Karlheinz Kasper (Hg.) - Die Nacht des Kosmonauten

Die Nacht des Kosmonauten

4 von 5 Sternen bei 1 Bewertung

Verlag: Berlin: Aufbau-Verlag,

Bindung: Gebundene Ausgabe

ASIN: B002FDJQ6O

Termin: 1975

  • Inhalt (Klappentext): Wenn eines Tages in der sibirischen Taiga ein alter Waldhüter einen Samowar vom Himmel fallen sieht, dieser Samowar sich als Raumschiff entpuppt, das in der kasachischen Steppe erwartet wird, und an der uneingeplanten Kursänderung eine dänische Hausfrau schuld ist; wenn obendrein der Kosmonaut sich als umgänglicher Bursche erweist, der ein offenes Ohr hat für die Probleme des Forstmannes, dann vergeht den beiden die Zeit wie im Fluge, bis die Zuständigen, bis Presse, Funk und Fernsehen herbeieilen und der offizielle Begrüßungstrubel einsetzt. Denn trotz des Unterschiedes in Alter und Ausbildung verbindet sie die Liebe zu ihrem Land und die Freimütigkeit, mit der sie sich Klarheit zu verschaffen suchen über viele sie bewegende Fragen …
    Räumlich fern und uns doch nah sind alle Helden der zwanzig Erzählungen aus vierzehn (sic!) Literaturen der Sowjetunion: der russische Schüler Jurka aus dem abgelegenen Dorf, der seinen alten Quartierwirt für den Kosmos, eine künftige Weltmenschheit und Pawlows Lehre vom Nervensystem interessiert; der litauische Rentner Jotautas, dem die wohlverdiente Ruhe nicht behagt, weil er nicht zum alten Eisen gehören, sondern den Schatz seiner Erfahrungen der jungen, unerfahrenen Hochschulabsolventin vermitteln will; der kasachische Hirt Kussen-Kussecke, der in drei Tagen nahezu seinen und seiner Frau Jahresverdienst an Verwandte und Bekannte verschenkt, selber dabei auf keinen grünen Zweig kommt, aber glücklich ist, anderen Freude bereitet zu haben …
    Einen lebendigen Eindruck von der Vielfalt der Handschriften, von der Stofffülle der aus verschiedenen nationalen Quellen gespeisten, verschiedenen nationalen Traditionen verpflichteten Literaturen vermitteln die in den letzten zwanzig Jahren entstandenen Erzählungen. Sie gleichen kleinsten Teilchen im Mosaik der Zeit, die beitragen zum Gesamtbild dieser Zeit.


    Herausgeber (nach: Bulletin der deutschen Slavistik 19, 2013): Karlheinz Kasper ist ein am 2. Januar 1933 im heutigen Lipiany (Westpommern) geborener Slawist. 1958 promovierte er an der Humboldt-Universität zu Berlin. 1967 habilitierte er sich an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Seit 1960 arbeitete er in Leipzig und wurde 1969 an der Leipziger Pädagogischen Hochschule Ordentlicher Professor für Russische und Sowjetische Literatur. Von 1993 bis zu seiner Pensionierung war er Professor für Slavische Literaturwissenschaft und Kulturgeschichte an der Universität Leipzig. Bis heute hat er mehr als 400 wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht.


    Im Jahr 1975 vom Aufbau-Verlag in Ostberlin und Weimar zusammengestellter und von Karlheinz Kasper herausgegebener Sammelband mit zwanzig Erzählungen aus dreizehn Sowjetrepubliken, was seinerzeit die umfangreichste "multinationale" Sammlung sowjetischer Gegenwartserzählungen in Deutschland war. Mit einem 32-seitigen Nachwort vom Herausgeber, zehn Seiten biblio- und biografischen Angaben und anderthalb Seiten Worterklärungen.


    Die Erzählungen im einzelnen sind:
    01. „Der Schlitten“ vom moldauischen Schriftsteller Ion Druta (4 Sterne)
    Eine Geschichte über einen alten Mann, der seine Arbeit liebt, in der er sich völlig verwirklichen kann. Er will sich einen Traum seiner Kindheit erfüllen, und sich einen Schlitten bauen. Darüber vergisst er seine Ehe und die Gegenwart.
    02. „Ofensetzer“ vom russischen Schriftsteller Alexander Twardowski (3,5 Sterne)
    Eine Geschichte über einen jungen Lehrer, der jemanden sucht, der ihm seinen schlecht ziehenden Ofen neu setzt.
    03 „Mein erster Komsomolze“ vom georgischen Schriftsteller Konstantin Lordkipanidse (3 Sterne)
    Die Geschichte der Gesinnungserweckung eines jungen Burschen im Frühjahr 1921 für die Sache der Bolschewiki
    04. „Das Segel“ vom russisch-tschuktschischen Schriftsteller Juri Rytchëu (3,5 Sterne)
    Ein sinfonisches Orchester besucht eine rustikale Siedlung auf der Tschuktschen-Halbinsel und gibt ein alle erhebendes Konzert.
    05. „Das Lächeln“ vom estnischen Schriftsteller Paul Kuusberg (3,5 Sterne)
    Eine drastische Erzählung aus Sicht eines politischen Gefangenen über Haft, Folter, Verhöre und Standhaftigkeit „vor dem Feind“.
    06. „Onkel Kjasyms Pferd“ vom russischen Schriftsteller Fasil Abdulowitsch Iskander (4 Sterne) :thumleft:
    Der Onkel besitzt ein stolzes Pferd, das erfolgreich Rennen läuft. Nachdem es im Krieg als Lasttier eingezogen wurde, ist dessen Pferdestolz gebrochen. Es lässt alles über sich ergehen. Der Onkel ignoriert das Tier seitdem völlig.
    07. „Tomka“ vom russischen Schriftsteller Sergej Alexejewitsch Woronin (3,5 Sterne)
    Kleine Erzählung einer Kriegswitwe, die ein uneheliches Kind bekommt. Beide, Mutter und Tochter, werden von den anderen Dorfbewohnern und der eigenen Verwandtschaft gemieden.
    08. „In den Wiesen knarrten die Wachtelkönige“ vom weißrussischen Schriftsteller Anatol Paulawitsch Kudrawez (4 Sterne)
    Zwei junge Männer, ein Brigadier und ein Baggerfahrer, gehen zu einem ländlichen Tanzvergnügen. Der Baggerfahrer bändelt mit einem Mächen an.
    09. „Das Wiedersehen mit dem Sohn“ vom kirgisischen Schriftsteller Tschingis Aitmatow (5 Sterne) :love:
    Eine sehr anrührende Erzählung über einen alten Mann, der die Gegend besuchen will, in der sein Sohn, der im Krieg gefallen ist, vor 20 Jahren gelebt hat. Und über Achtung, Ehrlichkeit und Menschlichkeit.
    10. „Der Kosmos, das Nervensystem und ein Stück Speck“ vom russischen Schriftsteller Wassili Schukschin (3 Sterne)
    Ein alter Mann und ein zur Untermiete wohnender Schüler haben einen bärbeißigen Disput über etliche Dinge.
    11. „Die Brille“ vom russischen Schriftsteller Juri Walentinowitsch Trifonow (4 Sterne) :thumleft:
    Die Geschichte einer Frau, die bei einem Arbeitseinsatz in der turkmenischen Wüste gegen die Entlassung ihres (nicht unbedingt notwendigen) Assistenten protestiert. Als der Trupp weiterzieht, stellt sie fest, ihre Brille im vorigen Basislager vergessen zu haben. Sie geht alleine zurück, da ihr kein Wagen freigestellt wird und verläuft sich.
    12. „Die Kränkung“ vom lettischen Schriftsteller Ēvalds Vilks (3,5 Sterne)
    Eine Geschichte über einen Arbeiter, der seinen Chef als Vermittler in einem Nachbarschaftsstreit wünscht, aber nach langem Warten abgekanzelt wird.
    13. „Kussen-Kusseke“ vom kasachischen Schriftsteller Sain Muratbekow (4 Sterne)
    Eine Geschichte über einen alten Schäfer, der, obwohl er der beste seines Faches ist, im Gegensatz zu anderen Schäfern kaum jemals Geld übrig hat. Er bekommt Ärger mit einem anderen Schäfer. Später gibt er all sein Geld bei Verwandtenbesuchen für Geschenke und Bewirtung aus. Sein soziales Umfeld und die Freude der Beschenkten ist ihm Lohn genug.
    14. „Liebe“ vom usbekischen Schriftsteller Utkur Chaschimow (3 Sterne)
    Eine kurze Geschichte über einen jungen Mann, der früher als Waisenkind mit sogenannten Zigeunern herumzog, und über seine ambivalente Liebschaft der Gegenwart. Läuft er der Erstbesten nach? Ist die Frau zu herrisch?
    15. „Katrjas Hochzeit“ vom ukrainischen Schriftsteller Hryhir Tjutjunnyk (4 Sterne)
    Eine dörflich-rustikale Geschichte über die Hochzeit der Tochter, die die Eltern so traditionell wie möglich, so modern wie nötig feiern wollen. Doch der Bräutigam ist ein städtischer Schnösel.
    16. „Glut“ vom armenischen Schriftsteller Hrant Matewosjan (3,5 Sterne)
    Eine eher abstrakte Geschichte über Liebe, Rivalität, Erwachsenwerden und Brautwerbung rund um eine Baubrigade, die Heuarbeiten erledigen muss.
    17. „Der Garten“ vom russischen Schriftsteller Michael Rostschin (4,5 Sterne) :love:
    Eine Geschichte über eine junge, welterfahrende Frau aus Moskau, deren alte Mutter stirbt. Obwohl sie glaubt, keinen Bezug zur Datscha auf dem Lande zu haben, kann sie das Grundstück nicht veräußern. Eine tolle Geschichte über Trauer und Dinge und Orte, die von der Erinnerung an liebe Menschen und die eigene Vergangenheit aufgeladen sind.
    18. „Der Zweikampf“ vom tadschikischen Schriftsteller Fasliddin Muchammadijew (4,5 Sterne) :thumleft:
    Eine vergnügliche Geschichte über einen alten Ringer im Ruhestand, der immer noch der Beste seines Sports ist. Er wird von einem jungen Heißsporn immer wieder herausgefordert, bis er ihm eine Lektion erteilt.
    19. Die wohlverdiente Ruhe“ vom litauischen Schriftsteller Vytautas Petkevicius (3 Sterne)
    Eine Geschichte über einen Güterbahnhof-Dispatcher, der am Tag nach seiner Pensionierung wieder auf seiner Arbeitsstelle vorbeischaut und seiner jungen, überforderten Nachfolgerin unter die Arme greift und sie einweist. (Allerdings ist er dabei etwas von oben herab und lässt sie nur zuschauen.)
    20. „Die Nacht des Kosmonauten“ vom russischen Schriftsteller Wiktor Astafjew (4 Sterne)
    Ein Kosmonaut landet nach erfolgreichem Weltraumflug irgendwo in Sibirien. Ein alter Waldhüter findet ihn und zieht ihn aus der Raumkapsel. Sie verbringen die Nacht am Lagerfeuer und unterhalten sich über Gott und die Welt.


    Von den 20 Autoren haben mir am besten die russischen Schriftsteller Juri Trifonow, Michael Rostschin und Fasil Abdulowitsch Iskander, der tadschikische Schriftsteller Fasliddin Muchammadijew, der moldauische Schriftsteller Ion Druta und der ukrainische Schriftsteller Hryhir Tjutjunnyk gefallen. Wirklich herausragend ist allerdings der bekannte kirgisische Schriftsteller Tschingis Aitmatow mit seiner Geschichte „Das Wiedersehen mit dem Sohn“.


    Die Erzählungen spielen überwiegend in ländlichen, von alten Traditionen geprägten Gemeinschaften, oftmals unter einfachen Verhältnissen bei Bauern oder Hirten. Die Vertreter des Althergebrachten dürfen nicht selten zeigen, dass sie nicht zum „alten Eisen gehören“, dass in Traditionen, aber auch in der dem Alter innewohnenden Abgeklärtheit oftmals sehr wohl Kraft und Ruhe liegt. Die letzte und titelgebende Geschichte bringt es obendrein noch einmal auf den Punkt, dass alle gegenwärtigen gesellschaftlichen Errungenschaften auf den Schultern früherer Generationen ruhen; für die Sowjetunion ja vor allem auf den Schultern der Väter- und Großväter-Generation. Obwohl ich dann und wann städtische Milieus und ziemlich oft die Aufnahme einer weiblichen Autorin in die Sammlung vermisste und manchmal über recht konservative Geschlechterrollen den Kopf schüttelte, ermöglicht die Zusammenstellung, etliche hierzulande unbekannte und großenteils nicht übersetzte Autoren überhaupt erst einmal kennen zu lernen. Insofern ist es ein sehr wertvolles Buch, in dem viele Anregungen schlummern, sich unbekannten Gegenden der europäischen und asiatischen Literatur zu nähern.

    William Least Heat Moon "Blue Highways" (245/575)

    Stephen King "In einer kleinen Stadt" (197/696)

    Olga Tokarczuk "Der Schrank" (51/118)


    Jahresbeste: Sh. Jackson (2020), Lieberman (2019), Ferris (2018), Cather (2017), Tomine (2016), Raymond (2015), Agee (2014), Kesey (2013), Nisbet & R. Ford (2012) :king:
    Gelesen: 13 (2020), 80 (2019), 145 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: Lewis-Stempel "Im Wald" (17.2.)

  • Viele Erzählungen dieser deutschen Zusammenstellung scheinen laut den bibliografischen Angaben aus einem zweibändigen Sammelband zu stammen, der unter dem Titel "В семье великой" 1972 in Moskau erschienen ist. Der Titel bedeutet "In der Familie groß", was, falls richtig übersetzt, sicherlich auf den Flickenteppich der einzelnen sowjetischen Republiken anspielt, der zusammen erst zu wahrer Größe führt. Band 1 hat 568 Seiten, Band 2 hat 528 Seiten. Herausgeberin ist anscheinend (ich bin des Russischen nicht mächtig) eine И.Н. Крамова, was sich im lateinischen Alphabet I.N.Kramowa schreibt. Bei Amazon finde ich "natürlich" keinen dieser Sammelbände. Hier ist ein Link auf eine russische Seite, wo man sogar die Umschlaggestaltung sieht.

    William Least Heat Moon "Blue Highways" (245/575)

    Stephen King "In einer kleinen Stadt" (197/696)

    Olga Tokarczuk "Der Schrank" (51/118)


    Jahresbeste: Sh. Jackson (2020), Lieberman (2019), Ferris (2018), Cather (2017), Tomine (2016), Raymond (2015), Agee (2014), Kesey (2013), Nisbet & R. Ford (2012) :king:
    Gelesen: 13 (2020), 80 (2019), 145 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: Lewis-Stempel "Im Wald" (17.2.)