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Orhan Pamuk - Diese Fremdheit in mir / Kafamda Bir Tuhaflık / A Strangeness in My Mind

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Diese Fremdheit in mir

5|2)

Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG

Bindung: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 592

ISBN: 9783446250581

Termin: Februar 2016

  • Title:
    Orhan Pamuk – A Strangeness in My Mind (Translated from the Turkish by Eklin Oklap)
    Subtitle:
    Being the Adventures and Dreams of Mevlut Karataş, a Seller of Boza, and of His Friends, and Also a Portrait of Life in Istanbul Between 1969 and 2012 from Many Different Points of View
    Original Title:
    Kafamda Bir Tuhaflık (Turkish Original 2014)


    Book Description:
    A Strangeness In My Mind is a novel Orhan Pamuk has worked on for six years. It is the story of boza seller Mevlut, the woman to whom he wrote three years' worth of love letters, and their life in Istanbul.
    In the four decades between 1969 and 2012, Mevlut works a number of different jobs on the streets of Istanbul, from selling yoghurt and cooked rice, to guarding a car park. He observes many different kinds of people thronging the streets, he watches most of the city get demolished and re-built, and he sees migrants from Anatolia making a fortune; at the same time, he witnesses all of the transformative moments, political clashes, and military coups that shape the country. He always wonders what it is that separates him from everyone else - the source of that strangeness in his mind. But he never stops selling boza during winter evenings and trying to understand who his beloved really is.
    What matters more in love: what we wish for, or what our fate has in store? Do our choices dictate whether we will be happy or not, or are these things determined by forces beyond our control?
    A Strangeness In My Mind tries to answer these questions while portraying the tensions between urban life and family life, and the fury and helplessness of women inside their homes. (Source: Faber and Faber)


    „Diese Fremdheit in mir“ ist eine großartige Familiensaga von 1969 bis 2012, eine weitere Liebeserklärung Orhan Pamuks an die Stadt Istanbul und die wunderschöne Biografie eines Menschenschicksals in einer Zeit des Wandels.
    Diesmal lässt Pamuk seinen Roman nicht in den gutbürgerlichen Ortsteilen Istanbuls agieren, wo er selber groß wurde und heute noch lebt, sondern in den Vierteln der zugezogenen Arbeitsmigranten aus anatolischen Dörfern und Kleinstädten. Er erzählt von den Sehnsüchten, Empfindungen und Taten des jungen anatolischen Straßenverkäufers Mevlut, den der Vater zu sich nach Istanbul holt während Mutter und Schwester im Dorf zurück bleiben. Die Zerrissenheit zwischen dem aktuellen Leben des duldsamen, herzensguten Mevluts und den Gedanken ‚Was wäre wenn gekommen‘ machen die erzählerische Spannung des Romans aus.
    Gleichzeitig erlebt der Leser wie sich die Umwelt in den 30 Jahren verändert. Mevlut verkauft Joghurt aus Bottichen, doch irgendwann sinkt die Nachfrage als Joghurt in Geschäften später Supermärkten viel sauberer in Keramikgefäßen, dann in Gläsern, schließlich in Plastikbechern angeboten wird. Also reicht das Joghurt verkaufen bald nicht mehr zum Leben, und Mevlut schultert abends das Tragejoch der Boza-Verkäufer. Das Alltägliche des langsamen Umbruchs, es gibt viele unterschiedliche Beispiele im Buch, macht die Schönheit des Romans aus.
    Ganz nebenbei erlebt man die Entwicklung Istanbuls von einer großen Stadt in die heutige Megalopolis mit der begleitenden Bodenspekulation, von der politischen Polarisierung zwischen der türkischen Linken und den Nationalisten, vom aufkeimenden Islamismus. Auch hier sind es wieder die vielen lebendigen Details, die einen fesseln. Die Herkunft der Straßenverkäufer bestimmt z.B. ihren Geschäftszweig; die Migranten aus Anatolien verkauften Joghurt, gefüllte Muscheln waren die Spezialität der Kurden. Der Boza-Verkauf erlaubt Mevlut Einblicke in die Wohnungen seiner Kunden. Unaufhaltsam ändern sich auch hier die Lebensgewohnheiten.
    Positiv zu erwähnen ist weiterhin die Erzählweise von Orhan Pamuk in diesem Roman. Mevlut zeigt viele sprachliche Nöte, benutzt einen Briefsteller, um zu Beginn des Romans Liebesbriefe an seine Angebetete zu schreiben. Seine Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler geschildert. Alle anderen Romanfiguren kommen immer wieder als Ich-Erzähler zu Wort, was dem Buch viel Lebendigkeit gibt. Es bleibt allerdings bei einer sehr gefälligen Sprache.

    Das könnte einer der wenigen negativen Aspekte des Romans sein, diese kastrierte Kultursprache passt nicht zum Milieu der Arbeitsmigranten in Istanbul, der Straßenverkäufer ohne Schulabschluss. Es wirkt wie eine Sprache, die sich selber Fußfesseln anlegt. (Diese Meinung beruht sowie auf der englischen Übersetzung von Eklin Oklap wie auch auf der deutschen Übersetzung von Gerhard Meier.)
    Frustrierend sind die Figuren der im anatolischen Dorf Zurückgebliebenen, insb. der Frauen, sie haben keine wirkliche Stimme im Roman. Es kommt nicht klar rüber, ob dies eine Schwäche des Erzählers ist oder von gesellschaftlicher Bedeutung. Der Leser erfährt nur von Mevluts Bedauern. Seine Zerrissenheit zwischen Heimatdorf und neuer großstädtischer Heimat bleibt oberflächlich.

    Der Lauf der Dinge wird in „Diese Fremdheit in mir“ mit sehr vielen Details weder nostalgisch noch melancholisch erzählt. Zwischen den Zeilen merkt man Orhan Pamuk an, wie es ihn ärgert, dass die Situation in der Türkei immer noch als ‚postottomanisch‘ bezeichnet werden kann.
    Mit diesem wunderbaren Familienfresko vor der Kulisse Istanbuls reiht sich Pamuk weiterhin in die Linie der großen Erzähler des 20. Jahrhunderts ein, wie dem so von ihm verehrten Thomas Mann. Er versteht es aus Alltagsdingen und kleinen Vorkommnissen allgemeingültige Bücher zu schaffen, Weltliteratur eben.

    Viele Grüße von Yurmala


    :study:

    :musik:


    »You can never get a cup of tea large enough or a book long enough to suit me.«. C.S. Lewis

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