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Volker Gerling - Bilder lernen laufen, indem man sie herumträgt

Bilder lernen laufen, indem man sie heru...

5 von 5 Sternen bei 2 Bewertungen

Verlag: Metrolit

Bindung: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 254

ISBN: 9783849303020

Termin: September 2013

  • Kurzmeinung

    serjena
    Mein fünf Sterne Buch, diesen Monat

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  • Der Autor (anhand seiner Webseite „daumenkinographie.de“): Volker Gerling wurde 1968 in Hilden im Rheinland geboren. An der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" in Potsdam-Babelsberg studierte er Regie und Kamera. Das Kamerastudium schloss er 2003 mit Auszeichnung ab. Seit 1998 beschäftigt er sich mit fotografischen Daumenkinos und arbeitet als Daumenkinograf. Seit Sommer 2002 geht er auf die Walz mit seinen Daumenkinos, die er auf einem aus einem hölzernen Küchentablett gebastelten Bauchladen als „wandernde Ausstellung“ vor sich herträgt. Zuerst wanderte er durch Berlin, bis er sich im Sommer 2003 entschloss, ohne Geld von Berlin über München nach Basel zu laufen, um zu erfahren, wie die Menschen auf dem Land auf seine Daumenkinos reagieren und um neue Daumenkinos zu fotografieren. Sein Wegegeld verdiente er sich mit dem „symbolischen Austritt“ aus seiner Wanderausstellung, den die Leute in ein mitgeführtes altes Honigglas werfen konnten. Im Sommer 2006 wanderte er von Berlin nach Köln, im Sommer 2009 von Oldenburg nach Wismar und im Sommer 2011 von Wismar nach Groß Dölln. 2012 reiste er auf den Spuren früherer Begegnungen und im Sommer 2014 lief er von Magdeburg nach Wabern. Aus seinen Wandererfahrung hat er inzwischen einen Theaterabend fabriziert. Er besucht weltweit Festivals und veranstaltet seit 2004 Einzel- und Gruppenausstellungen. Im Jahr 2016 etwa unternimmt er Tourneen durch England und die Niederlande, zeigt sein Bühnenprogramm in Toronto, Trier und Freiburg und besucht unter anderem das Festival of Live Art in Melbourne. Gerling lebt als Vater zweier Töchter in Berlin und in der Schorfheide.


    Kurzbeschreibung (siehe Amazon): Mit sechs fotografischen Daumenkinos, die er auf einem Bauchladen vor sich hertrug, ist Volker Gerling von Berlin nach Basel gereist - zu Fuß und ohne eigenes Geld. Er schlief im Zelt und zeigte seine Daumenkinos den Leuten am Straßenrand und über den Gartenzaun. Er besuchte Dorffeste und Märkte und führte seine Bilder abends in Kneipen vor. Ein Reisebericht über ein Leben in Eigenzeit, die Flüchtigkeit des Moments und die Bedeutung der menschlichen Begegnung. Volker Gerling traf auf seiner Wanderschaft einen alten Mann, der ihm das Bett zeigte, in dem seine Frau gestorben war, eine Frau, die eine Steckdose suchte, um sich die Haare abzuschneiden und einen Mann, der in einem leeren Haus lebte und auf den Schornsteinfeger wartete. "Bilder lernen laufen, indem man sie herumträgt", die Geschichte der in diesem Buch beschriebenen Wanderung, führt Gerling auch als daumenkinographisches Bühnenstück auf und wurde bereits auf zahlreiche Theaterfestivals in ganz Europa eingeladen.


    Pressezitate (siehe Verlagswebsite Metrolit-Verlag): "Manchmal ist es nur das Zucken einer Augenbraue, das den Charakter eines Menschen offenbart – ganz großes kleines Kino." Süddeutsche Zeitung. "[…] was an seinen Bilderfolgen berührt, das ist die Lücke dazwischen, und diese kündet von nichts anderem, als von unserer Sterblichkeit. Zugleich sind seine Fotos Trost und melancholischer Einspruch dagegen." RBB Kulturradio. "Der Daumenkinograph Volker Gerling zeigt, dass auch kleine Momente es wert sind, wiederholbar zu werden." ZDF aspekte. "Seine große Gabe ist es, auf leise, undramatische Weise über seine Begegnungen zu erzählen. Auf diese Art entwickeln seine Geschichten eine ganz besondere Poesie." Frankfurter Neue Press. "Poetisch, bezaubernd und außergewöhnlich." Öko Test. "In wenigen Sekunden kommt man einer ungeahnten Tiefe nahe. Diese Momente zwischen Pose und Unbewusstsein sind so zum Heulen schön, dass man sich wünscht, es möge nie aufhören." Sächsische Zeitung. "Bilder lernen laufen, indem man sie herumträgt ist ein zauberhaftes Werk gegen das schnelllebige Treiben da draußen, das immer wieder schöne Erinnerungen an die legendäre Straight Story von Regisseur David Lynch wachruft." Zuckerkick. "Dem poetischen Zauber des kinematographischen Bühnenstückes steht Gerlings Buch in nichts nach – es verlagert ihn nur stärker auf den Text." Double – Theater-Magazin. "Leichtfüssige und tiefsinnige Reisereportage." Wochenanzeiger.



    Die erste Auflage des Buches "Bilder lernen laufen, indem man sie herumträgt. Zu Fuß durchs Land" erschien am 9. September 2013 als Hardcover beim Metrolit-Verlag mit zahlreichen schwarz-weißen Abbildungen auf 256 Seiten.



    Diese Reisebeschreibungen sind ein lebendiges, berührendes, demütiges und sehnsuchtsvolles Stück Literatur. Eine Sehnsucht nicht nach weiten Reisen, sondern nach einem Sinn im Leben. Das Buch ist auch kein angeberischer Fußmarsch-Selbstversuch. Und sein Autor auch wahrlich niemand, der groß beeindrucken will. Volker Gerling hat Filmregie und Kamera an der HFF in Potsdam-Babelberg studiert, erzählt seine Geschichten allerdings nicht für die große Leinwand oder das Fernsehen. Er ist professioneller Daumenkinograf, der mit Daumenkinos, die kleine Augenblicke zum Leben erwecken, Gesichterstudien oder Porträtaufnahmen, die einen Betrachter zum Entdecken der fotografierten Menschen einladen möchte, durch die Lande zieht und das Gespräch mit den Menschen sucht, denen er seine Daumenkinos vorführt.


    Seine erste und größte Reise führt ihn zu Fuß und ohne Geld im heißen Sommer 2003 von Berlin bis Basel. Das Buch basiert auf seinem Tagebuch aus dieser Zeit – und ich bin schwer begeistert und wirklich berührt, erfüllt von einer stillen Aufbruchsehnsucht, wie man sie am ehesten am Ende der Schulzeit während des flirrenden Übergangs zum Erwachsensein verspürt. Wie sagt man so schön: die Magie des Augenblicks, hier wiederholt dargeboten in einer langsamen, meditativen Kette von Begegnungen mit Menschen aus vielen Regionen Deutschlands. Alles sehr menschlich, fast poetisch, dabei auch sehr „Straße“ und lebensnah, bereit zu Nachdenklichkeit und Gefühl, angefüllt mit Lebendigkeit und einer jeder Sentimentalität fernen Melancholie - oder eben: voll Sehnsucht! Eine Reise außerhalb der Zeit und gewissermaßen außerhalb der modernen Gesellschaft.


    Neben den Wanderbeschreibungen und den oftmals überraschenden Reaktionen der Menschen auf Gerlings Daumenkinos - viele, von denen er es nicht erwartete, zeigen eine ganz ungewohnte Verbundenheit und ein innerliches Verständnis seiner Kunst - finden sich zudem etliche sehr interessante filmwissenschaftliche und fast philosophische Auslassungen über das Besondere von Daumenkinos, über Langsamkeit, das andere Zeitgefühl einer Reise zu Fuß, über Momentaufnahmen und die Lücken zwischen den Bildern und der Wirklichkeit, die ganz wunderbar zum Fußmarschrhythmus der Reise passen. Wirklich: Dieses Buch ist ein großer Schatz in meinem Buchregal! Eine definitive Leseempfehlung! :thumleft::thumleft::thumleft::thumleft::thumleft:

    John Berger "Von ihrer Hände Arbeit" (343/623)

    Peter Straub "Koko" (392/559)

    Georgi Gospodinov "Physik der Schwermut" (67/331)


    Jahresbeste: John Berger (2019), Emil Ferris (2018), Willa Cather (2017), Adrian Tomine (2016), Derek Raymond (2015), James Agee (2014), Ken Kesey (2013), Jim Nisbet & Richard Ford (2012) :king:
    Gelesen: 65 (2019), 145 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: Carson McCullers "Uhr ohne Zeiger" (22.9.)

  • @Jean van der Vlugt eine tolle Rezension welche sehr animiert dieses Buch zu lesen. Habe gesehen meine Onleihe hat es im Katalog, deswegen meine Frage "kann man es in der Form als E-Book" lesen oder verliert es seinen Charme. (Ich hoffe du weisst wie es gedacht ist, besser kann ich nicht formulieren :uups: )

  • :) @serjena: Doch, das kann man auch als E-Book lesen, weil die Daumenkinos nicht vollständig wiedergegeben werden, sondern jeweils meist nur zwei Fotos als Illustration abgedruckt sind (zum Beispiel das erste und das letzte). Das sieht dann in etwa so aus, wie auf Volker Gerlings schöner Internetseite, wo man sich in der Rubrik "Daumenkinos" und dann in den Unterrubriken "Portraits" und "Orte" ein paar Beispiele anschauen kann. Das Buch hat also selber kein Daumenkino an der Unterkante der Seite oder ähnliches, was zunächst schade scheint, was ich aber dann gar nicht vermisst habe! Ich wünsch Dir schon mal viel Spaß beim Lesen! :winken:

    John Berger "Von ihrer Hände Arbeit" (343/623)

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    Jahresbeste: John Berger (2019), Emil Ferris (2018), Willa Cather (2017), Adrian Tomine (2016), Derek Raymond (2015), James Agee (2014), Ken Kesey (2013), Jim Nisbet & Richard Ford (2012) :king:
    Gelesen: 65 (2019), 145 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
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  • Schon die ersten Seiten sind ein Genuss, wie er seine ersten, man darf ruhig sagen, zaghaften Schritte macht, noch ängstlich das erstmal im Wald in seinem Zelt übernachtet, Blasen an den Füssen hat, doch hier ist ein Stadtmensch unterwegs. Das macht den Autor sehr sympathisch. Man erkennt sehr schnell das seine offene Art, auf die Menschen zuzugehen, seine Stärke ist, somit gelingt es ihm mit der Kamera bleibende Augenblicke einzufangen. Obwohl er meistens sehr schöne Begegnungen hat, bleibt es nicht aus dass er auf Menschen trifft welche ihn und seinen Bauchladen argwöhnisch betrachten, nicht verstehen was er damit will.

    Nach einigen Tagen spürt man wie eine gewisse Unruhe welcher er in sich hatte, von ihm abfällt, er gelassener wird und mehr und mehr die Wanderung geniessen kann. Wie er schreibt dass er nicht mehr das Gefühl hat er würde den Menschen etwas vorspielen, sondern er ist ein Daumenkinograph (was für ein herrliches Wort) auf Wanderschaft, merkt man wie befreiend das für ihn ist.

    Seinen wunderbaren Blick für die Landschaft welche er durchwandert, lässt ihn Sätze sagen, wie " es gibt Augennahrung".

    Völlig unaufgeregt erzählt er wie ihm angeboten wird in Gärten von Menschen welche er anspricht, das Daumenkino zeigt, sein Zelt aufschlagen darf.

    Von dieser seiner Gelassenheit bin ich sehr angetan und wie schon Jean van der Vlugt schreibt es entsteht beim lesen eine leichte "Aufbruchsehnsucht".

    Zudem besitzt der Autor Humor der ist ansteckend und liest sich köstlich. Wenn man liest dass seine nasse Unterhose nach einer kalten Dusche unter einer Bewässerungsanlage, am Rucksack baumelt, ist das ein Bild, einfach zum Schmunzeln. Ebenso trifft er auf viele Leute welche mit einem gesunden Humor ausgestattet sind und somit passt es. Sein Gespür wie man zuhört ist ehrlich und öffnet ihm den Zugang zu den Menschen mit anregenden Gesprächen und er erlebt oftmals eine charmante Gastfreundschaft.

    Faszinierend wie er erzählt, wie er das Medium Daumenkino entdeckt hat, die Möglichkeiten welches sich ihm eröffnet haben Menschen zu betrachten, nicht starr wie auf einer einzelnen Fotografie sondern lebendig in Ihren Bewegungen.

    Auf YouTube kann man sich einiges seiner Daumenkinos betrachten, eine interessante Erfahrung.


    Mir hat die Karte welche im Anhang aufgeführt ist sehr geholfen, da ich diese Gegend überhaupt nicht kenne und somit froh war mich orientieren zu können wie der Reiseverlauf war.


    Ich freue mich diese Geschichte gelesen zu haben und durch den Autor Menschen abseits des grossen Rummels kennen lernen durfte welche durch ihre Lebensweise überzeugen.

  • serjena Was für eine schöne Rezension!:D Wo ich Deine Worte lese, bin ich gleich selber wieder angefixt, das Buch noch mal zur Hand zu nehmen. Richtiggehend gerührt!

    Und dank Dir auch für den Tipp, mal bei Youtube nach Volker Gerlings Daumenkinos zu schauen. Da sind schöne Eindrücke dabei, vor allem hier und hier! :winken: Und jetzt wünsch ich Dir mal ein schönes Gärtnern!:flower:

    John Berger "Von ihrer Hände Arbeit" (343/623)

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