Reiner Engelman - Der Fotograf von Auschwitz: Das Leben des Wilhelm Brasse

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Der Fotograf von Auschwitz: Das Leben de...

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Verlag: cbj

Bindung: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 192

ISBN: 9783570159194

Termin: Januar 2015

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  • Mein Text zu diesem Buch ist etwas länger geworden. Aber ich konnte während des Lesens einfach nicht aufhören, mir nebenbei immer mehr Notizen zu machen. Ich hoffe, das eingefügte Foto ist erlaubt, laut Wikipedia ist es gemeinfrei. Nun aber zum Buch:


    Während der Leipziger Buchmesse wurde Reiner Engelmann für sein Buch Der Fotograf von Auschwitz - Das Leben des Wilhelm Brasse und sein "Engagement für die Schwachen, Verletzbaren, Unterdrückten, Benachteiligten und Verlorenen der Gegenwart und der Vergangenheit" mit dem FDA Literaturpreis für Toleranz, Respekt und Humanität ausgezeichnet.


    Das Vorwort zu diesem Buch wurde von Max Mannheimer geschrieben. Selbst ein Überlebender, der fast die ganze Familie im Holocaust verlor, engagiert er sich bis heute, vor allem jungen Leuten zu erzählen, was Krieg bedeutet.


    Wilhelm Brasse wurde am 3. Dezember 1917 in Żywiec geboren. Die Mutter hielt die Familie, es folgten noch drei Brüder, beisammen und vermittelte den Jungs ihre inneren Werte.
    Als der Vater während der Weltwirtschaftskrise seine Arbeit verlor, musste Wilhelm in die Lehre. Er wurde Fotograf und arbeitete nach der Gesellenprüfung bei seinem Onkel in Kattowitz im Fotoatelier.


    Wilhelm war ein junger Mann, der, da die Stadt zur Hälfte mit Deutschen bevölkert war, auch Kontakt mit deutschsprachigen jungen Mädchen hatte. Sie zeigten ihm ihre Medaillons, in denen man normalerweise ein Foto des Liebsten hatte, doch in diesen befand sich ein Bild von Adolf Hitler. Das ließ ihn aufmerksam werden für die Anfänge und rasche Ausbreitung des Nationalsozialismus.
    Kurz bevor der Zweite Weltkrieg ausbricht, kehrt Wilhelm Brasse wieder nach Hause zurück, weil er damit rechnet, in die Armee eingezogen zu werden. Viele Menschen entschieden sich für die deutsche Staatsangehörigkeit, doch Wilhelm Brasse lehnte ab, ja weigerte sich geradezu.

    Seine Mutter war Polin, sie sprach nur polnisch, er zwar auch deutsch, aber Polnisch war seine Muttersprache, und er dachte polnisch, er fühlte polnisch, er war Pole.


    Mit ein paar Freunden wollte er nach Frankreich, sich dem Widerstand anschließen. Doch man erwischte sie und nachdem er sich nach vier Monaten Gefängnis immer noch weigerte, die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen, ging sein Transport in Richtung Westen.
    Wilhelm Brasse kommt am 31. August 1940 mit vielen anderen Männern, eingepfercht in einem Viehwaggon, in Auschwitz an. Er war gerade mal 23 Jahre jung.
    Seit seiner Ankunft, als sie aus den Waggons getrieben und gleich mit Holzknüppeln geschlagen wurden, begannen all seine Fragen mit dem Wörtchen "Warum". Und es waren die Fragen, die ich mir heute noch stelle:

    "Warum werden Menschen hier so gedemütigt?"
    "Warum werden sie geschlagen?"
    "Warum greift niemand ein?"
    "Warum macht man uns hier zu Opfern?"
    "Warum haben die Täter offenbar vergessen, dass sie Menschen sind? Aber sind sie es noch? So, wie sie sich verhalten?"

    Die Männer durften nur ein Taschentuch und einen Hosengürtel behalten. Alles andere wurde ihnen abgenommen. Aber sie hatten eh nur das, was sie am Körper trugen. Und dann nahm man Wilhelm Brasse den Namen und er war nur noch eine Nummer: Häftling Nummer 3444.


    Und so begann der Häftlingsalltag von Wilhelm Brasse, der unmenschlicher nicht sein kann.


    Es ist wortwörtlich nicht zu fassen, was man den Häftlingen angetan hat. Wie soll man die Täter benennen? Sind es Monster? Das personifizierte Böse? Sind das wirklich noch Menschen?
    Schon nach den ersten 50 Seiten fiel es mir so schwer, weiterzulesen. Dabei arbeitet Reiner Engelmann nicht mit Emotionen. Er zeigt durch Wilhelm Brasse die Fakten auf, das, was wirklich geschah.


    Immer auf der Suche nach mehr Essensrationen, ging Wilhelm Brasse das lebensgefährliche Risiko ein, sich immer wieder neue Arbeitskommandos zu suchen.
    Bis er am 15. Februar 1941 eine neue Aufgabe erhielt, in der er seinen Beruf als Fotograf ausführen würde. Er wurde in einen neuen Block verlegt, was wesentliche Lebensverbesserungen mit sich zog. Das erste Mal, seit er in diesem Lager ist, würde er in einem Bett schlafen. Es gab eine richtige Toilette und einen Waschraum, in dem er sich richtig waschen konnte.


    Wilhelm Brasses Arbeit bestand nun darin, Fotos von Häftlingen zu machen. Jeweils drei Stück: mit Mütze, ohne Mütze von vorne und im Profil. Und sie durften keine Verletzungen im Gesicht haben.
    Ab September 1941 wurden in Auschwitz erste Versuche durchgeführt, Häftlinge zu vergasen. 600 sowjetische Gefangene wurden dafür selektiert. Bei den ersten Versuchen dauerte es sechs Tage, bis alle Menschen im Raum tot waren.


    Ich möchte nicht enden, ohne Czeslawa Kwoka dem Vergessen zu entreißen. Wilhelm Brasse beschäftigten viele Bilder, aber der Anblick dieses Mädchens verfolgte ihn wochenlang und ließ ihn nicht mehr los.Czeslawa Kwoka wurde zusammen mit ihrer Mutter am 13. Dezember 1942 ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau eingeliefert und Wilhelm Brasse musste auch sie fotografieren. Das junge Mädchen verstand überhaupt kein Deutsch. Als ein weiblicher Kapo ihre Nummer aufrief, konnte sie nicht reagieren. So schlug der Kapo sie mit einem Stock mitten ins Gesicht. Da er diesen weiblichen Kapo nicht kannte, konnte er nichts machen. Es kam ihm vor, als hätte er selbst diesen Stockschlag erhalten.


    Ich wünsche diesem Buch viele Leser. Und nicht nur solche, die eh schon der Meinung sind, dass so etwas nie wieder passieren darf.
    Ich wünsche, solche Bücher würden viel mehr an Schulen gelesen werden. Ich wünsche solche Bücher vor allem Lesern, die sich durch unsere politischen Parteien so verunsichern lassen und aus Protest den verkehrten Leuten hinterherlaufen.


    Den Holocaustleugnern sei gesagt: Glaubt ihr wirklich, dass sich solche Erlebnisse ein normaler Mensch aus den Fingern saugt? Ihr solltet euch schämen, diese Menschen Lügner zu nennen.


    Manchmal frage ich mich, wie die Überlebenden ihr Leben nach der Befreiung aushalten konnten. Mit diesen Erinnerungen. Mit den Gräueln, die sie über Jahre hinweg tagtäglich in Konzentrationslagern erleiden mussten. Konnten sie noch eine Nacht lang ruhig schlafen? Ohne Albträume?

  • Moin miteinander,


    auf meinem Blog habe ich versucht, Czeslawa Kwoka mit einer eigenen kleinen Biografie dem Vergessen zu entreißen. Wer mal schauen möchte:



    http://annes-hobbystube.blogspot.de/2016/05/czesawa-kwoka.html

  • Meinung:

    Ehrlich gesagt, hätte ich das Buch für mich wahrscheinlich nie gekauft. Da aber das Wichteln vor der Tür stand, landete es bei mir zuhause. Immer wieder blätterte ich es durch. Warf mal einen Blick hinein. Tja, so bekam mein Wichtelkind ein Buch weniger und ich las es zwischen den Jahren selbst.


    Wie ich es von einem Jugendbuch erwarte, waren die Ereignisse zwar beschrieben, aber weniger verbildlicht. Ich gehe stark davon aus, dass man sich als Jugendlicher die Bilder dennoch ganz gut vorstellen kann. Mir ist es auf jeden Fall gelungen. Zeitweise musste ich das Buch auf die Seite legen und erst einmal verdauen. Auf der anderen Seite war ich so gebannt, dass ich kaum ansprechbar war.


    Besonders gefiel mir die Begriffserklärung sowie das Personenverzeichnis am Ende, denn so hab ich gleich noch was dazu gelernt. Wobei ich das bei dem Buch sowieso habe. Mir war zwar bekannt, dass gerade in der Medizin diverse Experimente vorgenommen wurden, doch so manchen Ausmaß war dann auch mir neu.


    Ebenfalls interessant war die Einleitung über Wilhelm Brasse selbst, der lange Zeit nach dem Krieg nicht mehr über diesen gesprochen hat, oder was damals alles passierte. Sich in Schweigen hüllte, bis zu jenem Tag. Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass dies gefühlt bei etlichen Personen, die dabei waren der Fall ist/ war. Wie oft habe ich meine Großeltern gelöchert. Vergebens. Die Eltern meiner Mutter lernten sich damals sogar in Gefangenschaft kennen, soweit ich das erzählt bekam. So kann ich sein Verhalten gut nach vollziehen und bewundere auch die spätere Entscheidung seine Erlebnisse doch mit der Nachwelt zu teilen.


    Obwohl Reiner Engelmann die Geschichte zu Papier brachte, hat er es für mich dennoch geschafft auch die Emotionen festzuhalten. Die Trauer darüber, dass Brasse den Menschen kaum bis gar nicht helfen konnte. Die Angst der Menschen, die in sein Atelier kamen. Sehr ergreifend.


    In meinen Augen wäre es sinnvoller solch ein Werk als Schullektüre auszugeben als so manche andere Bücher, die im Unterricht gelesen werden. Denn es beinhaltet Wahrheit, Geschichte und Dinge, die wir nicht vergessen sollten - auf der Kehrseite möchte ich hier aber noch erwähnen, dass man es uns - den Deutschen - auch nicht immer zur Last legen sollte. Auch Brasse erzählt, dass es etliche Freisprüche gab, da es sich lediglich um Befehlsempfänger handelte und das sollten wir ebenfalls nie vergessen!


    Fazit:

    Ein sehr ergreifendes Buch über das Leben eines jungen Mannes im Stammlager Auschwitz.

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