Susan Faludi - The Terror Dream. Myth and Misogyny in an Insecure America

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  • Eigenzitat aus amazon.de:


    Die Entführung von vier Passagiermaschinen im amerikanischen Luftraum um damit das World Trade Center, das Pentagon und das Weiße Haus anzugreifen – Letzteres bereits Teil eines John-Clancy-Romans, Jahre vor dem Geschehen – am 9. September 2001 hat die amerikanische Psyche schwer erschüttert. Und in der Folge zu tiefgreifenden Veränderungen in der Innen- und Außenpolitik geführt, die weit über die amerikanischen Grenzen hinaus gegriffen haben.


    Die Berichtserstattung direkt während der Katastrophe – und dies ist sicherlich einer der ersten Terroranschläge der mit hunderten von Kameras gefilmt und übertragen worden ist – ist von Anfang an voller Spekulationen geworden, die schnell zu „Wahrheiten“ mutierten, selbst wenn ausgiebige Untersuchungen zu einem späteren Zeitpunkt zum Teil genau das Gegenteil aufzeigen sollten. Tatsächlich muss es schon sehr früh zu Verfälschungen gekommen sein, wenn zum Beispiel aus einem Haus, in dem vorwiegend Männer und absolut keine Kinder gewesen sind auf Photos Feuerwehrleute mit Kindern („entliehen“ vom Anschlag in Oklahoma 1995) bzw. einer verstörten Frau mit einem tröstenden Polizist zu sehen sind. Die Spekulationen und Vorhersagen der Presse direkt während und nach den Ereignissen haben sich laut der Autorin dieses Buchs in vielerlei Hinsicht nicht bewahrheitet – und sind aber im Nachhinein auch kaum hinterfragt worden.


    Susan Faludi macht sich an die Arbeit aus vielen Quellen (54 Seiten kleingedruckter Endnoten) die Widersprüche und Unwahrheiten in politischen Verlautbarungen und der Presse in den folgenden vier bis fünf Jahren zu zerpflücken. Dabei stellt sie – unter anderem – fest, dass die Berichtserstat-tung die Situation der Frauen – genau wie die vieler Minderheiten – in den USA extrem beschädigt hat, weil „Feminismus ein Luxus ist, den sich ein Land im Krieg nicht mehr leisten kann“, wie Frauenrechtlerinnen und Gleichstellungsbeauftragte nach den Anschlägen immer wieder hören mussten, oder, wie ein Kapiteltitel so schön sagt: „We’re at War, Sweetheart“. Die Zahl der weiblichen Berichtserstatter in den amerikanischen Medien ist schlagartig gesunken, Feuerwehrfrauen und Polizistinnen wurden zurückgedrängt – und die Begrifflichkeiten für diese Berufe wieder auf den Stand von 1950 gefahren (e.g. „Firefighter“ zu „Fireman“ oder „Police Officer“ zu „Policeman“). Überhaupt sieht die Autorin eine weitgehende Rückbesinnung auf Werte der 1950er Jahre, mit einer Idealisierung eines bestimmten Heldenbegriffs, für den in verstörender Art und Weise John Wayne ein Sinnbild ist. Gleichzeitig werden Frauen wieder auf die Rolle des „Heimchens am Herd“ reduziert, der der Brotbringer die notwendigen Nahrungsmittel ins Haus bringt während sie sich um die drei „K“ („Kirche, Kinder Küche“) zu kümmern hat.


    Diesen Wandel in den öffentlichen Einstellungen und Darstellungen – nicht unbedingt in den Realitäten – weist die Autorin genauso dezidiert nach, wie auch die anders laufenden Realitäten, die unter anderem die offiziellen amerikanischen Statistikämter nachweisen können. Außerdem zeigt sie immer wieder, welchen Angriffen in den Medien und der Blogosphäre Frauen ausgesetzt sind, die sich gegen die offiziell geltenden „Denkregeln“ richten – eine Tendenz, die unter anderem auch in Großbritannien sehr stark zu sehen sind, wo die Regierung aktiv über die Aufhebung einiger Menschen- und Bürgerrechte nachdenkt.
    Nach diesem ersten Teil, den die Autorin „Ontogenese“ nennt, geht es in „Phylogenese“ um den historischen Hintergrund des amerikanischen Selbstverständnisses, den sie insbesondere an den Indianerkriegen festmacht und den Entführungserfahrungen von Frauen und Männern im Zuge dieser Auseinandersetzungen – sowie der schon damals sehr fragwürdigen Berichtserstattung in diesem Zusammenhang, die ja etwa auch Matheson in seinen Betrachtungen zu verschiedenen Wild-West-„Helden“ bereits intensivst aufs Korn genommen hat. Die sich daraus ergebenden Überlegungen zum amerikanischen Denken über die Rolle von Frauen in der Gesellschaft lassen einen mit großer Sorge auf die nächsten Wahlen gucken, bei denen eine Frau als einzige Alternative zu Donald Trump dazustehen scheint.


    Natürlich bezieht sich die Autorin in ihrem Buch auf bestimmte Teilaspekte der amerikanischen Psyche und einige US-amerikanische Medienerzeugnisse lassen auch andere Ideen zum amerikanischen Frauenbild zu, aber der verrückte General in „Dr. Strangelove“ scheint immer noch viel Einfluß auf die Psyche eines der am stärksten bewaffneten Völker der Welt zu haben, was ziemlich verstörend ist. Auf jeden Fall eine wichtige Betrachtung, die stellenweise ein wenig konstruiert wirkt, aber insgesamt sehr erhellend. Die umfänglichen Quellennachweise und der Index machen das Buch auch zu einer guten weiteren Forschungsgrundlage und zu einem nützlichen Nachschlagewerk. :study:
    :montag::thumleft:

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