche und erwachsene Leser. :applause:

    Houellebecq "Elementarteilchen" (107/357)

    Mcdonald "Abendflüge" (63/352)

    Schmidt/Käther (Hgg.) "Fantastic Pulp 2" (35/207)


    Jahresbeste: Lorenzen (2021), Jansson (2020), Lieberman (2019), Ferris (2018), Cather (2017), Tomine (2016), Raymond (2015), Agee (2014), Kesey (2013), Nisbet & Ford (2012) :king:

    Gelesen: 9 (2022), 185 (2021), 161 (2020), 127 (2019), 145 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: Anderson "Lullaby Road" (19.1.)

  • Hier ist eine englische Penguin-Ausgabe von 2008 unter dem britischen Titel "The Chrysalids". Chrysalis (oder Chrysalids) ist übrigens ein Insekt im Verpuppungsstadium. :!:

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    Jahresbeste: Lorenzen (2021), Jansson (2020), Lieberman (2019), Ferris (2018), Cather (2017), Tomine (2016), Raymond (2015), Agee (2014), Kesey (2013), Nisbet & Ford (2012) :king:

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    Letzter Buchkauf: Anderson "Lullaby Road" (19.1.)

  • Hier ist eine englische Ausgabe des Romans unter dem US-Titel "Re-birth".

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    Schmidt/Käther (Hgg.) "Fantastic Pulp 2" (35/207)


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  • Und das ist die alte Goldmann-Ausgabe der mit der Suhrkamp-Ausgabe inhaltsgleichen Übersetzung. Alter deutscher Titel: "Wem gehört die Erde?"

    Houellebecq "Elementarteilchen" (107/357)

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    Schmidt/Käther (Hgg.) "Fantastic Pulp 2" (35/207)


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    Letzter Buchkauf: Anderson "Lullaby Road" (19.1.)

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